Der Bahnhof leer
in der Nacht
Der letzte Zug
abgefahren
Zu spät
sich auf die Gleise zu legen
Wind
irgendwie scheint auf Bahnsteigen
immer Wind zu wehen
Man könnte in den Wind schreien
die leere Flasche
auf die Schwellen schmeissen
Vielleicht kommt dann jemand
& schlägt einen zusammen
tritt einem den Schädel zu Brei
Vielleicht würde Irgend Etwas
passieren – – –
Aber nein
es passiert nichts
Starren auf die Uhr
Warten auf den nächsten Zug
der im Morgengrauen kommt
Man könnte zusteigen
einfach fort fort fort
Es könnte jemand aussteigen
auf den man wartete
ohne es zu wissen
Man könnte
springen – –
Aber wahrscheinlich
geht man einfach wieder nach Hause –
zurück zu seiner
Sehnsucht
Schlagwort-Archive: Kultur
Der leere Bahnhof
So Simpel
Wie einfach es doch ist :
Alles endet mit dem Tod
Jede Story endet mit dem Tod
Das Happy End ist eine verfrühte
Ausblendung
So simpel – ein
Gemeinplatz
Etwas, das jeder weiß
Etwas, das schon Unzählige gesagt haben
Etwas, das verdrängt werden kann
Verdrängt von fast allen
in den Meisten Momenten ihres Lebens
Sie rennen allem hinterher
Allem, was ihnen helfen könnte
bei der Verdrängung
Karriere…Liebe…Bücher…Musik…
Unterhaltung…Rosenkohl…Filme…Vorbilder…
Fortpflanzung…Alkohol…Drogen…
Bloß nicht nachdenken
Bewußtsein ist die Hölle
Eine Hölle, in der die meisten
die meiste Zeit über nicht leben
Sie leben in Regionen
wo man die Zeit totschlägt
wo man sich langweilt
wenn nichts passiert
wo man sich langweilt
weil man blind ist für die kleinsten
Veränderungen
Variationen, die den Sehenden
faszinieren –
Verdrängt ruhig! Tut Alles, was
Euch das Leben erträglicher macht!
Manchmal sehe ich
Doch meistens bin auch ich blind
will ich blind sein
wie fast alle
Ich wohne in der Hölle
verbinde mir die Augen
& doch vergesse ich nie
dass meine Hölle mit mir stirbt
& eigentlich ist es schade um jede
einzelne Hölle
die einmal für irgend jemanden
ein Zuhause war
Gerüche
Das aufgeklappte Zippo
Nagellackentferner, der an die Kindheit erinnert
Gin, der an Nagellackentferner erinnert
Verwelkte Blumen, die an Friedhöfe erinnern
Worte, die riechen, wenn man in durchgequatschten
Nächten nebeneinander liegt,
Worte, die nach Knoblauch, Wein & Zigaretten riechen,
Worte, die nach Gemeinsamkeit riechen
Bettzeug, das nach diesen Nächten riecht
Finger, die nach der Haut des Anderen riechen
Momente, die man riechen kann
Momente der Vergangenheit & der Gegenwart &
– vielleicht – der Hoffnung auf die Zukunft
Rausch & Atem
Atem, den man
braucht, um nicht
tot zu sein
Der Steckbrief
Ein Steckbrief an einem abgestorbenen Baum:
Gesucht: Tot oder lebendig: SCHMERZ !
Ich hatte diesen Schmerz gesehen
Ich wußte, wo er wohnte
Die Belohnung reizte
Ich hätte ihn anzeigen können
auf ihn deuten
mit dem Zeigefinger der Herzlosigkeit
Aber ich nahm den Steckbrief
mit nach Hause
um mir damit
den Arsch abzuwischen
DIN
Du musst die DIN-Norm erfüllen
wenn Du bestehen willst in der
genormten Welt
Willst Du Dich irgendwo vorstellen
musst Du in den Roboterschädel passen
der Dir gegenüber sitzt
Tu so, als interessierte es Dich
was er zu sagen hat
Tu so, als könntest Du ernst nehmen
was gefordert wird
Setz Deine Maske auf
die dümmste, die leerste, die Du
finden kannst
Vielleicht hast Du Glück damit
falls es Glück ist, einen Platz zu bekommen
in der genormten Welt …
Sollte er Dich durchschauen
erkennen, was Du wirklich denkst
wird er es nicht fassen können
nicht erfassen mit seinem Roboterschädel
Er wird Dich nach Hause schicken
Vielleicht hast Du nichts mehr zu fressen
zu Hause, aber Du hast Dir
Etwas bewahrt, das viele Namen haben kann:
Stolz … Stil … Selbstachtung …
dieses eine Mal wenigstens
hast Du es Dir bewahrt –
Und dieses Etwas solltest Du feiern
auch wenn Dir der Magen oder sonstwas
knurrt – feiere! Wenigstens heute …
Wenn nötig, mit Leitungswasser!
