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Die altmodische Glühbirne

Immer wenn ich eine altmodische Glühbirne
in eine altmodische Lampe schraube,
frage ich mich, wer noch so altmodisch ist,
sein Versprechen einzulösen,
bevor diese Glühbirne
stirbt.


Scheisse

Meine Scheisse sieht genial aus –
je nachdem, was ich gegessen & getrunken &
wie ich es verdaut habe …..

Ich wünschte,
meine Gedanken wären
Scheisse!


Das stinkende Herz auf dem Herd

Ich erinnere mich noch an den Gestank
im Haus meiner Mutter – wenn
das Rinderherz für die Katzen auf dem Herd stand.
Ich erinnere mich noch an die gierigen Blicke
der Katzen, wenn es im Topf blubberte.
Ich erinnere mich noch an das wollüstige Kauen
der Katzen, während sie das Herz – mundgerecht vorgeschnitten –
aßen.
Ich erinnere mich noch an die zufriedenen Blicke
der Katzen, während sie das Herz verdauten.
Ich erinnere mich noch an den ruhigen Schlaf
der Katzen, wenn sie
gesättigt waren.

Mein Herz stinkt.
Es ist verbrannt.
Aber Du schläfst.
Und Du lächelst
im Schlaf.


Deshalb lächeln Zwerge

Solange der Riese
ein größeres Herz hat als
der Zwerg

Wird der Zwerg
immer
gewinnen

Deshalb lächeln Zwerge –
meistens


Das Wrack

Ich schaute mir das Foto sehr genau an –
& atmete tief durch …..
mehrmals …..
Was von dem Auto übrig geblieben war,
war bedeckt von einer Schlammkruste;
die Motorhaube unsauber gefaltet auf der
Windschutzscheibe; die Frontpartie dort,
wo die Motorhaube gewesen war ….
Wie ein höhnisch grinsendes Maul war
vorne alles offen. Die Stoßstange war die
sarkastische Oberlippe. Das Dach war eingedrückt,
aber nicht zu sehr. Glas war gesplittert.
Gesplittert wie ihre Erinnerung.
Es war der Wagen ihres Großvaters, und sie
hatte allein darin gesessen – & konnte sich
an den Unfall & wie es dazu gekommen war,
nicht mehr erinnern. („Retrograde Amnesie“,
sagte ich – Klugscheisser, der ich bin.)
Es war 2 oder 3 Jahre bevor wir uns kennenlernten
passiert; das Geschwafel von ‚Schutzengeln’ hatte sie
in dieser Zeit wohl bis zum Erbrechen oft gehört.
Denn es war ihr wenig passiert – ein bisschen Glas
in der Haut; Blutergüsse, Schrammen.
Angst.
Sie war nicht die erste junge Frau, die ich kannte,
die einen Autounfall dieser Schwere gehabt hatte –
aber die erste, die ihn überlebte hatte.
Ich atmete tief durch.
Mehrmals.
Ich hätte sie nicht nur nicht kennengelernt –
ICH HÄTTE VON IHRER EXISTENZ NICHT EINMAL
ETWAS GEAHNT. – – –
Und was tat ich damals? Zur Zeit des Unfalls? —
Was schon? – : Meine Gesundheit mit Füssen treten.
Mich selbst zerstören.
Mich überschlagen wie ein Auto, das
eine Böschung herabstürzt.
Gläser zerschlagen. Bis sie
splittern
splittern
splittern.
Und in niemandes Haut landen –
außer meiner eigenen.
Und wäre ich erfolgreich gewesen, hätte auch sie
nichts von meiner Existenz geahnt.
Doch auch ich habe Schutzengel.
Oder hatte sie bisher.
Und der Sarkasmus vergeht mir, wenn
ich ihre Oberlippe betrachte.
Und ich atme tief durch.
Nochmals.
Und grinse.


