Schlagwort-Archive: Beziehung

Paradox

S ist paradox:
Du bist so weiblich
in deinem Herrenhemd

so großartig
wie Du klein &
unartig bist

so überlegen
wenn Du nicht nachdenkst

so verrückt
auf Deinem festen Standpunkt

Und Du suchst die Schönheit
& Du findest mich
hässlich


Die Goldwaage der Nüchternen

Und die Nüchternen erwachen morgens
nüchtern. Und sie hören, was ich sage –
wenn ich etwas sage. Und sie lesen, was
ich schreibe – wenn ich etwas schreibe.
Und sie legen meine Worte auf die
Goldwaage ihrer Nüchternheit. Und
sie wiegen nach. Nüchtern. Und die Maßeinheit
heißt Verletzung. Und die Verletzung wiegt
schwer. Obwohl meine Worte nicht
Gold sind. Meine Worte sind nur Blei.

Morgens.
Eine Nacht voller Cocktails liegt
hinter mir. Meine Munition. Ich bin
geladen. Mein Hirn ein Magazin von
Dum-Dum-Geschossen. Ich schieße
um mich, wild & rücksichtslos;
manchmal auch sentimental.
Pardon wird nicht gegeben.
Unsichtbares Blut läuft aus offenen
Wunden. Aus den Wunden der
Nüchternen, die gerade erwacht
sind; und die als erstes ihre
Goldwaage polieren.

Sie sollten sie in Zahlung geben,
diese Goldwaage. Sie bedeutet nur
Schmerz. Vielleicht
bekommen sie dafür eine
schusssichere Weste. Ich wünsche
sie ihnen.

Und manchen von ihnen würde ich
sie sogar gerne
schenken.


Strategien

Ich habe meine Strategien, um
mit der Scheisse in mir
fertigzuwerden;
Verletzungen zu betäuben.
Diese Strategien verletzen Dich,
reißen Deine alten Wunden auf, für
deren Bewältigung Du Deine
Strategien hast, die mich
verletzen.
Ein mieser Teufelskreis,
in der Tat.
Es tut mir leid.
Wir können es
nicht ändern.
Wahr-
scheinlich.


Bekanntschaft

Eine Bar in ungemütlichem Licht.
Nach dem 8. oder 9. Vodka-Martini auf
nüchternen Magen war ich in
Erfinderlaune. Ich sagte zu meiner
Bekannten:
„Siehst du den alten Typen da drüben,
im Holzfällerhemd? Das ist ein
berühmter Schriftsteller; ein berühmter
schwuler Schriftsteller, kenne ich ausm
Fernsehen.“
Sie nippte an ihrem Rotwein, schaute
kurz hinüber.
Ich sagte:
„Und weißt du was; ich glaube, ich
werde zu ihm rübergehen & ihm an-
bieten, seinen Schwanz zu lutschen.
Vielleicht besorgt er mir dann einen
Verleger.“
Ich hatte ein Lächeln erwartet; aber
mich traf nur der kalte Blick der
Humorlosigkeit.
„Das würdest du tun?“ sagte sie. „Du
würdest dich prostituieren?“
Ich war nicht in der Stimmung,
einzulenken. „Na klar, tief in mir
drin bin ich eine Nutte. Ein Stricher.
Wußtest du das nicht? Und ich bin
nicht mal schwul. Aber was solls; man
muss Prioritäten setzen.“
Offensichtlich konnte ich Rotwein
in Essig verwandeln.
Da wurde mir klar, dass wir uns nicht
kannten. Vielleicht niemals ein
Wort des andern richtig verstanden
hatten.

Wenn ich einen Brief abzuschicken habe,
gehe ich nachts zum Briefkasten; ich
will nicht gesehen, nicht angesprochen
werden von Nachbarn. Ich will meine
Ruhe, Ruhe. Ruhe!

Für andere nur schemenhaft
existieren…..

Anonymität
Versteckspiel
Untergang in der Masse
Unkenntlichkeit
Schweigen. –
Das ist es, was ich brauche.
Nichts sonst.

Ehrgeiz?
Ich verstehe das Wort nicht.
Ehre …. Geiz ….
Verschwindet!

Schon in der Grundschule
schwieg ich oft, wenn die
Lehrer mich etwas fragten –
vor allem wenn ich die Antwort
wußte.
Ich schwieg nicht aus
Schüchternheit. Ich
sah keinen Sinn im Antworten.

Der Pubertätstraum der
Prominenz verschwand mit
der Pubertät.

Ich wollte nur dasitzen &
vor & für mich hinkritzeln
& -tippen. Keine
einzige Seite aus meinen
Papierbergen hätte ich jemals
in einen Briefkasten gesteckt.
(Wenig Resonanz von wenigen
Menschen war gut & genug.)

Man kennt sich nicht.
Man versteht sich nicht.

Ich trank noch einen
Martini.
„Übrigens, die Frau, die sich
dahinten unterhält, ist eine berühmte
Schriftstellerin. Ich werde ihr
anbieten, sie zu ficken. Dann kann
ich vielleicht zwischen 2
Verlagen wählen…..“

Ungemütliches Licht.

Eine Bekannte.
Eine entfernte Bekannte.
Eine Bekannte, die sich
entfernte.


Empfindliches Gewebe

Nicht alle Narben sind
totes Gewebe

Manche Narben sind
lebendiger als
man sich selber manchmal
fühlt

Jemand tippt darauf
versehentlich &
in bester Absicht

streichelnd
vielleicht

& man krümmt sich
vor Schmerz & wird
vielleicht
ungerecht


Angstschweiß

Ich finde sie schön, deine
hohe Stirn
Noch schöner finde ich sie
im Glanz des Angstschweißes,
glitzernd & reflektierend.
Ich verstehe ihn,
den Schweiß der Angst;
Angst vor dem Leben,
Angst vor dem Ende &
dem Nichts.
Ich lecke ihn ab, bevor ich
ihn mit Tequila
hinwegspüle.