Die Zeitmaschine
Sie packten mich & zerrten mich
zu der Zeitmaschine
die in einem dunklen Wald stand
………………..Nachts
Die Maschine leuchtete & blinkte
& verängstigte die Tiere
die flüchteten
Sie stießen mich hinein &
banden mich fest &
grinsten
Es gab einen Rückspiegel
in den ich blicken konnte
Aber nur mich konnte ich darin sehen
Sie setzten die Maschine in Gang &
traten zurück
Die Richtung hieß
Vergangenheit
Der Lärm war ohrenbetäubend
Die Farben blendend
Es roch als würde die Zeit verbrannt
Erinnerungen an die Gegenwart
wurden ausgelöscht
die Zukunft wurde weiter –
beängstigend
Als die Maschine stoppte
zitterte ich
Der Wald hatte sich
kaum verändert
Ich schaute in den Rückspiegel –
Ich war nicht mehr Ich
Ich war Sie
& ich verliebte mich in
Mich
Aber ich blieb
gefesselt
& es kam niemand
der mich
befreite
Traumwandel
Der Traum ist ein Künstler
Aus dem Hämmern des Nachbarn machte er
das Klack Klack Klack von High Heels
Wahrscheinlich nagelte der Typ nebenan
gerade seine Alte ans Kreuz, um sie
besser ausweiden zu können
Aber ich spazierte im Traum hinter dieser
jungen Frau im kurzen Sommerkleid &
betrachtete ihre
Beine Beine Beine Beine Beine
Schließlich fing der Nachbar an
zu sägen – damit
konnte mein Traum nichts anfangen
Ich wachte auf
Der Traum ist ein Künstler
Aber er hat
– wie Alles –
seine Grenzen
Der Stein
Ich wollte Dich nicht wecken
Ich wusste, dass Du schläfst
Ich hoffte es zumindest ….
für Dich
& – falls Du von mir träumtest –
hoffte ich es für
mich
Ich habe Dir den Stein
vor die Tür gelegt
ganz leise
Wie es Katzen tun
mit den Eingeweiden
schwächerer Tiere
Du kennst diesen Stein –
er ist größer als die Faust
die man ballt
weicher als die Vergangenheit
die hart war
Ich habe ihn
mit einer roten Schleife versehen
Mit der sprudelnden Schleife
meiner Pulsadern
(Inwendig vorgetragen:)
Widmungen
Jedes Mal, wenn der alte Mann
das Hotel betrat – & er kam
regelmäßig –, hatte er ein weiteres
Buch dabei.
In jedes Buch hatte er geschrieben:
Für die netten, reizenden Damen an
der Rezeption! (Darunter seine Unterschrift)
Er überreichte es feierlich,
quatschte ein bisschen mit ihnen
& setzte sich dann in die Bar,
immer an denselben Tisch,
um Kaffee zu trinken.
Es dauerte nie lange, und er fing an,
laut zu reden. Er schimpfte vor sich hin.
Saßen noch andere Gäste in der Bar,
machte er abfällige Bemerkungen über sie,
über ihr Äußeres, über ihre Gesprächsthemen.
Die Gäste beschwerten sich selten.
Meist belächelten sie ihn.
Er war – für sie -: Ein alter, verwirrter Mann.
Trotzdem wurde er vom Personal gebeten,
seine Äußerungen zu unterlassen.
Dann setzte er sich stumm in die Halle.
Und irgendwann ging es wieder los:
„Wie kann man nur so ein verschissen
hässliches Kleid tragen? Vor allem, wenn
man solche Dellen in den Beinen hat!“
Er wurde höflich hinauskomplimentiert.
Das Personal mochte ihn. Er sorgte für
Stimmung. Und sie hatten Mitleid.
Ich kannte ihn nur vom Hörensagen.
