Schlagwort-Archive: Einsamkeit

Der Arsch der Phantasie

Die Phantasie nahm Platz
neben mir
auf meinem alten Sofa

Lächelte &
duftete

Dann musste sie
pissen

Ich verstellte
ihr
den Weg
zum Klo

Drehte sie
mit dem Rücken
zu mir

Hob
ihr Kleid
an

Sie trug
keine
Unterwäsche

Denn sie war ja
Die
Phantasie

Ich biss ihr
in den
Arsch

Er war
Fest & Weich
zugleich

Ein Fest
für
die Phanta-
sie


Mein Schlafzimmer

Mein Schlafzimmer ist
erfüllt
von
fremden Gedanken
fremden Gefühlen

Bücher
in Regalen
Bücherstapel
auf dem Nachttisch
Büchertürme
auf dem Boden

Träume &
Phantasien

die in meiner Vorstellung
zu etwas
Neuem
werden

Phantasien &
Träume

die
meinen Schlaf
bewohnen

Mein Schlafzimmer ist
erfüllt
von
eigenen Gedanken
eigenen Gefühlen
eigenen Träumen
eigenen Phantasien
eigenen Sehnsüchten
eigener Schlaflosigkeit

die in Deiner Vorstellung
zu etwas
Neuem
werden

könnten


In Farbe

Ich starre auf Dein Foto

Ein Foto aus Deiner Vergangenheit
die ich verpasst habe

Deine Augen sind so traurig
in schwarzweiß

Damals schautest Du
verloren
in eine Kamera

& ich weiß nicht
wer sie hielt

Damals

Egal wie weit weg
dein Blick auch war

Er trifft mich in
unserer Gegenwart

& ich halte
Dich

in Farbe


Das Knie der Einsamkeit

Die Einsamkeit
küsst
ihr eigenes
Knie

ganz
sanft

&
so selbstvergessen

dass sie
beinahe

bei
nahe

selber
glaubt

die Lippen

eines
Fremden

zu

spüren


Wie spät es ist

Nachtwege.

Ich:
unterwegs.

Auf der Suche nach
Dunkelheit.

Einsamkeit.

Und doch –
dort stand ein Wesen
am Rand
des Weges.

Weiblich.

Das Gegenteil
von

Dunkelheit & Einsamkeit.

Fast
wäre ich abgekommen
von diesem Weg.

Ich fragte es:
»Wie spät ist es?«

Und das Wesen sagte:
»Kurz vor zu.«


Die Spinne über der Klingel

Ein kunstvolles Netz umgibt
die Klingel über meiner Haustür

Seit langem

Eine Zitterspinne wohnt darin

Groß
Feingliedrig
Ruhig
Geduldig

Wer sie erschreckt
Dem öffne ich nicht

Wem meine Tür offensteht
Der braucht sie nicht zu erschrecken

& sollte sich
auch nicht erschrecken lassen

von ihr
die über der Klingel wohnt


Das Stofftier

Ich räumte das Fundbüro auf
in einem der Hotels, in denen ich arbeite.
Zwischen all den
Regenschirmen,
dreckigen Unterhosen,
Ladegeräten,
Sonnenbrillen,
BHs,
Badekappen,
Reiseweckern,
Schmuckstücken,
Büchern ….
fand ich
ein Stofftier.
Abgegriffen & schmuddelig.
Zwischen all den
Nichtigkeiten
(die zum Teil
mehr Geld gekostet haben mochten)
war dies
das Einzige
von Wert.
Es war
vielleicht
die Traurigkeit eines Kindes ….
die Schlaflosigkeit eines Kindes ….
die Einsamkeit eines Kindes ….
Weil das Stofftier
hier war,
wo es nichts zu suchen hatte –
& nicht
dort war,
wo es
hingehörte &
vermisst wurde.
Abgegriffen
Schmuddelig
Vergessen
Verloren


Nur eine Kleinigkeit

Es braucht
nur eine Kleinigkeit.
Zum Beispiel:
Eine Erkältung.
Ein bisschen Rotz ….
Ein bisschen Halsweh ….
Schweiß & Krankheitsgefühl ….
& schon
wird einem das
Alleinsein
noch bewußter –
& so planetenschwer
dass man es kaum noch
ertragen kann.
Da ist
Niemand
der nach einem sieht.
Niemand
der einem etwas ans Bett bringt.
Niemand
der wärmende Worte hat.
Niemand
der sich ansteckt. –
Es ist
nur eine Kleinigkeit.
Eine Kleinigkeit
die kaum
zu ertragen ist.


