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Versuch’s nur!

Versuch’s nur!
Versuche zu verbergen, was Du
nicht schön an Dir findest – & was Dich
unsicher macht.

Halte die Hand vor Deine Verletzlichkeit;
wende Dich ab & verstecke Dich ….
Es wird Dir nichts nützen.
Nicht, solange ich mit geschlossenen Augen
sehen kann.

Du möchtest Deine Schokoladenseite zeigen?
Ich habe die Schnauze voll von Süßigkeiten!

Was Du nicht schön an Dir findest,
hat wohl mehr zu Deinem Wesen beigetragen
als alles andere.

Und Dein Wesen kannst Du nicht verstecken.
Versuch’s nur!

Es wird Dir nichts nützen.


Wie ein Wolf

Ein alter abgerichteter Hund.
Abgerichtet,
die Einsamkeit aufzuspüren,
die Traurigkeit,
die Unsicherheit,
den Selbsthass,
die Unzufriedenheit,
die Sehnsucht,
die Verzweiflung

Nichts sonst
nimmt er wirklich wahr;
alles andere lässt er links & rechts
liegen. Nichts sonst
interessiert ihn.
Blöde & abgerichtet.

Und wenn er aufgespürt hat,
wedelt er nicht mit dem Schwanz &
bellt, freudig erregt …..

Nein –
er heult wie ein Wolf
heult wie ein Wolf
heult wie ein Wolf

der sich selber erkennt –

immer wieder


… als hättest Du …

Wenn Deine Stimme so gleichgültig klingt, so
traurig, dass die Trauer vor ihr erschrecken würde,
möchte ich die Traurigkeit aus Dir
herausdrücken
herauslecken
herausstreicheln
herausficken
herausküssen

Denn es ist erschreckend, wenn Deine Stimme
so traurig klingt, als hättest Du
mein Leben gelebt.