Er kam ausschließlich vormittags ins Hotel, wenn
meine Nachtschicht längst vorbei war.
Ich sah nur, dass immer mehr Bücher in dem
Regal im Backoffice standen.
Niemand las sie. Niemand schaute hinein.
…………… Außer mir.
Allerdings kannte ich die meisten schon,
Klassiker aus allen Epochen.
Die Bücher waren voller Anmerkungen;
Die Anmerkungen waren hochintelligent, hochgebildet.
Unter die Widmung hatte er jeweils
geschrieben, was ihn mit dem Buch oder
dem Autor verband.
Manche der modernen Autoren hatte er persönlich
gekannt. Er war mit einem Bundespräsidenten
zusammen auf der Uni gewesen. Er
hatte mehrere Doktortitel der Geisteswissenschaften.
Es stimmte alles.
Ich habe es recherchiert.
Ich stelle mir gerne vor, wie ich
eines Tages irgendwo sitze &
die Menschen beschimpfe.
Und sie belächeln mich milde.
Schließlich kamen keine neuen Bücher mehr hinzu.
Ich nahm einige mit nach Hause.
Ich behielt sie. Es hatte ohnehin sonst niemand
Interesse daran. Ab & zu las ich die
Anmerkungen nochmals.
Aber eigentlich waren mir
die Anmerkungen die liebsten,
die ich nur vom Hörensagen kannte. Irgendwie
waren auch sie Widmungen. Und er widmete sie
den richtigen Leuten. Und sie waren klar.
Für mich
war er nicht
verwirrt.
Schwimmflügel
Oft saß ich an diesem Bach
in der Morgendämmerung
Baumleichen umgaben mich
Ein paar Sträucher lebten noch
Insekten lebten noch
Für mich war es der Bach
den alles runterging
Mein Leben, meine Erinnerungen,
die Zeit
Wenn die Morgensonne sich
wie blendende Splitter auf seine
Oberfläche streute
war ich geblendet &
schaute in eine andere Richtung
Ab & zu
pisste ich in diesen Bach
setzte mich wieder &
beobachtete die Ameisen
die anders lebten als ich
Eines Morgens
als ich von den Ameisen aufblickte
stand am gegenüberliegenden Ufer
eine Frau
Sie war nackt
bis auf die Schwimmflügel
an ihren Oberarmen
Sie schaute zu mir herüber
ich sah ihren Körper
ihre langen dunklen Haare
Ihr Gesicht sah ich nur
verschwommen
Langsam
ging sie in meine Richtung
stieg sie das flache Ufer hinab
Als sie bis zum Hals
im Wasser war
begann sie zu schwimmen
Mit ihren Schwimmflügeln
Ich stand auf &
ging ans Ufer
sah wie ihr langes Haar
auf dem Wasser schwamm
Die grelle Farbe ihrer
Schwimmflügel
Ich glaubte das Wasser zu riechen
& hörte die Vögel
die ich hasste
Ich ging in das Wasser
das kalt war
Meine Schuhe
meine Hosen
alles sog sich voll
Allmählich erkannte ich
die Augen
der Schwimmerin
& zitterte vor Kälte
Bis zum Hals
stand ich im Wasser
& ging
weiter
& weiter
& weiter
Ich konnte nicht schwimmen
Niemals hatte es mich gereizt
es zu lernen
Ich wollte es nicht können
Sie konnte es auch
nicht
aber sie hatte die
Flügel
Sie blickte mich an
Sie konzentrierte sich aufs
Schwimmen
spuckte hin & wieder etwas
Wasser aus
Die Oberfläche des Bachs
den alles runterging
dicht an ihren Lippen
Das Letzte
was ich sah
im Gesplitter der Sonne
war
wie
irgend etwas
Winziges
das aus dem Nichts
zu kommen schien
ihre Schwimmflügel
zerfetzte
Eiskalt lief das Wasser
in meine Kehle
Synkopen
Wenn das Leben zum Refrain wird
öde Harmonien sich wiederholen
langweilige Melodien einen beleidigen
Wenn dumpfe Rhythmen, die
zum Mitklatschen reizen sollen
einen in den Wahnsinn trommeln
dann pfeife ich
ganz leise
für mich
die Dissonanzen
klopfe mit den Fingerspitzen
Synkopen
auf meinen Schläfen
& das Lachen
tief in meinem Innern
wird lauter
als jeder
Refrain
Mein kleiner klarer Cocktail (für E.)