Erkältung

Manchmal habe ich es so eilig,
aus einem fremden Gebäude herauszukommen,
dass ich nicht mal den Reissverschluss der
Lederjacke schließe; ich wickle mir den Schal
irgendwie locker um den Hals, werfe
irgendwie die Jacke um mich &
stürze zur Tür hinaus.
Draußen mag es stürmisch sein, kalt &
nass. Ich friere. Ich halte die Jacke zu &
gehe so schnell ich kann.
Auch draußen will ich sie nicht schließen,
denn ich habe es eilig.
Möglich, dass ich mich erkälte,
möglich, dass ich Fieber bekommen werde.
Möglich, dass ich über meine Unvernunft
lachen werde.
Später.
Was soll’s.
Manchmal kann ich das Geschwafel in
fremden Gebäuden einfach nicht ertragen;
und die Menschen sind mir zu viel.
Da laufe ich lieber durch Schnee & Eis &
Wind – mit offener Jacke &
kaltem Hals.


Ein Glückspilz

Hätte ich ein Fahrrad,
wäre seine Kette gerissen.
Hätte ich eine Tiefkühltruhe,
wäre sie warm.
Hätte ich eine elektrische Pfeffermühle,
wäre Sand darin.
Hätte ich eine Filmkamera,
könnte sie nur in Zeitlupe filmen.
Hätte ich einen Whirlpool,
wäre das Wasser ohne Blasen.
Hätte ich eine Brotschneidemaschine,
wäre sie stumpf.
Hätte ich einen Wäschetrockner,
würde er die Wäsche befeuchten.
Hätte ich einen Luftbefeuchter,
würde er die Luft trocknen.
Hätte ich einen Flachbildfernseher,
würde er zunehmen.
Hätte ich ein Wasserbett,
wäre Eis darin.
Hätte ich eine Dampfmaschine,
wäre sie ohne Dampf.
Hätte ich ein Mikroskop,
wäre es ein Makroskop.
Hätte ich eine Frau,
wäre sie ein Mann.
Hätte ich einen Stein,
wäre es ein Herz.

Aber ich bin ein Glückspilz –
weil ich all das
nicht
habe.


Die Sicherheit der Rattenfalle

Wer sichergehen will, sollte
für Mäuse
Rattenfallen benutzen.

Aber es ist nicht immer
ein schöner Anblick,
wenn man sicher geht.


Alle 3

„Ich habe Hunger“, sagte ich.
„Hunger?“ sagte sie.
„Ja“, sagte ich, „ich will eine riesige Pizza,
voll von Knoblauch, Zwiebeln & Chilis.“
„Dann solltest Du eine essen“, sagte sie.
„Ja“, sagte ich, „aber lieber als diese Pizza
wäre mir Deine Muschi. Und
lieber als Deine Muschi –
Dein Herz.“
„Dann“, sagte sie,
„solltest Du alle 3 haben.“ – –
Und sie sagte:
„Was mich angeht,
hast Du
alle 3.“

Und ich dachte:
Ich hab sie nicht mehr alle.


Wir Luschen

Wir Luschen
veröffentlichen Sätze, die
die Großen nicht einmal in ihren
Papierkorb geschmissen hätten.

Sie hätten sie mit
Benzin übergossen,
angezündet – &
als Asche
ins Klo gekippt.


Ganz einfach.

Worauf man verzichten könnte:

Lesen
Rasenmähen
Staubwischen
Unterhaltung
Autowäsche
Tapeten
Sex
Fernsehen
Musik
Alkohol
Post
Mitmenschen
WC-Reiniger
Träume
Kalender
Fernbedienungen
Schaufensterpuppen
Fliegennetze
Rasierklingen
Marmelade
Grabsteine
Kameras
Brotschneidemaschinen
Thermometer
Gedanken
Brillen
Schnellkochtöpfe
Kerzen
Fotoalben
Pralinenschachteln
Gefallen wollen

Worauf man nicht verzichten kann:

Schlafen
Atmen
Essen
Trinken
Scheissen
Pissen

Im Grunde ist das Leben
ganz einfach.


