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Kasse

Liest die Kassiererin in meinen Einkäufen?
Ich kaufe nur 1 Zahnbürste.
1 Brot, 3 Tomaten.
4 Flaschen Schnaps, 5 Flaschen Rotwein.
Zigarren.
Was liest sie?
Wenn die Flaschen auf dem Laufband
aneinanderstoßen, ist mir das peinlich.
Immer wenn wir uns sehen, kommt
ihr diese Hausbar entgegen.
Liest sie?
Ach Quatsch! ich nehme mich zu
wichtig.
Sie hat anderes zu tun; Tausende
wie ich begegnen ihr. –
Und doch …..
manchmal, einen kurzen Blick ihrer
Augen lang, denke ich,
sie weiß.


Fieber malt Träume

Alles was schiefgeht, taufe ich Absicht.
Alles Unglück habe ich schon irgendwo gelesen – –
Der Albtraum schönt das Erwachen.
Der Tod hat schon die meisten geholt.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Liebe.
Krankheit weckt Kräfte.
Die schönsten Tiere bevölkern die Dunkelheit.
Schläge fördern die Durchblutung.
Hass ist ein Gefühl.
Schmerz weckt auf.
Scheisse bedeutet Erleichterung.
Alleinsamkeit denkt.
Fieber malt Träume.


real ?

Und wieder verliebe ich mich in die
Unbekannte –
nie gesehen, nie gehört – nur
gelesen – – –
hoffe, dass sie Kinskis Bücher auf dem
Nachttisch hat – & den Faust im Herzen trägt

komponiere Lieder für sie,
werfe Reime auf den Müll, weil
Kunst ihr nicht gerecht wird –
zeichne sie dennoch –
mit Blut

& sage mir :
das ist die Einsamkeit –
das ist nicht die
Realität – – –


Vorbereitungen

Meine 1033ste Wiedergabeliste erstellt –
für jede Gelegenheit eine :

Musik für die Badewanne
Musik zur Entspannung
Musik zum Verrücktwerden
Musik für den Vertreterbesuch
Musik zum Kochen
Musik zum Saufen
Musik zum Weinen
Musik zum Schweigen
Musik zum Bügeln
Musik zum Erwachen
Musik zum Einschlafen
Musik zum Müllrausbringen
Musik für den Selbstmord
Musik zum Lachen
Musik zum Lesen (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Essen
Musik zum Staubwischen
Musik zum tonlosen Fernsehen
Musik zum Nägeleinschlagen
Musik für den Blowjob (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Musikhören
Musik zur Kontoauszuglektüre
Musik zum Mixen
Musik zum Wichsen
Musik zur Pediküre
Musik zum Kloputzen
Musik zum Haareschneiden
Musik zum Träumen

……………………………


Unerwünschter Besuch (1985)

Gestern abend: es klingelte
an der Haustür. Ich öffnete.
Ein alter Kerl mit stumpfen
Pupillen & abgebrochenen
Zähnen, krummbucklig &
fleckenhäutig, stand dort.
Er trug einen zerfledderten
Strohhut.

„Guten Morgen“, sagte er.

„Es ist Abend“, sagte ich.

„Ach ja?“

„Was wollen Sie?“

„Ich? Nichts.“ Er berührte
die Hutkrempe mit Zeigefinger &
Daumen der linken Hand.
„Originalität“, sagte er.

Ich gab ihm einen Schubs, und
er fiel rückwärts die 4 Stufen
hinunter.

Er blieb liegen.
Stöhnte.
Schmale Blutrinsale sickerten
ihm aus Ohren & Nase. Er
war ein hilfloser
alter Mann.

Ich ging ins Haus zurück,
verschloss die Tür &
setzte mich vor den Fernseher.

Ich fürchte, er
liegt immer noch dort.