Ich nenne Dich
– nur für mich –
Mein kleiner klarer Cocktail
weil Du mich inspirierst
Weil ich mir einbilden kann
meine Einsamkeit
sei ein klein wenig
unbedeutender geworden
Du hälst
Mut
zwischen Deinen Fingern
obwohl Du ihn selber
nicht hast
ein Schwarzweiss-Foto
bearbeitet
um aus Realität
Schönheit zu machen
obgleich diese Realität
schön ist
Wir kennen uns nicht
& müssen uns auch nicht kennen
um uns
vielleicht
zu verstehen
Handgranaten
Nachts wachte sie in ihrer Wohnung
im 3. Stock
Schwere Eisenfesseln an ihren Fußgelenken
an ihrem Hals
Die Ketten dieser Fesseln waren
im Nichts befestigt
Wer sie ihr angelegt hatte
wußte die junge Frau nicht
Das kleine verzweifelte verstörte
verängstigte Mädchen saß am
Schreibtisch & bastelte
Bastelte Handgranaten
Handgranaten aus Wörtern
Wunderschöne Zerstörer
wie nur dieses Mädchen sie
basteln konnte
einzigartig
Wenn das Mädchen fertig war
nahm die Frau die Handgranaten
löschte das Licht, öffnete das Fenster
& warf sie in die Nacht hinaus
Alles sollte zerstört werden
alles vernichtet zerrissen zerfetzt werden
Aber die Nacht war gleichgültig
die Granaten detonierten nicht
sie prallten ab an der Gleichgültigkeit
& blieben liegen
Schön & scheinbar nutzlos lagen sie
auf der Straße &
wenn der Morgen kam waren sie
zu Staub zerfallen. –
Ich ging durch die Straßen
es war Nacht
ein leichter Nieselregen fiel
Die Straßen waren nass
Laternenlicht schimmerte in Pfützen
Alles war still
kaum ein Fenster erleuchtet
Ich war ziellos wie immer
allein wie immer
atmete wie immer
verloren in Gedanken
wie immer
Die Luft war angenehm
Katzen waren unterwegs
Der Mond eine nehmende Sichel
(ab- oder zu- war mir egal)
In einer der Straßen war nur noch 1 Fenster
erleuchtet, ich sah es von weitem
fantasierte über eine glückliche Familie
die dort vielleicht noch zusammensaß
alle lachten & niemand fühlte sich
einsam
während ringsum alles schlief
Ich ging weiter
Der Regen wurde stärker
Das erleuchtete 4eck in der Häuserfront
wurde dunkel
Das Fenster ging auf
ich war nicht mehr weit entfernt
Etwas flog aus der finsteren Öffnung
wie der Ball eines Kindes
klein & dunkel & stumm fiel es durchs Laternenlicht
Wie ein schwerer Gegenstand blieb es
auf der Straße liegen
Der Aufprall machte kaum ein Geräusch
Sofort folgten weitere
Sie landeten überall
auf dem Bürgersteig
auf Autos
auf Müllcontainern
Sie hinterließen keine Spuren
Ich kam näher
Ich hatte keine Angst
Mir war alles egal
in dieser Nacht
wie in den meisten Nächten
Ich sah
dass die Gegenstände schön waren
Ich hätte sie nicht beschreiben können
Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen
Aber ich wußte
wie sie entstanden waren
Ich wußte
warum sie entstanden waren
Ich wußte
was sie bedeuteten
Ich wußte
was sie bezwecken sollten
Ich ging noch ein Stück weiter
& wurde getroffen
Mein Bauch wurde aufgerissen
Lärm tötete mein Gehör
In Zeitlupe flogen meine
Eingeweide durch die Luft
& klatschten auf die nassen Straßen
wie in einem Stummfilm
Noch stand ich
& schaute nach oben
während mein Blut den Asphalt färbte
Ich spürte keinen Schmerz
Aus dem Dunkel des 4ecks
erschien ein Gesicht im Licht der Straße
Das Gesicht einer jungen Frau
das zu dem Gesicht eines kleinen
verzweifelten verstörten verängstigen
Mädchens wurde
Erschrocken blickte es mir
in die Augen
Ich sah Leid & Mitleid &
Traurigkeit
Ich lächelte ihm zu
Nicht schlimm, signalisierte ich ihm
signalisierte ich ihr
Wer auch immer sie war
ich mochte sie sofort
Ich fiel hin
& mein Herz hörte auf
zu schlagen
Verloren
Ich ?
habe hier nichts verloren
also
kann ich hier auch nichts finden
was mir gehört
warum also
suche ich ?