Das alte Kino

Schon schwindet die Erinnerung.
In den Hörsturz. In das Ohrensausen. Bevor ich den Rest auch noch vergesse, versuche ich aufzuschreiben, was ich noch weiss. (Oder habe ich es gar nicht vergessen, sondern niemals gewusst ?)
Dunkelheit & später Abend. Einsame Straßen. Ein kleiner Ort. Ziellosigkeit, oder? Wie war ich hierher gekommen? Und warum? Vergessen. Ich ging an der Hauptstraße entlang, kleine Läden mit dunklen Schaufenstern. Wenige Laternen. Sommerliche Wärme.
Ein schmaler abschüssiger Weg führte vom Bürgersteig hinab zu einem Kino. Man bemerkte es kaum als solches. Keine Leuchtreklame; der Schaukasten war ebenfalls dunkel, ich erinnere mich nicht mehr an die Plakate, nicht mehr an die Aushangfotos. Aber es gab welche. Im Inneren des großen, alten Gebäudes brannte schwaches Licht; es war Zeit für die Spätvorstellung. Dachte ich, schätzte ich. Endlich irgendwo hinsetzen; ich ging hinein.
Alles sah nach den 50er oder frühen 60er Jahren aus; nichts schien jemals renoviert worden zu sein. Es roch alt. Und nach Staub. Und man sah niemanden. Die Kasse war unbesetzt. Auch hörte man nichts. Die Beleuchtung war ungemütlich. Der linke Flügel der Tür zum Kinosaal stand offen. Gleichmäßiges Flackern in der Öffnung; kein Ton. Ich bewegte mich darauf zu …
Der Saal (riesig – & hoch) war völlig leer – zumindest so weit ich ihn überschauen konnte, in dem schwachen Geflacker, das von der Leinwand & aus dem Vorführraum kam. Es lief: ein Countdown. Weisse Zahlen in einem weissen Kreis vor schwarzem Hintergrund. 983 …. 982 …. Nicht einmal eine Notbeleuchtung gab es.
(War das wirklich alles so – oder erinnere ich mich nur falsch? -)
Ich ließ die Tür hinter mir zufallen; sie machte keinerlei Geräusch. Ich ging ein paar Schritte den Mittelgang hinunter, suchte mir einen zentralen Platz. Unbequeme, cordbezogene Klappstühle aus dunklem Holz. Ich setzte mich. 874 …. 873 …. Ganz leise hörte ich nun doch das Surren des Projektors. Drehte mich um, schaute auf das kleine Fenster, durch das der Countdown geworfen wurde. Der Vorführraum war völlig abgedunkelt – so als gäbe es keinen Vorführer.
Und ich schaute wieder auf die Leinwand. 849 …. 848 ….
Was zur Hölle mache ich hier? All diese hochgeklappten Sitzflächen …. Die dunklen Ecken …. Ist dort vielleicht doch jemand? Und beobachtet mich? …. Aber ich spüre keinen Blick auf mir …. Habe ich sie noch in der Jackentasche? – Ja …. sie ist noch da …. & sie ist schwer …. & beruhigend ….
Die Zahlen hatten etwas Hypnotisches.
Bei 662 erschien eine Gestalt rechts in meinem Blickfeld. Zierlich. Lautlos. Soweit erkennbar, in Grau gekleidet; den Kopf in einer Kapuze verborgen, schritt sie den Seitengang hinab. Setzte sich mehrere Reihen unterhalb der meinen in den nächsten Sitzblock. Kopf in Richtung Leinwand.
Auch ich folgte weiter dem Heruntergezähle. Was, wenn der Countdown der eigentliche Film ist? Auf den nichts weiter folgt?…. Nichts als Dunkelheit…..
556 …. 555 ….
Zuhause wartete die Leere auf mich. Verhangene Fenster, Bücher, Filme, Musik. Wie weit war dieses Zuhause entfernt? Vergessen.
445 …. … …. … …. 442 ….
444 & 443 fehlten, stattdessen: 2 Sekunden absolute Finsternis. Und -: Die Gestalt saß woanders! – Zwar noch im selben Block, aber jetzt auf der gleichen Höhe wie ich. Wie kann sie in diesen 2 Sekunden der Finsternis…… Eine junge Frau, die auf die Leinwand blickte. Sie musste bemerken, dass ich sie beobachtete, aber sie schaute nicht zu mir herüber. Ein zartes Gesicht im Geflacker der Zahlen.
Ich wandte mich wieder dem Countdown zu. Ob sie jetzt zu mir herüber….? Habe nicht das Gefühl …. obwohl …. Würde ich es spüren?
Ich war hellwach. Merkwürdigerweise. Der einschläfernden Atmosphäre zum Trotz. SurrenSurrenSurrenSurren. Real. Reell. Reel. Surreal. 220 …. 219 …. SurrenSurrenSurren.
Blick nach oben: ein gewaltiger Kronleuchter. Erloschen.
14 & 13 fehlten.
Bei 12 saß sie direkt vor mir. Die Kapuze ragte in den Countdown. Ich erschrak nicht. Ich wunderte mich nicht. Ich neigte mich etwas vor, um sie vielleicht riechen zu können……
Die Null kam. Das hohle Ei im Kreis.
Dann:
Finsternis.
Lange. Lange.
Dann:
-13 ….
Sie saß links neben mir. Schaute mich an. Verletzliche Augen. Verletzte Augen. Geschichten. Gedichte. Ein vorsichtiges Lächeln. Flackern. Schüchternheit.
Plötzlich wurde es heller.
Wir schauten zur Leinwand. Der Film begann. Ohne Vorspann. Schwarzweiss.

Close up. Ein Mann (verwirrend ähnlich sah er mir) sitzt in einer Bar. (Nein, es war nicht ‚Casablanca’, aber es erinnerte daran…) Vor sich eine halbleervolle Flasche Whiskey, das gefüllte, auf dem Tisch stehende Glas mit beiden Händen umfassend. Er blickt in die Kamera. Blickt auf uns. Lange. Schweigend. Dann nimmt er einen Schluck. Klopft mit dem Glas 3 Mal auf die Tischplatte. Starrt weiter in den Kinosaal. Nichts ist zu hören. Die Bar scheint leer zu sein. Dann: zündet er sich eine Zigarre an, Ministreichholzexplosion, sein Gesicht hinterm Rauchvorhang. Er schüttelt das Flämmchen aus. Eine Stimme beginnt zu sprechen. Es muss seine sein, auch wenn er die Lippen nicht bewegt. –
„All diese Jahre. Oder waren es Jahrzehnte? Die Einsamkeit. Die unfassbare Einsamkeit. Die Selbstzerstörung. Die Betäubung. Die Taubheit.“
– – – Ein weiterer Schluck, ein weiterer Zug. – – –
„Und ich wette. Ich wette, ich wette, ich wette – sobald das Glück, oder wie immer man das nennen soll – an meiner Tür geklingelt hat, werde ich am Krebs verrecken. Oder an sonstwas. Ich werde verrecken an all dem, was die Einsamkeit mich tun lies.“ –
Er grinst in die Kamera.
Und eine Frauenstimme aus dem Off ruft: „Cut!“

Kurze Finsternis.
Dann:
-66 …. -67 ….
Wir schauten uns in die Augen. Stumm. Ängstlich. Lächelnd.
Nur kurz – & der Film begann von vorne.
„All diese Jahre …..“ – – – –
„Cut!“

