Monatsarchiv: Dezember 2011

Der Bestseller auf dem Kopf

Sie war gerade doppelt so alt wie
der Whisky, den ich trank. Ich
war 37 Jahre älter als der Whisky.
In einem Pub in London.
Nach dem Essen, nach dem Quatschen
nahm sie ein Buch aus ihrem Rucksack &
begann darin zu lesen,
neben den leergegessenen Tellern,
neben den leergetrunkenen Gläsern.
Es war ein Bestseller.
Einige Seiten las ich mit ihr;
auf dem Kopf (denn sie
saß mir gegenüber). Dann:
verlor ich das Interesse – an dem
Text. Mieser Stil. – Ich
ließ sie dort sitzen, für
1 oder 2 Stunden,
in ihren Shorts, mit ihrem
Bestseller –
& ich ging auf die Suche –
nach Antiquariaten –
& alten Büchern.


Der Fliegenfänger

Mein Gedächtnis ist ein klebriger Fliegenfänger.
Manche Erinnerungen sind tot, aber sie haften –
Andere summen noch – in Agonie.
Die meisten sind ununterscheidbare Stubenfliegen,
schwarz auf dem bunten Papier.
Doch hin & wieder sticht
eine Schmeissfliege hervor aus der dunklen Masse,
grünlich/bläulich-schimmernd – größer als
alle anderen –
& lauter summend,
während sie stirbt.


Scheiss drauf!

Komm, mein BeTäubchen, ich
liege am Boden –
fliege kurz über mich hinweg &
scheisse auf mein Herz!
Taub soll es werden.
Denn dann
werden meine Ohren taub für Deine Stimme;
werden meine Augen blind für Deinen Blick.
Scheiss auf mein Herz &
fliege weiter. Denn
wehe Dir, wenn Du
in meiner Nähe
landest!


Versuch’s nur!

Versuch’s nur!
Versuche zu verbergen, was Du
nicht schön an Dir findest – & was Dich
unsicher macht.

Halte die Hand vor Deine Verletzlichkeit;
wende Dich ab & verstecke Dich ….
Es wird Dir nichts nützen.
Nicht, solange ich mit geschlossenen Augen
sehen kann.

Du möchtest Deine Schokoladenseite zeigen?
Ich habe die Schnauze voll von Süßigkeiten!

Was Du nicht schön an Dir findest,
hat wohl mehr zu Deinem Wesen beigetragen
als alles andere.

Und Dein Wesen kannst Du nicht verstecken.
Versuch’s nur!

Es wird Dir nichts nützen.


Wie ein Wolf

Ein alter abgerichteter Hund.
Abgerichtet,
die Einsamkeit aufzuspüren,
die Traurigkeit,
die Unsicherheit,
den Selbsthass,
die Unzufriedenheit,
die Sehnsucht,
die Verzweiflung

Nichts sonst
nimmt er wirklich wahr;
alles andere lässt er links & rechts
liegen. Nichts sonst
interessiert ihn.
Blöde & abgerichtet.

Und wenn er aufgespürt hat,
wedelt er nicht mit dem Schwanz &
bellt, freudig erregt …..

Nein –
er heult wie ein Wolf
heult wie ein Wolf
heult wie ein Wolf

der sich selber erkennt –

immer wieder


… als hättest Du …

Wenn Deine Stimme so gleichgültig klingt, so
traurig, dass die Trauer vor ihr erschrecken würde,
möchte ich die Traurigkeit aus Dir
herausdrücken
herauslecken
herausstreicheln
herausficken
herausküssen

Denn es ist erschreckend, wenn Deine Stimme
so traurig klingt, als hättest Du
mein Leben gelebt.


Der Radiergummi

Ich trage ihn mit mir herum,
tief vergraben in der Hosentasche:
den alten Radiergummi –
oder was von ihm übrig geblieben ist;

meine früheren Fehler haben ihn klein gemacht,
meine neuesten Fehler haben ihn verdreckt.

Worte, die ich ungeschehen machen wollte,
Linien, die ich hässlich fand.

