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Cut up

Du hast mich zum Cut-Up-Text gemacht
hast mich zerschnitten mit der Schere Deines Herzens &
mich neu zusammengesetzt
aus Schnipseln
die ohne Dich keinen Sinn ergeben würden
Alles scheint so wirr
& doch
es fügt sich zusammen
NEU
so NEU !

Worte
Sätze
Absätze
Seiten
Bücher

Die vielleicht nur WIR
verstehen

Hackbraten
flackerndes LynchLicht
Pullover am Herd
Bananensafthose
Lesbenpornos
Tabak in der Kotze
Schwarze Perle
Klospülung
Gehirnsäure in Handgranaten
So finster die Nacht
Metallbett
pulsierende Steine
Auslaufmodell
Gespräche mit Katzen
Spinnenplage
Pornoschnulze
Matratzensaft
Kellertreppe
Züge & Winde & Sonnenbrillen
Nuttenstiefel in der Wand
Handgelenkshubbelkuss
16. Juni
oooohhhh gooottt oooohhh gooottt
1853 DM
Schaufensterpuppen
17stündige Sonntage
LachenLachenLachen
sterbende Trommelfelle
3 Meter lange Fußnägel
Der Koch der nach dem Kommen kam
Hey
Ziegenkäse
Plätschern & Spülen
die Kühltruhe im Keller
Absolut
MUT
geheime Fenster
Au Rebours
Regen
& Schnee mit weißen Katzen

Fick das Verständnis der Anderen !
Was nur wir verstehen, ist ein Stück
Allgemeingültigkeit !

Ich lese mich
NEU

VERDAMMT !

Ein unbekanntes Buch……..

Die Autorin

bist

DU !


Das Gedicht

Sie hatte mir ein Gedicht geschrieben
Sie schrieb es auf Papier
In einer dieser Nächte

Sie nahm das Blatt
& streichelte damit
ihren nackten Hintern

Sie steckte es in einen Umschlag
& schickte es mir

Ich zitterte
mit dem Brieföffner in der Hand


Griffe

Ich habe Dich begriffen
Ich begreife Dich
Ich werde Dich begreifen

& Du sollst stöhnen
unter meinen
Griffen


Das Herz

„Ich reiss Dir das Herz raus &
stecke es in Deine Fotze!“

„Ja“, stöhnte sie, „bitte,
BITTE.“

Die Nacht
nur noch die Nacht
Nichts ist wie es war
Nichts bleibt wie es war
Kein Stein bleibt auf dem anderen
Nichts sonst zählt mehr

nur noch

dieses Herz


Gerüche

Das aufgeklappte Zippo
Nagellackentferner, der an die Kindheit erinnert
Gin, der an Nagellackentferner erinnert
Verwelkte Blumen, die an Friedhöfe erinnern
Worte, die riechen, wenn man in durchgequatschten
Nächten nebeneinander liegt,
Worte, die nach Knoblauch, Wein & Zigaretten riechen,
Worte, die nach Gemeinsamkeit riechen
Bettzeug, das nach diesen Nächten riecht
Finger, die nach der Haut des Anderen riechen

Momente, die man riechen kann
Momente der Vergangenheit & der Gegenwart &
– vielleicht – der Hoffnung auf die Zukunft
Rausch & Atem

Atem, den man
braucht, um nicht
tot zu sein


Pornoschnipsel

Immer wenn ich auf den Eingang des Pornokinos zuging, hatte ich das Gefühl, die Passanten beobachteten mich. Ich war jung, es war mir etwas peinlich. Einmal riefen mir 2 Typen meines Alters hinterher:
„Was willst du da? Das is für alte Männer, ey! Komm lieber mit uns!“
2 Schwule, dachte ich, die noch einen 3. Mann suchen. Aber ich bin nicht Orson Welles.
Ich machte, dass ich die Treppe runterkam. Das Kino lag im Keller.
Tja, was wollte ich hier? Gute Frage. – Ich war der Filmvorführer. Damals wurden Pornos noch auf 35 mm gedreht & und handelten hauptsächlich von behaarten Menschen. Noch nicht einmal Video gab es; allenfalls hatten die Leute Super8-Projektoren zuhause & kurze dänische Filmchen.
Es war ein sehr großer, altmodischer Kinosaal mit uralten Klappsitzen; immer 2 zusammen, und dann kam ein Tischchen, auf dem es einen kleinen Abfalleimer & ein Päckchen Papiertaschentücher gab. Keine Platzanweiser. Es liefen immer 2 Filme im Wechsel. Zwischen den Filmen streifte sich die Frau, die ansonsten an der Kasse saß, einen Gummihandschuh über, schnappte sich eine Plastiktüte & die sogenannte Spermabürste. Ich zog das Licht ein bisschen hoch, und sie ging durch die Reihen, sammelte die vollgewichsten Tücher ein & strich, wo es nötig war, mit der Bürste über die Sitze. An der Kasse hing solange das Schild: Bitte warten! Bin gleich wieder da!
Ich fand es interessant, durch mein Fensterchen die Silhouetten der Leute zu beobachten, während neben mir der Projektor ordentlich Lärm machte. 2 alte Projektoren standen nebeneinander, man musste von Hand überblenden; aber immerhin passten hier Spulen drauf, die ca. 45 Minuten lang liefen, so dass man es während eines Films nur einmal machen musste. Ich hatte auch schon mit Projektoren gearbeitet, auf die nur 20min-Spulen passten.
Natürlich kamen hauptsächlich Männer mittleren Alters. Aber durchaus, vor allem abends, auch Pärchen. Ich sah die beiden Schattenköpfe im Gegenlicht des Films, und irgendwann verschwand dann immer der Kopf der Frau nach unten. In der letzten Reihe wurde manchmal auch gefickt, aber die konnte ich von meiner Warte aus nicht überblicken. Frauen, die alleine kamen, gab es nicht. Oder ich habe sie verpasst.
Gelegentlich machte ich mir den Spaß & setzte mich selber ins Kino. In eine Reihe, in der ein Paar saß. Dann holte ich meinen Schwanz raus, lies ihn ein bisschen in der unfrischen Luft stehen & freute mich, wenn die Frau ihn betrachtete. Ich war schon damals viel allein, wie man sieht. Den Männern, sofern sie es überhaupt mitbekamen, war das egal. Meistens holte ich mir dabei keinen runter. Des öfteren passierte es, dass sich sofort irgend ein älterer Herr neben mich setzte & anfing heftig zu wichsen. Dann packte ich schnell ein & verzog mich wieder in meinen Vorführraum. Ich war noch etwas zimperlich damals.
Man konnte solange in dem Kino bleiben, wie man wollte, und nicht wenige sahen sich die beiden Filme mehrmals an; verbrachten den halben Tag dort. Manche der Schattenköpfe waren sehr einsam….
Hin & wieder musste ich noch in 2 anderen Kinos einspringen, die demselben Eigentümer gehörten & und sich ein paar Straßen weiter befanden. Dort liefen normale Filme.
Wenn ich Pech hatte & zuviele Kollegen krank geworden waren, musste ich wie ein Sprinter zwischen den Kinos hin & her rennen, um rechtzeitig zur Überblendung am jeweils richtigen Ort zu sein. Irgendwie schaffte ich’s immer. Und meine Gebete, dass der Film im soeben vorführerlosen Kino nicht reissen möge, wurden auch erhört.
Dann hatte ich eine Idee. Wie wäre es, in einen der normalen Filme einen kleinen, passenden Pornomoment einzufügen? Nichts wäre leichter gewesen; schließlich musste man ständig an den Filmen herumschnippeln. Deshalb gab es damals so viele schlechte, holprige Kopien mit vielen Jumpcuts. Geliefert wurden die Filme immer in sogenannten Akten von 10 bis 15 Minuten; erst der Vorführer fügte sie zusammen. Wenn man allzu verkratzte Stellen herausschneiden wollte, steckte man dort einfach ein Stückchen Papier in die sich drehende Spule, um sie später wiederzufinden.
Mir schwebte zum Beispiel eine Restaurantszene in irgendeinem Beziehungsdrama vor. Das Paar sitzt am Tisch, ißt & diskutiert…. Es gab da diesen Porno (leider habe ich seinen Titel vergessen), wo ein Ober vor den Gästen auf einen Salat wichst. Das hätte man wunderbar einbauen können; zumindest den Cumshot in Großaufnahme. Dieser grandiose Film hatte auch eine Szene, wo eine Restaurantbesucherin in die Küche geht & dort in eine Rührschüssel pisst. Das hätte gut in einen Autorenfilm gepasst. Fand ich. Ich überlegte mir, wie weit ich FSK-technisch gehen könnte. Und was wohl am besten in einen Walt-Disney-Film passen würde.
Das Ganze hatte einen Haken: Ich brauchte den Job. Natürlich hätte ich auch mit dem Unterbewußtsein der Kinogänger experimentieren können. Es wäre möglich gewesen, nur wenige Frames einzufügen, so dass man sie nicht bewußt wahrgenommen hätte, wohl aber unbewußt. Ich stellte mir vor, dass der Familienvater sich morgens vielleicht wundern würde, warum er von einem spritzenden Schwanz geträumt hatte (Bin ich also doch schwul, wie Mutti immer gesagt hat?)
Ich fragte mich, wieviele Einzelbilder ich bei 24 Bildern pro Sekunde wohl würde nehmen müssen….
Was soll ich sagen, ich tat es nicht. Der Job war mir wichtiger. Ich blieb schön artig. Dort in meinem Kabuff bei den ratternden Projektoren. Ab & zu holte ich mir einen runter, und während die anderen wichsten, las ich den Ulysses.
Kurz bevor ich kündigte, hätte ich es noch tun können; aber vielleicht hätte man mir dann den Lohn gekürzt.
Und ich brauchte das Geld. Für Bücher, Essen & Alkohol.