Sie scheißen auf das Urheberrecht

Die Phantasie erschuf
Himmel & Hölle.

Die Realität
schrieb von ihr ab.

Oder war es umgekehrt?

Egal …..

Egal ………

Denn beide
kümmern sich einen Scheiß
um das Urheberrecht.


Vertrauen

Sag mir,
dass Du schläfst –

Und ich werde Dir
glauben.


Wozu Du fähig bist

Und dann wünscht Du Dir – einmal mehr -,
fähig zu sein, etwas anderes zu suchen als das,
was Du immer schon gesucht hast –
denn Du hast immer gefunden, was Dir
weh tut – –
Aber Du kannst nichts anderes suchen
& nichts anderes finden – als das,
wozu Du fähig bist.


Philosophen mit Toupet

Ich verachte Philosophen, die
ein Toupet tragen.
Was könnte ich von ihnen lernen?
Ich werde darüber nachdenken.
Werde ich sie anschließend immer noch verachten?
Ich hoffe es.

Aber ich weiss es nicht.


Die Wohnung meiner toten Großmutter

Ich möchte der Tisch sein, auf dem Du
tanzt –
nackt;
der Mond, der Dich blass bescheint –
dabei;
der Eimer, in den Du brichst –
danach;
die Decke, die Dich wärmt –
wenn Du unseren Rausch ausschläfst;

denn ich bin so voller
Kitsch

so voller Kitsch

wie die Wohnung meiner
toten Großmutter.


Reaktion & Deutung & Reaktion

Da ist dieser Mensch, den
zu berühren sich niemand mehr traut.
Denn wenn es doch einmal geschieht,
spürt man ein ganz leichtes Zucken, dass
durch seinen Körper geht ….
Schon die Andeutung einer Berührung
lässt ihn reagieren – fast unmerklich.
Und doch merkt es jeder; und jeder
deutet, was er merkt & spürt.
Und deutet es als:
Unbehagen.

Dabei ist es nur die
Einsamkeit,
die in diesem Menschen zuckt & reagiert;
die Jahre ohne Berührung,
die Gewohnheit der Distanz.
Die Sehnsucht, die sich erschreckt.

Und weil ihn niemand mehr berühren will,
wird seine Reaktion immer heftiger;
die Sehnsucht größer; die
Einsamkeit stärker.
Und da ist kein Ausweg,
kein Fluchtweg,
keine Brücke –

Nichts, was ihn fort führt,
weg von den falschen Reaktionen,
weg von den falschen Deutungen.


So cool

Ich bin so cool
so cool cool cool
wie die Müllmänner, die ich als Kind beobachtete,
auf ihren Plattförmchen, hinten am Müllwagen

Ich bin so cool
so cool cool cool
wie der Gin in meinem
Tiefkühlfach

Ich bin so cool
so cool cool cool
wie der Spiegel im ungeheizten Badezimmer
der meine Visage reflektiert

Ich bin so cool
so cool cool cool
wie Deine Antworten
auf meine Fragen

Ich bin so cool
so cool cool cool
wie die leere Ginflasche im Mülleimer

Die Flasche, die meine Visage reflektiert –
bevor die Müllmänner sie holen –
die Flasche, die leer ist & cool

wie Deine Worte


Deine einsamen Nerven

Während Du
über Deine Einsamkeit
weinst

lache ich
über meine
Einsamkeit

& mein Gelächter
geht Dir
auf Deine einsamen Nerven


Der Bestseller auf dem Kopf

Sie war gerade doppelt so alt wie
der Whisky, den ich trank. Ich
war 37 Jahre älter als der Whisky.
In einem Pub in London.
Nach dem Essen, nach dem Quatschen
nahm sie ein Buch aus ihrem Rucksack &
begann darin zu lesen,
neben den leergegessenen Tellern,
neben den leergetrunkenen Gläsern.
Es war ein Bestseller.
Einige Seiten las ich mit ihr;
auf dem Kopf (denn sie
saß mir gegenüber). Dann:
verlor ich das Interesse – an dem
Text. Mieser Stil. – Ich
ließ sie dort sitzen, für
1 oder 2 Stunden,
in ihren Shorts, mit ihrem
Bestseller –
& ich ging auf die Suche –
nach Antiquariaten –
& alten Büchern.