Die Leere in meinen Brillengläsern

In den Gläsern meiner Brille
spiegeln sich
von außen betrachtet

die Leere
die Einsamkeit
die Abwesenheit vertrauter Augen

Es spiegelt sich
die Gewohnheit

Die Gläser sind
entspiegelt
x-fach ….

Damit die Reflektionen
(beinahe hätte ich geschrieben:
Reflexe)
von Licht &
die Reflektionen
meiner eigenen Augen
von innen betrachtet
mich nicht
stören

Mich nicht stören

während ich

die Leere

starrend
&
erstarrt

betrachte


Dieses Brennen

Dieses Brennen in der Kehle
war ungeheuerlich.
Die Nacht davor hatte aus
Martinis bestanden,
Gin, Vodka, Kräuterliköre,
Rotwein & Absinth. Zigarren.

Nichts konnte das Brennen
löschen.
Kein Tee, kein Wasser.
Ich dachte an Bogart &
an Lauren Bacalls
Schilderung seines Sterbens.
Andere Gedanken
wollten nicht kommen.
Jämmerliches Verrecken & Tod.
Ich schaute einen Porno &
holte mir einen runter.
Einsamkeit.
Sonst nichts.
Das Brennen.
Irgend etwas brennt immer.
Wie das Verlangen.
Etwas Eisiges wollte ich
in meine Kehle schütten.
Eine Betäubung.
Ein Vergessen.
Da war noch Vodka
im Tiefkühlfach.
Der reichte für
einige weitere Martinis.
»The whole world is about
three drinks behind.«

Schmerz mit Gegenschmerz bekämpfen.
Feuer mit Gegenfeuer.
Doch nichts
kann es löschen.
Es bleibt.
Bis zum jämmerlichen Verrecken.
Dieses Brennen.


Die Zweitstimme

Es sind
immer wieder
die
selben
Lieder
zu denen ich
unwillkürlich
wie ein Automat

die
Zweitstimme
singe

Es sind
immer wieder
die Lieder
die
nur
für

1 Stimme

geschrieben wurden.


Pommes im Tiefkühlfach

Ich hatte noch
ein paar Pommes
im Tiefkühlfach.

Sie waren
gerade
mal
ausreichend
für
einen Abzählreim.

Es liebt mich
Es liebt mich nicht
Es liebt mich
Es liebt mich nicht.

Davon
konnte ich
nicht
satt werden.

Das Leben.

Was
sonst noch
hätte ich
dazu
essen
oder
abzählen
können?

Nichts.

Es war
Nichts
da.

Aber
davon
reichlich.


Das Läuten

In der tiefsten Stille
meiner Einsamkeit
höre ich
manchmal
ein Klingeln
ein Läuten
ein Schellen

& ich weiß nicht –
ist es
Das Klingeln an der Haustür
Das Klingeln von Leuten
Das Läuten der Kirchenglocken
Das Klingeln des Telefons
Das Läuten des Lumpensammlers –

Oder

ist es

vielleicht

Das Schellen
der klingenden Glöckchen

an den Zipfeln

meiner Narrenkappe ….

wenn ich
den Kopf
schüttle


Ein Guter

Ich träumte von
zu hohem Gras
in meinem Garten
Von wucherndem Unkraut
& den vergangenen Katzen
die darunter ruhten
Von dem toten Hund
der den Katzen
liebevoll die Köpfe leckte

& nirgends
war ein Mensch in Sicht

Das war
ein
Guter
Traum.