Danach: keine Pause mehr. Der Film lief als Endlosschleife. Wir schauten nicht mehr hin.
Wie oft hörten wir die Sätze? Vergessen. Wir taten nichts außer uns anzusehen. Und Geschichten zu lesen.
Schließlich griff ich in meine Jackentasche. Schwer & beruhigend; der Revolver war ein Erbstück. Er hatte meinem Vater gehört. Ich wandte mich um, fixierte den linken Ellenbogen auf der harten Rückenlehne, spannte den Hahn, unterstützte mit der linken Hand die rechte, die den Revolver hielt. Sie schob ihre Hände in die Kapuze, um sich die Ohren zuzuhalten. Ich zielte. Auf das Fensterchen. Auf die Linse dahinter, aus welcher der Lichtkegel fiel. Staub tanzte im Geflacker.
Ich drückte ab.
Der Rückstoß, ich spürte ihn im Handgelenk. Der Knall, er schmerzte in meinen Ohren. Der Geruch des Schusses. Das Splittern des Glases. Die augenblickliche Finsternis. Der Projektor surrte weiter, aber ich hörte ihn nur noch dumpf – obwohl er nicht mehr durch die Glasscheibe gedämpft wurde. Pfeifen in meinen Ohren. Meine Stimme klang seltsam, als ich fragte:
„Alles ok?“
Keine Antwort.
Ich tastete in die Dunkelheit…… Nichts. Sie saß nicht mehr dort.
„Bist du noch da?!“ Ich sagte es laut. Vielleicht rief ich es sogar.
Keine Antwort.
Ich lehnte mich wieder an. Steckte den Revolver zurück in die Jackentasche. Spürte seine Wärme.
„Bist du noch da?“ Ich sagte es noch einige Male, während die Zeit ungezählt in der Finsternis verging.

Das ist es, was ich noch weiss. Es ist wenig. Der Revolver liegt neben mir auf dem Tisch. Zwischen der Whiskeyflasche & dem Aschenbecher. Meine Ohren pfeifen ohne Pause. Alle Musik klingt dumpf. Wenn jemand an der Tür klingeln würde – – würde ich es hören? Sicherlich.
Aber es klingelt ja niemand.
Und wenn, hätte ich wahrscheinlich Krebs.
Cut.


Die Uhr

Sei nicht der Schmerz, der vorübergeht –
Sei nicht das Glück, das vorübergeht –
Sei nicht das Lächeln, das vorübergeht –

Sie die Uhr, die
stehen bleibt!

Lautlos
in meiner Nähe.

Damit ich die Zeit
vergesse.


Denn man weiss ja

Noch bevor die Einsamkeit in
Zweisamkeit endet,
versuche ich,
mich an die Einsamkeit zu gewöhnen,
die nach der Zweisamkeit kommen wird.

Denn man weiss ja
nicht
nie.


Unsinn

Ich hoffe, Dein Schweigen
bedeutet Schlaf –
bedeutet, dass Du Dich über die Entfernung
hinwegträumst

Ich wünschte, auch ich könnte
schlafen –
schlafen & träumen & schweigen –

Da ich es aber nicht kann, laufe ich
durch die Räume & suche etwas, das ich
verloren habe –

Ich weiß, dass ich es hier nicht
werde finden können, aber
irgend etwas Unsinniges muss ich jetzt tun

Wärst Du hier, könntest Du
mir suchen helfen –
das wäre noch unsinniger; da Du
weißt, wo es ist –

Du weißt es – –
& Du sollst es
behalten

egal ob Du schläfst
träumst
schweigst

oder
wach bist


Mir doch egal

Mir doch egal, wieviele Cocktails ich hatte –
Mir doch egal, wie besoffen ich bin –
Mir doch egal, dass mir der Schmalz aus dem Hirn sickert –
Mir doch egal, wenn ich mich lächerlich mache –

Mir ist doch alles egal –
fast – – –

Sie hasst Regenschirme …
Ich liebe Regenschirme …

Sie liebt frische Luft …
Ich hasse frische Luft …

Sie mag keine Pferde, mag lieber Esel ….
Ich bin ein Esel, mag aber Pferde ….

Sie verschläft meinen Absturz,
dabei ist sie mein Fallschirm ….

Vielleicht bin ich ihr
zweites Kissen, das sie im Arm hält,
während sie schläft …..

So weit weg
von mir –

Mir doch egal, wenn ich mich lächerlich mache –
Mir doch egal, dass mir der Schmalz aus dem Hirn sickert –

Mir ist doch alles egal –

FAST.


