Archiv der Kategorie: Gedichte/Texte

Fechten

Ich fechte
mit der Zeit

Nicht immer
weiß ich

ist es
Florett
Degen
Säbel
Schwert ?

Ich sehe
die Schmisse

in meiner
Fresse

Die Maske
habe ich abgesetzt

vor langer
Zeit

Schutz
brauche ich nicht mehr

Wer auch immer
gewinnt

ist
der Sieger

& hat
recht

mit kleinem
r


Nichts Besonderes

Ich betrachtete die Fleckenfratzen auf der Theke,
versuchte etwas in ihnen wiederzuerkennen;
gute alte UnBekannte. Die sich aus dem Staub
gemacht hatten. Staub, in den man zeichnen
konnte, mit Fingern der Langeweile.

„Du hättest etwas aus deinem Leben machen können“,
sagte er.
„Das Leben hat etwas aus mir gemacht“, sagte ich. „Und
das ist mir wichtiger.“

Das Bier schmeckte nicht besonders. Ich grinste.
„Ansonsten hat sich niemand etwas aus mir gemacht.“
„Das ist ja wohl nicht wahr“, sagte er.
„So wahr wie meine Wahrheit sein kann.“
„Also nicht besonders wahr.“
„Stimmt“, sagte ich. „Nicht besonders. Aber
es klang schön. Und das ist die Hauptsache.“

Gegenüber saß eine junge Frau neben einem
sehr viel älteren Mann. Sie unterhielten sich
angeregt. Der Mann war etwa
in meinem Alter. Hin & wieder sah die Frau
zu mir herüber; blickte mir tief in die Augen.
Ich las in ihnen: Du bist nichts Besonderes.

Ich bestellte noch 2 Bier.

Worauf wollte ich hinaus?
Keine Ahnung. Auf Nichts wahrscheinlich.
Ich will meistens auf Nichts hinaus.
Ich kenne mich aus im Nichts & mag es.

Wir schwiegen. Wir tranken.
Ich blickte auf die Flecken, betrachtete die Augen.
Hörte auf Nichts.

Dann
machten wir uns aus dem Staub.


Glück & Talent

Ich habe es so oft erlebt
& trauerte so oft
deshalb

Menschen
die unglücklich waren
verzweifelt
verwirrt
verstört

& so reich an Talent
Ihre Worte faszinierten
Ihre Sätze waren einzigartig
Ihre Texte grandios

Und dann

nahm ihr Leben

eine

glückliche

Wendung

Ihre Worte
wurden hohl
Ihre Sätze gemein
Ihre Texte fad

Lange Weile
plätscherte

In Bahnen
die schon Milliarden von Menschen vor ihnen
ins Nichts
geleitet hatten

Es war so traurig

Und doch
Diese Trauer ist reiner
Egoismus

Man sollte es ihnen wünschen
Dieses Glück
Das in die Nichtigkeit führt

Denn für sie
bedeutet es
vielleicht
Alles

Ansonsten
bedeutet es
aber

Nichts

Nichts

Nichts


Der 8eckige Papierkorb

Ich
sehe den 8eckigen Papierkorb
auf dem Foto des Dichters

Ich
habe einen runden Papierkorb

Ich
drehe meine Runden

Er
– so hoffe ich –
eckt
an

Habt

8 !


Der Puppenkopf

Warmer Wind schob Wolken durch das Abendrot
Der Mann hinkte
Die Gassen waren eng
Kopfsteinpflasterschritte prallten an Fachwerkfassaden
Passanten schauten hin schauten weg
Zu & von dem Mann der hinkte
In der einen Hand die Weinflasche
In der anderen den blonden Kopf einer Schaufensterpuppe
Der Kopf war stumm aber der Mann spielte
mit Wortmurmeln die er splitternd fallen ließ
& die niemand fangen konnte

Sein Verstand war ein anderer als andere
Von anderen nicht verstanden
Von ihm nicht begriffen
Ein Labyrinth in welches das Leben ihn
gestoßen hatte
Ohne Roten Faden
Aber mit einem Ungeheuer im Mittelpunkt
das keine Erklärungen für ihn hatte

Er setzte sich auf den Rand eines Blumenkübels
Dort wo 2 Gassen aufeinander stießen
Er trank vom Wein &
schaute in die aufgemalten Augen des Puppenkopfes
Er sagte etwas
Er schwieg etwas
Er legte den Kopf zwischen die Blumen

Dann stand er auf & hinkte fort

Weiter & weiter im Abendrot
Von einer Gasse in die nächste

Plötzlich blieb er stehen
hob die Hand mit der Weinflasche
schüttelte sie leicht
sah wieviel noch darin war & lächelte