Der Fliegenfänger

Mein Gedächtnis ist ein klebriger Fliegenfänger.
Manche Erinnerungen sind tot, aber sie haften –
Andere summen noch – in Agonie.
Die meisten sind ununterscheidbare Stubenfliegen,
schwarz auf dem bunten Papier.
Doch hin & wieder sticht
eine Schmeissfliege hervor aus der dunklen Masse,
grünlich/bläulich-schimmernd – größer als
alle anderen –
& lauter summend,
während sie stirbt.


Scheiss drauf!

Komm, mein BeTäubchen, ich
liege am Boden –
fliege kurz über mich hinweg &
scheisse auf mein Herz!
Taub soll es werden.
Denn dann
werden meine Ohren taub für Deine Stimme;
werden meine Augen blind für Deinen Blick.
Scheiss auf mein Herz &
fliege weiter. Denn
wehe Dir, wenn Du
in meiner Nähe
landest!


Versuch’s nur!

Versuch’s nur!
Versuche zu verbergen, was Du
nicht schön an Dir findest – & was Dich
unsicher macht.

Halte die Hand vor Deine Verletzlichkeit;
wende Dich ab & verstecke Dich ….
Es wird Dir nichts nützen.
Nicht, solange ich mit geschlossenen Augen
sehen kann.

Du möchtest Deine Schokoladenseite zeigen?
Ich habe die Schnauze voll von Süßigkeiten!

Was Du nicht schön an Dir findest,
hat wohl mehr zu Deinem Wesen beigetragen
als alles andere.

Und Dein Wesen kannst Du nicht verstecken.
Versuch’s nur!

Es wird Dir nichts nützen.


Wie ein Wolf

Ein alter abgerichteter Hund.
Abgerichtet,
die Einsamkeit aufzuspüren,
die Traurigkeit,
die Unsicherheit,
den Selbsthass,
die Unzufriedenheit,
die Sehnsucht,
die Verzweiflung

Nichts sonst
nimmt er wirklich wahr;
alles andere lässt er links & rechts
liegen. Nichts sonst
interessiert ihn.
Blöde & abgerichtet.

Und wenn er aufgespürt hat,
wedelt er nicht mit dem Schwanz &
bellt, freudig erregt …..

Nein –
er heult wie ein Wolf
heult wie ein Wolf
heult wie ein Wolf

der sich selber erkennt –

immer wieder


… als hättest Du …

Wenn Deine Stimme so gleichgültig klingt, so
traurig, dass die Trauer vor ihr erschrecken würde,
möchte ich die Traurigkeit aus Dir
herausdrücken
herauslecken
herausstreicheln
herausficken
herausküssen

Denn es ist erschreckend, wenn Deine Stimme
so traurig klingt, als hättest Du
mein Leben gelebt.


Der Radiergummi

Ich trage ihn mit mir herum,
tief vergraben in der Hosentasche:
den alten Radiergummi –
oder was von ihm übrig geblieben ist;

meine früheren Fehler haben ihn klein gemacht,
meine neuesten Fehler haben ihn verdreckt.

Worte, die ich ungeschehen machen wollte,
Linien, die ich hässlich fand.

Ich trage ihn mit mir herum,
um mich zu erinnern –
an falsche Entscheidungen,
oder an das, was ich dafür hielt.

Nicht mehr lange,
und er wird zu klein sein für
meine weiteren Fehler.

Aber Fehler werde ich weiterhin machen.
Und ich werde ihn ersetzen müssen,
den alten Radiergummi,
tief vergraben
in meiner Hosentasche.