London

Wir saßen in Southwark vor einem Bistro & warteten aufs Essen. Holztische; harte Bänke. Früher Abend, blauer Himmel, Wärme. Um uns englische Konversation.
„Wie alt bist du nochmal?“ fragte sie.
„49.“
Sie war 23.
„Also, mein Vater hat mit 49 nicht so ausgesehen. Jetzt isser 65.“
„Dann hat er wahrscheinlich gesund gelebt“, sagte ich. „Es gab Zeiten, da hat man mich auch 15 Jahre jünger geschätzt als ich tatsächlich war.“
„Na, die Zeiten sind vorbei.“
Ich musste lachen.
„Ich finds ok, wenn man sich im Aussehen Keith Richards annähert“, sagte ich.
Sie hatte ein Album der Stones dabei, dass sie sich ein paar Stunden zuvor auf dem Camden-Market gekauft hatte. Sie trug schwarze Shorts & ein Cradle-of-Filth-T-shirt; Springerstiefel.
„Immerhin bin ich noch da“, sagte ich. „Mit 20 hat mir mal ein Arzt gesagt, dass ich keine 30 würde, wenn ich mein Leben nicht ändere. Und damals habe ich noch vergleichsweise gesund gelebt.“
Sie trank einen Schluck Bier. Stellte das Glas auf das dunkle Holz zurück.
„Du solltest es nicht übertreiben“, sagte sie.
„Das Wort gibt es in meinem Wortschatz überhaupt nicht.“
Sie drehte sich noch eine Zigarette. Ich beobachtete sie gerne dabei. Ich mag es, wenn Frauen sich Zigaretten drehen; ich sehe so gern, wenn sie am Papier lecken. Gerade als sie damit fertig war, kam ein junger Typ an unseren Tisch & fragte sie, ob er sich auch eine drehen dürfe. Er sprach Englisch mit französischem Akzent. Sie reichte ihm Tabak & Papier. Er machte das sehr geschickt, sehr schnell. Das Lecken fand ich bei ihm weniger interessant. Schließlich zündete er die Zigarette mit ihrem Feuerzeug an, bedankte sich vielmals & ging weiter. Er war ungefähr in ihrem Alter gewesen.
Ich sagte: „Der hat bestimmt gedacht: Die sieht ihrem Vater aber gar nicht ähnlich.“
„Du meinst Großvater.“
„Arschloch.“
Lächelaugen. Wunderschön. Die Abendsonne.
„Aber sonst geht’s dir gut?“ fragte sie. „Ich meine, gesundheitlich. Im Ernst jetzt.“
„Wie einem Gänseblümchen. Wenn man älter wird, werden die Körperöffnungen, aus denen man nicht blutet, halt immer weniger.“
„Danke für die Info.“
Das Essen kam. Sie hatte einen riesigen Burger bestellt, der ihr am nächsten Morgen einen wunderbaren Durchfall bescherte. Ich bekam einen Berg von Nudeln. Sie rauchte & aß parallel.
Ich esse ungern in Gesellschaft. Was Leute am Essengehen finden, habe ich nie begriffen. In Gesellschaft esse ich extrem langsam. Ich bin immer der Letzte. Und Essensgeräusche hasse ich sowieso.
„Was machen wir nachher?“ fragte sie.
„Wir könnten nach Soho, ist ne nette Gegend; da war ich vor ein paar Jahren schon mal.“
„Und was gibt’s da?“
„Nutten, Drogendealer, Waffenhändler, Clubs, Schlägereien, Betrüger.“
Sie nahm einen Bissen von ihrem Burger. Einen großen Bissen. Was das Essen anging, machte sie keine Gefangenen. Dann wieder einen Zug aus der Zigarette.
„Klingt gut“, sagte sie. Manche dürfen in meiner Gegenwart mit vollem Mund sprechen. Sie durfte.
„Ich liebe solche Gegenden“, sagte ich. „Und im Gegensatz zur Reeperbahn stehen da nicht irgendwelche alten Kerle vor den Clubs, die einen zum Reingehen animieren wollen, sondern hübsche Frauen in kurzen Röcken.“
Sie lächelte. Sie stand auch auf Frauen. Mochte sie einen Tick lieber als Männer.
„Einmal hat mich da ein Schwarzer angesprochen & mir alles Mögliche angeboten. Alles an Drogen, Waffen, Menschenmaterial; schließlich noch Hunde, die aufs Ficken abgerichtet sind. Seh ich so aus?“
Sie betrachtete mich abschätzend.
„Na ja“, sagte sie grinsend.
„Pass auf, was du sagst.“
„Und? Was hast du dem geantwortet?“
Not today, maybe tomorrow. Er hat sehr nett gelächelt & war sehr höflich. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, find ich’s seltsam, dass er keine Pferde im Angebot hatte. Oder Aale.“
„Der Abend ist gerettet“, sagte sie.
„Ich fürchte, deine Anwesenheit wird solche Straßenhändler abschrecken.“
„Wir werden sehen. Iss mal n bißchen schneller. Dein Teller wird ja immer voller, ich bin gleich fertig.“
Ich trank einen Schluck Rotwein & gab mir dann wieder mit dem Essen Mühe.
Ich hätte mir diese Reise selber nicht leisten können. Wir wohnten in einem 5-Sterne-Hotel. Ich hatte sie dafür bekommen, dass ich 20 Jahre lang einen Job durchgehalten hatte. Und sie war dort ein paar Jahre zuvor Azubi gewesen.
Es ging mir verdammt gut. Dies war ein perfekter Tag.
Und der späte Abend konnte sich auch sehen lassen.
Abgesehen vom Ende.
Aber das haben Enden so an sich.


Hinterlistige Träume

Träume können so hinterlistig sein
43 Mal hatte ich geträumt, dass ich
mir selber einen blasen kann

Irgendwann glaubte ich mir
im Traum selber nicht mehr

Dann träumte ich:
bisher war alles nur Traum gewesen……
Verdammt, jetzt ist es Realität
Wie geil!!!