Der dünne Katalog

Der alte Mann hörte wie
die Klappe vom Briefschlitz
in seiner Haustür
zuschlug

Post!
Nachricht von draußen!

Langsam
erhob er sich vom Sofa &
langweilte sich
durch den kurzen Flur

Die Post
lag auf dem Boden
auf der Fußmatte

Der alte Mann
bückte sich

langsam

beschwerlich

hob die Post auf

Nur eine
als Brief verkleidete Werbung
&
ein dünner Katalog

Als der alte Mann sich
aufrichtete
schmerzte
sein Rücken

Den Brief
der keiner war
warf er sofort
in den Müll

Den Katalog
nahm der mit auf
das Sofa

Denn auf der Titelseite
war
eine junge Frau

Eine junge Frau
in einem kurzen Sommerkleid

Die Frau
lächelte
wie
eine Erinnerung
an schöne Zeiten

Sie war
perfekt
die junge Frau

Denn
ihr Abbild war
retuschiert
wie
die Erinnerung
an schöne Zeiten

Ihr Lächeln
Ihre Schultern
Ihr Dekolleté
Ihre Beine
Ihre Füße

Der alte Mann
betrachtete sie
lange

Dann schlug er
den Katalog
auf

&
blätterte
darin

Seite
für
Seite

Viele Bilder waren
darin
doch er
verfolgte nur

die junge Frau
von der Titelseite

Das Geräusch
des Blätterns
hatte er ausgeblendet
(oder war er schon zu alt
es zu hören?)

Er fror

Auf den ersten Seiten
trug sie
Kleider
Röcke
Hosen
(lange Hosen
Shorts
Hotpants)

Der alte Mann
blätterte
langsam

sehr langsam

Befeuchte
ab & an
seine Finger
mit der Zunge

Einige Seiten weiter
trug sie
Bademode

Der alte Mann
roch
das Meer
fühlte
den Sand
schmeckte
Salz
&
Haut

Bunt waren
die Seiten
Bunt wie
seine Jugend

Das Licht war
künstlich
in der Wohnung
des alten Mannes
denn draußen
war es
düster & grau

Dann kam
die
Unterwäsche

Der alte Mann
suchte

suchte
nach der jungen Frau

Er sah nur
fremde Gesichter
fremde Körper
war
verstört
war
enttäuscht

blätterte um

& –
da war sie

Der alte Mann war
beruhigt

So schön war sie
in
Dessous

So
perfekt
wie seine
Einsamkeit

Die Zeit
verging
seitenlangsam

Die Seiten
färbten ab
& er
schmeckte sie
die Seiten
die Farben
das Künstliche

Ist diese Sehnsucht
dieselbe
wie
früher
dieselbe
wie
damals? –
Das
kann
nicht
sein
Das
kann
nicht
sein

Schließlich
kam
die
Nachtwäsche

Die junge Frau
in
Schlafanzüglichkeiten

Wovon würde sie
träumen
in diesen
Pyjamas
diesen
Shorties?

Nicht
von dem alten Mann
auf dem Sofa
der in diesen Seiten
blätterte

Nicht
von seiner
Sehnsucht

Nicht
von der
Vergänglichkeit

Vielleicht
von
ihrer
Perfektion

Von der Perfektion
die sie nur
in diesem
Katalog
haben konnte

retuschiert
&
gebannt

für
die Zukunft

Eine Zukunft
die
begrenzt war
wie
die Hoffnung
des alten Mannes

Der alte Mann
schlug den Katalog
zu
& legte ihn
mit der Rückseite nach oben
neben sich