Die Grenze
Manche Nächte sind so ….
Ich sitze nur da
nur da
nur da
Nichts geschieht
Nirgendwo ist etwas –
In mir : Nichts
Ich müßte etwas tun
Das wäre vielleicht nicht schlecht
Etwas Schlechtes tun
wäre vielleicht gut
Irgend etwas
Irgend etwas
Irgend etwas
Aber nein
dafür reicht es nicht
Die Spinne, die über den Boden läuft
Ich lasse sie leben
heute
Sie fühlt sich gut &
weiß es nicht
Wie ich mich fühle
weiß ich nicht
aber dass man es nicht
gut nennen kann
weiß ich
Es ist egal
Ich habe kein Mitleid mit mir
Ich hätte mehr Mitleid mit
der Spinne
wenn ich mich jetzt aufraffen könnte
sie zu zertreten
Sollte sie mir allerdings
zu nahe kommen
die Grenze überschreiten
Ich würde meine Apathie überwinden
Sie würde meine Apathie überwinden
& es wäre
ihr
Ende
2 Minuten
Mein Leben ist ein anderes
jetzt
gerade jetzt
anders als gestern
anders als
in 2 Minuten
Ich rede mir ein
es sei dasselbe
& glaube es mir
manchmal
Nein
nicht manchmal
ich glaube es mir
oft
zu oft
Scheiss auf
meinen Glauben
Ich will mir
mißtrauen
in 2 Minuten
ist wieder alles
anders
Feuer !
Nichts zurückhalten
Alles zugeben
Keine Imagepflege
Nichts beschönigen
Allen Dreck rauslassen
Keine Lügen
Nichts vorspiegeln
Keine Schauspielerei
Es ist unmöglich
unmöglich in dem was manche
das ‚wirkliche Leben’ nennen
Man würde verhungern
Sie : würden einen ausstoßen
Es sei denn
da wäre
wenig zurückzuhalten
wenig zuzugeben
wenig zu beschönigen
wenig vorzuspiegeln
Vielleicht gibt es solche
nennen wir sie ‚Menschen’
Ich kenne sie nicht &
ich will sie auch nicht kennen
Verwelkte Schauspieler!
Vielleicht ist es nicht ganz unmöglich in der
nennen wir sie ‚Literatur’
Aber selbst da habe ich meine
Zweifel
Vielleicht weiß man nicht einmal selber
was ECHT an einem ist
Wahrscheinlich ist man Schauspieler
ohne es zu ahnen
ziemlich sicher sogar
Aber wenigstens sollte man
sich Mühe geben
mit den kleinen Splittern der
nennen wir sie’Wahrheit’
die man irgendwo in
irgendwelchen verstörenden Momenten
der Bewußtwerdung gefunden hat
wahllos um sich zu schießen
Amoklauf des Bewußtseins …..
Mögen die Splitter in den
Images der glatten Langweiler
stecken bleiben!
Mögen die Wunden sich entzünden!
Sie sollen brennen!
Diese Wunden!
Feuer!