Es klappt!
In der Wirklichkeit!
Ich bin wach!

Dann wachte ich auf
& es war wieder
nur ein Traum
gewesen

ohne Befriedigung


too much information

Manchmal kommt alles zusammen.
Unterwegs zur Nachtschicht, kurz nach 22 Uhr. Die Strecke: 45 Kilometer. Hin & wieder hielt ich an, öffnete die Tür & kotzte auf die Straße. Dann fuhr ich weiter. Eiskalter Schweiß auf Stirn & Kopfhaut. Jede Bewegung des Lenkrades zerrte an meinen Innereien. Die Magensäureproduktion lief auf Hochtouren. Ich hatte die Nacht über bis zum frühen Nachmittag getrunken, um den Gedanken, am kommenden Abend zur Arbeit zu müssen, irgendwie ertragen zu können. Es war nur ein Teilzeitjob, 2 Tage pro Woche; für mich die Grenze des Möglichen. 5 Tage wären mein Untergang gewesen, die endgültige & absolute Abstumpfung. Ich hatte es einmal versucht & es ungefähr 1 ½ Jahre durchgehalten. Das war kein Leben, es war insektenhafter Stumpfsinn. Lieber schränkte ich mich ein, billiges Essen, billige Getränke, keine Reisen, kein Luxus – so konnte ich mit 2 Tagen Arbeit über die Runden kommen. Sein statt Tun. Gegen den Job war eigentlich nichts einzuwenden, er passte noch am ehesten zu mir. NACHTPORTIER. Da ist man die meiste Zeit allein; die Leute, die ihren Job ernst nehmen, bekommt man kaum zu sehen; die bleiben tagsüber untereinander & gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Und die Welt, oder das, was sich dafür hält, rauscht auf engstem Raum an einem vorbei. Keine Sorte Mensch, die einem nicht begegnet. Die Drehtür schaufelt sie herein: Selbstmörder, Schlagersänger, Geschäftsleute, Arbeiter, Nutten, Minister, Betrüger, Komiker, Obdachlose, Schriftsteller, Diebe, Schauspieler, Hausfrauen, TV-Moderatoren, Versicherungsvertreter, Musiker. Manchmal auch die Helden der eigenen Kindheit. Die nur manchmal Helden bleiben. Man hört sie ficken, man sieht sie tot, man sieht sie kotzen, lachen, bluten & trinken. Also wirklich, nicht der übelste Job.
Als ich das Hotel betrat, sagte die Kollegin von der Spätschicht:
„Wie siehst du denn aus?“
„Wie eine Leiche vermutlich.“
Ich ging sofort ins Backoffice, setzte mich, verschränkte die Hände hinterm Kopf & versuchte, tief & gleichmäßig zu atmen. Stimmen & Gläserklirren aus der Hotelbar, gleich neben der Rezeption. Die Kollegin folgte mir.
„Was ist los?“
„Kreislauf“, sagte ich leise.
„Willst du dich nicht erstmal hinlegen? Nimm dir ein Zimmer.“
„Werd ich wohl müssen“, sagte ich. „Tut mir leid.“
Sie lächelte. „Kein Thema. Hau dich hin.“
Sie gab mir einen Schlüssel, und ich fuhr mit dem Aufzug nach oben. Der Aufzug war heute auch nicht der Freund meiner Eingeweide. Ich schaffte es bis ins Zimmer, bis ins Bad. Da war schon wieder neue Magensäure. Ich versuchte, die Kloschüssel zu treffen. Dann legte ich mich vorsichtig hin & wurde bewußtlos.
Nach 2 bis 3 Stunden kam ich wieder zu mir. Es ging mir kaum besser. Ich stand langsam auf, wankte ins Bad, wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser & spülte den Mund.
Anschließen fuhr ich wieder nach unten. Die Bar war dunkel, alles still, die Kollegin allein.
„Na, wie geht’s?“ sagte sie.
Ich versuchte zu lächeln. „Nicht besonders. Aber geht schon.“
„Wirklich?“
„Ja.“ Ich setzte mich. Hauptsache sitzen; nicht bewegen.
„Hast du das öfters?“
„Nur wenn Jim Beam sehr nett zu mir war.“
„Dachte ich mir. Du solltest besser auf dich aufpassen.“
„Ab morgen“, sagte ich.
„Ich versuch’s mal zu glauben. – Also? Kann ich dich allein lassen?“
„Sicher.“
„Du mußt auch nix mehr machen“, sagte sie. „Es ist alles erledigt, Abrechnungen, Kasse, Tagesabschluss, Rundgänge. Und ich habe Tessa angerufen, sie kommt eine Stunde eher zum Frühdienst.“
„Ich wußte ja immer, dass du ein Engel bist“, sagte ich.
„Quatsch. Ich hatte eh nichts Besseres vor.“
Scheiße, alle waren immer so nett zu mir.
„Das werde ich dir heimzahlen“, sagte ich & krampfte ein Grinsen in mein blutloses Gesicht.
„Werd erstmal wieder fit.“
Als sie weg war, ging ich in die Bar & legte mich auf eine der Bänke. Ich schloß die Augen & hoffte, dass heute Nacht niemand hereinkommen würde. Oder zumindest, dass niemand mich mit irgendwelchen Bitten behelligen würde. Ich schlief nicht, aber wach war ich auch nicht. Ab & zu hörte ich die Drehtür & den Aufzug, aber niemand rief nach mir. Gegenüber am Hauptbahnhof grölten die Besoffenen.
Nach ein paar weiteren Stunden merkte ich, dass es allmählich besser wurde. Ich blieb noch liegen. Mit offenen Augen. All diese Flaschen, diese Gläser, im Licht der Straße. Schön & beruhigend.
Schließlich hörte ich erneut die Drehtür.
„Hallo? Hallo?“ Eine aufgeregte Männerstimme.
Ich richtete mich auf, so schnell ich konnte; der Schwindel war nicht allzu schlimm. Dann hatte ich meinen Auftritt als wandelnde Leiche, die aus der dunklen Hotelbar kam.
Es war einer der Obdachlosen, die in der Bahnhofsgegend unterwegs waren. Er deutete nur auf seinen Mund.
„Ich brauche Wasser. Bitte. Unbedingt. Leitungswasser, mir ist sowas Schreckliches passiert. Oh, mein Gott, wie ekelhaft.“
„Sekunde“, sagte ich.
Ich ging zurück in die Bar, nahm ein Glas, ließ das kalte Wasser ein paar Sekunden laufen, füllte das Glas randvoll & brachte es ihm.
Er trank hastig. Große, laute Schlucke. Stellte schließlich das leere Glas KLACK! auf die Rezeption.
„Verdammt verdammt verdammt“, sagte er, „wissen Sie, was mir passiert ist.“
„Was?“
„Ich hatte so einen Scheißhunger … hatte wirklich lange nichts gegessen … da hab ich ein paar Mülltonnen durchsucht … hinterm Bahnhof … mach ich sonst nicht … aber dieser Scheißhunger … und in einer war tatsächlich ein Sandwich … noch halb eingewickelt … vom Subway gegenüber … das hab ich rausgeholt & gegessen … schmeckte irgendwie komisch, aber ich hatte so’n Scheißhunger … Hinterher war ich immer noch nicht satt … wollte gucken, ob da noch mehr ist & hab die Tonne ein bißchen ins Licht gerückt … & dann hab ich gesehen, dass da Hundescheiße drin war … genau da, wo auch das Sandwich gelegen hatte. Eine Menge Hundescheiße.“
„Müssen Sie mir das erzählen?“ sagte ich.
„Das war so ekelhaft“, sagte er. „Oh Gott, war das ekelhaft. Dieser Geschmack!“
Ich wandte mich ab, ging in die Bar zurück & kotzte in die Spüle.
„Ey, tut mir leid“, rief er mir hinterher.
Ich ließ das Wasser laufen.
Ging zurück.
„Schon okay“, sagte ich.
Er grinste. „Ja, das war wirklich ekelhaft. Können Sie mir glauben.“
„Glaube ich.“
„Na, ich geh dann mal“, sagte er. „Danke für das Wasser.“
Draußen spuckte er ein paar mal auf den Gehweg. Räusperte sich laut. Und spuckte nochmal.
Mir ging es besser.