Hob die andere Hand
sah dass sie leer war
& weinte


Der Zahnärzteball

So wahr mir Satan helfe,
oder sonst irgendeine dieser Lichtgestalten!
Genau so ist es geschehen,
so & nicht anders :

Der Zahnärzteball war vorüber.
4 Uhr nachts, der letzte Zahnarzt, die letzte
Zahnärztin samt Anhang waren fort, die
Musik aus, die Kerzen erloschen. Der
Saal wurde aufgeräumt. Ich saß am
Empfang & las Tschechow, während die
anderen arbeiteten; Gerechtigkeit muss sein.
Schließlich kamen die Kellnerinnen & Kellner
nach & nach zu mir, um abzurechnen.
Münztürme wurden aufgebaut, Scheinstapel geschichtet.
Kredit- & EC-Karten-Belege aufaddiert.
Ein Mann betrat die Halle, hustete, rülpste,
sah sich um, kam zu uns, lehnte sich auf den
Rezeptionstresen.
„Was issn das hier?“ sagte er. Laut. Sehr laut.
Und riechend.
Ich antwortete. „Hab mir sagen lassen, man nennt
sowas Hotel.“
„Sehr witzig, Alter. Sehr witzig.“
Ich freue mich jedesmal über Menschen, die nur
zum Stänkern hereinkommen, sofern sie mir
unsympathisch sind (es gibt auch Stänkerer, die
sofort meine Sympathie haben); die Unsympathischen
aber bieten mir die Gelegenheit, alle aufgesetzte
Höflichkeit auf den Müll zu schmeissen.
„Ich bin Komiker“, sagte ich, „das hier ist mein
Nebenjob.“
Er starrte auf das Geld. „Und was kostet ein
Zimmer in diesem Saftladen?“
„Hängt von der Nase des Gastes ab.“
„Und wenn ich ein Zimmer will?“
„Ich hab da noch eins in Besenkammergröße.
Für Sie mach ich nen Sonderpreis. 750 Euro.“
Er langte über den Tresen. Wischte alles von
der Arbeitsfläche; Münzen, Scheine, Belege
flogen & flatterten.
„Is doch alles Scheisse hier“, rief er. „Alles
Scheisse!“
„Die Drehtür wartet schon auf Sie“, sagte ich.
Er warf mir einen Blick zu; ich warf zurück.
Er machte kehrt. Richtung Ausgang.
„Drecksladen“, rief er. „Verfickter Drecksladen!“
Die Tür schaufelte ihn nach draußen. Er überquerte
die Straße, verschwand im gegenüberliegenden
Hauptbahnhof. Türmchen wurden neu gebaut.
Abrechnung, die Zweite.