* * * *

(Geschrieben 1985)


Ich bin so alt

Ich bin so alt, dass ich mich erinnern kann, wo mein Vater bei der ersten Mondlandung war. Er war bei einer seiner Freundinnen, während meine Mutter außer sich war. Damals wohnten wir noch in einer Gegend, wo es keine Brücke in der Nähe gab. Später lief meine Mutter bei solchen Gelegenheiten immer zur nahegelegenen Autobahnbrücke (natürlich erst, wenn mein Vater wieder zurück war), und einer meiner großen Brüder mußte ihr nachlaufen, um sie zurückzuholen. Er fand das irgendwann langweilig.
Später auch brachte mein Vater seine Liebste mit nach Hause. Sie schlief dann – nach angemessenem Theater – mit meinen Eltern im Ehebett. Ich mochte sie. Sie war jung & hübsch (& wußte es – hin & wieder saß ich neben ihr in ihrem Käfer, und hin & wieder schaute sie in den Innenspiegel & sang „Was bin ich doch hübsch“ oder so ähnlich – darüber machten wir Brüder uns hin & wieder lustig). Manchmal, wenn ich in meinen Kinderbüchern blätterte, legte sie sich zu mir aufs Bett & las mit. Sie roch gut. So nah. Meine Brüder waren in einem Alter, wo sie sie als Mutterersatz geil gefunden hätten – ich war noch nicht so weit. (Meine Mutter erzählte mir irgendwann, mein Vater habe Schloss Gripsholm von Tucholsky besonders wegen der entsprechenden Stelle so geliebt.)
Nach dem Tod meines Vaters (ausgerechnet Prostatakrebs, mit 48), besuchte seine liebste Freundin meine Mutter. Von der Küche aus belauschte ich ihr Gespräch im Wohnzimmer. Sie sprachen wie Verbündete. Auszug:
F: „…und dabei hat er doch immer gesagt, dass er noch mit 70 so potent sein würde.“
M: „…ja.“
(Er hatte die Operation verweigert. „Die wollen mich hier kastrieren“, sagte er zu einem Kollegen, der ihn im Krankenhaus besuchte. Ich saß im Stuhl neben Papas Bett.)
Um zu der Mondlandung zurückzukommen: die Nacht war wunderbar. Ich durfte aufbleiben. Heinrich Schiemann erklärte. Zwischendurch gab es Unterhaltung. ZB Eisenbahndetektiv Matt Clark mit Jim Davis, der später den Jock Ewing in Dallas spielte. – An was man sich doch alles erinnert.

[Dass die Frau des erwähnten Bruders die Große (zerstörende) Liebe meines Lebens wurde, ist ein Roman, der wohl nie geschrieben werden wird.]


Es ist mir peinlich, aber…..

…zensiert………………………….
………………….zensiert…..
zensiert……….., zensiert……….;
………….zensiert……..:
zensiert !
……zensiert – ……zensiert?
……….zensiert.

Ich musste das einfach mal loswerden.


Bandsalat

Alkohol auf die Einsamkeit geschüttet
Musik in die Stille gegossen
3 Mal gewichst, um die Sehnsucht zu killen – vergebens
die Flecken aus dem kalten Waschbecken gewischt
Zigarrennebel in die Leere geblasen

Erinnerungen

Schlaf – so lange es geht – mit Dröhnen im Schädel, Schweiß in der Matratze
Träume voller Leben, voller Zärtlichkeit

So läuft mir das Leben von der Spule…..

Bandsalat auf dem Boden
nicht mehr zu entwirren
das Gespeicherte verloren

Müll


Sucht!

Alles gerät mir zur Sucht
Fressen Saufen Ficken Lesen

Sucht ist alles

weil ich suche
immer suche

suche
ohne zu finden


Tag & Nacht

Kaleidoskopierende Gedanken aus Schlaflosigkeit,
Ideendonner in der Finsternis. Ich
möchte schlafen, möchte träumen, möchte –
wachbleiben. Möchte den Schlaf hinter mich bringen,
möchte aufstehen & liegenbleiben, aufschreiben ohne
mich zu bewegen. Hirngewitter. Ich drehe mich, Filme drehe ich,
fantastische Neuronenblitze, Begeisterungen,
große Opern, Bilderflüge, fliegende Teppiche aus
Daunen, Stromschnellen & Kurzschlüsse,
sprühende Metaphern in Endlosschleifen;
die Kissenfüllung aus Flügeln gemacht, Pegasus,
blutig von den Sporen dieser verdammten, dieser
geliebten Schlaflosigkeit.

Doch irgendwann wirft mir der Schlaf dann doch noch
ein paar Brocken Bewußtlosigkeit in den Bettelhut –
„Da, nimm!“
Ich schlafe.