Das alte Kino

Schon schwindet die Erinnerung.
In den Hörsturz. In das Ohrensausen. Bevor ich den Rest auch noch vergesse, versuche ich aufzuschreiben, was ich noch weiss. (Oder habe ich es gar nicht vergessen, sondern niemals gewusst ?)
Dunkelheit & später Abend. Einsame Straßen. Ein kleiner Ort. Ziellosigkeit, oder? Wie war ich hierher gekommen? Und warum? Vergessen. Ich ging an der Hauptstraße entlang, kleine Läden mit dunklen Schaufenstern. Wenige Laternen. Sommerliche Wärme.
Ein schmaler abschüssiger Weg führte vom Bürgersteig hinab zu einem Kino. Man bemerkte es kaum als solches. Keine Leuchtreklame; der Schaukasten war ebenfalls dunkel, ich erinnere mich nicht mehr an die Plakate, nicht mehr an die Aushangfotos. Aber es gab welche. Im Inneren des großen, alten Gebäudes brannte schwaches Licht; es war Zeit für die Spätvorstellung. Dachte ich, schätzte ich. Endlich irgendwo hinsetzen; ich ging hinein.
Alles sah nach den 50er oder frühen 60er Jahren aus; nichts schien jemals renoviert worden zu sein. Es roch alt. Und nach Staub. Und man sah niemanden. Die Kasse war unbesetzt. Auch hörte man nichts. Die Beleuchtung war ungemütlich. Der linke Flügel der Tür zum Kinosaal stand offen. Gleichmäßiges Flackern in der Öffnung; kein Ton. Ich bewegte mich darauf zu …
Der Saal (riesig – & hoch) war völlig leer – zumindest so weit ich ihn überschauen konnte, in dem schwachen Geflacker, das von der Leinwand & aus dem Vorführraum kam. Es lief: ein Countdown. Weisse Zahlen in einem weissen Kreis vor schwarzem Hintergrund. 983 …. 982 …. Nicht einmal eine Notbeleuchtung gab es.
(War das wirklich alles so – oder erinnere ich mich nur falsch? -)
Ich ließ die Tür hinter mir zufallen; sie machte keinerlei Geräusch. Ich ging ein paar Schritte den Mittelgang hinunter, suchte mir einen zentralen Platz. Unbequeme, cordbezogene Klappstühle aus dunklem Holz. Ich setzte mich. 874 …. 873 …. Ganz leise hörte ich nun doch das Surren des Projektors. Drehte mich um, schaute auf das kleine Fenster, durch das der Countdown geworfen wurde. Der Vorführraum war völlig abgedunkelt – so als gäbe es keinen Vorführer.
Und ich schaute wieder auf die Leinwand. 849 …. 848 ….
Was zur Hölle mache ich hier? All diese hochgeklappten Sitzflächen …. Die dunklen Ecken …. Ist dort vielleicht doch jemand? Und beobachtet mich? …. Aber ich spüre keinen Blick auf mir …. Habe ich sie noch in der Jackentasche? – Ja …. sie ist noch da …. & sie ist schwer …. & beruhigend ….
Die Zahlen hatten etwas Hypnotisches.
Bei 662 erschien eine Gestalt rechts in meinem Blickfeld. Zierlich. Lautlos. Soweit erkennbar, in Grau gekleidet; den Kopf in einer Kapuze verborgen, schritt sie den Seitengang hinab. Setzte sich mehrere Reihen unterhalb der meinen in den nächsten Sitzblock. Kopf in Richtung Leinwand.
Auch ich folgte weiter dem Heruntergezähle. Was, wenn der Countdown der eigentliche Film ist? Auf den nichts weiter folgt?…. Nichts als Dunkelheit…..
556 …. 555 ….
Zuhause wartete die Leere auf mich. Verhangene Fenster, Bücher, Filme, Musik. Wie weit war dieses Zuhause entfernt? Vergessen.
445 …. … …. … …. 442 ….
444 & 443 fehlten, stattdessen: 2 Sekunden absolute Finsternis. Und -: Die Gestalt saß woanders! – Zwar noch im selben Block, aber jetzt auf der gleichen Höhe wie ich. Wie kann sie in diesen 2 Sekunden der Finsternis…… Eine junge Frau, die auf die Leinwand blickte. Sie musste bemerken, dass ich sie beobachtete, aber sie schaute nicht zu mir herüber. Ein zartes Gesicht im Geflacker der Zahlen.
Ich wandte mich wieder dem Countdown zu. Ob sie jetzt zu mir herüber….? Habe nicht das Gefühl …. obwohl …. Würde ich es spüren?
Ich war hellwach. Merkwürdigerweise. Der einschläfernden Atmosphäre zum Trotz. SurrenSurrenSurrenSurren. Real. Reell. Reel. Surreal. 220 …. 219 …. SurrenSurrenSurren.
Blick nach oben: ein gewaltiger Kronleuchter. Erloschen.
14 & 13 fehlten.
Bei 12 saß sie direkt vor mir. Die Kapuze ragte in den Countdown. Ich erschrak nicht. Ich wunderte mich nicht. Ich neigte mich etwas vor, um sie vielleicht riechen zu können……
Die Null kam. Das hohle Ei im Kreis.
Dann:
Finsternis.
Lange. Lange.
Dann:
-13 ….
Sie saß links neben mir. Schaute mich an. Verletzliche Augen. Verletzte Augen. Geschichten. Gedichte. Ein vorsichtiges Lächeln. Flackern. Schüchternheit.
Plötzlich wurde es heller.
Wir schauten zur Leinwand. Der Film begann. Ohne Vorspann. Schwarzweiss.