Später. Das Personal saß in der abgedunkelten
Bar beim Feierabend-Bier. Ich stand hinter der
Theke & trank mit, obwohl ich keinen Feierabend
hatte. Und dann sah ich ihn. Im Geschwindschritt
überquerte er die Straße. Bei Rot. Bewegte sich
wieder aufs Hotel zu. Ich beeilte mich, schloss
Drehtür & Seiteneingang ab. Blieb dort stehen &
wartete. Unsere Blicke trafen sich durch Glas.
Erst rüttelte er an der einen Tür; dann an der andern.
„Ey!“ rief er, „Was solln das?! Mach auf, Alter!“
„Nichts da. Verpiss dich.“
„Ich muss kacken, Mann. Da drüben im Bahnhof
sind die Klos geschlossen.“
„Dumm gelaufen“, sagte ich. „Solche Eventualitäten
sollte man immer vorab in Erwägung ziehen.“
„Arschloch!“ rief er.
Die Hotelbar leerte sich, wir bekamen Publikum.
Ich grinste ihn an.
„Ey, wenn du bei 3 nicht aufmachst, scheiss ich euch
in die Drehtür!“
„Viel Spaß dabei, aber pass auf, dass die Bullen dir
dann nicht die Nase in den eigenen Haufen drücken.“
„Eins!“
Ich grinste.
„Zwei!“
Ich grinste.
„Drei!“
Ich grinste, und er machte den Gürtel auf.
Das Publikum kam näher. Bildete einen Halbkreis.
Knopf, Reißverschluss …. Er ließ die Hose runter.
Hockte sich ins Drehtürviertel. Alle lachten &
kommentierten seine Erscheinung.
Ich habe viele Schwächen; Koprophilie gehört nicht
dazu. Also ersparte ich mir den Anblick & ging zum
Telefon. Wählte die Nummer, die ich längst auswendig
wusste; die zuständige Dienststelle. Wahrscheinlich
erkannten die mich schon an der Stimme.
„Also, Sie werdens vielleicht nicht glauben, aber uns
kackt hier gerade einer in den Eingang; und ich rede
nicht von einem Tier.“
„Ich schick gleich mal jemanden vorbei.“ (Ich hörte
das Grinsen in der Stimme.)
Es gab Applaus. Azubinen kicherten. Amüsierter Ekel.
„Ich könnt das nicht“, hörte ich. (Richtig, irgendwie
war der Kerl beneidenswert.)
Papier hatte er keins. Er erhob sich wieder & zog sich
an. Dann ging er auf & ab. Konnte sich offenbar
nicht trennen von seinem Publikum. Oder von seinem
Haufen. Die Polizei fuhr vor. Ein Mann & eine Frau.
Der Produzent & sein Produkt wurden in Augenschein
genommen. Ich schloss den Seiteneingang auf.
Diskussionen folgten. Personalien wurden aufgenommen.
Ich fing an, mich zu langweilen. Ein Azubi, der die
meiste Zeit über bekifft war, mischte sich ein; richtete
sich an die Polizei. „Ihr macht solche Leute doch erst
möglich“, sagte er. – „Schnauze“, sagte der
Restaurantleiter. – „Man kann einem Mann doch nicht
den Stuhlgang verwehren“, sagte der Scheisser.
Es endete damit, dass die Polizei verärgert war, den
Mann laufen ließ, und der bekiffte Azubi den Haufen
wegmachen musste. Er tat dies mit einer
Kehrschaufel aus Plastik. Dann ging er in die
Küche & legte die Schaufel in die Geschirrspülmaschine.
Zu Tellern, Gläsern & Besteck.
Niemand hielt ihn davon ab.
Es dauerte Wochen, bis ich mich dazu durchringen
konnte, dort wieder etwas zu essen. Immer musste
ich an die Gesellschaft denken, in der das Geschirr sich
befunden hatte. (Wäre es wenigstens der Scheisshaufen
einer hübschen jungen Frau gewesen!)
Die Gäste ahnten nicht, von welchen Tellern sie aßen,
aus welchen Gläsern sie tranken, welches Besteck
sie sich in den Mund schoben.
Und jedes Mal, wenn ich beim Zahnarzt auf dem
Stuhl sitze, muss ich an jene Nacht denken ….

So wahr Satan mir helfe!


Das Leben als Sein & Vorstellung

Ich erwachte in dem Gehirn
eines anderen Menschen
Erwacht aus dem Schlaf
der meine Realität gewesen war

Plötzlich lebte ich als
Vorstellung
als Fantasie
als Traum
eines Anderen

Mein Leben war nur noch
der Reflex des fremden
Geistes

Ich wurde wahrgenommen
aber diese Wahrnehmung war
nicht wahr
War
nicht ich

Dennoch
es war aufregend
eine neue Form der
Existenz

Ein Leben im
Woanders

Ungewiss
für eine gewisse Zeit

Dann:

Wurde ich wieder gelöscht
von dem fremden Bewußtsein
aus dem fremden Bewußtsein

Vorstellung Fantasie & Traum
waren mir verschlossen
blieben mir verschlossen

Für einen Moment
schien ich nicht mehr zu existieren
Der fremde Geist ließ mich nicht mehr zu
Meine Realität hatte ich irgendwo
vergessen
Ich musste mich erst erinnern
wo
Ich musste sie wiederfinden

Musste sie wiederfinden
obwohl ich das Interesse an ihr
verloren hatte

Aber irgendwo
muss man ja

sein


Abwasch

Ich liebe es
Berge von schmutzigem Geschirr spülen
Das eingetrocknete Olivenöl aus der Pfanne schrubben
Teebeläge aus der Kanne bürsten
Besteck & Gläser zum Glänzen bringen
Die Reste der Martinis aus dem Shaker wischen
Fettpfützen aus tiefen Tellern entfernen
Zwiebel- & Knoblauchreste von Brettern kratzen

Ich liebe es
die Schublade des Toasters ausschütten
Die Kaffeemaschine zum Glänzen bringen
Den Herd blinken lassen
Die Spüle polieren

Töpfe waschen
Backbleche reinigen

Ich liebe es
das schmutzige Wasser
das in den Ausguss fließt

Sinn
Eine einfache Tätigkeit
die ein einfaches Resultat zur Folge hat
Sauberkeit

Ein Ergebnis
das
nicht auf sich warten lässt

Ein Anblick
der einen belohnt
für das was man getan hat

Licht
das reflektiert wird

Ich liebe es

Weil es so einfach ist


Die Beschaffenheit des Wahnsinns

Der Helle Wahnsinn!
Der Reine Wahnsinn!