Auf der Rückseite
war
eine Waschmaschine
abgebildet

Der alte Mann
legte
die Hände
in den Schoß

In den Schoß

der

tot

war


Der Mann im Schaufenster

Ich sah diesen Mann
im Schaufenster.
Sein Gesicht –
in meinen Augen war es
müde
alt
gezeichnet
zerstört.
Vom Leben.
Von Jahrzehnten der
Unvernunft.
Seine Haut
war schlecht &
voller Narben.
Hinter ihm standen
die Schaufensterpuppen.
Schön
& glatt
& niemals
zum Leben erwacht.
Aufgemalte Augen
starrten mich an.
Eine der Puppen war
ein Kind
aus Kunststoff.
Es lächelte
tot.
Ich betrachtete
das Gesicht des Mannes.
Wo war
das Kind
in ihm?
Wo
der kleine Junge, der
einst
seine Freude
in einen Fotoapparat
gestrahlt hatte ….
Reitend
auf einem Schaukelpferd.
Mit einer Lebendigkeit, die
erschütternd war. –
Geblieben
war
ein Schwarzweißfoto;
das schwarzweiße Abbild
seiner bunten Welt.
Ich betrachtete
das Gesicht des Mannes.
Es war
durchsichtig.
Durch sein Gesicht hindurch
sah ich
das Gesicht
des Kindes.
Des Kindes
aus Kunststoff.
Des Kindes
mit
dem toten Lächeln.


Die Wimper auf dem Brillenglas

Die Wimper auf dem Brillenglas
behinderte meine Sicht.
Jeder Blick, den ich auf
irgend etwas
warf, war von diesem Schatten
gestört. Die Störung war groß, weil
die Wimper mir so nah war –
dieser kleine Strich….
wie der krumme Teil
eines Fadenkreuzes.
Zielen konnte ich damit nicht.
Aber er war eine Erinnerung,
die alles, worauf mein Blick fiel,
zeichnete.
Behinderung
Schatten
Störung
Zeichnung
Erinnerung

Eine Erinnerung an
Sie
der die Wimper gehört hatte.
Ich hätte sie wegpusten können –
aber
ich tat es nicht. –

Irgendwann
war sie
von allein
verschwunden.


Wirklichkeit & Täuschung

In meinem Kopf lebt
meine Wirklichkeit
Ich existiere
als Vorstellung in fremden Wirklichkeiten
die in fremden Köpfen leben
Die Wirklichkeit
in der ich wirklich bin
kann ich nicht wahrnehmen
wie sie wirklich ist
So wenig wie die Anderen es können

Wir
treffen uns
nirgends
wirklich

Es gibt nur
die Einsamkeit
& die Täuschung
nicht einsam zu sein


Durchbrochene Einsamkeit

Der Rückenschmerz weckte mich.
Ich lag verkehrt.
Langsam, ganz langsam
drehte ich mich im Bett; dann
ließ der Schmerz nach.
Der Wecker gönnte mir noch 2 Stunden.
Der Traum war abgebrochen.
Nach all diesen Jahren
war Sie wieder da
gewesen –
in einem unbekannten Haus;
sie roch & schmeckte wie früher;
unsere Vertrautheit schien niemals
unterbrochen worden zu sein.
Gegenwärtige Vergangenheit ….
vergangene Gegenwart.
Sie schenkte mir
Nacktfotos von sich; ich tat sie
in eine geträumte Tasche.
Dann folgte:
Vergessen. – –
Wovon war ich noch gleich
aufgewacht?
Ach ja, vom Schmerz.
Ich hatte verkehrt
gelegen.
Ich wollte nur weiterschlafen –
jetzt! Sofort!
Aber ich wusste, es würde mir
nicht gelingen.
Wo war die Tasche?
Ach ja, ich hatte sie
im Traum liegen gelassen.
Langsam drehte ich mich
im Bett auf eine Seite,
die nicht schmerzte –
& ich dachte:
Bitte, noch so einen Traum von
durchbrochener Einsamkeit!


Die zerkratzte Rückenlehne

Irgendwann ist dann nur noch
die Rückenlehne
zerkratzt

Die Rückenlehne
des Sessels
auf dem man
fast bewegungslos
sitzt

Katzen
die längst verstorben sind
haben
ihre Krallen daran
geschärft

Und man
erinnert sich

Es gab mal eine Zeit
da war
der eigene Rücken
zerkratzt

Zerkratzt
von
Leidenschaft

die scharf war

Zerkratzt
von der
Leidenschaft

verschwundener
oder
verstorbener Frauen


Der Fleck auf dem Boden

Der Fleck auf dem Boden
ist die Tatsache, die
geblieben ist.
Das Überbleibsel eines
vergangenen Moments, an den
ich mich nicht erinnern kann.
Er ist winzig,
dieser Fleck,
und ich weiß nicht einmal,
woraus er besteht.
Ich weiß nur:
Ich
muss
sein Verursacher
sein.
Denn niemand sonst
ist hier;
niemand sonst
war hier.