Das Leben ist sauer,
& deine Angst ist
salzig.

Und ich finde sie
schön & ich
finde sie
süß.


Der Galgen & Du

Der Galgen hat eine schöne Geometrie &
er wirft einen schönen Schatten

Aber er ist doch ein Galgen.

Du hast eine schöne Symmetrie &
Du wirfst einen schönen Schatten

Aber vielleicht bist Du

mein Tod


Der Hubschrauber des Damokles

„Darüber darfst du auf keinen Fall schreiben“, sagte sie.
„Natürlich nicht, was denkst du denn…“, sagte ich.

Natürlich schrieb ich darüber.
Ich muss über alles schreiben, was mir
den Kopf wegpustet. Und mich
als Leiche zurücklässt.

Aber ich legte es in die Schublade.
Dort liegt es, das Damoklesschwert,
das über den Köpfen der anderen
kreist. Wie das Rotorblatt
eines Hubschraubers.


Der gefrorene Schrei

Der gefrorene Schrei an Deinem
Fenster – er stammt von mir.
Eine Eisblume des Erschreckens.
Ich stand im Schnee & blickte ins
Innere …..
Ich sah Dich von der Decke hängen;
an dem Nietengürtel, den ich Dir
geschenkt hatte.
Dein Gesicht war so dunkel; &
Du strecktest mir die Zunge raus.
Es war so kalt. So kalt.
Mein Schrei gefror. Du
konntest ihn nicht mehr sehen.
Ich verwischte meine Spuren im
Schnee &
ließ Dich hängen.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Behauchtes Glas

Du hauchst auf Glas
& schreibst Gedichte in deinen Atem

Ich puste darauf
& sie verschwinden in Luft

Ich atme sie ein
& sie überleben in
mir


Ein Reagenzglas

Manchmal bin ich nur
ein Reagenzglas

Chemie
sonst nichts

Ich re
agiere

erhitze mich &
schäume über

oder ich

erkalte &
beschlage mich

oder ich

explodiere
splitternd

Dann kann man sich
an mir schneiden


Der Leichenkeller

Und irgendwann trägt man seinen eigenen
Keller mit sich herum
Einen Keller voller Leichen
mumifizierte Gefühle
skelettierte Lieben
unkenntlich
oder längst zu fast Nichts
zerfallen
Schritte werden schwerer
klingen unterhöhlt
Man jongliert mit Knochen
würzt die Gegenwart mit Leichenstaub
& hofft auf die
Auferstehung
der
Vergangenheit

oder auf die
Geburt
der
Zukunft


Der Wolf & das Kätzchen

Als der alte graue Wolf sich in die
kleine schwarze Katze verliebte
ahnte er bereits, dass er sich
lächerlich machen würde
Vielleicht nicht vor der Welt
die ihm gleichgültig war
aber vor sich selbst
Er hatte sich verlaufen
hatte sie außerhalb seines
Reviers kennengelernt
in einer Umgebung die ihm
unwirklich erschien
Sie hatte Angst vor ihm
& schnurrte dennoch
strich um ihn herum &
ließ sich das Fell von ihm
lecken
Irgendwann sagte das Kätzchen:
„Ich liebe Dich“
& der Wolf glaubte es
Der Wolf kannte nicht viel
außerhalb seines Reviers
aber das Kätzchen kannte
noch weniger
So selten hatte es sein
Körbchen verlassen
Sie glaubten sich gegenseitig
& sie glaubten sich selbst
In diesen Momenten
Als die Zweifel noch andere
Wege gingen
Sie veränderten sich beide
Der Wolf bekam etwas Katzenhaftes
Die Katze etwas Wölfisches
Im Innern des Wolfes schnurrte es
stumm
Im Innern der Katze heulte es
stumm
& sie fühlten sich fabelhaft
weil sie glaubten einander zu ähneln
Der Wolf vergaß wie ein Wolf aussieht
Die Katze vergaß wie eine Katze aussieht

Bis der Kater ihren Weg kreuzte
Der kleine Kater der dem Kätzchen
auf Augenhöhe begegnete
Sie beschnupperten & beschnurrten
sich gegenseitig &
die Katze wusste
es würde einfach werden
& sie sehnte sich nach Einfachheit
Sie legte das Wölfische ab
wie ein Schmuckstück das sie
plötzlich für wertlos hielt

Der Wolf behielt das Katzenhafte
Er trug es weiter in sich &
also verstand er den Kater &
konnte ihm nichts antun
Er ging zurück in sein Revier
schüttelte den Kopf über sich selbst
& fragte sich immer wieder:
Wie sieht ein Wolf aus?
Wie sieht ein Wolf aus?


Die Todesspinne

Die Todesspinne setzte sich auf mein Gehirn
& begann zu weben
Gedanken verwoben sich in ihren Fäden
wurden unbeweglich & ausgesaugt
wie blauschimmernde Fliegen
Die Beine der Spinne waren 8 & schnell
Benetzt & gefangen war mein Geist
Schwarz zuckend saß sie auf grauem Grund
Ihre Gründe ergründete ich nicht
Sie grinste wie die Spinne von Redon
die über dem LeseSessel von Huysmans hing
Tief unten & Gegen den Strich
war sie mir
sympathisch wie
der kühne Schwung der
Sense
über dem gelben Feld der
Eintönigkeit
wo unter dem kalten Blick der
Raben
der Maler sich
erschoss


Die Brücke

Du gehst vorüber an der Brücke, die
ich Dir gebaut hatte. Du wirst niemals
wieder jemanden kennen lernen wie
mich.

Wenn ich tot bin,
wirst Du Dich vielleicht erinnern.
Unter der Brücke stehen &
Rotwein trinken.

Zukunft.
Vielleicht auch nicht.

Die Brücke,
war sie brüchig?
Vielleicht.
Der Abgrund, über den sie führte:
zu tief?