Nein danke
kein Bedarf

Ich brauche den
Dunklen Wahnsinn
Den Wahnsinn
der nachts auf Friedhöfen swingt
& die Fuselflaschen auf
Grabsteinen zerschmettert

Ich brauche den
Unreinen Wahnsinn
Den Wahnsinn
der voll von schmutzigen Gedanken
aus dem Sumpf des Lebens
kriecht

Gelächter
in Dunkelheit & Dreck

Versiffte Schatten
die mit mir tanzen
zur Musik eines Komponisten
der in geistiger Umnachtung
endete

Danse Macabre!

Bilder von
abgeschnittenen Ohren

Fantasien
die hinter syphilitischen Stirnen
geboren wurden

Schwarzes Feuer
das ewig brennt

Helligkeit
Reinheit
Ich brauche Euch nicht !

Ich kenne die Gosse
in die der Dichter fiel
schwarz gekleidet

in einer Nacht
die niemals endete


Rollos

Die Rollos
(schreibt man das heutzutage so?)
runtergelassen
gegen alles
das eindringen könnte

Normalität
Worte
Liebe (falsch)
Blicke
Sonne
Stimmen
Nüchternheit

Der Schmerz
bleibt draußen

Gedanken
bleiben dunkel

Gefühle
düster

Wie schön
Das Geräusch

Wenn man
die Rollos

herunterlässt


Etwas

Sie
haben
nichts
zu sagen

Aber
sie
sagen
etwas

Und
dieses
Etwas
ist

Nichts


Nichts

Ich
habe
nichts
zu sagen

Also
sage
ich

nichts


Der Schnellzug

Und wiedermal bist Du drüber hinweggekommen
Wie der Schnellzug über den Kopf des Selbstmörders
Ein bisschen was von Dir ist auf der Strecke geblieben
Aber das ist nicht wichtig

Wichtig ist
dass Du etwas hattest, worüber Du
hinwegkommen musstest
Und dass Du es geschafft hast

Die Veränderung, die es bewirkt hat, ist gut
Der Schmerz ist gut
Die Traurigkeit ist gut
Denn das ist die Lebendigkeit in Dir

Du kannst großzügig sein
mit Dir
& mit Anderen
Keine Rechtfertigungen
Keine Vorwürfe
Es ist keine Zeit dafür

Zu schnell wird der Zug sein Ziel erreichen
Den Kopfbahnhof, wo Du aussteigen musst
Schau aus dem Fenster
solange er unterwegs ist

Sieh was auf der Strecke liegt
Es ist nicht so wichtig
Wie Du manchmal denkst


Die Schlangenfarm

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Die Schlangen haben Beine
lang & schön
Die Schlangen haben Haare
lang & schön

Die Schlangen hängen sich
an meinen Hals
Sie zischeln mir ins Ohr
bis ich grinse

Ihre Bewegungen sind geschmeidig
wie ihre Worte

Ich liebe ihre Haut
Ihre Zungen & ihre Zähne

Ich liebe ihren Biss

Ihr Gift ist
ein künstliches Paradies
Ein schmerzendes Vergessen
Ein schmerzendes Erinnern
Fantasie vielleicht
Sonst nichts

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Wo sonst könnte ich leben ?


Glückliche Momente

Manchmal möchte ich sie auslöschen
Die glücklichen Momente der Vergangenheit
Sie haben eine Farbe, die sich
beisst mit der Grundfarbe meines Lebens
Sie sind getaucht in eine Helligkeit
die einen zu starken Kontrast bildet
Farbe & Helligkeit & Kontrast schmerzen
Sie brennen in den Augen
Sie trüben den Blick
Sie verändern die Sicht auf das Leben

Die glücklichen Momente der Gegenwart
Auch ich bin schwach
Auch ich möchte sie bewahren
Die Augen schließen &
ihre Helligkeit dennoch sehen
durch Lider, die zu dünn &
voller Blut sind

Aber Gegenwart ist nicht greifbar
Nur die Vergangenheit bleibt einem
Nur die Vergangenheit ist immer präsent
Eine stetig wachsende Fläche
mit einer bestimmten Grundfarbe

Die glücklichen Momente der Vergangenheit
Ich möchte sie auslöschen

Manchmal
Manchmal

oft


10

Ich bin die Null
Du bist die Eins

zusammen sind wir

Zehn


Die Schmeißfliege

Ich würde sie küssen
die Schmeißfliege, die
auf Deinem Scheisshaufen saß

Sie ist blau
schimmernd

Blau wie ich
der ich nicht schimmern kann

Sie kann fliegen
Sie kann summen

Fliegen kann ich nicht
Vielleicht in Träumen

Summen kann ich
Wenn wir miteinander sprechen

Aber wir sprechen nicht mehr
miteinander

Die Klatsche

Ich habe einen an der Klatsche

Die Schmeißfliege
Ich träume von ihr

Ich werde sie nicht verletzen
Ich kann ihr nicht weh tun

Sie soll fliegen

fliegen

summend

blau

schillernd

dorthin

wo Dein Duft wohnt

Vielleicht
kommt sie von meiner
Leiche
an der sie saugte

Vielleicht
lächelte sie dabei

Ihre Flügel
zittern

Ich zittere
mit ihr

Und ich
küsse sie


Gefühl?