Ich trage ihn mit mir herum,
um mich zu erinnern –
an falsche Entscheidungen,
oder an das, was ich dafür hielt.

Nicht mehr lange,
und er wird zu klein sein für
meine weiteren Fehler.

Aber Fehler werde ich weiterhin machen.
Und ich werde ihn ersetzen müssen,
den alten Radiergummi,
tief vergraben
in meiner Hosentasche.


Das alte Kino

Schon schwindet die Erinnerung.
In den Hörsturz. In das Ohrensausen. Bevor ich den Rest auch noch vergesse, versuche ich aufzuschreiben, was ich noch weiss. (Oder habe ich es gar nicht vergessen, sondern niemals gewusst ?)
Dunkelheit & später Abend. Einsame Straßen. Ein kleiner Ort. Ziellosigkeit, oder? Wie war ich hierher gekommen? Und warum? Vergessen. Ich ging an der Hauptstraße entlang, kleine Läden mit dunklen Schaufenstern. Wenige Laternen. Sommerliche Wärme.
Ein schmaler abschüssiger Weg führte vom Bürgersteig hinab zu einem Kino. Man bemerkte es kaum als solches. Keine Leuchtreklame; der Schaukasten war ebenfalls dunkel, ich erinnere mich nicht mehr an die Plakate, nicht mehr an die Aushangfotos. Aber es gab welche. Im Inneren des großen, alten Gebäudes brannte schwaches Licht; es war Zeit für die Spätvorstellung. Dachte ich, schätzte ich. Endlich irgendwo hinsetzen; ich ging hinein.
Alles sah nach den 50er oder frühen 60er Jahren aus; nichts schien jemals renoviert worden zu sein. Es roch alt. Und nach Staub. Und man sah niemanden. Die Kasse war unbesetzt. Auch hörte man nichts. Die Beleuchtung war ungemütlich. Der linke Flügel der Tür zum Kinosaal stand offen. Gleichmäßiges Flackern in der Öffnung; kein Ton. Ich bewegte mich darauf zu …
Der Saal (riesig – & hoch) war völlig leer – zumindest so weit ich ihn überschauen konnte, in dem schwachen Geflacker, das von der Leinwand & aus dem Vorführraum kam. Es lief: ein Countdown. Weisse Zahlen in einem weissen Kreis vor schwarzem Hintergrund. 983 …. 982 …. Nicht einmal eine Notbeleuchtung gab es.
(War das wirklich alles so – oder erinnere ich mich nur falsch? -)
Ich ließ die Tür hinter mir zufallen; sie machte keinerlei Geräusch. Ich ging ein paar Schritte den Mittelgang hinunter, suchte mir einen zentralen Platz. Unbequeme, cordbezogene Klappstühle aus dunklem Holz. Ich setzte mich. 874 …. 873 …. Ganz leise hörte ich nun doch das Surren des Projektors. Drehte mich um, schaute auf das kleine Fenster, durch das der Countdown geworfen wurde. Der Vorführraum war völlig abgedunkelt – so als gäbe es keinen Vorführer.
Und ich schaute wieder auf die Leinwand. 849 …. 848 ….
Was zur Hölle mache ich hier? All diese hochgeklappten Sitzflächen …. Die dunklen Ecken …. Ist dort vielleicht doch jemand? Und beobachtet mich? …. Aber ich spüre keinen Blick auf mir …. Habe ich sie noch in der Jackentasche? – Ja …. sie ist noch da …. & sie ist schwer …. & beruhigend ….
Die Zahlen hatten etwas Hypnotisches.
Bei 662 erschien eine Gestalt rechts in meinem Blickfeld. Zierlich. Lautlos. Soweit erkennbar, in Grau gekleidet; den Kopf in einer Kapuze verborgen, schritt sie den Seitengang hinab. Setzte sich mehrere Reihen unterhalb der meinen in den nächsten Sitzblock. Kopf in Richtung Leinwand.
Auch ich folgte weiter dem Heruntergezähle. Was, wenn der Countdown der eigentliche Film ist? Auf den nichts weiter folgt?…. Nichts als Dunkelheit…..
556 …. 555 ….
Zuhause wartete die Leere auf mich. Verhangene Fenster, Bücher, Filme, Musik. Wie weit war dieses Zuhause entfernt? Vergessen.
445 …. … …. … …. 442 ….
444 & 443 fehlten, stattdessen: 2 Sekunden absolute Finsternis. Und -: Die Gestalt saß woanders! – Zwar noch im selben Block, aber jetzt auf der gleichen Höhe wie ich. Wie kann sie in diesen 2 Sekunden der Finsternis…… Eine junge Frau, die auf die Leinwand blickte. Sie musste bemerken, dass ich sie beobachtete, aber sie schaute nicht zu mir herüber. Ein zartes Gesicht im Geflacker der Zahlen.
Ich wandte mich wieder dem Countdown zu. Ob sie jetzt zu mir herüber….? Habe nicht das Gefühl …. obwohl …. Würde ich es spüren?
Ich war hellwach. Merkwürdigerweise. Der einschläfernden Atmosphäre zum Trotz. SurrenSurrenSurrenSurren. Real. Reell. Reel. Surreal. 220 …. 219 …. SurrenSurrenSurren.
Blick nach oben: ein gewaltiger Kronleuchter. Erloschen.
14 & 13 fehlten.
Bei 12 saß sie direkt vor mir. Die Kapuze ragte in den Countdown. Ich erschrak nicht. Ich wunderte mich nicht. Ich neigte mich etwas vor, um sie vielleicht riechen zu können……
Die Null kam. Das hohle Ei im Kreis.
Dann:
Finsternis.
Lange. Lange.
Dann:
-13 ….
Sie saß links neben mir. Schaute mich an. Verletzliche Augen. Verletzte Augen. Geschichten. Gedichte. Ein vorsichtiges Lächeln. Flackern. Schüchternheit.
Plötzlich wurde es heller.
Wir schauten zur Leinwand. Der Film begann. Ohne Vorspann. Schwarzweiss.