Vielleicht.

Gründe:
hattest Du.
Waren sie gut?
Wahrscheinlich.

Geh vorüber an der Brücke,
wenn ich tot bin. Sie
ist kein Ort für
Dich.


Los

Der Druckknopf im Kopf
führt zum Knoten
an der Zwangsjacke

Löse mir
die Endlosschleifen

damit ich endlich
begreife

was
zu lösen ist

Der Druck
Der Zwang
Der Knoten
Das Ende


Du vom Himmel…..

Sie nannte mich:
Du vom Himmel gefallenes Stück
schwermütig glitzernde Scheisse!

Ich fand das sehr poetisch.
Poetischer als alles, was andere
zu mir gesagt hatten, selbst wenn
auch das poetisch gewesen war.

Aber die Poesie vergeht,
immer; fast immer.

Die Uhr der Poetik tickt.

Tickt. Tickt.

Worte der Poesie werden zu
Worten der:

manchmal Freundschaft
manchmal Feindschaft
manchmal Gleichgültigkeit
manchmal Langeweile

Dieses Mal wurden sie
– & das ist die grausamste Variante –

zu
Schweigen.


Das Sofa

Sie saßen auf dem Sofa.
„Hör zu“, sagte er, „ich habe
bestimmte Bilder im Kopf. Und
wenn die Realität nicht zu diesen
Bildern passt, hat die Realität
schlechte Karten.“
„Du meinst, ich bin hässlich?“ sagte sie.
„Du bist nicht hässlich“, sagte er.
„Du meinst, ich bin zu alt?“ sagte sie.
„Du bist nicht alt“, sagte er.
„Nein“, sagte sie. „Nicht alt. Aber
zu alt.“
Er sagte nichts.
Sie sagte: „Hast du mal in den Spiegel
geguckt?“
„An Spiegeln gehe ich seitlich vorbei“,
sagte er. „Aber du hast recht.“
Die Realität saß auf dem Sofa.
2 Köpfe saßen auf dem Sofa.
In den Köpfen wohnten 2 Fantasien.
Die Fantasien konnten einander nicht begegnen.
Die Realität hatte schlechte Karten.


Würfel

Die Würfel sind
gefallene Engel

aus den Wolken
in die Hölle

gefallen

Sie gefallen mir
Sie tun mir viele
Gefallen

Ich zähle ihre Augen
Dunkle Augen des
Schicksals

Die Summe
immer gleich

Geworfen sind sie
wie wir

geworfen sind

in das Leben

oder in die Wolken
oder in die Hölle

Engel
die fallen


Ihre Jugend

Sie kannte sich nicht aus
mit dem Leben
Sie war so jung
so jung

Sie wusste nicht
dass es
nach dem Schweigen
noch Worte geben
kann

Worte ohne
Vergangenheit
Worte der veränderten
Gegenwart

Worte
der Ermutigung
Worte
ohne Angst

Sie schwieg

Sie musste schweigen
denn sie war so jung
&
sie kannte sich nicht aus


Mein kostbarster Besitz

Mein Hirn: eine matschigfaule Frucht
Ein Kater schnurrte darin &
spielte mit seiner Schwanzspitze
Die Sonne tat was ich wollte: Sie ging unter

Was war passiert
letzte Nacht oder
am Morgen bevor ich
schlafenging?

Ich erinnerte mich
dunkel

Ein Gefühl war gekippt
wie billiger Wein der
zulange offen steht

Essig

Ich konnte wieder klar
sehen

Nicht dass mir an der Klarheit
viel gelegen wäre
Aber ich gehörte wieder
mir selbst

Mein kostbarster Besitz

Ich machte mir mein
abendliches Frühstück:
Eier mit Schinken auf Toast
Ketchup
1 Liter Grüner Tee &
ging damit zurück ins Bett

Schaltete das Radio ein
atmete unfrische Luft &

fühlte mich gut

Gedanken kehrten zurück
in meinen Schädel
Sie waren mein Eigentum
Gedanken wie reife
Eiterbeulen

Und diejenigen
die nicht von alleine platzten
konnte ich
ausdrücken

Die nächste Nacht
stand bevor

Mehr brauchte ich nicht

Mehr brauche ich
nie


Fechten

Ich fechte
mit der Zeit

Nicht immer
weiß ich

ist es
Florett
Degen
Säbel
Schwert ?

Ich sehe
die Schmisse

in meiner
Fresse

Die Maske
habe ich abgesetzt

vor langer
Zeit

Schutz
brauche ich nicht mehr

Wer auch immer
gewinnt

ist
der Sieger

& hat
recht

mit kleinem
r


Nichts Besonderes

Ich betrachtete die Fleckenfratzen auf der Theke,
versuchte etwas in ihnen wiederzuerkennen;
gute alte UnBekannte. Die sich aus dem Staub
gemacht hatten. Staub, in den man zeichnen
konnte, mit Fingern der Langeweile.

„Du hättest etwas aus deinem Leben machen können“,
sagte er.
„Das Leben hat etwas aus mir gemacht“, sagte ich. „Und
das ist mir wichtiger.“

Das Bier schmeckte nicht besonders. Ich grinste.
„Ansonsten hat sich niemand etwas aus mir gemacht.“
„Das ist ja wohl nicht wahr“, sagte er.
„So wahr wie meine Wahrheit sein kann.“
„Also nicht besonders wahr.“
„Stimmt“, sagte ich. „Nicht besonders. Aber
es klang schön. Und das ist die Hauptsache.“

Gegenüber saß eine junge Frau neben einem
sehr viel älteren Mann. Sie unterhielten sich
angeregt. Der Mann war etwa
in meinem Alter. Hin & wieder sah die Frau
zu mir herüber; blickte mir tief in die Augen.
Ich las in ihnen: Du bist nichts Besonderes.

Ich bestellte noch 2 Bier.