Gefühl?
Nein, nicht ich, nicht ich, nicht ich
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Ich erinnere mich an
irgend etwas
das an Gefühl erinnert
aber kein Gefühl mehr ist

Gefühl?
Nein, nicht ich
Ich bin cool
Ich bin kalt

Kalt wie der Gin
aus dem Gefrierfach

Kalt wie die Toten
die ich kannte

Gefühl?
Nein, nicht ich, nicht ich, nicht ich
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Ich lache
wenn andere weinen

oder ist es umgekehrt?
In der Nacht….

In welcher Nacht?

Ich kenne Nächte
inzwischen
die ich glaubte
vergessen zu haben

Aber nein!
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Da ist etwas
kalt wie Gin

Gin aus dem Gefrierfach

Gefühl?


Papier & Vodka

Alles was auf Lüge beruhen könnte
sollte man auf Papier schreiben
Gedichte – von der Lüge gezeugt
& von der Gutgläubigkeit empfangen
Stories – die aus dem Verstand kommen
den die Lüge gefickt hat

Fehlgeburten, nichts als Fehlgeburten

Papier Papier Papier

Papier ist real

Virtuell war der Ursprung
der Gefühle
Virtuell wie das Computerprogramm
in dem die Worte nicht greifbar sind

Papier
Ich schütte Vodka darauf
die Lieblingsmarke der Lüge
ABSOLUT
Ich zünde es an
Sehe wie Zeichen sich kräuseln
Sehe den Tod meiner Worte
die niemals das Recht hatten
geboren zu werden

Papier
die Sterbeurkunde der Hoffnung

Flammen
die sich in Rasiermessern spiegeln

Wörter sollen nicht gelöscht werden
Sie sollen verbrennen

Sie sollen schreien vor Hitze
Sie sollen verglühen

Tod Tod Tod
Tod der Worte
Kein Erbarmen

Papier & Vodka
Vodka der kein Vergessen bringt
Papier

das zu Asche wird


Tagesfragen

Erwachen
& die üblichen Tagesfragen:
Lustspiel? Trauerspiel? Endspiel?
Wer hat sich zurückgezogen?
Wer kommt auf Dich zu?
Wer tritt Dir in die Kniekehle?
Wer nimmt Dich in den Arm?
Kannst Du überhaupt aufstehen?
Musst Du liegenbleiben?
Kannst Du etwas essen?
Brauchst Du einen Drink?
Wirst Du heute Geschwätz ertragen können?
Wirst Du heute den Job überstehen?
Wird der Wagen anspringen?
Willst Du sterben?
Willst Du leben?

Erwachen
& irgendwelche Antworten
meist die ewiggleichen
Manchmal Variationen
die nicht viel bedeuten

Erwachen
immerhin Erwachen

Vielleicht
Weiterträumen


Haut

Meine Haut ist eine Landkarte
des Grauens
Alle Ängste
Alle Erinnerungen
Alle Neurosen
sind auf ihr verzeichnet

Das Verlassenwerden ist rot
Die Gleichgültigkeit ist braun
Die Einsamkeit ist gelb
Die Narben sind weiss
Die Nervosität ist lila & blau
Der Alkohol ist schwarz

Meine Haut ist eine Landkarte
Flüsse, Gebirge & Meere
aus Gefühlen

Niemand findet sich darin zurecht
Niemand kennt die Wege

Gänse sind hier zu Hause
in den Spuren der Vergangenheit

Meine Haut ist eine Landkarte
die niemand berührt

Ein Verzeichnis von Orten
die ich nicht kenne

Ein Verzeichnis von Zielen
die ich nicht finde


Presslufthämmer

Presslufthämmer weckten mich
nach 2 Stunden wirrer Träume.
Vielleicht war es auch meine eigene
Leere, die mich noch vor den
Pesslufthämmern weckte.
Ich spürte spitze Absätze auf meiner
Brust. Immerhin : Gefühle.
Totgeglaubt. Seit langem.
Ich hatte keinen Plan.
Eventuell überleben.
Sofern mir nichts Besseres einfiel.
Aber mir fiel selten Besseres ein.
Die Presslufthämmer zerlegten
Mauerwerk. Sie hätten meinen
Schädel zerlegen sollen. Oder
war der etwa zu dick?
Was soll ich heute tun?
Heute Nacht tun?
Wenn die Stille zurückkehrt.
Ich werde mein Gedächtnis zerstören;
systematisch. Ich werde mir
3 Mal einen runterholen. Ruhe.
Ruhe. Zum Schluss werde ich mir
den Schädel an einem Spiegel
einschlagen. Ich lasse Blut in meine
Augen laufen. Wie ein nächtlicher
Sonnenuntergang wird es sein.
Dann kommt die Dunkelheit.
Die Finsternis.
Und dann kehren sie zurück.
Die Presslufthämmer.