Schlafe.

Ideen
vergehen.

Ich wache auf –
müde & blöde & leer
wie immer.


Gigi, oder die Maus auf dem Rennrad

Wäre der Sarg nicht vom Sockel gerutscht, Thomas hätte niemals die Maus auf Katjas Slip gesehen. Er hätte Katja nicht bemerkt und nie erfahren, in welche Gegend es sie mittlerweile verschlagen hatte. Sie wäre eine seiner Erinnerungen geblieben.
Es war heiß, die Tür zum Geschäft stand offen. Er hatte den Eingang gerade passiert, da krachte, da schepperte es im Innern, und eine Frauenstimme rief „Aua!“, rief „Scheiße!, rief „Verdammt!“
Sonnenlicht verspiegelte das Schaufenster, so dass er nicht hindurchsehen konnte. Er sah nur sich selber mit einem Kruzifix im Gesicht. Über seinem Kopf der Namenszug des Beerdigungsinstituts. Passanten im Hintergrund. Er ging die paar Schritte zurück. Drinnen flitterte Staub in der Luft. Die Frau saß, mit dem Rücken zum Eingang, auf dem Boden und schob gerade den Sargdeckel von ihrem linken Fuß herunter. Ihr kurzes Sommerkleid war etwas verrutscht. Thomas sah das graue Mäuschen auf ihrer rechten Pobacke; es saß auf einem Rennrad. Ganz kurz nur sah er das Bild; schon die nächste Bewegung der Schenkel ließ es wieder hinterm Blümchenmuster verschwinden.
„Ist der Knöchel noch ganz?“, fragte er, als er in die stickige Hitze des Ausstellungsraumes trat.
An der Schnelligkeit, mit der sie sich umwandte, erkannte er, dass er sie erschreckt hatte.
Er sagte: „Jetzt sind wir quitt, jeder ist durch den andern an den Rand des Herstillstands gebracht worden.“
Sie lächelte. „Peinlich, peinlich. Wird aber nur blaue Flecken geben.“
Sie hielt den Saum ihres Kleides fest und stand auf.
„Ist doch wirklich zu blöde“, sagte sie. „Ich muss beim Staubwischen über irgendwas gestolpert sein. – Nur dass es hier gar nichts gibt, worüber man stolpern kann.“ Sie sah ihm in die Augen, Selbstironie bewegte ihre linke Braue aufwärts. „Ein Geist muss mir ein Bein gestellt haben.“
„Ist der richtige Ort dafür“, sagte Thomas.
Sie lächelte. „Bitte nichts verraten – in diesem Aufzug habe ich im Verkaufsraum eigentlich nichts zu suchen.“
„Alles klar.“ (Warum war sie dann alleine…. hier….?)
Er beobachtete sie genau, während sie die Lackierung auf Kratzer untersuchte. Sie hockte sich hin (Lichtreflexe auf ihren Beinen), sie stand auf, sie ging um den Deckel herum, ging um den Sarg herum (Lichtreflexe auf ihren Armen, ihren Schultern); sie wischte mit einer Fingerspitze, die sie zuvor mit der Zunge befeuchtet hatte, über die ein oder andere kritische Stelle –  – er beobachtete sie genau. Der Staublappen lag auf dem Boden.
Gemeinsam brachten sie den Deckel wieder an seinen Platz. Sie sagte: „Sie sind doch hoffentlich kein Kunde?“
„Im Moment noch nicht. Mich hat nur der Paukenschlag hergeführt.“
Ihre Augen funkelten. „Muss das bescheuert ausgesehen haben.“
„Ich hab’s leider nicht gesehen“, sagte er.
Sie lachte leise, kicherte. Keine Kratzer am Sarg.
Die funkelnden Augen … das Lachen … die makabre Umgebung … nicht lange, und sie schlossen sich in Thomas´ Vorstellung wie die Einzelteile eines Stromkreises zusammen …
Er zögerte.
Erst dachte er: Katie?
Dann sagte er es.