Worauf wollte ich hinaus?
Keine Ahnung. Auf Nichts wahrscheinlich.
Ich will meistens auf Nichts hinaus.
Ich kenne mich aus im Nichts & mag es.

Wir schwiegen. Wir tranken.
Ich blickte auf die Flecken, betrachtete die Augen.
Hörte auf Nichts.

Dann
machten wir uns aus dem Staub.


Das Leben als Sein & Vorstellung

Ich erwachte in dem Gehirn
eines anderen Menschen
Erwacht aus dem Schlaf
der meine Realität gewesen war

Plötzlich lebte ich als
Vorstellung
als Fantasie
als Traum
eines Anderen

Mein Leben war nur noch
der Reflex des fremden
Geistes

Ich wurde wahrgenommen
aber diese Wahrnehmung war
nicht wahr
War
nicht ich

Dennoch
es war aufregend
eine neue Form der
Existenz

Ein Leben im
Woanders

Ungewiss
für eine gewisse Zeit

Dann:

Wurde ich wieder gelöscht
von dem fremden Bewußtsein
aus dem fremden Bewußtsein

Vorstellung Fantasie & Traum
waren mir verschlossen
blieben mir verschlossen

Für einen Moment
schien ich nicht mehr zu existieren
Der fremde Geist ließ mich nicht mehr zu
Meine Realität hatte ich irgendwo
vergessen
Ich musste mich erst erinnern
wo
Ich musste sie wiederfinden

Musste sie wiederfinden
obwohl ich das Interesse an ihr
verloren hatte

Aber irgendwo
muss man ja

sein


Der Schnellzug

Und wiedermal bist Du drüber hinweggekommen
Wie der Schnellzug über den Kopf des Selbstmörders
Ein bisschen was von Dir ist auf der Strecke geblieben
Aber das ist nicht wichtig

Wichtig ist
dass Du etwas hattest, worüber Du
hinwegkommen musstest
Und dass Du es geschafft hast

Die Veränderung, die es bewirkt hat, ist gut
Der Schmerz ist gut
Die Traurigkeit ist gut
Denn das ist die Lebendigkeit in Dir

Du kannst großzügig sein
mit Dir
& mit Anderen
Keine Rechtfertigungen
Keine Vorwürfe
Es ist keine Zeit dafür

Zu schnell wird der Zug sein Ziel erreichen
Den Kopfbahnhof, wo Du aussteigen musst
Schau aus dem Fenster
solange er unterwegs ist