Betten

Du siehst durch Gitterstäbe
in die Welt
zauberhaftes Gefängnis
in dem Du träumst
Große Menschen beschützen
Dich

Gitterlos & schmal
Große Menschen kotzen Dich an
Du wichst 5 Mal am Tag oder
in der Nacht
Du träumst & träumst &
spritzt & spritzt

Weite Freiheit
voll von Gerüchen
4 Beine die auf 4 Beinen
sich winden
Flecken wie Landkarten
Feuchte Kontinente

Breite Gefangenschaft
Karussellene Langeweile
trottende Jahre
schweigend geteilte Einsamkeit
Argumente &
Ertragen

Schmale Vorbereitung auf
das Ende
weißes Metall
hochgeklappte Begrenzung
in fremder Umgebung voll von
Scheiße & Schmerz

Du siehst ins
Nichts
hölzernes Gefängnis
die letzte Enge
die ins Weite fließt
Ende & Vergessen


Das Fotoalbum

Dieses Fotoalbum war typisch für
meinen Bruder. Ein auf den ersten
Blick normales Album mit Familien-
fotos, Urlaubsschnappschüssen,
Kinderbildern, Bildern vom Hund,
von den Katzen. Ein Album, in dem
Besucher blättern. Man blätterte,
mehr oder weniger gelangweilt.
Und dann gab es da diese kleinen
zufällig verteilten ÜberraschungsTupfer :
Fotos seiner Frau : zB Rückansicht
im langen Abendkleid

welches sie hinten hochhebt, über die
Schulter in die Kamera lächelnd;
ein nackter Hintern, eine
flirrende Oase in der Wüste des
EwigGleichen.
Ein Fotoalbum, das den Gesichts-
ausdruck des Blätternden verändern
konnte. Ihre Muschi zwischen den
Katzen. Sie saß, scheinbar gelassen,
daneben, sagte:
„Ihr kennt ihn doch.“ (Ich fühlte
das Blut, das in ihr Gesicht fließen
wollte; wie ich Alles in ihr fühlte.)
Ja, man kannte ihn.
Ich liebte dieses Album.
Wie oft hatte ich mir damit
einen runtergeholt. Sagte mir,
sie hätte bestimmt nichts dagegen.
Und dann brauchte ich irgendwann
das Album nicht mehr. Denn
ich hatte sie. Wir uns. Er hätte
das Album – rechtzeitig –
verbrannt, wenn er so weit hätte
denken können.


Fickende Hunde

Die Hündin spazierte durchs Dorf. Frei, allein, suchend. Eine wunderschöne Husky-Dame im Sonnenlicht. Man kannte sie, man wußte, wo sie wohnte. Bewundernde Blicke folgten ihr. Die Kinder liebten sie.
Wir lagen angezogen auf dem Bett. Oben im Schlafzimmer, quer auf dem Ehebett, die Füße auf dem Boden, frontal zur Tür. Es war Tinas Bett. Ich war nur zu Besuch. Das Fenster weit offen, Wärme kam herein, Helligkeit überall. Meine Hand war im Schatten. Unter ihrem Kleid. Ihre Hand spielte mit meinem Schwanz, ich spürte die Zähne vom Reißverschluß.
„Keine Sorge“, wiederholte sie (warmer Atem, auf meine Nase gehaucht), „er kann unmöglich vor 3 zurück sein.“
Das waren noch 2 Stunden. Aber eine gewisse Unsicherheit blieb immer. Er konnte sich seinen Job selber einteilen; es war immer möglich, dass er plötzlich wieder zu Hause auftauchte. Aber diesmal hatte Tina den Termin überprüft. Sie war sich sicher. Ich hatte kein Verlangen nach Eile, nach albernen Szenen, nach Slapstick. Ich hatte mir schon einmal ein bißchen Haut im Reißverschluß eingeklemmt. Der Charlie Chaplin der Ehebrecher. Darauf konnte ich gut verzichten.
An der kleinen Brücke, die über das Bächlein führte, kam der Promenadenmischling auf sie zu. Schnüffeln vorne, Schnüffeln hinten. Allzu lange wurde nicht gefackelt. Er sprang auf. Jaulende Fickerei.
Das Bett roch nach Ehe. Zumindest roch es nicht nach Tina allein. Und dadurch roch es auch irgendwie nach meiner Freiheit. Meiner Unabhängigkeit. Ich schob ihr Kleid ein kleines Stück höher. Ihre Hand hatte mich fest im Griff.
„Schön hart“, flüsterte sie, „wie wär’s mit Ausziehen?“
Jemand stand im Zimmer. Wir hatten nichts gehört. Tina ließ meinen Schwanz los, nun kriegte er wieder Sonne. Meine Hand blieb im Schatten.
Es war ein Mädchen aus der Nachbarschaft, 10 oder 11 Jahre alt. Ich war so überrascht, dass ich mich nicht bewegte. Tina richtete sich etwas auf.
„Ich wollte nur sagen, dass Ihr Hund draußen rumläuft, und ein anderer Hund ist grad auf ihm drauf. Bei der Brücke.“
Das Mädchen drehte sich um & war so schnell verschwunden, wie es gekommen war.
„Danke“, rief Tina ihm nach.
„Verdammt“, sagte sie dann, „wir hätten die Terrassentür zumachen sollen.“
„Tja, jetzt isses eh zu spät“, sagte ich.
„Du hättest ruhig mal deinen Schwanz bedecken können.“ Sie grinste.
„Du hättest ihn ja nicht loslassen müssen. Tatsächlich hab ich vor Schreck an gar nichts mehr gedacht.“
Sie ließ sich wieder zurücksinken.
„Sollen wir sie reinholen“, fragte ich.
„Wie du schon gesagt hast: Jetzt ist es eh zu spät. Sie kommt ja immer zurück. Wo waren wir gerade?“
„Für den Fall, dass noch jemand kommt, könntest du ihn sicherheitshalber schon mal in deinem Mund verstecken..“
„Erst ausziehen“, sagte sie.
Kleiderstaub tanzte in der Sonne. Wärme, Gerüche, Geräusche.
Stille, als sie mir mit den Oberschenkeln die Ohren zuhielt.

„Ein halbes Stündchen haben wir noch“, sagte sie. „Dann müssen wir das Bett beziehen.“
Wir rauchten, lagen nackt auf der Bettdecke, die Beine ineinander verschränkt.
Ich sagte: „Gut, dass ihr keinen näheren Kontakt zu den Nachbarn habt. Oder meinst du, dass er’s auf diesem Wege doch erfährt?“
„Glaub ich kaum.“
Der Zigarettenqualm leuchtete. Wir küssten uns. Und wieder kam jemand ins Zimmer.
„Na, du kleine Schlampe“, sagte ich.
Sie wedelte. Kam ans Bett.
„Wie redest du mit meinem Schatz“, sagte Tina.
Wir streichelten sie beide.
Ich fragte: „War’s wenigstens schön für dich?“
Tina sagte: „Das sieht man doch. Dieser zufriedene Gesichtsausdruck.“

Die Welpen sahen zum Teil nach Boxer aus, zum Teil nach Schäferhund. Von Husky sah man nichts.