Auch Katjas Onkel hatte ein Beerdigungsinstitut gehabt. Vor einigen Jahren war er, wie Thomas jetzt erfuhr, sein eigener Kunde geworden. Das mochte am vielen Rotwein gelegen haben. Onkel Krause liebte große leere Rotweinflaschen, je größer, desto lieber. Er kaufte sie (solange sie noch voll waren), dann leerte er sie (in seine Kehle) und fügte sie seiner gewaltigen Sammlung hinzu, die sich in einem Schuppen hinter dem Haus befand; den Schuppen, der für nichts anderes mehr Platz bot, nannte er augenzwinkernd „mein Gehirn“. Er behauptete immer, die Flaschen mehr zu lieben als den Wein, und die Kinder, die oft rot wurden, wenn sie logen, waren sich nicht sicher, ob der Onkel log, denn dessen Gesicht war stets dunkelrot. Sonntags war er meist vollends benebelt. Da hatte er auch nichts dagegen, wenn die Kinder die beiden Ausstellungsräume mit den Särgen in ihr Spiel miteinbezogen. Tom bekam deshalb manchmal Albträume. In der Anfangszeit hätte er Katie niemals davon erzählt, aber irgendwann war ihre Freundschaft soweit, dass er es ihr gegenüber zugeben konnte, und ihre Freundschaft war soweit, dass Katie sich nicht über ihn lustig machte. Sie lachten nur miteinander.
Einmal aber wollte Tom sie vom Lachen abhalten. Sie spielten mit einigen anderen Kindern zusammen Verstecken, und obwohl es natürlich weder neu, noch besonders originell war, denn hier würde jeder doch zuerst suchen, hatten die beiden sich gemeinsam in einen Sarg gelegt. Es handelte sich um einen Sarg mit zweiteiligem Klappdeckel, so ließ er sich nicht allzu schwer öffnen und schließen. Sie liegen nebeneinander. Es ist derart eng darin, dass sie sich einfach umarmen müssen. sie atmen sich gegenseitig an, sie riechen sich gegenseitig (dem penetranten Geruch des neuen Sarges zum Trotz), und sie lauschen. Tom spürt, wie sein linker Arm einzuschlafen beginnt; er versucht ihn zu bewegen.
„Hey, was machst du?“ flüstert Katie. Er kann die Worte auf seiner Haut, auf seinem Gesicht spüren, warm und feucht.
„Mein Arm … der kribbelt.“
„Psst.“
Die andern kommen.
„Wetten, die sind hier“, sagt einer.
„Quatsch, so blöd sind die nicht“, meint ein anderer; er betont das wie ein schlechter Schauspieler.
Katie kichert, ganz leise. Aber Tom kommt es so laut vor, dass er ihr am liebsten die Hand auf den Mund legen würde. Den linken Arm kann er schon nicht mehr richtig bewegen, die rechte Hand ruht auf Katies Bauch, und dort will er sie auch lassen. Das Kichern dauert an. Sie hören, dass die da draußen sich an einem der anderen Särge zu schaffen machen.
„Still mal“, sagt der, der als erster gesprochen hat, „ich glaub, ich hab was gehört.“
Tom bewegt seinen Kopf nur ein bisschen vorwärts, stups!, ihre Nasen stoßen zusammen, dadurch scheint das Kichern noch lauter zu werden. Ihre Nasen sind klein und weich; etwas mehr Druck, und schon treffen sich ihre Lippen. Das Kichern bleibt.
Und dann wird es hell.