Sieh was auf der Strecke liegt
Es ist nicht so wichtig
Wie Du manchmal denkst


Der hohle Baum

Nacht. Wald. Windstille. Mondlicht, das durch Baumkronen splitterte. Meine Schritte, mal knisternd, mal dumpf. In der einen Hand hielt ich eine Taschenlampe, in der anderen einen Zettel. Ich hatte diesen Zettel gestohlen, aber der, dem er gehörte, vermisste ihn wahrscheinlich gar nicht; wusste vielleicht nicht einmal etwas von dessen Existenz. Egal. Die Wegbeschreibung hatte mich fasziniert. Kritzelei. Geheimnis. Vielleicht etwas Unbekanntes, das man finden konnte. Irgendwo am Ende. Endlich etwas suchen. Das man nicht verloren hatte.
Es war noch angenehm warm. Waldluft, Geraschel von Tieren … Was hätte ich Besseres tun können, als mitten in der Nacht hier umher zu laufen? Das Taschenlicht auf den Zettel gerichtet, kam ich nur langsam voran; die Zeichnung & die dazugehörigen Worte waren alles andere als eindeutig. Mögliche Mißverständnisse schienen absichtlich eingebaut, sollten in die Irre führen. Das reizte meine Neugier nur noch mehr. Wie lange ich schon unterwegs war, keine Ahnung; ich habe nie eine Uhr bei mir. Dort, wo man manchmal wissen muss, wie spät es ist, gibt es immer jemanden, der es einem sagen kann; an allen anderen Orten muss man es nicht wissen.
Irgendwann also. Irgendwann stand ich vor dem gewaltigen Baum. Das musste er sein. Dicker als alle andern. Im Lichtfleck der Taschenlampe wirkte seine Oberfläche krank. Pilze umstanden ihn wie kleine Schachfiguren. Den Mond wehrte er ab. Man musste etwas Bestimmtes tun; es stand auf dem Zettel.
[…]
Warmes Licht strahlte blaß durch die schmale mannshohe Öffnung des Baumes. Es kam von unten. Rötlich-orange, ein Rechteck, schwach auf den Waldboden reflektiert. Fast blendend nach all der Dunkelheit. Ich trat näher. Schaute durch die Öffnung. Eine steile Treppe mit Geländer führte hinab zu einem Holzfußboden. Essensduft stieg nach oben. Wie eine Kindheitserinnerung.
Ich bin recht dünn. Zwängte mich seitlich durch den Spalt. Leicht nach hinten geneigt, Hand am Geländer, Stufe um Stufe hinab. Viele Stufen, viele Meter. Hinter mir schloss sich der Baum, knarrend. Der beengte Abstieg endete …..
….. endete in einem großen Gewölbe voll feurigem Licht; Kerzen & Kamine leuchteten. Alles war mit dunklem Holz ausgeschlagen. Möbel aus dunklem Holz. Asymetrisch angeordnet; keine rechten Winkel. Wärme, Hitze. Schatten wie Scherenschnitte. Leuchtende Schleier aus Tabakqualm. Und überall Bücher & Zettel. Papierene Welten. Bleistifte. Staub & Spinnennetze.
Die junge Frau stand mit dem Rücken zu mir an einem altertümlichen Herd. Rührte. Lange schwarze Haare. Schlank. Sie trug einen dunklen Pullover, der ihre Oberschenkel zu einem Drittel bedeckte. Sonst nichts. Barfuß. Ich blieb an der Treppe stehen.
Sie wandte ihren Kopf, blickte mich über die Schulter hinweg an. Zögerliches Lächeln.
„Hey“, sagte sie.
„Hey“, sagte ich.
„Wieder mal einer, der den Weg gefunden hat.“
Traurige Augen. Die sie dann wieder auf den Topf richtete.
„Ja, ich habe die Karte gefunden“, sagte ich.
„Gefunden?“ (Ihre Stimme!)
„Mehr oder weniger.“
„Wenn du sie gefunden hättest, wärst du nicht hier.“
Weg von der Treppe, ein paar Schritte wenigstens. Ich sah, was die Flammen mit ihren Schenkeln machten.
„Wieso?“ fragte ich ihren Hinterkopf.
„Nur wer sie stiehlt, findet hierher. Und das waren bisher nicht viele.“
„Tja, Scheisse, ich bin ein verfickter Dieb, ich gebe es zu.“
Genet“, sagte sie.
„Genau. Genet.“
„Setz dich.“
Sitzgelegenheiten noch & noch. Ich legte Lampe & Zettel auf den nächstbesten Tisch & wählte ein Sofa, zu dem ein Grammophon gepasst hätte; eine Kissen-Oase.
Sie drehte sich herum. „So, Köcheln ist angesagt.“ Es war ein Rollkragenpullover. Grobe Maschen. „Was zu trinken?“
„Alles, was die 40%-Hürde schafft, ist willkommen.“
„Absinth“, sagte sie.
„Grün wie die Hoffnung“, sagte ich.
Verdammt, da stand ja tatsächlich ein Grammophon. Vor einem Regal mit ausgestopften Vögeln; ganz oben ein starrender Uhu.
Sie tappste zu einer Kommode voller Flaschen & Gläser.. Reflexionen. Zuckerwürfel, die sie in Brand setzte; Zischen & Rühren & Löschen mit Wasser.
Dann trat sie mir nah. Beine, Pullover, Schatten unter den Augen. Sie reichte mir das Glas. Fingerspitzen, die sich berührten.
Sie setzte sich zu mir.
„Was gibt’s zu essen?“ fragte ich.
„Hackbraten mit Pilzen. Als Nachtisch Feigenkompott.“
Falscher Hase, dachte ich, Alice im Wunderland …. Wo ist der echte Hase? Wo die Uhr?
Es gab eine Standuhr, aber die zeigte eine Zeit an, die nicht stimmen konnte. Das Pendel bewegte sich; lautlos. Lautlos?
Ihre Schenkel so nah. Angewinkelt. Haut, so blass. So glatt. Duft.
Wir nippten gleichzeitig getrübten Anis.
„Verrückt“, sagte ich.
Verrückt“, sagte sie. Bei ihr klang es so anders. Ein Wort, das man streicheln musste. Ihre Nase war eine Sprungschanze, ihr Mund das Kissen für die Landung. Sommersprossen. Kerzenflämmchen tanzten in ihren Pupillen.
„Was mach ich hier eigentlich?“ sagte ich.
„Tja, was? Vielleicht – mich retten?“
„Wovor?“
„Vor all dem.“ Eine ausladende Geste.
„Ich finde es sehr schön hier.“
„Nur wenn man es zum ersten Mal sieht. Für mich ist es der Schädel eines Wahnsinnigen, in dem ich lebe.“
„Wieso lebst Du dann hier?“
Sie nahm einen großen Schluck.
„Lass uns über was anderes reden“, sagte sie.
„Wie du willst.“
Ich stellte mein Glas auf einen Tisch voller Bücher. Zwischen Joyce, Proust & Huysmans.
„Du hast ein Grammophon.“
Sie lächelte. Eine winzige Zahnlücke zwischen ihren oberen Schneidezähnen.
„Ja, manchmal lege ich eine uralte Platte auf & tanze dazu. Nachts. Allein.“
„Das würde ich gerne sehen.“
„Du spinnst.“
„Nur manchmal“, sagte ich. „Bist du denn immer allein?“
„Ja, immer. Ich weiß nicht mal, wo das Essen herkommt. Oder alles andere, was man so braucht. Es ist einfach da.“
Sie kippte den milchigen Rest & stellte das Glas neben meins.
„Ich habe längst aufgehört, mir Fragen zu stellen“, sagte sie, „oder nach der Realität in all dem hier zu suchen. Logik ist mir scheissegal inzwischen. Es gibt sie nicht. Nicht hier. Die meiste Zeit bin ich ohnehin verwirrt.“
„Aber du schreibst.“
„Ja, ich schreibe. Was soll ich auch sonst tun?“
Sie rückte etwas näher. Ihr Knie berührte mich. Leicht.
(Schwere in meinem Schwanz.
Schnell, so schnell. Vielleicht. Aber auch die Zeit hatte hier etwas Seltsames, Unbekanntes. Eine Mixtur aus -Raffer & -Lupe.)
„Ich bin so einsam“, flüsterte sie.
„Ich auch“, flüsterte ich.
„Aber nicht so.“
Die Flämmchen glitzerten näher.
„Wie heißt du?“, fragte ich.
„Das ist unwichtig“, atmete sie in mein Gesicht. „Und du?“
„Das ist noch unwichtiger.“
Sie legte ihr Bein über meine Oberschenkel. Weich.
Dann: Hände … Haut … Lippen … Zungen … Gerüche … Nässe zwischen ihren Beinen … Glitschige Finger …
Sie erhob sich vom Sofa. Durchquerte den Raum. Hinüber zu dem großen schweren Bett zwischen roten Lampenschirmen. Im Gehen zog sie den Pullover über ihren Kopf. Mein Schwanz beobachtete sie. Die schwarzen Haare, die über den hellen Rücken fielen. Ihren Arsch, wie sie ins Bett kletterte. Jede Schwingung. Ihre Fußsohlen. Feuerlicht auf ihrer Haut. Sie legte sich auf die Decke, bäuchlings, mir zugewandt. Augen. Blick. Blick. Augen. Ich ging zu ihr.