Die Bratpfanne

Wahrscheinlich ist sie krebserregend –
die alte Bratpfanne in meiner Küche.
Wenn ja, habe ich sie dazu gemacht,
weil ich sie benutzt; weil ich
auf ihrer Beschichtung herumgekratzt habe.
Viele Verletzungen hat ihre Beschichtung,
sie ist aufgeraut & narbig.
Der Boden der Pfanne ist nicht mehr eben;
die Pfanne wackelt unsicher, wenn ich sie
auf die Herdplatte stelle.
Sollte ich sie deshalb wegschmeissen &
mir eine neue kaufen?
Eine neue kaufen, wie die meisten es wohl
schon vor Jahren getan hätten …..

Menschen können krebserregend sein –
was sie tun, was sie sagen …. es schlägt
einem auf den Magen – & vielleicht
bekommt man Magenkrebs davon – – –
Und wer hat die Menschen
krebserregend gemacht?
Kratzer …. Narben ….
Einerlei!
Man schmeisst sie nicht weg!

Die alte Pfanne ist heiss …..
Was auch immer ich gleich in sie hineintun werde,
es wird mir schmecken.

Ich werde die Gefahren verdrängen.

Denn ich habe Hunger.


Das Alte Luder

Ich habe immer ein bisschen Angst, dass jemand
mir meine Einsamkeit verleiden könnte –
denn eigentlich mag ich die Einsamkeit, dies
Alte Luder, ganz gern.
Ich habe mich an sie gewöhnt, und
allzu hässlich ist sie auch nicht –
sie bedeutet mir Ruhe, Verlässlichkeit,
Gleichförmigkeit (die ich schätze) &
Freiheit.
Ich kann mir das Alte Luder schöndenken,
schönreden, schönschreiben, schönsaufen.
Oftmals.
Ich behaupte es zumindest. Mir gegenüber.
Und ich glaube mir.
Oftmals.
Ich habe auch schon Anderes zu dem Thema
geschrieben – & in 10 Minuten werde ich vielleicht
wieder etwas Anderes darüber schreiben.
Denn vielleicht
wird Diejenige, die mir die Einsamkeit verleiden könnte,
in 5 Minuten aufwachen -; vielleicht aber
will ich dann in 10 Minuten gar nicht mehr schreiben.
Und davor habe ich auch ein bisschen Angst.


Fehler

„Das ist mir völlig egal“, sagte sie.
„Stört Dich wirklich nicht?“ sagte ich.
„Doofi“, sagte sie &
küsste die Pickel auf meinem Rücken; und
in meinem Gesicht ….
„Überzeugt?“ fragte sie dann.
Ich grinste. Vermutlich ziemlich blöde.
Ich sagte: „Nur dumm, dass Du
keine Fehler hast, die ich küssen könnte.“
Sie grinste. Überhaupt nicht blöde.
Sie sagte: „Ich finde, mein Hintern ist zu dick.“
„Stimmt“, sagte ich, „eindeutig ein Fehler.“
Schwein gehabt!


Die Arktis

Je kälter die Atmosphäre, desto
schöner
ist der Rauch, der aus dem
Schornstein
wölkt ……

Früh morgens,
wenn es kaum hell ist…..

Ich bin nicht so kalt,
wie Du schön bist

Dein Rauch sieht aus,
als hätte ich -20 Grad….

Der Rauch, der
aus Deinem Mund kommt

Es sind Worte, die
schön sind

Vielleicht bin ich doch
die Arktis


Feuerlöscher vs. Flammenwerfer

Wo Du einen Feuerlöscher hast,
habe ich einen Flammenwerfer.

Wo Du einen Flammenwerfer hast,
habe ich einen Feuerlöscher.

Passen wir zusammen?

Oder löschen wir uns gegenseitig
aus?


Das hat bestimmt schon jemand geschrieben

2 Menschen, die immer in dieselbe Richtung schauen,
werden niemals sich in die Augen blicken, niemals sich
küssen können.

Sie müssen in entgegengesetzte Richtungen schauen.

[Das ist so simpel, dass es bestimmt
schon jemand geschrieben hat;
aber vielleicht auch nicht –
eben weil es so simpel ist….]