Auf nüchternen Magen nach 6 doppelten Manhattans – etwas, das ich nüchtern löschen werde
Cool nach außen
abweisend & schön
Beschimpfungen
die auch ich von mir gegeben habe
vor langer Zeit
Eine kleine Unsicherheit im Blick
die vielleicht nur ich sehe
Nein
alle müssen sie sehen
niemand darf so blind sein
Manchmal denke ich
dass ich andere besser kenne als mich
Ihre Angst
die meine war
& ist
Aber auch das ist nur eine
Illusion
Niemand kennt
jemanden
Und ich
kenne mich selbst
nicht
Wörter
Bestimmte Wörter zu benutzen
hasse ich
Manchmal muss ich es tun
damit andere Menschen
ungefähr
erahnen können
was ich meine
Es sind Wörter
die jeder anders versteht
Wörter
die überlastet sind durch
Tradition
So gesehen müsste
die Liste dieser Wörter noch
viel länger sein
Aber ich bin inkonsequent
Trotzdem
ich werde diese Wörter hier nicht auflisten
Denn ich hasse es
sie zu benutzen
Worte & Taten
Mit Worten kann ich tun
was ich mit Taten nicht kann
Deshalb liebe ich die Worte
& hasse die Taten
Geheimnisse
Lyrik (ein Wort, das mir peinlich ist)
sollte die Welt sein, wo Wahrheit
die Peinlichkeit überwindet –
Menschen sind peinlich
sich selbst
oft
Geheimnisse
wollen sie behalten
für sich
Aber die anderen
haben
die gleichen Geheimnisse
Geheimnisse
sind nicht
einsam
Endstadium
Ich bin das Endstadium
irgendeiner Krankheit
die ich erfunden habe
Man findet sie in keinem
Lehrbuch für Medizin
Die Heilung ist
ungewiss
Die ÜberlebensChance
minimal
Hoffnung
gibt es
Hinterlistige Träume
Träume können so hinterlistig sein
43 Mal hatte ich geträumt, dass ich
mir selber einen blasen kann
Irgendwann glaubte ich mir
im Traum selber nicht mehr
Dann träumte ich:
bisher war alles nur Traum gewesen……
Verdammt, jetzt ist es Realität
Wie geil!!!
Es klappt!
In der Wirklichkeit!
Ich bin wach!
Dann wachte ich auf
& es war wieder
nur ein Traum
gewesen
ohne Befriedigung
Ende & Anfang
Wo ihr aufhört
fange ich an
Euer Ende ist schön
mein Anfang
kann hässllich sein
Mein Ende
ist euer Anfang
Das alte Klavier
Wer auf mir spielt
bekommt Dissonanzen
Ich bin verstimmt
Man hat mich abgestellt
in Kälte
in Feuchtigkeit
Schimmel wuchert auf mir
Melodien klingen auf mir anders
als sie klingen sollten
Man braucht ein besonderes
Gehör
um sie schön zu finden
Der Fehler
Wenn alle rufen: Weiter!
höre ich auf
Wenn alle rufen: Hör auf!
gehe ich weiter
Immerhin: das bedeutet
: ich höre
Ein Fehler
den ich zu korrigieren gedenke
Der Plastikrabe
Mein Rabe ist aus Plastik
über Ebay gekauft
Er ist stumm
Kein Nevermore kommt
aus seinem Fabrikmund
Ich höre es dennoch
: Nimmermehr
Aus weiter Ferne betrachtet
sieht er fast echt aus
Aus weiter Ferne betrachtet
sieht mein Leben
fast echt aus
Der Rabe ist aus Plastik
geschaffen um Vögel zu vertreiben
Vögel die lebendig sind &
den Morgen ankündigen
Der Rabe ist stumm
doch wer Fantasie hat
hört Plastik sprechen
Humor
Manchmal
ganz selten
ist Sucht ein Lebensstil
eine Lust & eine Wahl
eine Entscheidung
die einem in die Wiege gelegt wurde
von Menschen die man
liebte & haßte
Sucht ist
dann
etwas
das man sich einredet
& das einem niemand ausreden
kann
Es gibt ein Lächeln in
dieser Sucht
das einen wärmt
Sie zerstört nicht den
Humor
man lacht
man tanzt
man fühlt sich gut
Manchmal
trennt man sich von ihr
für Wochen
für Monate
Man weiß
dass man sich
wieder finden wird
Und dann lacht man mit ihr
beim Wiedersehen &
man lacht mit den Verstehenden
& betrauert die
Anderen
Bahnen
Menschen, die auf Schienen durchs
Leben bewegt werden
Sie sitzen in Zügen
Sie sehen denjenigen, der den
Zug führt
nicht
Jeder Zug kann der letzte sein
Das vergessen sie
oder sie verdrängen es
oder sie haben es nie begriffen
Für sie zählen nur Fahrpläne &
Pünktlichkeit
Ihr Leben verläuft in Bahnen
die andere für sie gebaut haben