Die Zeit …. Seltsam … Unbekannt … 2 Einsamkeiten, die sich ficken … Sehnsüchte … Etwas Vergessenes, das wieder einfällt & in ein anderes Vergessen führt … Saufen, was aus Körpern dringt … Schläge in & außer Takt … Schreie … Worte … peitschende Beschimpfungen … Atem & Atemlosigkeit … schwitzende Fantasien … Schmerzen … Tränen Sperma Fotzensaft … zitternde Suche … ziellose Gier …

Schwitzend auf dem Bett. Sie drehte sich eine Zigarette; schnell, geschickt. Spitzzunge. Das Zipp-Clock! eines Zippos. Sie inhalierte tief.
„Das Essen kannste wohl wegschmeissen“, sagte ich.
„Nö, das geht schon noch, irgendwie. Ausserdem hab ich einen Mordshunger.“
Die meisten Kerzen waren erloschen. Kamingeflacker. Sie blies Rauchringe ins Licht der Nachttischlampen. Wir drückten unsere nassen Häute aneinander.
„Wie bist du hierher gekommen?“ fragte ich.
„Genauso wie du. Ich hab einen Zettel geklaut. Ist Jahre her.“
„Wieviele von diesen Zetteln mag es wohl geben? Oder ist es immer derselbe?“
„Nein“, sagte sie, „allein hier unten liegen bereits 16 Stück.“
„Hmm. – Und, lebte damals jemand hier?“
„Ja, es lebt immer jemand hier. Damals war’s ein etwas seltsamer älterer Mann. Ich glaube, die meisten Bücher hier sind von ihm. Bin mir aber nicht sicher.“
„Hast du ihn auch gefickt?“
„Ja.“
„Und er hat dich allein gelassen?“
„Auf Dauer kann immer nur einer hier leben“ sagte sie. „Das ist einfach so.“
Ich streichelte ihren Oberschenkel.
„Wieso, was passiert denn sonst?“
„Einer von beiden verändert sich. Nach einiger Zeit. Es ist wie eine Art Krankheit.“
„Krankheit?“
„Ja. Einfach widerlich. Ich will da nicht drüber reden.“
„Okay“, sagte ich, „aber warum ist dann er gegangen, und nicht du, wo du’s doch hier so grauenhaft findest?“
„Anfangs fand ich’s ja nicht grauenhaft. Außerdem war er schneller.“
„Versteh ich nicht.“
Sie lächelte. „Du musst ja auch nicht alles auf einmal verstehen. Das ist ein bisschen viel fürs erste.“
Fuck“, sagte ich.
„Ja, genau, Fuck. Ich kümmer mich mal ums Essen.“
Mit der Zigarette im Mundwinkel stand sie auf. Ging zum Herd. Po-Swing! Blaßrötliche Landkarte meiner Schläge. Um die sie gebettelt hatte.
„Tja“, sagte sie, „Pilze zerkocht, Kartoffeln püreeähnlich, und das Gehackte ist sicher furztrocken.“
„Egal“, sagte ich.
„Genau, egal, der Hunger treibts rein. Kannst schon mal den Tisch decken; da drüben ist alles.“
Vorher ging sie noch pissen. Auch das Klo stand offen; es gab einfach keine Wände. Sie saß da & plätscherte, lächelte mich an, warf den Zigarettenstummel zwischen ihre Beine; Zisch. Sie wusch sich nicht die Hände anschließend; das gefiel mir.
Dann saßen wir nackt am Tisch. Teller & Töpfe zwischen Büchern; frische Kerzen. Die die Schatten unter ihren Augen beleuchteten.
„Wußt ich’s doch, dass es trotzdem super schmeckt“, sagte ich. „Eine Zauberkünstlerin der Gewürze.“
„Ich bins gar nicht mehr gewohnt, nicht allein zu essen. Irgendwie seltsam. Aber irgendwie auch schön.“
Titten sind mir nicht besonders wichtig, aber ihre gefielen mir. So als Garnierung des Essens.
Eine Spinne huschte über den Boden, als hätte sie eilige Geschäfte.

Sie finden nicht hierher. Sie finden nicht den Zettel. Sie würden den Zettel niemals stehlen, wenn sie ihn fänden. Sie hätten kein Interesse. Menschen, die funktionieren. Menschen, die mitten im Leben stehen; in einem Leben, das als normal bezeichnet wird. Menschen wie Zahnräder in einer Uhr. Ihre Zacken greifen ineinander, treiben die Zeit voran; sinnlos, leer. Zeitvertreib folgt auf Zeitvertreib. Bis dass der Tod sie scheidet ….. Sie ist kaputt, ich bin kaputt. Vergangenheiten, die uns die Zacken abgeschlagen haben. Fremdkörper in der Uhr. Schmerz, Neugier, Selbstzerstörung. Absonderung. Selbsthass & Egozentrik. Hungrig auf Alles & doch oft unfähig zu schlucken.