Ablenkung

Und immer denke ich :
von meinen besten Gedanken wurde ich
abgelenkt –

Abgelenkt
durch eine Melodie, die mir dazwischen kam

Abgelenkt
durch ein Bild, das ich plötzlich sah

Abgelenkt
durch eine Erinnerung, die erwachte

Abgelenkt
durch nackte Schenkel, die mich geil machten

Abgelenkt
durch eine Motte, die auf dem Bildschirm landete

Abgelenkt
durch Deine Worte, die ich nicht erwartet hatte

Und immer denke ich :
ich wurde abgelenkt von meinen besten Gedanken

Abgelenkt
durch etwas, das

wichtiger ist
als meine besten Gedanken


Ich habe mein Bestes verflucht

Ich habe mein Bestes verflucht
Mein Bestes warst Du

Ich habe meinen Fluch widerrufen
als ich Deinen Rücken sah

Deinen Arsch
der sich entfernte

Nachdem Du gesagt hattest:
„Du kannst mich am Arsch lecken!“

Zu spät – zu spät – zu spät –
Ich habe mein Bestes verflucht

aber vielleicht nicht
versucht


Fingerabdrücke

Irgendwo sind sie noch –
nach all den Jahren, all den Jahrzehnten
des Kehrens – des Verwischens – nach
all den Versuchen der gründlichen
Reinigung & des Ausmerzens :

Die Fingerabdrücke der Toten

Manchmal findet man sie in
der eigenen Wohnung – im
neuesten Staub … oder in etwas
versehentlich Verschüttetem –

Vielleicht erkennt man sie –

aber wahrscheinlicher ist es, dass
man sie – vereinsamt –
für die eigenen hält.


Gehörlos

Ich höre viel zu gut – das
ist der Punkt.

Nirgends will ich
dazugehören

Kaum
gehöre ich mir selbst

hören
gehören

horchen
gehorchen

Ich löse mich von allem

Als Tauber möchte ich
vom Dach springen

Gefängnisse
überfliegen

Geräuschloser Applaus
aus Klapsmühlen

Aber ich höre zu gut –
ich höre

die Geräuschlosigkeit
des Bei
Falls


Das Taschentuch

Du bist verloren
wie das Taschentuch, das Dir aus der
zitternden Hand fiel

Ich hebe es auf
für Dich
& mache einen Knoten hinein

damit Du
Dich nicht vergisst


Es sind doch nur …..

Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Lesezeichen

Ich möchte
meine Lesezeichen in Deine Seiten stecken

Dort
wo Deine Worte am schönsten sind
Dort
wo Dein Schweigen am schönsten ist
Dort
wo Du etwas vergessen hast
Dort
wo Du mich erinnerst
Dort
wo Deine Hoffnungen sind
Dort
wo Deine Angst ist
Dort
wo ich nichts mehr verstehe

Ich möchte
meine Lesezeichen in Deine Seiten stecken

Vielleicht hast Du
mehr Seiten, als ich Lesezeichen habe

Vielleicht habe ich
mehr Lesezeichen, als Du Seiten hast

Vielleicht aber
geht die Rechnung auf

& vielleicht
brauche ich keine Lesezeichen

weil ich Dich
auswendig kenne


Die Würgeschlange

Der Schock raubte ihr die Stimme.
Sie wurde stumm durch den letzten Schock
in einer langen Kette von Schocks;
eine Kette, die sich wie eine
Würgeschlange um ihre Kehle wand
& langsam sich zusammenzog.

Und ich hatte ihre Stimme geliebt.

Und ich würde die Stimme immer noch lieben,
wäre sie noch immer da …..

Wörter werden auf Zettel geschrieben;
ich lese die Zettel, stumm – & ich
versuche die Worte zu hören mit der Stimme
in meiner Erinnerung. Aber
irgendwann wird auch die Erinnerung
verstummen –
& nur die Zeichen werden bleiben,

falls die Schlange überlebt.