Ich zögere,
ihn wegzuwischen.

Denn schließlich
könnte
die Erinnerung
zurückkommen

& wertvoll sein


Glück ….. vielleicht ….

Ich kann noch so
unglücklich
sein

Noch so
krank

Noch so
einsam

Niemals möchte ich
ein
anderer
sein
als
ich

Vielleicht
ist
DAS

Glück


Fahndungsfotos & Steckbriefe

All diese Fahndungsfotos & Steckbriefe,
die an den Wänden meiner Träume hängen….
Und dann wache ich auf, und
die Wände sind leer.
Ich bin wach & gehe durch die Straßen ….
In meiner Erinnerung:
die Fahndungsfotos,
die Steckbriefe ….
Doch niemand in der Realität
sieht diesen Fotos ähnlich,
auf niemanden
passen die Beschreibungen der
Steckbriefe.
Gesucht –
Nicht tot, sondern lebendig.


Menschen, die in Burgen tanzen

Menschen, die in Burgen tanzen,
hinter
dicken Mauern.
Ich kenne den Reim darauf,
doch ich lasse ihn weg.
Das Leben reimt sich nicht.

Menschen, die in Burgen tanzen,
sie schleppen die Mauern mit sich.
Sie behaupten, nicht
tanzen zu können – dabei
wollen sie nur nicht
erkannt werden.

In ihrem Innersten.

Menschen, die in Burgen tanzen,
vielleicht ist ihr
Taktgefühl
zu ausgeprägt.
Und sie wollen es sich nicht
anmerken lassen.

Menschen, die in Burgen tanzen,
sie fühlen sich beobachtet vom
Unbeobachtetsein.
Sie verschanzen &
verschließen sich mit
Notenschlüsseln.

Schlösser rosten ein.

Menschen, die in Burgen tanzen –
so viele Burgen, so viele Menschen.

Und in jeder Burg
ein Verließ.


Panzerglas

Immer wieder treffe ich auf Frauen, die
so zerbrechlich wirken
wie ein hauchdünnes Glas.
Wie ein Glas, das sofort
zerbricht, wenn man es
zu fest umfasst, und das
Splitter
in die zärtlichsten Hände treibt.

In Wirklichkeit
sind sie
1000 Mal
härter als ich.

Panzerglas.

Eher würden
die Knochen in meinen Händen
brechen
als
ein solches
Glas.

Aber das ist
okay.

Ich möchte nicht
härter sein.

Die Erfahrungen &
der Schmerz
sind gut für
irgend
etwas.

Man kann jammern
&
sich besaufen,
man kann sich erinnern
&
Schlüsse ziehen.

Man kann
noch traurigere Musik hören
&
starren
auf Gläser

&
raten,
was wohl

darin

sein

mag.


Mengenlehre

Kreise auf einer schwarzen Tafel.

Da ist die eine Gruppe von Menschen, die
immer an die Richtigen geraten.
Und da ist die andere Gruppe von Menschen, die
immer an die Falschen geraten.

Keine Schnittmenge.

Dann gibt es die Gruppe derer,
die mal an die Falschen, mal an die
Richtigen geraten.

Der größte Kreis auf der Tafel?

Schließlich ist da diese andere Gruppe:
Die Menge der Einsamen.
Sie werden geschnitten, und
sie schneiden.
Und sie schneiden sich
gegenseitig.
Und sie schneiden
sich selbst.
Sie schneiden Wege ab.
Manche kommen aus einer der
anderen Gruppen;
andere waren niemals
in einer Gruppe.