Tage? Oder Wochen?
Keine Ahnung. Ich verstand die Zeit nicht mehr. Und sie konnte mir die Zeit auch nicht erklären; sie wusste noch weniger darüber als ich. Und ihre Standuhr war verrückt.
Es lohnte sich nicht, Klamotten anzuziehen. Bett, Essen, Trinken; Trinken, Essen, Bett & Badewanne. Schaumblasen, die zwischen uns platzten. Nur hin & wieder zog sie etwas an, das mir besonders gefiel; etwas, das ihre Beine betonte. Ich lernte die kleine Narbe auf ihrer Zungenspitze kennen. Gespräche & Gespräche & Gespräche. Gegen das, was sie erlebt hatte, kam mir mein Leben nahezu geschmeidig vor. Es erklärte ihre Augen; es erklärte ihre Schatten. Es erklärte ihre Ängste. Ich las vieles von dem, was sie geschrieben hatte. In all diesen unterirdischen Jahren. Wenn es Jahre gewesen waren. Worte, die einen eigenen Ton hatten, einen eigenen Geruch, einen eigenen Puls. Und sie war so jung. Ich: 30 Jahre älter.
Wir tanzten zum Grammophon. Knisternde Orchestermusik; eine unbekannte Melodie. Die Hände auf dem Arsch des andern. Ab & zu gab die aufgezogene Feder einen aufschreckenden Knall von sich; manchmal zuckten wir leicht zusammen. Gekicher. Grinsen.
„Du machst mich so glücklich“, flüsterte sie.
Schweigen.
Tanzen.
Schweigen.
„Was meinst du, wann die Veränderungen einsetzen werden“, sagte ich.
„Ich weiss es nicht. Vielleicht schon bald. Und ich weiss auch nicht, wen es treffen wird.“
„Sieht man es?“
„Oh ja, man sieht es. Aber ich vermute, es verschwindet wieder, sobald man sich trennt.“
„Du bist nicht sicher?“
„Wie kann ich das?“, sagte sie. „Man sieht sich ja nicht mehr wieder.“
Wir tanzten. Die Nadel kratzte über die Schellackplatte. Mein Schwanz klemmte zwischen unseren Bäuchen.
„Ich fühle mich wie eine Irre“, sagte sie.
„Wie die Irre, in die ich geführt werden sollte“, sagte ich.
Wie oft wir diese Platte hörten …. Und immer kamen neue Kratzer hinzu.
Leben. Zeit. Abnutzung.

Schatten werden größer.
Spinnen werden schneller.
Essen wird nicht mehr zerkocht.
Wörter wechseln die Temperatur.

Und dann kauerte sie unter dem Bett. Nackt wie ein Tier. Geduckt wie ein Tier. Umschattet. Ich zitterte. Sie zitterte. Ihre Augen: Angst, die Angst machte. Verzweiflung, die verzweifeln ließ. Schmerz der Einsamkeit. (Mordgier im Hintergrund? Möglich.) Die Pupillen so weit, dass die Iris verschwunden war. Ihre Haut war zu einer Landkarte geworden; schwarze Linien, schwarze Flecken überall. Ihr Gesicht: eingefallen bis zur Hässlichkeit. Haare waren ihr büschelweise ausgefallen. Gesprungene Lippen.
Ich saß am Tisch & beobachtete sie. Nur wenige Kerzen brannten. Ich hatte mich angezogen. Es war alles schnell gegangen. Glaube ich. Die ersten Veränderungen noch beinahe unmerklich, zunächst in ihrem Wesen, dann auf ihrer Haut. Ich wußte, was es bedeutete; sie wußte es schon nicht mehr. Anfangs fickten wir noch, aber es war anders. Etwas seltsam Verbissenes war dabei. Andere Flammen tanzten in ihrem Blick …..
Wir starrten uns an. Hielten uns in Schach. So lange. So lange. Vielleicht. Schließlich schaute ich woanders hin. Sie sollte sich beruhigen. Schau ihr nicht in die Augen; sie ist Tier, sie ist Furcht.
Irgendwann. Sie kroch unter dem Bett hervor. Leise. Zaghaft. Ich schaute nicht hin; sah es nur am Rande. Sie lief zur Treppe, dumpf das Geräusch ihrer Füße. Vor der untersten Stufe blieb sie stehen, drehte sich zu mir herum. Sie atmete schwer. Grauen in der Schwärze ihres Blicks. Nackt, so nackt … und doch, ihre Haut tätowiert vom Schrecken. Kahle Stellen auf ihrem Schädel. Ich wandte mich von ihr ab, stand ganz langsam auf & ging hinüber zu dem Stuhl, auf dem ihr Pullover lag. Ich nahm ihn, er roch nach kaltem Rauch, drehte mich, noch langsamer, in ihre Richtung, und warf ihn ihr zu. Sie fing ihn; es war nur ein Reflex.
Dann rannte sie die Treppe hinauf, den Pullover in der einen, das Geländer in der andern Hand, ich hörte das Knarren des Baumes, rannte selber zur Treppe, schaute nach oben, sie zwängte sich durch die Öffnung, ihre Titten machten es ihr schwer, sie schaffte es, war draußen, blickte noch einmal durch die Öffnung, hinunter zu mir, es war Nacht, ihr Gesicht so dunkel.
Dann ….
Schloss sich der Baum.

Schreiben & Lesen. Lesen, was sie geschrieben hat. Schreiben, was sie niemals lesen wird. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie lebt. Dort oben. Jetzt. Ich esse, trinke, existiere, schlafe, wichse, träume. Begreife nichts. Keine Verbindung zur Außenwelt. Innen. Welt. Ich langweile mich nicht, weil ich mich nicht langweilen kann. Sie lebt & erinnert sich an nichts. Vermute ich. Sie wird wieder schön sein, inzwischen. Ich hoffe es. Für sie.
Es ist merkwürdig mit dieser Treppe. Ich stehe manchmal vor der untersten Stufe, und ich kann meinen Fuß nicht darauf setzen; mein Bein bleibt unbeweglich, in dieser Richtung, wenn ich dort stehe. Fast noch merkwürdiger ist es, dass ich als junger Mensch – vielleicht so jung, wie sie es gerade ist – einmal eine Story geschrieben habe, die von einer Treppe handelte, die lediglich abwärts führte, von einer Treppe, die niemand hinaufgehen konnte. Als hätte ich es schon damals geahnt. Als hätte ich mein Leben schon im vorhinein überblickt.
Hin & wieder lasse ich das Grammophon laufen. Und wenn genug Absinth in mir ist, tanze ich dazu. Es gibt noch weitere Platten, aber ich höre immer nur die eine. Die kaum noch zu hören ist. Oftmals bleibt die Nadel hängen. Und ich tanze dennoch weiter.
Ich fühle mich nicht wie im Schädel eines Wahnsinnigen. Ich fühle mich wie in meinem eigenen Schädel. Aber vielleicht ist das ja das Gleiche.
Gibt es noch weitere Zettel? Irgendwo? Gibt es noch jemanden, der sie stehlen würde? Fast ist es mir egal. Nur zum Spaß mache ich gelegentlich den Stufentest. Im Grunde habe ich dort oben nichts zu suchen. Nicht mehr.