Close up. Ein Mann (verwirrend ähnlich sah er mir) sitzt in einer Bar. (Nein, es war nicht ‚Casablanca’, aber es erinnerte daran…) Vor sich eine halbleervolle Flasche Whiskey, das gefüllte, auf dem Tisch stehende Glas mit beiden Händen umfassend. Er blickt in die Kamera. Blickt auf uns. Lange. Schweigend. Dann nimmt er einen Schluck. Klopft mit dem Glas 3 Mal auf die Tischplatte. Starrt weiter in den Kinosaal. Nichts ist zu hören. Die Bar scheint leer zu sein. Dann: zündet er sich eine Zigarre an, Ministreichholzexplosion, sein Gesicht hinterm Rauchvorhang. Er schüttelt das Flämmchen aus. Eine Stimme beginnt zu sprechen. Es muss seine sein, auch wenn er die Lippen nicht bewegt. –
„All diese Jahre. Oder waren es Jahrzehnte? Die Einsamkeit. Die unfassbare Einsamkeit. Die Selbstzerstörung. Die Betäubung. Die Taubheit.“
– – – Ein weiterer Schluck, ein weiterer Zug. – – –
„Und ich wette. Ich wette, ich wette, ich wette – sobald das Glück, oder wie immer man das nennen soll – an meiner Tür geklingelt hat, werde ich am Krebs verrecken. Oder an sonstwas. Ich werde verrecken an all dem, was die Einsamkeit mich tun lies.“ –
Er grinst in die Kamera.
Und eine Frauenstimme aus dem Off ruft: „Cut!“

Kurze Finsternis.
Dann:
-66 …. -67 ….
Wir schauten uns in die Augen. Stumm. Ängstlich. Lächelnd.
Nur kurz – & der Film begann von vorne.
„All diese Jahre …..“ – – – –
„Cut!“