Diese verdammten Gedichte

Diese verdammten Gedichte
die man wegen jemandem schreibt
für jemanden schreibt
Schreibt um nicht zu ersticken
Schreibt um zu überleben
Schreibt um das Überleben zu feiern

Diese verdammten Gedichte
Die Euphorie des Vortages ist vorbei
Die Verzweiflung von heute
ist morgen vielleicht schon wieder
Hoffnung

Diese verdammten Gedichte
Man möchte sie alle zerreissen
Man möchte sie auslöschen
Man möchte sie ungeschehen machen
weil einem plötzlich alles falsch erscheint
wertlos & dumm & peinlich & überholt

Und doch
Es gab den einen Augenblick in dem sie
nichts als reine Wahrheit waren
Den einen Augenblick in dem sie
zum Käfig dieser Wahrheit wurden
Die Wahrheit bleibt darin gefangen
Sie kann nicht mehr fliehen

Die Wahrheit die jeder wiedererkennt

Die Zeit kann der Wahrheit nichts anhaben
Gleichgültig was man am nächsten Morgen
darüber denken mag

Diese verdammten Gedichte
die man wegen jemandem schreibt
für jemanden schreibt

Sie haben einen Sinn
der nicht vergeht

wenn
Alles Andere
vergangen ist


Die Methode

Mein Leben ist ein Kugelhagel aus
verpassten Gelegenheiten
ausgeschlagenen Angeboten
zurückgewiesenen Händen

Erfahrungen & Ängste
sind meine Munitionsfabrik

Um mit dem Bedauern klarzukommen
habe ich eine Methode :
Ich rede mir ein
dass, hätte ich alles Realität
werden lassen, irgendwann die
Gewöhnung, die Abstumpfung, die
Abkühlung unweigerlich eingesetzt hätte
Etwas, das noch im nachhinein einen
schmutzigen Schatten auf das vorausgegangene
Schöne geworfen haben würde
Nur dadurch, dass ich es in der Fantasie
belassen habe, ist es
ewig schön

Nun ja,
die Methode überzeugt mich nicht wirklich
Nicht bis in den letzten Winkel des
Gedankenganges

Aber sie ist Alles
was ich habe


Der Ärmel

Mein Leben war ein alter vergilbter Ärmel
Sie kam & krempelte ihn um
Sie besprengte ihn mit Pisse, Blut & Tränen
Plättete ihn mit ihrer Zunge
die so gewandt war in Worten & Taten
Die Schatten unter ihren Augen
warfen ein Licht
auf den Ärmel
das den Gilb
verschwinden ließ


Fremde

An jenem Tag hatte sie Frühdienst
Sie war im 2. Ausbildungsjahr zur Hotelfachfrau
Mein Nachtdienst neigte sich dem Ende zu
Sie begrüßte mich wie immer, lächelnd, plaudernd
Sie nahm die Schlüssel für den Frühstücksraum
die Zeitungen, die Listen & ging in Richtung Umkleide

Nichts schien anders als sonst
Alle sagten das –
im Nachhinein

Am frühen Abend fand man ihr Auto
in einem abgelegenen Waldstück
Zusammen mit ihrem Freud saß sie darin
Ein Schlauch führte vom Auspuff ins Wageninnere
Der Motor lief noch
Er musste seit Stunden gelaufen sein

Es war diese verfluchte alte Shakespeare-Story
2 Elternpaare die sich nicht ausstehen konnten
die gegen die Beziehung ihrer Kinder waren
gegen die Liebe
Egoismus Dummheit Borniertheit
das volle Programm

Und nichts schien anders
an jenem Tag
Man ist sich fremd
Man sieht nichts
Man plaudert
Man lächelt