21.10.2011

Ich komme nicht mehr raus aus diesem Gebäude … Die Tür … sie ist nicht mehr da … Die Fenster … sie sind verschwunden … Es ist fast dunkel … Ein paar nackte Glühbirnen hängen verstaubt auf den Etagen … So viele Stockwerke … Wieviele? Ich habe es vergessen … Die Treppen sind schmutzig, die Stufen ausgetreten … Geländerteile fehlen … So viele Räume … Ich sitze im Erdgeschoss, in einem Zimmer, wo es nur 1 Stuhl & 1 Tisch gibt … Papier & 1 letzter Bleistiftstummel … Es ist völlig sinnlos, etwas zu schreiben – deshalb tue ich es … noch … Überall Dreck … Spinnweben, manche Fäden sind dick wie Seile … Ich weiß, was das bedeutet … Aber ich will es nicht … wahr? haben? … Ich kann mich erinnern, wie es hier früher war … Die offene Tür, die offenen Fenster, Luft, Licht, Leben, Lachen, Lust … Nichts davon ist übriggeblieben … Mir zittern die Hände … Meine Handschrift ist fast unleserlich, na und? Wer sollte sie entziffern wollen? Einer von Denen? … Denen in den oberen Stockwerken? … Manchmal höre ich ihre Geräusche, sie sind noch da … Ich könnte nachschauen, wie sie jetzt aussehen, könnte die Treppen hinaufsteigen … Vielleicht werde ich es tun … Irgendwann … Bald … Vielleicht schon nachher … Vielleicht schon gleich … Ist es Tag? Ist es Nacht? … Egal … Die Vorräte im Keller gehen zu Ende … In Kürze ist ohnehin alles vorbei … Ein paar Flaschen Schnaps sind noch da, billiger Fusel … abgefüllte Betäubung … Es wird schön sein, nicht mehr zu denken … Es wird schön sein, wenn der Bleistift am Ende ist … Wann war ich zuletzt dort oben? … Mein Zeitgefühl sagt irgendwas, aber es wird eine Lüge sein … Ich war dort oben, und wenn ich jemanden sah, habe ich ihn nicht wiedererkannt … Und dabei kannte ich sie doch irgendwann einmal alle … Diese seltsamen Wesen! … Menschen! … Menschen aus der Vergangenheit … Menschen, die wie Spinnen sind … Ich irrte dort oben durch den Staub, durch das Gespinst, und immer wieder sah ich in dem Trüben Licht ihre Hüllen am Boden liegen … Hässlich & vertrocknet & eingefallen … Aber ich erkannte immerhin einige von diesen Überbleibseln … Was aus diesen Hüllen, diesen Hülsen gekrochen war, war dann jedesmal ein wenig verändert, immer noch Mensch, aber schon ein wenig entstellt … Wie werden sie jetzt aussehen? … Nach so vielen weiteren Häutungen … Wieviele Hülsen werden dort wohl herumliegen? … Verdammte Neugier! … Die Neugier des Verdammten … Ob SIE wohl noch dort ist? … Doch, sie muss dort sein … Aber ich würde sie vermutlich nicht wiedererkennen; auch ihre Stimmen verändern sich … Aber SIE würde MICH erkennen! … & vielleicht SICH zu erkennen geben … Aber jede andere könnte das auch … könnte sich für SIE ausgeben … Zumindest am Anfang würde ich es nicht bemerken … & sie stecken doch alle unter einer Decke … Sie werden sich alle Alles erzählt haben im Laufe der Jahre … Alle kennen alle Geschichten aller anderen … (Plötzlicher Gedanke: Was, wenn ich wahnsinnig bin!?! Mir das alles nur einbilde … Aber nein, es ist wie es ist … & es ist wahr!) … „Warum liebst du mich nicht mehr?“ hat sie mal gefragt … & in der Ecke des Schlafzimmers lagen 2 ihrer Hülsen … Dieser Anblick … Ich sagte gar nichts, und sie warf mir mein Schweigen vor … Sie hätte dankbar sein sollen für mein Schweigen … Ich ging, und sie schrie mir irgendwas hinterher … Beinahe wäre ich über ihre Fäden gestolpert … Nur beinah … Egal … Es sind noch ganz andere dort oben … Vergessene sogar … vermute ich … Die würde ich nicht mal wiedererkennen, wenn sie die alten geblieben wären … Manche der Spinnfäden sind so stark – ich könnte mich an ihnen erhängen … Vielleicht sollte ich es tun … Aber nicht, bevor der Schnaps


Die Jalou Sie

Sie
ist eine Jalou Sie
die mich verdunkelt

Eine Jalou Sie
die den Tag aussperrt

Ich lasse sie
herunter

Sie
ist eine Jalou Sie
die das Lampenlicht fordert

Ich liebe
Lampen & ihr Licht

Ich liebe Lampenlicht
& deshalb liebe ich Jalou

Sie


Belangloses

Sie saß im Bett & las
Belangloses vom Blatt.

Ich
fand es belanglos.

Ich lag neben ihr,
kaum mehr wach ……

Unsere Nacktheiten
aneinander,

ihr Duft
unter der Decke.

Sie las
was ich geschrieben hatte.

Jahrelang hatte
sie danach gefragt – –

doch es war mir
peinlich gewesen.

Es gefiel ihr –
da war es nicht mehr
belanglos ….

Ich schlief ein,
sie las weiter.

Ich träumte, dass
sie fortging

nachdem sie die
Blätter zerissen hatte.

Sie ging nackt,
die Fetzen auf der Matratze ..

Ich lag in ihrem
Leselicht; beschattet von
der Decke

unruhig

Ein Albtraum:
wie ihre Nacktheit sich entfernte.
Ich schwitzte kalt.