Allein & vereinzelt
in der Menge,
gehen sie in ihrem
Kreis.
Auf einer schwarzen Tafel.
Und sie
starren
in die

Leere.


Sie oder Du

Und dann liegst Du auf Deinem
Sterbebett,
und der letzte Mensch, den Du
siehst,
siezt Dich –
& es bleibt keine Zeit,
ihm das
Du
anzubieten.


Auf Nummer sicher

Das Zimmer kostete 99,– D-Mark damals.
Ohne Frühstück. Er wollte kein Frühstück.
Er bezahlte im voraus & fuhr mit dem Aufzug in den
obersten Stock (er hatte um ein Zimmer im obersten Stock
gebeten; die Nummer habe ich vergessen).
Es war später Abend.
Er schloss die Tür hinter sich ab,
warf die Reisetasche aufs Bett &
öffnete das Fenster; weit.
Milder Sommerabend.
Die Tasche packte er nicht aus.
Er entnahm ihr lediglich
das Rasiermesser.
Ohne sich auszuziehen setzte er sich in die Badewanne;
kein Wasser darin.
Er schnitt sich die Pulsadern an beiden Handgelenken
längs auf.
Ließ das Messer in die Wanne fallen ….
Nach wenigen Sekunden kletterte er wieder aus der Wanne &
wankte – blutpumpend – zum Fenster.
Er sprang nicht; er ließ sich einfach fallen.

Es dauerte ziemlich lange, bis er bemerkt wurde.
Er war an einer Stelle aufgeschlagen, wo des öfteren
Obdachlose schliefen.
Nicht an diesem Abend.

Der Teppichboden musste ausgewechselt werden.
Und der Blutgeruch war hartnäckig.
Trotz des geöffneten Fensters;
dessen es nicht bedurft hätte,
um zu sterben.

Das Zimmermädchen kotzte in die Badewanne.


Die Schneekugel

Als Kind wollte ich
in einer Schneekugel wohnen.
Geschlossene Räume mochte ich
schon immer.
Von geschlossenen Träumen
ganz zu schweigen.
Den Kleiderschrank in unserem Kinderzimmer –
ich räumte ihn aus;
stellte 2 Stühle & einen kleinen Tisch
hinein, auf den Tisch
meine Lieblingslampe.
Mein Bruder & ich, wir
setzten uns in diesen Schrank, und
er las mir vor.
Denn ich konnte noch nicht
lesen.
Nur träumen & mir ALLES vorstellen.
Der Kleiderschrank – es
gibt ihn noch; er steht schimmelnd
in einem feuchten Keller.
Er ist eng. Zu eng für mich
& meine Träume.
Mein Bruder – es
gibt ihn noch; er sitzt
mir nicht mehr gegenüber.
Der Kontakt ist abgebrochen.
Die Lampe wurde
weggeworfen.
Geschlossenen Räume –
ich mag sie noch immer.
Ich kann mir nicht mehr
ALLES
vorstellen.
Aber ich kann lesen.
Und der Schnee, den ich
durch geschlossene Fenster betrachte:
er erinnert mich.


Der Sinn fürs Praktische

Ich bin leicht zu irritieren,
und am meisten irrtiert mich
der Sinn fürs Praktische, den
die Menschen in meiner Umgebung
besitzen.
Alles scheint einfach zu sein; für sie.
Vor allem das Einfache, das für mich
so schwierig ist. Das Alltägliche.
Es ist schwierig für mich, weil es
mich nicht interessiert; es sei
denn, ich lese darüber. Aber dann
muss es interessant geschrieben sein.
(Stil über Inhalt.)
Was soll ich mit dem Alltag?
Ich will die Allnacht!
Ruhe.
Und keine Eindringlinge in meinem Kopf.
»Wie kann man nur so lebensfremd sein?«
Ein Satz, den ich des öfteren höre.
Fremd war ich immer –
mir ….
den anderen …..
dem Leben.

Und überhaupt:
Das Leben –

Es kommt mir nicht zu nah, aber
es geht mir zu nah.

Ich besitze keinen
Sinn fürs Praktische.