Kein Hilferuf
stattdessen funktioniert man

Man funktioniert
solange es geht

Man ist umgeben von

Fremden


Mein Herd

Jedes Mal, wenn ich vor meinem Herd stehe,
höre ich in meinem Schädel Charles Bronson
Mundharmonika spielen. Ich werde vors
Fertiggericht geladen, und das Urteil lautet:
Weiterleben! Charles hat mich noch nie
abgeknallt.
Mein Herd war Mitte der 70er Jahre schon
alt. Von BBC. Mir gefällt der Schriftzug,
weil er Assoziationen weckt, die nichts mit
Essen zu tun haben. Musik! Ungefähr 20 Jahre lang
funktionierten nur noch 2 Platten; erst neulich
habe ich eine 3. wieder zum Laufen gebracht.
Ich hätte Elektriker werden sollen. Was für ein
Luxus!
Warum zur Hölle wollen alle immer das Neueste
haben? Das Raffinierteste? Das Modernste?
Mein verdammter alter Herd hat Stil &
Seele; er hat eine Menge erlebt; musste einen
Haufen Dreck über sich ergehen lassen.
Ab & zu schwächelt er ein wenig, aber wer
tut das nicht? Er säuft Strom wie ich meinen
Gin saufe. Er sieht etwas ramponiert aus; wie
ich. Manchmal kommt er nicht richtig
auf Touren, wird nicht richtig heiss & hält
mich hin wie eine abgekühlte Geliebte. Dann
dauert das Vorspiel eben etwas länger. Was
soll’s!
Ich finde wir sind ein schönes Paar.


DU

Wärst Du ein Mann, würde ich Dir den Schwanz lutschen
Wärst Du ein Hund, würde ich mit Dir Gassi gehen
Wärst Du eine Katze, würde ich Dich ins Schnurren kraulen
Wärst Du ein Baum, würde ich Dich düngen mit meiner Kacke
Wärst Du eine Spinne, würde ich Dir ein Netz basteln &
Dich schaukeln, bis Du grinst

Aber

Du bist ein kleines verängstigtes Mädchen

Also
muss ich Dich in den Arm nehmen &
Dich streicheln
bis Du

vergisst


Reagenzien

Sie überschüttete mich mit ihrer Pisse
die ich trinken wollte
Dann überschüttete sie mich mit ihrer Liebe
Sie überschüttete mich mit Eiswasser
das mich schaudern machte
Dann überschüttete sie mich mit Salzsäure
Meine blöde Visage zerfloss

Ich mixte mir einen Cocktail
spießte einen meiner Augäpfel auf
rührte damit in den Reagenzien

Dieses Auge war nicht so traurig
wie ihre Augen es waren

Die Augen
in die ich mich verliebt hatte

Ich glaubte
ein Zwinkern zu sehen

Dieses Zwinkern bedeutete

TOD !


Der Job

Ein Mann stand in einer der Telefonkabinen
& redete. Ich stand hinter der Rezeption &
zählte die Kasse. Die Bar war bereits
geschlossen. Die Drehtür setzte sich in
Bewegung & eine Frau betrat die Halle.
Mitte 30, schlank, rote Haare.
Sie kam zu mir.
„Ich hätte gern ein Zimmer“, sagte sie,
„ich bin hier am Bahnhof gestrandet &
komme nicht weiter.“
Ich nannte ihr die Preise.
Sie sagte: „Das Problem ist, ich habe
kein Geld mehr.“
„Das ist schlecht“, sagte ich.
Der Mann beendete sein Gespräch &
setzte sich in die Halle, blätterte in
Unterlagen. Die Frau senkte die Stimme
ein wenig … nur ein wenig.
„Manchmal bezahle ich auch mit Sex“,
sagte sie. „Vor allem mit Blowjobs.“
Ich sah sie mir genauer an. Ich fand sie
nicht besonders attraktiv. Andererseits
hatte ich schon seit geraumer Zeit keinen
Sex mehr gehabt. Dann begann ich zu
rechnen. Würde ich ihr das Zimmer einfach
so geben, und die Sache flog auf, wäre
ich den Job los. Und wenn ich das Zimmer
selber bezahlen würde …. dafür hätte ich
mir woanders diverse Blowjobs von
attraktiveren Frauen kaufen können.
Tja, irgendwie stimmte hier das Preis-
Leistungsverhältnis nicht. Außerdem
bin ich zu geizig für sowas.
„Sorry“, sagte ich, „daraus wird nichts.“
Sie blickte mir tief in die Augen. Ganz
kurz. Dann sagte sie: „Okay. Verstehe.“
Sie machte kehrt & war so schnell
wieder verschwunden, wie sie gekommen
war.
Der Mann legte seine Unterlagen beiseite
& kam rüber zu mir. Er grinste.
„Was war das denn“, sagte er.
„Haben Sie doch gehört“, sagte ich.
„Passiert sowas öfter?“
„Nicht sehr oft.“
„Scheint ein interessanter Job zu sein,
den Sie da haben.“
„Manchmal finde ich ihn auch ganz
unterhaltsam“, sagte ich.