Hund & Geier

Ich saß auf dem Klodeckel & schaute ihr beim Schminken zu.
„Wie spät isses?“ fragte sie. Sie trug ein weißes T-Shirt. Stand vorm Waschbecken.
„5 Minuten später als eben“, sagte ich.
„Verdammt.“
Ein T-Shirt, sonst nichts. Die Sonne schien.
„Entspann dich, du kommst schon nicht zu spät. Und selbst wenn, scheiß drauf.“
Sie hatte seit einigen Wochen einen Job als Kellnerin in einem Café.
„Du kannst dir das doch erlauben.“
„Das ist genau der Punkt“, sagte sie. „Ich will diesem verdammten Geier keine Munition liefern. Wofür auch immer.“
Ihr Chef war geil auf sie; ständig machte er anzügliche Bemerkungen oder ließ zweideutige Sprüche ab. Er kreiste um sie herum wie der Geier ums Aas, deshalb nannte sie ihn nur noch so.
„Du brauchst bloß 2 Mal mit dem Hintern zu wackeln, und schon darfst du 2 Stunden zu spät kommen.“
„Du Arsch.“ Sie grinste.
„Genau.“
Ich streichelte ihre Beine. Bei den Kniekehlen sagte sie: „Nicht. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.“ Die Kniekehlen waren ein ziemlich sicherer Schalter, wenn man bei ihr etwas in Gang setzen wollte.
Ich rutschte vom Deckel & hockte mich hinter sie. Streichelte ihre Oberschenkel. Hob das T-Shirt etwas an & und küsste ihren Hintern.
„Vorsicht“, sagte sie, „sonst verschmink ich mich noch.“
„Du bist schön genug“, sagte ich. Und konnte es mir nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Zumindest für den Geier.“
Sie drückte mir den Hintern ins Gesicht, eine nette Art von Ohrfeige.
„Das ist nicht komisch“, sagte sie. Aber ihre Stimme sagte etwas anderes.
Ich biß zu. Sie ließ sich nicht stören. Sie hatte ein Geburtsmal auf der linken Wange, einen roten Kreis mit ungleichmäßiger Oberfläche; den deckte sie immer so kunstvoll ab, dass er nicht einmal mehr zu erahnen war. Das nahm einige Zeit in Anspruch.
Ich streichelt weiterhin ihre Beine, ließ die Zunge wandern ….. & irgendwann hatte ich meinen Schwanz draußen & streichelt damit ihre Wade. Wir sagten beide nichts mehr. Das Streicheln wurde schneller. Und es dauerte nicht lange, da spritzte ich ihr aufs Bein.
Wortlos nahm sie ein Handtuch vom Halter & reichte es mir. Ich wischte erst ihr Bein ab, dann meinen Schwanz, packte ihn wieder ein & setzte mich zurück auf den Klodeckel.
Sie grinste mich an. „Na, geht’s dir jetzt besser?“
„Und ob“, sagte ich, „das war dringend.“
Sie tupfte immer noch an ihrer Wange herum. Sie sagte:
„Ich hab erst gar nicht gemerkt, was los war. Und als ichs dann gemerkt habe, dachte ich mir, lass ihn mal machen. Das war wirklich mal was Neues.“
„Ich bin halt ein Hund. Und Hunde ficken Beine.“
„Soll ich dich von jetzt an Lumpi nennen?“
„Nein danke, lieber nicht.“
Schließlich war sie fertig mit ihrem Kunstwerk. Fehlte nur noch der Lippenstift. Ich hasse Lippenstift. Bevor sie ihn auftrug, gab sie mir einen Kuss. Dann gingen wir ins Schlafzimmer, sie zog das T-Shirt aus & ihre Arbeitsklamotten an. Weiße Bluse, enger schwarzer Rock, dunkle Strümpfe. Da sie Strumphosen nicht mochte (und ich noch weniger), waren es selbsthaftende Strümpfe. Zum Schluß kamen die bequemen Schuhe dran.
„Also, dieses Arbeitsoutfit hat was“, sagte ich. „Kein Wunder, dass da der Geier zum Geier wird. Vor allem der Rock. Was das angeht, hat er einen guten Geschmack. Auch sonst natürlich.“
„Pass auf, was du sagst, du Hund.“ Sie lächelte & gab mir einen vorsichtigen Abschiedskuss.
„Scheiß Lippenstift“, sagte ich.
Und dann war sie auch schon weg. Ich schätzte, dass sie vielleicht 5 Minuten zu spät kommen würde.
Ich machte mir eine Kanne Tee, stellte sie neben das Bett, zog mich aus & machte es mir gemütlich. Ich las Oblomow. Das passte zu mir.
Nach ein paar Stunden, stand ich auf, schnappte mir den Staubsauger & machte mich nützlich. Anschließend setzte ich mich aufs Sofa & schaltete den Fernseher ein.
Sie kam 2 Stunden zu früh nach Hause. Schöne rote Dämmerung.
„Wassn jetzt los?“ sagte ich. Stellte den Ton ab.
„Das war’s mit dem Job. Ich hab gekündigt. Bin einfach gegangen.“ Sie zog die Schuhe aus.
„Was hat er gemacht?“
„Mir an den Hintern gepackt.“ Sie zog den Rock aus, warf ihn über einen Sessel & setzte sich neben mich aufs Sofa. Gab mir Lippenstift.
„Soll ich ihn zusammenfalten?“ sagte ich.
„Ach Quatsch. Isser nicht wert. Und so dramatisch isses ja nun auch wieder nicht. Ich hab da nur einfach keinen Bock mehr drauf. Solche Jobs gibt’s wie Sand am Meer. Dann geh ich halt woanders hin.“
„Erzähl mal.“
Sie lächelte. „Geiler Hund. Willst alles ganz genau wissen, was?“
„Rein wissenschaftliche Neugier“, sagte ich.
„Ging natürlich schon damit los, dass ich nicht ganz pünktlich war. Die üblichen dummen Bemerkungen. Was ich denn noch vorher so Wichtiges getrieben hätte. Getrieben natürlich schön betont. Und das ging dann die ganze Zeit so weiter. Und immer diese Geiervisage um mich rum. Wo der immer überall hinstarrt.“
„Lohnt sich ja auch“, sagte ich & starrte auf das Stück Oberschenkel zwischen Strumpf & Bluse.
„Sehr witzig. Jedenfalls, irgendwann saß er dann hinten in seinem Büro & hat mich gebeten, ihm ne Tasse Kaffee zu bringen. Bin ich also hin. Er sitzt am Schreibtisch, ich stell die Tasse ab, er sagt Danke & tätschelt mir den Arsch. Da hab ich ihm gesagt, dass er sich den Job in seinen Arsch schieben kann.“
„Wortwörtlich?“
„So ungefähr.“
„Und dann?“
„Wollte er natürlich beschwichtigen. Das wär doch ganz harmlos. Ihm sei die Hand ausgerutscht. Und so weiter & so weiter. Ich bin einfach gegangen & hab ihn da sitzen lassen. Wahrscheinlich dachte er nicht, dass ich sofort nach Hause fahre.“
„Isser bei den andern auch so?“
„Nee, eben nicht. Es sei denn, die hätten nicht die Wahrheit gesagt, aber das glaub ich nicht.“
„Tja“, sagte ich, „er weiß halt, was gut ist. Hat sich den richtigen Arsch ausgesucht.“
„So so“, sagte sie, ihr Gesicht ganz nah, in Haarduftnähe, „es stört dich also nicht, dass er deinen Arsch angefasst hat?“
„Es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel Sturmfluten.“
Sie legte mir ihre Hand zwischen die Beine. „Ich scheine gut erzählt zu haben“, sagte sie.
„Ich habe es praktisch vor meinem geistigen Auge“, grinste ich.
„Dein geistiges Auge kenne ich. Ich werds mir gleich mal ansehen.“ Sie öffnete den Reißverschluß.
„Weißt du“, sagte ich, „ich stell mir gerade vor, du hättest dort in einem superkurzen Minirock arbeiten müssen, ohne Strümpfe, offene Schuhe, durchsichtiger Slip. Meine Fresse, kaum auszudenken.“
„Als ob es irgend etwas gäbe, was du dir nicht ausdenken kannst“, sagte sie & gab mir die Reste ihres Lippenstifts.