Vielleicht einen anderen –
aber den hat
das Leben
nicht.


Manchmal, wenn es ganz still ist

Manchmal, wenn es ganz still ist,
hört man einen Ton, der von einer Gitarre kommt, die
seit Jahren nicht bespielt wurde.

Vielleicht war nur
ein Temperaturwechsel daran schuld.

Dieser Ton klingt nicht wie
gewollt;
nicht sauber.

Nur ein
Pling!

Es hat etwas mit
Spannung zu tun.

Vielleicht auch mit
der Langeweile
einer bestimmten Saite.

Wenn man zufällig vorübergeht
an dieser Gitarre,
könnte diese Saite einem
ins Gesicht springen.

Eine Wunde schlagen.
Eine Narbe hinterlassen.

Manchmal, wenn es ganz still ist,
fühle ich mich
wie eine Gitarre, die
zu lange nicht bespielt wurde.


Die Sängerin in der Bar

Es war Zufall.
Da saß diese schwarze Sängerin
aus Chicago in der Hotelbar;
an der Theke. In diesem
deutschen Kaff.
Trank. Und trank.
Im Saal nebenan: eine Betriebsfeier.
Langweilige Menschen.
Live-Musik.
Schrecklich Musik. Wie ich fand.
Die Sängerin nahm ihr Glas &
ging in den Saal, betrat
die geschlossene Gesellschaft.
Ich machte meinen Job,
oder das, was ich
& andere dafür hielten; an
der Rezeption.
Hin & wieder kamen Kollegen, die im
Saal bedienten, bei mir vorbei.
„Die ist komisch“, sagte einer. „Und
die macht eine der Backroundsängerinnen an.
Fällt allmählich auf.“
Ich sagte nichts.
Sie kam wieder zurück.
Setzte sich wieder an die Theke.
Trank weiter.
Redete mit dem Barkeeper.
Ich hörte ihre tiefe Stimme,
die Stimme, für die sie berühmt war.
Hin & wieder sprach sie auch
mit sich selbst.
Sie ging wieder in den Saal.
Kam wieder zurück.
Trank.
Irgendwann
kam sie zu mir.
Lächelte.
Sagte mir ihre Zimmernummer.
(Als ob ich die nicht gewusst hätte.)
Sagte: “If the girl from the band asks
for me, give her my room-number, please.

Sie lächelte. Ihre Augen ….
ein wenig glasig, ein wenig traurig.
Oder nein – sehr glasig, sehr traurig.
Ich lächelte zurück. Und das nicht, weil es
mein Job war, oder das, was ich & andere
dafür hielten.
Sie kam noch einige Male zu mir, um
sich zu vergewissern, dass ich ihre Bitte
nicht vergessen hatte.
Dann betrat sie den Aufzug. Die Türen
schlossen sich.
Irgendwann verstummte die schreckliche
Musik im Saal.
Die Gäste gingen.
Die Band baute das Equipment ab.
Schaffte es Stück für Stück, an der Rezeption
vorbei, nach draußen.
Ich hörte die Backroundsängerinnen, wie
sie sich unterhielten; mit ihren Durchschnitts-
stimmen. Die nicht immer den Ton getroffen hatten.
Sie machten sich lustig.
Lustig über die kleine Schwäche der
Betrunkenen.
Es war nicht mal Boshaftigkeit, was aus ihnen
sprach. Es war
etwas Schlimmeres.
Es war die Leere in ihnen; das,
was sie von der anderen
unterschied.
Ich stellte mir vor, wie sie da oben in
ihrem Zimmer saß
& wartete.
Aber vielleicht war sie ja auch schon
eingeschlafen.
Betrunken & einsam.
Das ist Jahre her; und es ist
immer noch seltsam, ihre Stimme zu hören,
oder sie im Fernsehen zu sehen – &
sich vorzustellen, dass diese
Backroundsängerin
sie vielleicht auch hört & sieht.
Und noch immer nichts
begriffen hat.


Das Fingerschnippen

Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.

(siehe auch: Die Klapsmühle)