Sie kicherte
mich wach
„Das ist schön“, sagte sie.
Alb verwandelte sich in Glück & Duft
& Wärme. –

Wärme & Duft & Glück
verwandelten sich in
Wirklichkeit

als ich
wieder
erwachte

Im Bett lag : meine Leere –
es roch nach mir,

Es war kalt.

Die Blätter lagen auf dem
Boden ….

Ich sammelte sie auf,
nackt & leer

Warf sie
in einen Topf

zündete sie an mit
kalter blauer Flamme

& versuchte
mich zu
wärmen

aber
Belangloses
brennt kalt


Vorübergehend

1 Blick trifft
mich
im Vorübergehen
(auf der Straße, im
Supermarkt – in der
Welt) – wenige
Sekunden der
Abschätzung.

Der Blick wird
abschätzig –
Ich werde für
nichtig
befunden in
meiner
oberflächlichen
Versteinerung.

Umgekehrt :
das Gleiche –
ich schätze
schätze ab – –
vorüber

Vielleicht
‚kennen’ wir uns?

Aus virtuellen
Nächten – –
seit langem – –

Kennen unsere
dahinfliegenden Worte –
Lieben unsere
FantasieGestalt(ung)en

Voneinander begeisterte
Geister – – ?

In dem
was man Wirklichkeit nennt
gehen wir aneinander vorüber
(2 geistblinde Oberflächen)

Wir könnten
ineinander vorübergehen –
Könnten beide Welten
miteinander verbinden – –
wenn wir uns
erkennen
würden


S läuft

Sie schneidet ihrem Söhnchen die Haare,
während ich mir die Haare wasche. Der
Kleine redet – erzählt alles Mögliche; ich
höre zu.
Sie trägt eine pinkfarbene Morgenjacke,
sonst nichts; die reicht ihr knapp über
den Hintern. Sie benutzt Schere & Kamm.
Keine Maschine.
Das Wasser läuft heiß über meinen Kopf;
ein paar Tropfen landen auf meinen
Hosenbeinen.
„Halt still“, sagt sie.
Der Kleine quasselt weiter. Er sagt
etwas Witziges. Ich lache. Schaum
sickert in meine Augen.
„Warum lachst du?“ fragt sie mich.
Der Kleine übernimmt die Antwort:
„Weil ich was Witziges gesagt habe.“
„Genau“, sage ich.
„Siehst du“, sagt er zu ihr.
Sie scheint mit ihren Gedanken
woanders zu sein.
„Ach so?“ sagt sie.
Ich drehe das Wasser ab; ich höre
die Schere.

Später:
Der Kleine ist beschäftigt in seinem
Zimmer.
Sie & ich sitzen auf dem Sofa; in
einem Sonnenmuster.
„Warum hast du vorhin wirklich
gelacht?“ sagt sie leise.
„Ich fand witzig, was er gesagt
hat. Du nicht? – Warum hätte ich denn
sonst lachen sollen?“
„Ach so“, sagt sie, „und ich dachte,
du hättest gesehen, wie der Saft an
meinem Bein herunterlief.“
„Oh“, sage ich, streichle den
Oberschenkel, der sich an meinen
preßt, „aber ich hatte doch
die Augen geschlossen.“
Sie sagt: „So kann man sich also
irren.“
„Ja“, sage ich, „so kann man sich irren.“
Meine Hand bewegt sich etwas weiter
ins Sonnenlicht.
„Ich glaube, ich hole mal besser ein
Handtuch“, sagt sie. „`s wär schade
um das Sofa.“
Und ich sage:
„Bleib sitzen. Ich mach das schon.“


Einsamkeit macht dick

Als Du gingst, wog ich
63 kg –

Jetzt wiege ich
71 kg –


Ein Mythos

Sie standen an einem frischen Grab im
Regen. Allein. Das provisorische Holzkreuz
stak schief in aufgeweichter Erde. Sie waren
schirmlos; Blumen niedergedrückt.
Ihre Liebe lag tief im Sarg. Wasser lief über
Gesichter. Mit grauer Stimme sagte sie:
„Du weißt, dass nach dem Tod Haare &
Nägel weiterwachsen?!“ Sie musste es laut
sagen, denn der Regen war laut; die
Böen waren laut.
Er sagte:
„Das ist ein Mythos. Völlig unwissen-
schaftlich. Einfach falsch.“
Die Haare klebten an seinem Kopf.
Sie sagte:
„Aber manchmal wird jemand
LEBENDIG BEGRABEN!“
Sie sagte es laut. Fast schreiend.
Er sagte:
„Das war früher. Heute ist der Stand
der Wissenschaft so weit, dass das nicht
mehr geschehen kann.“
Schwere Tropfen prasselten.
Der Wind nahm ihr den Atem.
Sie sagte noch etwas. Aber
sie sagte es leise.
Das Wetter fraß
ihre Worte.