Der Schock

Was für eine merkwürdige Zeit die Vergangenheit doch ist.
Bis zu meinem 12. Lebensjahr glaubte ich, dass auch Mädchen einen Penis haben. In unserer Familie: nur Jungs. An Zeitungskiosken gab es keine Titelblätter mit nackten Frauen. Die Mädchen-sind-doof-Phase hatte ich nie. Immer schon fand ich Mädchen spannender & interessanter als Jungs. Ich spielte gerne mit ihnen & war auch nicht irritiert, wenn sie sich zwischendurch mal zum Pinkeln hinhockten. Für mich war das einfach ein Brauch: Mädchen hocken sich hin, Jungs stehen. Und mehr als einen nackten Hintern bekam ich dabei nicht zu sehen.
Unter uns Jungs waren damals Striptease-Treffen der große Renner. Man verabredete sich, meist war es eine größere Gruppe, und dann zog sich entweder einer aus, und die anderen schauten zu, oder alle zogen sich aus. Und jeder war froh, dass er nicht der einzige war, der einen Ständer bekam. Gewichst wurde nicht, aber viel gelacht.
»Achtung, der dicke Hellmann reisst sich wieder den Arsch auf!«
Eines Tages sagte ein Kumpel zu mir: »Meine kleine Schwester macht das übrigens auch. Haste Lust?«
»Dumme Frage. Wann?«
»Jetzt«, sagte er.
Wir gingen zu ihm nach Hause. Die Eltern waren nicht da. Die Schwester war in ihrem Zimmer. Sie war ein paar Jahre jünger als wir. Mein Kumpel deutete auf mich & sagte zu ihr:
»Er will auch mal was sehen. Komm, mach mal ne Show.«
Sie lachte & sprang ohne zu zögern aufs Bett. Sie fing an herumzutänzeln, wackelnd auf der weichen Matratze, sie kicherte & zog sich aus dabei. Allzu spannend fand ich das nicht. Aber es war mal etwas anderes. Schließlich drehte sie uns den Rücken zu & zog Hose & Schlüpfer runter. Soweit war noch alles gut. Ihr kleiner Hintern gefiel mir.
Dann: eine weitere Drehung……
Ein paar Jahre zuvor hatte ich einen neuen Beruf für mich entdeckt: Elektriker. Ich schraubte einen Elektrostecker auseinander, nahm den einen Metallstift in die linke, den anderen in die rechte Hand & steckte dann beide gleichzeitig in die Steckdose. Ich wurde ca. 2 Meter zurückgeschleudert & knallte gegen den Kleiderschrank an der gegenüberliegenden Wand. Es hatte eine Weile gedauert, bis mein Herz wieder zur Ruhe gekommen war.
So ungefähr erging es mir auch jetzt. Ich konnte kaum hinschauen. Ich flüsterte meinem Kumpel ins Ohr:
»War das…. immer schon so… oder war das ein Unfall?«
Er prustete los. Sagte laut:
»Weißt du etwa auch nicht, dass Frauen Brüste haben?«
»Selbstverständlich weiß ich das«, sagte ich. Empört. Das wußte ja wohl jeder.
Die Schwester lachte. Jetzt fing sie auch noch an, mit ihren Fingern die Schamlippen ein bißchen zu spreizen.
Das war’s für mich. Nichts wie weg hier, dachte ich. Ich ließ mir eine Ausrede einfallen … ich hatte etwas vergessen … ich musste schnellstens nach Hause.
Tja. Davon musste ich mich erstmal erholen.
Ich kam drüber weg. Ein Weltbild war eingestürzt. Ein anderes war entstanden. Und so schlecht war das zweite ja auch nicht.
Aber trotzdem. Manchmal fänd ich’s auch heute noch interessant, wenn Frauen Schwänze hätten. – Und sei es auch nur aus nostalgischen Gründen.
Was für eine merkwürdige Zeit die Vergangenheit doch ist.


5 Euro

München unter schwarzem Himmel. Neonreflexe auf meinen Brillengläsern. Seit Stunden hörte ich den Takt meiner Absätze. Einfach laufen, nicht schlafen. Ich hatte 5 Euro in der Tasche. Das Hotel hatte ich vorab bezahlt, das Ticket für die Rückfahrt lag im Koffer, alles andere war egal. Keine Ahnung, was mit meinem Gesicht los ist, aber wenn ich so unterwegs bin, werde ich ständig angesprochen. Aus einer Menschenmasse werde ich herausgepickt. Ich werde nach Wegen gefragt, ausgerechnet. Ich kenne keinen Weg. Nirgends. Namen interessieren mich nicht, schon gar nicht Straßennamen. Ein Schwarzer, der kein Deutsch sprach, wollte einen Brief verschicken; er fragte mich, wieviel Porto er darauf kleben müsse & bat mich, ihm am Marken-Automaten behilflich zu sein. Er bedankte sich herzlich. Ausgerechnet ich half also einem Menschen, mit einem anderen Menschen in Kontakt zu treten; ich fand das komisch & grinste zurück.
In fremden Städten schlafe ich nie mehr als 3 Stunden. Ich laufe Tag & Nacht herum & esse fast nichts. Wenig Schlaf, wenig Geld, viele Eindrücke.
In einer der dunkleren Straßen wurde plötzlich mein Takt von einem anderen, schnelleren Takt übertönt. Das Geräusch war sexy, also drehte ich mich um. Die Absätze waren hoch & überquerten die Straße in Richtung eines Clubs, den ich gerade passiert hatte. Kurzes schwarzes Kleid, lange blonde Haare, leuchtende Schultern & Beine. Bevor sie im Eingang verschwand, warf sie mir ein Lächeln zu, das so knapp war wie ihr Kleid.
Ich ging weiter. Das fremde Lächeln, es kochte in meiner Einsamkeit. Ich ging weiter. Verdrängte den Gedanken, es könnte ein Profi-Lächeln gewesen sein. Weiter. Die Schritte langsamer, der Puls schneller. Dann blieb ich stehen. Ich kehrte um.
Mit Tunnelblick ging ich hinein. 5 Euro in der Tasche. Gleich rechts hinter dem Eingang war eine Theke, an der 5 oder 6 Frauen saßen. Alle schauten mich an, sie war nicht dabei. Ein paar muskelbepackte Aufpasser waren strategisch verteilt; Gäste sah ich 2 oder 3 an den Tischen. Hinten links gab es eine weitere Theke, wo niemand saß. Dort nahm ich Platz. Dahinter eine lächelnde Dunkelhaarige. Vor bunten Flüssigkeiten, die ich mir nicht leisten konnte.
„Was darfs sein?“
„Eine kleine Cola“, sagte ich.
Sie nahm ein Glas & holte eine Flasche, die mir winzig erschien. Schenkte ein & stellte das Glas vor mich hin.
„Das macht 5 Euro bitte.“
Ich reichte ihr den Schein.
Sie sagte: „Nicht böse sein, dass ich vorab kassiere, aber das müssen wir hier.“
„Kein Problem“, sagte ich.
Eine von den Frauen, die ich vorne gesehen hatte, setzte sich neben mich. Blond, in weißen Hotpants.
„Hallo.“ Schon das Hallo klang osteuropäisch. In dieser Nacht störte mich das aus irgendeinem Grunde.
Ein bißchen Gespräch plätscherte hin & her. Sie berührte mein Knie mit der Hand.
Sie sagte: „Wir können etwas trinken, und dann gehen wir nach hinten.“
Ich sah die Tür hinter ihr. War das schwarze Kleid dorthin verschwunden? Wenn doch sie jetzt hier wäre, dieses Lächeln jetzt hier wäre. (Und dann? Es würde dir kein Geld in der Hose wachsen.)
„Ich warte noch auf einen Kumpel“, sagte ich. „Wir haben uns hier verabredet.“
Nippte an meiner Cola. Es arbeitete hinter dem Gesicht über den weißen Hotpants. Sie taxierte mich. Zweifelte.
„Ok, solange geh ich dann mal.“ Und weg war sie.
Nach einer halben Minute saß eine Dunkelhaarige neben mir. Sie war der Konversations-Profi. Schwächerer Akzent. Touristengeplauder. Fragte mich, was ich denn schon gesehen hätte, sagte mir, was ich unbedingt noch sehen müsse, erzählte mir, was sie in den letzten Tagen in ihrer Freizeit unternommen hatte.
Und schließlich tischte ich auch ihr die Story von dem Kumpel auf.
„Ok“, sagte sie, „dann hol ich noch eine Kollegin dazu, und wir gehen zu viert nach hinten.“
Hinten hinten hinten, kreiste es durch meinen Schädel. Ich stellte mir das schwarze Kleid vor, wie es am Boden lag.
„Darf ich was trinken?“ fragte sie.
Verdammt, da hatten wir’s. Und meine Cola war auch schon alle.
„Sekunde“, sagte ich, „ich check grade mal, wo der bleibt.“
Ich holte das Handy aus der Tasche. Hielt es so, dass sie nicht darauf schauen konnte. Tastete darauf herum.
„Mist“, sagte ich. „Kein Empfang.“
Du blöder Loser, fuhr es mir durch den Kopf.
„Komisch“, sagte sie.
Ja. Komisch, um nicht zu sagen lächerlich, peinlich, armselig.
Sie wußte, was los war.
„Ich probier’s grad mal vor der Tür“, sagte ich & stand auf.
Ich wollte ihren Blick nicht sehen, aber ich sah ihren Blick. Und sie war wirklich sehr liebenswürdig gewesen.
Ich fühlte, Köpfe wandten sich mir zu, als ich mich auf den Ausgang zubewegte. Loser.
Irgend jemand sagte: „Moment.“ Eine Frau sagte es. Aber diesen Moment hatte ich nicht mehr. Ich ging hinaus.
Draußen fragte ich mich, ob mir jemand folgen würde. Blödsinn. Sowas erlebten die sicher ständig. Es gibt so viele Loser auf der Welt. Entweder ist es Angst, oder es ist kein Geld, oder es ist beides. Oder es ist irgend etwas anderes.
Null Euro in der Tasche. Der Himmel war nicht schwärzer als vorher. Der Absatztakt beruhigte sich. Das Lächeln würde mir bleiben; der Blick über die leuchtende Schulter hinweg. Baudelaire … ich dachte an mein Lieblingsgedicht … A une passante ….. Ich ging weiter. Ging vorüber. Vielleicht würde mich wieder jemand nach einem Weg fragen. Nach irgend einem Weg, den ich nicht kannte.
Irgend etwas war mit meinem Gesicht.