Close up. Ein Mann (verwirrend ähnlich sah er mir) sitzt in einer Bar. (Nein, es war nicht ‚Casablanca’, aber es erinnerte daran…) Vor sich eine halbleervolle Flasche Whiskey, das gefüllte, auf dem Tisch stehende Glas mit beiden Händen umfassend. Er blickt in die Kamera. Blickt auf uns. Lange. Schweigend. Dann nimmt er einen Schluck. Klopft mit dem Glas 3 Mal auf die Tischplatte. Starrt weiter in den Kinosaal. Nichts ist zu hören. Die Bar scheint leer zu sein. Dann: zündet er sich eine Zigarre an, Ministreichholzexplosion, sein Gesicht hinterm Rauchvorhang. Er schüttelt das Flämmchen aus. Eine Stimme beginnt zu sprechen. Es muss seine sein, auch wenn er die Lippen nicht bewegt. –
„All diese Jahre. Oder waren es Jahrzehnte? Die Einsamkeit. Die unfassbare Einsamkeit. Die Selbstzerstörung. Die Betäubung. Die Taubheit.“
– – – Ein weiterer Schluck, ein weiterer Zug. – – –
„Und ich wette. Ich wette, ich wette, ich wette – sobald das Glück, oder wie immer man das nennen soll – an meiner Tür geklingelt hat, werde ich am Krebs verrecken. Oder an sonstwas. Ich werde verrecken an all dem, was die Einsamkeit mich tun lies.“ –
Er grinst in die Kamera.
Und eine Frauenstimme aus dem Off ruft: „Cut!“

Kurze Finsternis.
Dann:
-66 …. -67 ….
Wir schauten uns in die Augen. Stumm. Ängstlich. Lächelnd.
Nur kurz – & der Film begann von vorne.
„All diese Jahre …..“ – – – –
„Cut!“