Danach: keine Pause mehr. Der Film lief als Endlosschleife. Wir schauten nicht mehr hin.
Wie oft hörten wir die Sätze? Vergessen. Wir taten nichts außer uns anzusehen. Und Geschichten zu lesen.
Schließlich griff ich in meine Jackentasche. Schwer & beruhigend; der Revolver war ein Erbstück. Er hatte meinem Vater gehört. Ich wandte mich um, fixierte den linken Ellenbogen auf der harten Rückenlehne, spannte den Hahn, unterstützte mit der linken Hand die rechte, die den Revolver hielt. Sie schob ihre Hände in die Kapuze, um sich die Ohren zuzuhalten. Ich zielte. Auf das Fensterchen. Auf die Linse dahinter, aus welcher der Lichtkegel fiel. Staub tanzte im Geflacker.
Ich drückte ab.
Der Rückstoß, ich spürte ihn im Handgelenk. Der Knall, er schmerzte in meinen Ohren. Der Geruch des Schusses. Das Splittern des Glases. Die augenblickliche Finsternis. Der Projektor surrte weiter, aber ich hörte ihn nur noch dumpf – obwohl er nicht mehr durch die Glasscheibe gedämpft wurde. Pfeifen in meinen Ohren. Meine Stimme klang seltsam, als ich fragte:
„Alles ok?“
Keine Antwort.
Ich tastete in die Dunkelheit…… Nichts. Sie saß nicht mehr dort.
„Bist du noch da?!“ Ich sagte es laut. Vielleicht rief ich es sogar.
Keine Antwort.
Ich lehnte mich wieder an. Steckte den Revolver zurück in die Jackentasche. Spürte seine Wärme.
„Bist du noch da?“ Ich sagte es noch einige Male, während die Zeit ungezählt in der Finsternis verging.

Das ist es, was ich noch weiss. Es ist wenig. Der Revolver liegt neben mir auf dem Tisch. Zwischen der Whiskeyflasche & dem Aschenbecher. Meine Ohren pfeifen ohne Pause. Alle Musik klingt dumpf. Wenn jemand an der Tür klingeln würde – – würde ich es hören? Sicherlich.
Aber es klingelt ja niemand.
Und wenn, hätte ich wahrscheinlich Krebs.
Cut.


Die Uhr

Sei nicht der Schmerz, der vorübergeht –
Sei nicht das Glück, das vorübergeht –
Sei nicht das Lächeln, das vorübergeht –

Sie die Uhr, die
stehen bleibt!

Lautlos
in meiner Nähe.

Damit ich die Zeit
vergesse.


Denn man weiss ja

Noch bevor die Einsamkeit in
Zweisamkeit endet,
versuche ich,
mich an die Einsamkeit zu gewöhnen,
die nach der Zweisamkeit kommen wird.

Denn man weiss ja
nicht
nie.


Unsinn

Ich hoffe, Dein Schweigen
bedeutet Schlaf –
bedeutet, dass Du Dich über die Entfernung
hinwegträumst

Ich wünschte, auch ich könnte
schlafen –
schlafen & träumen & schweigen –

Da ich es aber nicht kann, laufe ich
durch die Räume & suche etwas, das ich
verloren habe –

Ich weiß, dass ich es hier nicht
werde finden können, aber
irgend etwas Unsinniges muss ich jetzt tun

Wärst Du hier, könntest Du
mir suchen helfen –
das wäre noch unsinniger; da Du
weißt, wo es ist –

Du weißt es – –
& Du sollst es
behalten

egal ob Du schläfst
träumst
schweigst

oder
wach bist


Markierungen

Die Jahre messe ich mittlerweile in Toden.
Hat SIE das noch miterlebt?
War ER schon tot, als dies geschah?
Nackte Zahlen begreife ich nicht wirklich;
die Zeiträume, die sie umschreiben,
erfasse ich nicht.
Aber die Tode machen mir die Zeit
begreifbar.
Markierungen aus Leichen.
Grabsteine.

Und dann
endlich
werde auch ich
– für ganz Wenige nur –
eine Markierung
in der Zeit.