Vorbereitungen

Meine 1033ste Wiedergabeliste erstellt –
für jede Gelegenheit eine :

Musik für die Badewanne
Musik zur Entspannung
Musik zum Verrücktwerden
Musik für den Vertreterbesuch
Musik zum Kochen
Musik zum Saufen
Musik zum Weinen
Musik zum Schweigen
Musik zum Bügeln
Musik zum Erwachen
Musik zum Einschlafen
Musik zum Müllrausbringen
Musik für den Selbstmord
Musik zum Lachen
Musik zum Lesen (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Essen
Musik zum Staubwischen
Musik zum tonlosen Fernsehen
Musik zum Nägeleinschlagen
Musik für den Blowjob (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Musikhören
Musik zur Kontoauszuglektüre
Musik zum Mixen
Musik zum Wichsen
Musik zur Pediküre
Musik zum Kloputzen
Musik zum Haareschneiden
Musik zum Träumen

……………………………


Bandsalat

Alkohol auf die Einsamkeit geschüttet
Musik in die Stille gegossen
3 Mal gewichst, um die Sehnsucht zu killen – vergebens
die Flecken aus dem kalten Waschbecken gewischt
Zigarrennebel in die Leere geblasen

Erinnerungen

Schlaf – so lange es geht – mit Dröhnen im Schädel, Schweiß in der Matratze
Träume voller Leben, voller Zärtlichkeit

So läuft mir das Leben von der Spule…..

Bandsalat auf dem Boden
nicht mehr zu entwirren
das Gespeicherte verloren

Müll


Sucht!

Alles gerät mir zur Sucht
Fressen Saufen Ficken Lesen

Sucht ist alles

weil ich suche
immer suche

suche
ohne zu finden


Die Hyäne

Er fühlte sich tot
Die Einsamkeit, diese Hyäne, riß
die Vergangenheit in blutigen Fetzen aus
seinem Schädel.
Die Hyäne fraß, die Hyäne lachte
Er wollte sie sich schönsaufen, die
bucklige Bestie
schönsaufen, um
sie dann in den Arsch zu ficken
Ich fick dich, du Vieh
Er brauchte Niemanden
sagte er sich
Ich brauche Niemanden
Ich fick dich
Er fühlte sich tot, aber
er kriegte ihn immer noch hoch
viel zu oft, viel zu oft
Kein Alkohol half dagegen
Komm her,
Einsamkeit, ich
fick
dich
in den Arsch, und dann
spritz ich dir in
die lachende Fresse !