Danach: keine Pause mehr. Der Film lief als Endlosschleife. Wir schauten nicht mehr hin.
Wie oft hörten wir die Sätze? Vergessen. Wir taten nichts außer uns anzusehen. Und Geschichten zu lesen.
Schließlich griff ich in meine Jackentasche. Schwer & beruhigend; der Revolver war ein Erbstück. Er hatte meinem Vater gehört. Ich wandte mich um, fixierte den linken Ellenbogen auf der harten Rückenlehne, spannte den Hahn, unterstützte mit der linken Hand die rechte, die den Revolver hielt. Sie schob ihre Hände in die Kapuze, um sich die Ohren zuzuhalten. Ich zielte. Auf das Fensterchen. Auf die Linse dahinter, aus welcher der Lichtkegel fiel. Staub tanzte im Geflacker.
Ich drückte ab.
Der Rückstoß, ich spürte ihn im Handgelenk. Der Knall, er schmerzte in meinen Ohren. Der Geruch des Schusses. Das Splittern des Glases. Die augenblickliche Finsternis. Der Projektor surrte weiter, aber ich hörte ihn nur noch dumpf – obwohl er nicht mehr durch die Glasscheibe gedämpft wurde. Pfeifen in meinen Ohren. Meine Stimme klang seltsam, als ich fragte:
„Alles ok?“
Keine Antwort.
Ich tastete in die Dunkelheit…… Nichts. Sie saß nicht mehr dort.
„Bist du noch da?!“ Ich sagte es laut. Vielleicht rief ich es sogar.
Keine Antwort.
Ich lehnte mich wieder an. Steckte den Revolver zurück in die Jackentasche. Spürte seine Wärme.
„Bist du noch da?“ Ich sagte es noch einige Male, während die Zeit ungezählt in der Finsternis verging.

Das ist es, was ich noch weiss. Es ist wenig. Der Revolver liegt neben mir auf dem Tisch. Zwischen der Whiskeyflasche & dem Aschenbecher. Meine Ohren pfeifen ohne Pause. Alle Musik klingt dumpf. Wenn jemand an der Tür klingeln würde – – würde ich es hören? Sicherlich.
Aber es klingelt ja niemand.
Und wenn, hätte ich wahrscheinlich Krebs.
Cut.


Die Uhr

Sei nicht der Schmerz, der vorübergeht –
Sei nicht das Glück, das vorübergeht –
Sei nicht das Lächeln, das vorübergeht –

Sie die Uhr, die
stehen bleibt!

Lautlos
in meiner Nähe.

Damit ich die Zeit
vergesse.


Denn man weiss ja

Noch bevor die Einsamkeit in
Zweisamkeit endet,
versuche ich,
mich an die Einsamkeit zu gewöhnen,
die nach der Zweisamkeit kommen wird.

Denn man weiss ja
nicht
nie.


Unsinn

Ich hoffe, Dein Schweigen
bedeutet Schlaf –
bedeutet, dass Du Dich über die Entfernung
hinwegträumst

Ich wünschte, auch ich könnte
schlafen –
schlafen & träumen & schweigen –

Da ich es aber nicht kann, laufe ich
durch die Räume & suche etwas, das ich
verloren habe –

Ich weiß, dass ich es hier nicht
werde finden können, aber
irgend etwas Unsinniges muss ich jetzt tun

Wärst Du hier, könntest Du
mir suchen helfen –
das wäre noch unsinniger; da Du
weißt, wo es ist –

Du weißt es – –
& Du sollst es
behalten

egal ob Du schläfst
träumst
schweigst

oder
wach bist


Markierungen

Die Jahre messe ich mittlerweile in Toden.
Hat SIE das noch miterlebt?
War ER schon tot, als dies geschah?
Nackte Zahlen begreife ich nicht wirklich;
die Zeiträume, die sie umschreiben,
erfasse ich nicht.
Aber die Tode machen mir die Zeit
begreifbar.
Markierungen aus Leichen.
Grabsteine.

Und dann
endlich
werde auch ich
– für ganz Wenige nur –
eine Markierung
in der Zeit.