Ihm gefiel Katjas Wohnung. Auf einem Kaminsims ohne Kamin stand eine große leere Rotweinflasche.
„Die letzte Überlebende aus der berühmten Sammlung“, sagte Katja.
Gleich daneben ein abscheulicher Porzellanengel.
Thomas sagte: „Und Kitsch gehört dazu.“ – Das war einer von Krauses Standardsätzen gewesen: Kitsch gehört dazu, ohne Kitsch wär der Tod nur halb so schön – und das Leben erst recht.
Katja lachte. „Den hat er mir zum Geburtstag geschenkt, ich glaub, gleich nachdem ihr weggezogen wart.“
Das war kurz nach dem Versteckspiel gewesen.
Sie setzten sich einander gegenüber.
„Sieht man ihm gar nicht an. Das Alter, mein ich.“
„Klaus … mein Freund … sagt immer: Häßlichkeit ist zeitlos.“
Es kam Thomas lächerlich vor, dass die Worte mein Freund ihm einen kleinen Stich versetzten. Er grinste, denn sie hatte ja etwas Lustiges gesagt. Oder war es vielleicht gar nicht lustig? Egal. Sie schlug die Beine übereinander.
Hinter ihr stand die Tür zum Balkon offen. Selbst am Abend kühlte es sich kaum ab. Die Dämmerung lag rötlich über den Dächern. Thomas und Katja tranken Weißwein und erinnerten sich. Thomas erinnerte sich, dass er kurze Hosen getragen hatte, damals im Sarg, und sie hatte, wie heute, ein Sommerkleid angehabt. Und er dachte an ihre dünnen Beinchen, stets voller Kratzer und Schrammen. Und sie sprachen auch über andere Freunde aus jener Zeit; über die, die sie ebenfalls zufällig wiedergetroffen hatten im Laufe der vergangenen Jahre.
„Seltsam“, sagte Katja, „- aus den interessantesten Kindern werden oft die uninteressantesten Erwachsenen.“
„Na, ich weiß nicht – – kann sein.“
Katjas Augen funkelten. Es waren Katies Augen.
Sie hatte ihn nicht ganz so schnell wiedererkannt. Und sie waren sich auch nicht in die Arme gefallen. Sie hatten sich die Händ gereicht und über den Zufall gesprochen.
Sie nippte an ihrem Weißwein. Dann sagte sie:
„Pass auf, gleich sitzen wir hier wie zwei alte Leute: Oh, weißt du noch….“
„Ja klar, und ich mach auf Maurice Chevalier: Oh yes, I remember it well.
Und ein bisschen war es so. Sie wußten es noch. Beide. Alles. Fast alles.
Und irgendwann fragte sich Thomas, ob die Erinnerung an ein Gefühl selbst schon so etwas wie ein Gefühl ist.
Oder war es Katja, die sich diese Frage stellte?
Wie auch immer, es gab keine eindeutige Antwort.
Es gab den Freund, der Häßlichkeit für zeitlos erklärt hatte. Thomas hoffte, dass er ihn nicht würde kennenlernen müssen, denn er mochte die Vorstellung nicht, dass ihm der Bursche (so nannte er ihn in Gedanken) hätte sympathisch sein können. Das lag wohl daran, dass er schon seit geraumer Zeit alleine war. Aus diesem Grunde auch war ihm die Vergangenheit wichtiger geworden als die Gegenwart, und so schlug er die Zeit tot mit dem Ausgraben lebendig verscharrter Erinnerungen.
Und irgendwann saßen Katja und Thomas nebeneinander auf der Couch. sie wurden entspannter. Prost, Onkel Krause!
„… da hätt ich mir fast in die … ich meine, dass hat mir ganz schön angst gemacht“, sagte sie. „… das Gebiss … und die Augen, die nicht richtig zugehen wollten, das war schon ganz schön gruselig, kann ich dir sagen, und ich dachte immer, gleich kommtse und holt mich, weil sie mich damals eben doch gesehen hat, in ihrem Garten, obwohl ich ja gar nichts davon gehabt habe, weil die Birnen ja doch alle hingefallen sind, und das Knie hab ich mir auch noch gestoßen, und damit hab ich immer versucht mich zu beruhigen, ich hab mir immer gesagt, das war doch Strafe genug, da brauchtse doch nicht mehr aufzustehen, um mich zu holen, da kannse doch ruhig tot bleiben …“
„Welches Knie war’s denn?“ fragte er.
„Das hier.“
„Mmh, ja, das war seltsam.“ (Sein Blick blieb auf ihren Knien.) „Aber mir ist auch was Seltsames passiert.“
„Ach ja?“ Sie zündete einige Kerzen an, die auf dem Tisch standen; der Weißwein begann zu leuchten.
„Ja. du wirst es nicht glauben. Ich mein, ich glaub’s ja selber kaum. Aber – ich hab mal ne Maus aufm Fahrrad gesehen.“
Funkel, funkel. Sie lehnte sich wieder zurück. Blicke stupsten aneinander.
„Hey, die kenn ich. Man könnte sogar sagen, dass wir alte Freunde sind.“
„Mensch, die Welt ist klein.“ Er trank einen Schluck. „Leider hab ich sie nur ganz kurz gesehen. wir sind uns ja auch nicht offiziell vorgestellt worden.“
„Tja, das ist Pech. So ist das halt. Wenn ich sie mal wieder sehe, werd ich sie von dir grüßen.“
Die erste Mücke war übern Balkon gekommen, Candlelight-Dinner auf schimmerndem Oberschenkel – denkste, Katja schnippte sie rechtzeitig weg.
„Ich mach lieber die Tür zu“, sagte sie. Die Flämmchen zuckten, als sie aufstand.
Vielleicht wär’s besser gewesen, wenn ich weitergegangen wäre. – Thomas dachte so, ich bin sicher.
Er beneidete mich.
Aber ich – – ich beneidete ihn. Denn in Wirklichkeit hatte ich gesagt:
Kitsch ist zeitlos.
Doch das hat Katja schon immer verwechselt.