Der Spiegel im Keller – Ein Märchen

Einsam liegt das Haus am Hang.
Einsam lag sein Bewohner, Mitte 40, im Bett. Seit einer Stunde war sein Blick über die Zimmerdecke gewandert; jetzt erhob er sich mit leichtem Schwindelgefühl und stieg nackt in den Keller hinab.
In einem der Abstellräume lehnte, umgeben von einer großen Menge leerer Wein- & Schnapsflaschen, der Spiegel an der Wand. Es war der einzige Spiegel im ganzen Haus, ein messinggerahmtes Erbstück, knapp 2 Meter hoch – und auf Augenhöhe war das Glas spinnenförmig gesplittert. Der Mann trat, da er seine Brille auf dem Nachttisch gelassen hatte, nahe an den Spiegel heran und betrachtete die Bruchstücke seines Spiegelgesichtes. Er fühlte sich alt.
Schon in seiner Kindheit, als er in diesem Haus allein mit seiner Mutter lebte, hatte der Spiegel hier unten gestanden – damals noch intakt; damals noch nicht umgeben von Flaschen; damals noch nicht der einzige Spiegel im ganzen Hause. Als der Junge in die Pubertät kam, schlich er sich oftmals in diesen Raum, zog sich vor dem Spiegel aus und lebte in seiner aufgepeitschten Fantasie.
Als er 17 war, traf er auf einem Spaziergang ein Mädchen, das ein Jahr älter war als er. Er verliebte sich. Er nahm das Mädchen mit nach Hause und schließlich zog es bei ihnen ein. Auch das Mädchen verliebte sich.
Wenn seine Mutter zur Arbeit ging, begaben er und das Mädchen sich in den Keller. Sie zogen sich vor dem Spiegel aus und betrachteten sich darin. Dann spielten sie. Miteinander; aneinander; ineinander. Sie liebten sich.
Die Mutter aber wurde eifersüchtig. Sie begann das Mädchen zu hassen. Und mit der ganzen Finesse ihres neurotischen Egoismus verleidete sie dem Mädchen seine Anwesenheit in diesem Hause und damit auch alsbald die Liebe zu ihrem Sohn.
Eines Tages, die Mutter war abwesend, standen er und das Mädchen wieder nackt vor dem Spiegel. Sie sagte ihm, dass sie es nicht länger aushalte, dass sie gehen werde. Er flehte sie an zu bleiben, er sprach von ihrem Glück, von ihrer Liebe, von ihrer Zukunft. Er weinte. Da weinte auch sie; doch er konnte sie nicht umstimmen. Sie zog sich an, packte ihre Sachen zusammen und ging. Er wußte, dass sie stärker war als er. Er ging ihr nicht nach. Er lief, immer noch nackt, in den Keller. Sein Spiegelbild weinte, kaum konnte er es erkennen. Er schlug mit dem Kopf dagegen, die Glasfläche splitterte spinnenförmig; Blut lief aus einer Platzwunde.
Er wurde sehr still.
Er blieb still.
Oftmals ging er spazieren. Dort, wo er das Mädchen getroffen hatte. Er traf sie nicht wieder.
Als er einige Monate später von einem dieser Spaziergänge heimkehrte, bemerkte er aus einiger Entfernung vom Hause, dass dieses unscharf geworden war. Es war, als habe es sich von ihm zurückgezogen; Details, die er zuvor deutlich hatte erkennen können, verschwammen in seiner Wahrnehmung.
Dann bemerkte er, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf das Haus bezog. Alles wich von ihm zurück. Alles wurde unscharf. Damals bekam er seine erste Brille.
Und so wie sich die Welt vor ihm zurückgezogen hatte, zog er sich vor der Welt zurück. Er lebte weiterhin mit seiner Mutter in dem Haus. Er sprach am Tag keine 5 Worte mit ihr.
Jahre vergingen. Jahrzehnte vergingen. Die Mutter wurde alt, sie wurde krank. Parkinson. Er sorgte für sie, lustlos, genervt, oft aufbrausend. Er rächte sich, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Er hasste es, in die Stadt zu gehen, um einzukaufen, weil er dabei unter Menschen musste. An einem dieser Tage, es war ein grellsonniger Sommertag, stand er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung und hatte das Gefühl, dass irgend etwas anders war als sonst – irgend etwas stimmte nicht. Er konnte es sich zunächst nicht erklären. Er schaute sich die Bücher an, ging ein Stück weiter… Da begriff er.
Er spiegelte sich nicht in dem Schaufenster. Er sah die Spiegelungen der Passanten, die hinter ihm vorbeigingen – aber er konnte sich nicht sehen.
Sein Herz begann spürbar zu pochen. Er schaute sich um. Er ging weiter – zu anderen Schaufenstern. Dasselbe! – Hastig betrat er eine Kneipe; fragte nach der Toilette. Man wies ihm den Weg. Er ging hinein, blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Nichts. Er konnte sich nicht sehen. Hinter ihm rauschte eine Spülung. Im Spiegel sah er, wie ein alter Mann aus einer der Kabinen trat. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. Der alte Mann ließ keinerlei Überraschung erkennen; offenbar konnte dieser ihn im Spiegel sehen.
Er eilte nach Hause. Er eilte ins Bad. Er blickte in den Spiegel über dem Waschbecken.
Er konnte sich nicht sehen.
Er ging in den Keller, ging in den Abstellraum. Er blickte in den spinnenförmig gesplitterten Spiegel…
Er sah sich. Nichts war anders als sonst. Sein Herz klopfte immer noch heftig. Aber er konnte sich sehen.
Irgendwann hatte er sich daran gewöhnt. Es blieb so. Der Spiegel im Keller war der einzige, in dem er sich sehen konnte. Er sagte niemandem etwas davon, er erzählte es nicht seiner Mutter. Seine Mutter siechte dahin. Es hatte keinen Sinn ihr etwas zu sagen. Sie bemerkte nicht, dass er zum Rasieren in den Keller ging. Sie bemerkte nicht, dass er heftig zu trinken begann.
Er öffnete die Schnapsflaschen als erwarte er, Gesellschaft darin zu finden; eine herausschießende Rauchsäule, die zu einem weiblichen Dschinn würde – ein Dschinn mit dem Gesicht des Mädchens. Flasche um Flasche öffnete er so; und die leeren Flaschen sammelte er im Spiegelzimmer.
Dann starb seine Mutter.
Er trauerte – kurz & aufrichtig.
Es ging ihm besser.
Er erbte das Haus und etwas Geld. Er erbte den Spiegel.
Alle anderen Spiegel entfernte er aus dem Haus; all diese Spiegel, die alles zeigten, nur ihn nicht.
Endlich war er allein in dem Haus. Das Rollen der Gehhilfe; der trippelnde, schlurfende Gang; das Poltern der Stürze; das Scheppern fallender Gegenstände; die Hilferufe – all das war verstummt. Endlich.
Er fühlte sich befreit. Er konnte im Bett liegen bleiben, er konnte trinken, er brauchte sich nicht anzuziehen; er entfernte sämtliche Zimmertüren aus dem Haus. Nachts ging er nackt im Haus spazieren, von einem Raum zum andern; wenn er zufällig in der Küche war und pissen musste, tat er es dort – er pisste in die Spüle, ob sich Geschirr darin befand oder nicht; nichts kümmerte ihn.
Das Grab seiner Mutter besuchte er niemals.
Oft ging er in den Keller und betrachtete sich im Spiegel; die Splitterspinne in seinem Gesicht. Die leeren Flaschen erfüllten den Raum mit ihrem Glanz; wenn sie staubig & stumpf wurden, polierte er sie. Er hatte Zeit.
Er genoß das Alleinsein. Doch wenn er eine neue Flasche öffnete, dachte er an den Dschinn, der nicht kam. Der Dschinn mit dem Gesicht des Mädchens. Und er spritzte sein Sperma auf den Spiegel.
Manchmal öffnete er die Haustür, wenn jemand klingelte; meistens aber blieb er liegen und wurde wütend auf den Unsichtbaren, der es wagte, ihn derart zu belästigen. Es waren nur Fremde, die Unwichtiges wollten; Besuch bekam er nicht.
Etwas Lebendiges neben sich selbst konnte er nicht mehr ertragen. Jede Spinne, jede Maus, jede Fliege löste sogleich eine Panik in ihm aus und wurde getötet.
Eines Morgens, als er die Haustür öffnete – hatte es geklingelt?, er wußte es nicht -, stand das Mädchen vor ihm, das kein Mädchen mehr war. Er war betrunken. Er erkannte es sofort. Das Mädchen, das kein Mädchen mehr war, reichte ihm die Hand. Er drückte sie leicht.
Das Mädchen … die Frau war stark gealtert. So wie er. Sie hatte Krebs gehabt. Hatte ihn wohl überstanden. Er wollte nichts davon hören.
Irgendwann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in den Keller hinab. Er wollte nicht mit ihr in den Keller, aber er war zu gleichgültig, um Widerstand zu leisten. Sie führte ihn ins Spiegelzimmer. Zu den Flaschen, aus denen nichts als Rausch gekommen war. Aber nun war sie ja da. Er nahm seine Brille ab; die Frau wurde dem Mädchen ähnlicher.
Als sie vor den Spiegel traten, konnte er sie nicht sehen. Es überraschte ihn kaum.
Sie zog ihn aus. Sie zog sich aus. Ihre Brüste waren so schlaff wie sein Bauch. Irgendwo dort zwischen ihren Beinen war der Krebs gewesen. Sie war nicht mehr dieselbe. Er blickte in den Spiegel, in die Splitterspinne – er war nicht mehr derselbe. Und es war ihm egal. Er legte sich auf den Boden, zwischen die Flaschen. Die Flaschen glänzten.
Die Frau ging zum Spiegel, und ohne sich darin zu spiegeln, löste sie einen der größeren Splitter aus der Glasfläche.
Es war angenehm, auf dem Boden zu liegen und ihr zuzuschauen. Nackt und lächelnd kam sie auf ihn zu, und sie kniete sich neben ihn mit dem Splitter in der Hand. Er konnte seine kurzsichtigen Augen darin erkennen.
Sie lächelte ihn an.
Einsam liegt das Haus.

* * *


(Geschrieben 2007)