Mir doch egal

Mir doch egal, wieviele Cocktails ich hatte –
Mir doch egal, wie besoffen ich bin –
Mir doch egal, dass mir der Schmalz aus dem Hirn sickert –
Mir doch egal, wenn ich mich lächerlich mache –

Mir ist doch alles egal –
fast – – –

Sie hasst Regenschirme …
Ich liebe Regenschirme …

Sie liebt frische Luft …
Ich hasse frische Luft …

Sie mag keine Pferde, mag lieber Esel ….
Ich bin ein Esel, mag aber Pferde ….

Sie verschläft meinen Absturz,
dabei ist sie mein Fallschirm ….

Vielleicht bin ich ihr
zweites Kissen, das sie im Arm hält,
während sie schläft …..

So weit weg
von mir –

Mir doch egal, wenn ich mich lächerlich mache –
Mir doch egal, dass mir der Schmalz aus dem Hirn sickert –

Mir ist doch alles egal –

FAST.


Die Schwäche

Sie widert mich an. Oftmals. Meine Schwäche. Die Schwäche, die mich dazu treibt, meine hingeschnodderten Worte – in welch kleinem Rahmen auch immer – in die Öffentlichkeit zu schubsen. Der kleinste Rahmen ist mir zu groß. Eigentlich. Das Internet: zu groß. Schon die Möglichkeit, dass die Worte gelesen werden könnten, beeinflusst mich; bewusst & noch stärker unbewusst. Und ich will nicht beeinflusst werden. Von Nichts & Niemandem. Selbstverständlich ist das unmöglich – aber es wäre mein Idealzustand.
Diese verdammte Schwäche. Gier nach Feedback. Suche nach Anerkennung. Menschlich, na sicher! Aber trotzdem zum Kotzen.
Warum nur habe ich damit angefangen? Warum habe ich nicht weitergemacht wie früher? Schreiben – & das Geschriebene sofort wegschliessen. Geradezu schamhaft. Wenn jemand das laute Tippen der alten mechanischen Schreibmaschine hörte, war mir das peinlich; es war, als hörte mir jemand beim Wichsen zu. Denn Schreiben war Sex. Schreiben ist Sex. Selbstbefriedigung. Abspritzen auf Papier. Und das nicht nur wegen der Sublimierung. – Wehe, ich wurde darauf angesprochen! Ich fing an zu stammeln, wich aus, brach das Thema ab.
Was tue ich da eigentlich? Was schreibe ich da eigentlich? Was veröffentlicht wird, wird kategorisiert. Ich will nicht kategorisieren. Ich will nichts ‚Gedicht’ nennen, ich will nichts ‚Story’ nennen. Auch das finde ich peinlich. Aber ich tue es dennoch. Wie lächerlich!
Und dann passiert der Gau -: man bekommt Feedback! Man lernt auf virtuellem Wege reale Leser kennen. Und wenn es noch so wenige sind, und wenn es nur einer wäre – wie zur Hölle soll einen das nicht beeinflussen?! Falls ich mir morgen in die Hose scheisse, könnte ich dann noch darüber schreiben? Bin ich so unabhängig? Ist mir alles so egal, wie ich es gerne möchte?
Ich lebe so verborgen, so zurückgezogen, wie es überhaupt nur geht; ich bin so allein, wie es überhaupt nur geht – meine Worte sollten genau so allein, genau so verborgen bleiben. Aber nein. Man ist ja Mensch. Man kann so einsam sein, wie man will, oder wie das Leben es wollte – man bleibt dieses schwache Herdentier.
Widersprüche Widersprüche Widersprüche. Ich kann sie genau so wenig lösen wie irgend jemand sonst. Also werde ich vielleicht einfach so weitermachen ……
Oder alles wieder löschen? Alles vernichten? Verschwinden, so plötzlich, wie ich aufgetaucht bin? – Vielleicht.
Vielleicht werde ich mir morgen in die Hose scheissen, um zu überprüfen, wozu ich noch fähig bin.
Sofern ich jemals zu etwas fähig war.