Ich habe dort oben nichts mehr zu suchen, weil ich dort oben nichts mehr verloren habe.


Die Schlangenfarm

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Die Schlangen haben Beine
lang & schön
Die Schlangen haben Haare
lang & schön

Die Schlangen hängen sich
an meinen Hals
Sie zischeln mir ins Ohr
bis ich grinse

Ihre Bewegungen sind geschmeidig
wie ihre Worte

Ich liebe ihre Haut
Ihre Zungen & ihre Zähne

Ich liebe ihren Biss

Ihr Gift ist
ein künstliches Paradies
Ein schmerzendes Vergessen
Ein schmerzendes Erinnern
Fantasie vielleicht
Sonst nichts

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Wo sonst könnte ich leben ?


10

Ich bin die Null
Du bist die Eins

zusammen sind wir

Zehn


Die Schmeißfliege

Ich würde sie küssen
die Schmeißfliege, die
auf Deinem Scheisshaufen saß

Sie ist blau
schimmernd

Blau wie ich
der ich nicht schimmern kann

Sie kann fliegen
Sie kann summen

Fliegen kann ich nicht
Vielleicht in Träumen

Summen kann ich
Wenn wir miteinander sprechen

Aber wir sprechen nicht mehr
miteinander

Die Klatsche

Ich habe einen an der Klatsche

Die Schmeißfliege
Ich träume von ihr

Ich werde sie nicht verletzen
Ich kann ihr nicht weh tun

Sie soll fliegen

fliegen

summend

blau

schillernd

dorthin

wo Dein Duft wohnt

Vielleicht
kommt sie von meiner
Leiche
an der sie saugte

Vielleicht
lächelte sie dabei

Ihre Flügel
zittern

Ich zittere
mit ihr

Und ich
küsse sie


Papier & Vodka

Alles was auf Lüge beruhen könnte
sollte man auf Papier schreiben
Gedichte – von der Lüge gezeugt
& von der Gutgläubigkeit empfangen
Stories – die aus dem Verstand kommen
den die Lüge gefickt hat

Fehlgeburten, nichts als Fehlgeburten

Papier Papier Papier

Papier ist real

Virtuell war der Ursprung
der Gefühle
Virtuell wie das Computerprogramm
in dem die Worte nicht greifbar sind

Papier
Ich schütte Vodka darauf
die Lieblingsmarke der Lüge
ABSOLUT
Ich zünde es an
Sehe wie Zeichen sich kräuseln
Sehe den Tod meiner Worte
die niemals das Recht hatten
geboren zu werden

Papier
die Sterbeurkunde der Hoffnung

Flammen
die sich in Rasiermessern spiegeln

Wörter sollen nicht gelöscht werden
Sie sollen verbrennen

Sie sollen schreien vor Hitze
Sie sollen verglühen

Tod Tod Tod
Tod der Worte
Kein Erbarmen

Papier & Vodka
Vodka der kein Vergessen bringt
Papier

das zu Asche wird


Diese verdammten Gedichte

Diese verdammten Gedichte
die man wegen jemandem schreibt
für jemanden schreibt
Schreibt um nicht zu ersticken
Schreibt um zu überleben
Schreibt um das Überleben zu feiern

Diese verdammten Gedichte
Die Euphorie des Vortages ist vorbei
Die Verzweiflung von heute
ist morgen vielleicht schon wieder
Hoffnung

Diese verdammten Gedichte
Man möchte sie alle zerreissen
Man möchte sie auslöschen
Man möchte sie ungeschehen machen
weil einem plötzlich alles falsch erscheint
wertlos & dumm & peinlich & überholt

Und doch
Es gab den einen Augenblick in dem sie
nichts als reine Wahrheit waren
Den einen Augenblick in dem sie
zum Käfig dieser Wahrheit wurden
Die Wahrheit bleibt darin gefangen
Sie kann nicht mehr fliehen

Die Wahrheit die jeder wiedererkennt

Die Zeit kann der Wahrheit nichts anhaben
Gleichgültig was man am nächsten Morgen
darüber denken mag

Diese verdammten Gedichte
die man wegen jemandem schreibt
für jemanden schreibt

Sie haben einen Sinn
der nicht vergeht

wenn
Alles Andere
vergangen ist


Die Methode

Mein Leben ist ein Kugelhagel aus
verpassten Gelegenheiten
ausgeschlagenen Angeboten
zurückgewiesenen Händen

Erfahrungen & Ängste
sind meine Munitionsfabrik

Um mit dem Bedauern klarzukommen
habe ich eine Methode :
Ich rede mir ein
dass, hätte ich alles Realität
werden lassen, irgendwann die
Gewöhnung, die Abstumpfung, die
Abkühlung unweigerlich eingesetzt hätte
Etwas, das noch im nachhinein einen
schmutzigen Schatten auf das vorausgegangene
Schöne geworfen haben würde
Nur dadurch, dass ich es in der Fantasie
belassen habe, ist es
ewig schön

Nun ja,
die Methode überzeugt mich nicht wirklich
Nicht bis in den letzten Winkel des
Gedankenganges

Aber sie ist Alles
was ich habe


Der Ärmel

Mein Leben war ein alter vergilbter Ärmel
Sie kam & krempelte ihn um
Sie besprengte ihn mit Pisse, Blut & Tränen
Plättete ihn mit ihrer Zunge
die so gewandt war in Worten & Taten
Die Schatten unter ihren Augen
warfen ein Licht
auf den Ärmel
das den Gilb
verschwinden ließ