Darüber hinweg

Ich war darüber
hinweggekommen; über den Schluss,
den sie gemacht hatte. Ich war
fortgezogen. Mehr als 400 km lagen
zwischen uns; Monate lagen zwischen
uns. Mein Kopf war frei für
Neues & Neue. Mein Herz war
frei für Zukunft. Endlich.
Damals ging ich noch ans Telefon,
wenn es klingelte; damals öffnete
ich noch die Tür, wenn jemand
klingelte. Ich schlief noch (teilweise)
nachts, kannte noch das Tageslicht,
atmete noch frische Luft.

Und dann klingelte es an der Haustür,
und ich öffnete; und sie stand da, in der
Sonne & lächelte unsicher. Wir reichten
uns Hände: sie mir ihre, die schon überall
auf mir gewesen war; ich ihr meine, die
schon überall auf (oder in) ihr gewesen
war. Es bedeutete mir nicht allzu viel
in diesem Moment, aber ich freute mich,
sie zu sehen.
Wir gingen ins Wohnzimmer, sie setzte
sich aufs Sofa.
„Hast du Kaffee“, fragte sie.
„Nur Instant-Scheisse“, sagte ich.
„Egal, ich brauche einen; hab nicht viel
geschlafen.“
„Kommt“, sagte ich & ging in die Küche.
Wir sprachen über die Distanz hinweg.
„Schön hast du’s hier“, sagte sie, „soweit
man es vor lauter Büchern erkennen kann.“
Wasserkocher … 3 gehäufte Löffel Nescafé
pro Mug, etwas Zucker, wenig Milch.
Ich ging zurück, sie bedankte sich; ich
setzte mich auf einen Sessel. Wir nippten.
Ein Tisch voller Bücher zwischen uns.
„Heiß“, sagte ich.
„Stark“, sagte sie.
„Verdammt stark“, sagte sie. „Ich kriege
Herzklopfen.“
„Ich nicht“, sagte ich.
Sie trug Jeans & ein weißes T-Shirt; sah
aus, wie nur sie aussehen konnte. Aber
ich war darüber hinweg.
Small-Talk, den ich so small wie
möglich hielt.
5 Minuten.
10 Minuten.
„Noch’n Kaffee?“ fragte ich.
„Nein“, sagte sie.
Ohne Übergang stand sie auf, kam
herüber & setzte sich auf meinen
Schoß. Legte die Arme um mich.
„Hast du mich noch lieb?“ flüsterte sie.
„Natürlich“, sagte ich. Ohne
Herzklopfen. Meine Handflächen
auf ihr. Ihr Geruch, besser als der
von Büchern. Dass ich sie nicht
küsste, wußte sie auszugleichen; und
dann küssten wir uns. Und ganz
langsam –
begann der Kaffee bei mir zu wirken.
Und ich wußte es :
Dieses Mal würde ich nicht so glimpflich
davonkommen. Dieses Mal würde ich
– wenn es wieder so weit war – nicht
darüber hinwegkommen. Dieses Mal
würde es Etwas in mir
zerstören. Endgültig.
Unwiederbringlich.

Und es war mir so verdammt
egal.


Physik

Ich bin ein Spielball für
manche [Frauen] –
Sie werfen mich in die
Luft
titschen mich auf den
Boden
stecken mich in die
Tasche

Aber
sie können mich nicht
an die Wand klatschen –
denn ich pralle ab
springe zurück – vielleicht
in die Fresse der Werfenden
vielleicht in die Hand einer
anderen – vielleicht
in die Leere wo niemand ist

Dann rolle ich weiter
durch die Leere in die
Einsamkeit
Weiter – –
bis ich – den Gesetzen
der Physik gehorchend –
zum Stillstand komme


Konjugation

Ich bringe mich um
Du bringst mich um
Er Sie Es bringt Es Sie Ihn um

Wir bringen uns um
Ihr bringt Euch um
Sie bringen Alle um

den Verstand


Ahnungslosigkeit

Sie oder Er trifft B.
verliebt sich
liebt liebt liebt
wird glücklich & bleibt es
für einige Zeit

Hätte Er oder Sie A. getroffen
hätte Er oder Sie sich heftiger verliebt
tiefer geliebt geliebt geliebt
wäre noch glücklicher geworden &
wäre es für längere Zeit geblieben

Sie oder Er
ahnt nichts davon
& ist
zufrieden genug
in dieser
A-
hnungs-
losigkeit

die Alle
b-
trifft