Cut up

Du hast mich zum Cut-Up-Text gemacht
hast mich zerschnitten mit der Schere Deines Herzens &
mich neu zusammengesetzt
aus Schnipseln
die ohne Dich keinen Sinn ergeben würden
Alles scheint so wirr
& doch
es fügt sich zusammen
NEU
so NEU !

Worte
Sätze
Absätze
Seiten
Bücher

Die vielleicht nur WIR
verstehen

Hackbraten
flackerndes LynchLicht
Pullover am Herd
Bananensafthose
Lesbenpornos
Tabak in der Kotze
Schwarze Perle
Klospülung
Gehirnsäure in Handgranaten
So finster die Nacht
Metallbett
pulsierende Steine
Auslaufmodell
Gespräche mit Katzen
Spinnenplage
Pornoschnulze
Matratzensaft
Kellertreppe
Züge & Winde & Sonnenbrillen
Nuttenstiefel in der Wand
Handgelenkshubbelkuss
16. Juni
oooohhhh gooottt oooohhh gooottt
1853 DM
Schaufensterpuppen
17stündige Sonntage
LachenLachenLachen
sterbende Trommelfelle
3 Meter lange Fußnägel
Der Koch der nach dem Kommen kam
Hey
Ziegenkäse
Plätschern & Spülen
die Kühltruhe im Keller
Absolut
MUT
geheime Fenster
Au Rebours
Regen
& Schnee mit weißen Katzen

Fick das Verständnis der Anderen !
Was nur wir verstehen, ist ein Stück
Allgemeingültigkeit !

Ich lese mich
NEU

VERDAMMT !

Ein unbekanntes Buch……..

Die Autorin

bist

DU !


Tütensuppen

Vielleicht sollte ich endlich anfangen
mich für Dinge zu interessieren
für die sich fast alle interessieren
Karriere Autos Fernsehserien
Klamotten Geselligkeit Bestseller
Hochzeiten fremder Menschen
Gartenarbeit Rostbeseitigung
Schuheputzen moderne Möbel
die neueste Technik

Vielleicht findet man durch das
Interesse für all das die nötige
Abstumpfung
um das unkomplizierte Leben
einer Tütensuppe führen zu können
Vielleicht bringt all das tatsächlich
Ablenkung
Nur – wo würde es mich hinlenken?
Wahrscheinlich in den großen lauwarmen
Kochtopf
in dem so viele andere bereits schwimmen
umgerührt … verrührt … ein einziges
nicht wieder zu trennendes Etwas
fad im Geschmack
von geringem Nährwert
versetzt mit Langeweile
Vielleicht …. nein, lieber nicht darüber
nachdenken
Man hat keine Wahl
Lieber die eigene Pisse im Kochtopf
als dieses leere Meer von
Tütensuppen


Das Furunkel am Arsch des Nachbarn

Die Haustürklingel ist abgeschaltet
fast immer
Das DingDong ist eines der widerlichsten
Geräusche
die ich kenne
Welt begehrt Einlass
Die Welt kann mir gestohlen bleiben

Nein, sie wurde mir nicht gestohlen
Ich habe sie fortgeworfen

Die Haustürklingel ist abgeschaltet
Päckchen & Pakete werden bei den
Nachbarn abgegeben – meist bei einem alten Ehepaar
Die Frau ist besorgt um das alte, einsam lebende
Arschloch auf der andern Straßenseite
„Immer so alleine“, lautet ihr Refrain, „das
ist doch nichts…..“

Ich quäle mich rüber, um meine Pakete
mit Alkohol & Büchern abzuholen
Immer noch besser als dafür in die Stadt zu fahren

Ich klingle & warte auf den Refrain
Er kommt …. unweigerlich …. er kommt immer
eingebettet in immer neuen Variationen

Sie senkt die Stimme:
„Wissen Sie, mein Mann hat da gerade so ein
Furunkel am Hintern. Sehr schmerzhaft.
Das muss jeden Tag mit einer Tinktur betupft
werden. Und jeden Tag muss ein neues Pflaster
drauf. Und da dachte ich mir neulich:’ mein
Gott, wenn er jetzt allein wäre…. wer würde
das machen?…. Da käme er selber doch gar
nicht dran….’ … Ja, also, alleinsein, das ist
doch nichts, wenn man so gar niemanden hat.

Ich grinse sie blöde an
sage irgend etwas
wie immer

Ich sage nicht, was ich gerne sagen würde:
Wenn ich mal ein Furunkel am Arsch habe
werde ich zu Ihnen kommen, und sie können
damit machen, was Sie wollen…….

Sie ist nett …. sie ist besorgt …. sie ist Welt

Die Welt soll bleiben
wo ich sie hingeworfen habe

Meine Haustürklingel bleibt abgeschaltet