Sie wollen an ein Ziel gebracht werden
dass nicht das wirkliche ist
solche Ziele halten sie für wichtig
Das Ziel ist immer der Tod
Diese Menschen wollen mir Ratschläge geben
Sie winken & möchten, dass ich zusteige
an irgendeinem Bahnhof der Lächerlichkeit
Ich tanze neben den Zügen
schlage meine eigenen Räder &
pisse auf die stählernen Nägel
die alles befestigen
Menschen, die auf Schienen durchs
Leben bewegt werden
Sie ahnen nicht, dass
selbst wenn es mir dreckig geht
es mir besser geht als ihnen
Ich kenne den Zugführer
In durchzechten Nächten habe ich
mit ihm gelacht –
gelacht über die Massen
die seine Fahrgäste sind
Sie lauschen den Durchsagen
Sie glauben was sie hören
Sie werden beschwindelt
Mein Schwindel ist der bessere
Ich sehe den Zügen nach
Mein Ziel ist dasselbe
aber mein Weg ist ein
anderer
Bagger
Zuerst hatten sie die alte Frau gegenüber
in ein Heim gesteckt, dann stand
der Container mit ihren Möbeln auf der
Straße
Jetzt werde ich von Baggern wachgehalten
die ihren Garten ausheben
Bäume wurden gefällt
Sie hatte ihren Garten geliebt
Es sind ihre Kinder, habe ich mir sagen lassen
Gut, dass ich keine habe
Zu Feiertagen hatte sie mir
Karten in den Briefkasten geworfen
& Pralinen
Ab irgendeinem Zeitpunkt stand
jeden Morgen ein Wagen der Diakonie
vor ihrem Haus, ihr
wurden die Windeln gewechselt
Jetzt höre ich die Bagger
fluche, kann nicht schlafen
& habe keine Ahnung
ob sie noch lebt
Die Klapsmühle
Bevor sie mich entließen
sagten sie: »Du wirst wiederkommen – alle
kommen sie wieder.« Sie grinsten. Ich grinste.
Sogar der arme Schwachkopf grinste,
den sie jeden Morgen mitten im
Schlafsaal auf seinem Kackstuhl festbanden;
aber der grinste eigentlich meistens,
ohne irgend etwas zu verstehen, besonders
über seine eigenen Fürze grinste er,
breit – & leeren Blickes; er hatte eine Glatze
& hielt beim Scheißen seine
Perücke fest umklammert auf dem Schoß.
»Ich nicht«, sagte ich. »Ich werde eben
der erste sein, der nicht wiederkommt.«
»Wir werden sehen«, sagten sie. Die
Wärter & die anderen Insassen hatten
ihre Zweifel. Ich war mir auch nicht
sicher. Weil ich mir überhaupt nie
sicher bin.
Aber ich behielt recht.
Diese Klapsmühle existiert nicht mehr;
sie wurde geschlossen – wegen
menschenunwürdiger Verhältnisse; es
hatte irgendeine Reform gegeben.
Ich weiß nicht, wo sie alle hinkamen:
die Schwachsinnigen, die Drogenabhängigen,
die Alkoholiker, die Tobsüchtigen (zu denen
hatten sie mich gezählt), die Entmündigten,
die Straffälligen in Sicherheitsverwahrung, die Bettnässer
& all die Insekten, denen die Wärter ständig
mit ihren Sprühdosen hinterher jagten.
Egal, ich war draußen.
Keine Schreie mehr, keine Schlägereien mehr,
keine sabbernden Mäuler, vollgekackten Betten,
keine einarmigen Diabetiker mehr, die
mich um Essen anbettelten, wenn ich
Küchendienst hatte. Keine Ruhiggestellten
mehr, die mit ausdrucklosen Gesichtern
auf einen zuwankten, um einen zu umarmen …..
Keine nächtlichen Wichsgeräusche mehr,
keine versifften Klos mehr mit uralten Holzbrillen
(offen aufgereiht in einer 10er-Reihe).
Kein stumpfes Plastikbesteck mehr
(einer hatte eine Gabel zerbrochen & die Einzelteile
runtergeschluckt)…..
Keine Klugscheißerei mehr von
sogenannten Ärzten, die selber nichts
begriffen & dieses Nichtbegreifen in
Floskeln verpackten.
Keine vergitterten Fenster mehr.
Ich war draußen,
ich musste nicht zurück. Ich hatte
meine Lektion in Verstellung gelernt,
und in der Einsamkeit kann niemand mit
dem Finger auf einen zeigen &
nach dem Krankenwagen rufen.
Letztlich war das egal, weil der
Unterschied zwischen drinnen & draußen
doch kleiner ist, als man denken möchte.
Und deshalb muss ich nicht
zurück. Vielleicht.



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