* * * * *

(Geschrieben 1996)


Die Hyäne

Er fühlte sich tot
Die Einsamkeit, diese Hyäne, riß
die Vergangenheit in blutigen Fetzen aus
seinem Schädel.
Die Hyäne fraß, die Hyäne lachte
Er wollte sie sich schönsaufen, die
bucklige Bestie
schönsaufen, um
sie dann in den Arsch zu ficken
Ich fick dich, du Vieh
Er brauchte Niemanden
sagte er sich
Ich brauche Niemanden
Ich fick dich
Er fühlte sich tot, aber
er kriegte ihn immer noch hoch
viel zu oft, viel zu oft
Kein Alkohol half dagegen
Komm her,
Einsamkeit, ich
fick
dich
in den Arsch, und dann
spritz ich dir in
die lachende Fresse !


Pschyrembel lesen…

 

….der Tod hat sich meinetwegen schon einen Knoten ins Taschentuch gemacht –

ich hoffe, nur dorthin…………..


Moralische Verpflichtung

 

 

Die wenigsten Menschen, mit denen ich telefoniere,

beenden das Gespräch ohne die Formel „…und trink nicht soviel“.

Hallo? Geht’s noch? Das Leben weißer Mäuse hängt von mir ab!

Wie kann man nur so kaltschnäuzig sein.


Speicherung

 

 

Jemand fragt mich etwas, ich antworte:
„Siehe oben“ –
Jemand erzählt mir etwas, ich sage:
„Das hast du mir schon erzählt“ –

 
Ich erinnere mich, wie ich laufen lernte –
Ich erinnere mich an einen Albtraum im Babybett –

 
Ich erinnere mich

 
Ich werde von meinem Gedächtnis erschlagen…..

 
Sie & ich, wir haben eine gemeinsame Vergangenheit,
aber die Gemeinsamkeit vergeht –

 
„Weißt du noch?“
Nein, sie weiß nicht mehr.
Und manchmal glaubt sie mir nicht.
Dann erzähle ich ihr von unserem Leben,
zitiere einen Nebensatz aus einer Unterhaltung, die
wir vor 24 Jahren führten.

 
Manchmal weiß ich nicht, ob ich
mir selbst noch glauben kann.

 
Ich bade mein Gedächtnis in Schnaps.
Jemand fragt mich etwas.

 
Siehe oben.


hoffnung

Die Ideenpistole an meiner Schläfe, eiskalt die Mündung –

ich drücke ab…..

nichts passiert

irgendwo ist noch störende Welt, also

alle Fenster schließen, Rolleaus runterlassen

nur die Ruhe

& dann einsamkeimt ein Gedanke…..

aber auch er bleibt einsam,

dort wo er ist, herrscht Dunkelheit

& dunkel wird es bleiben.


Gefängnis

Einzelhaft…. Dunkelhaft….
Ich kenne die Verbrechen, die dem Gesetz egal sind.
Ich sitze.
Eingebunkert.
Ratten, die Freunde….
Spinnen, die Freunde….
Durst, der nie zu stillen ist.
Blicke, die fehlen.

Der Kuss der Schlange.
Einzelhaft…. Dunkelhaft….
Zweifelhaft….
Die Frage, die ich nicht stelle,
das Wort, das ich nicht sage….
Was habe ich getan?
Zweifel….
Was habe ich nicht getan?


Ich hätt gern einen…..

Weißwein zum Fisch? Rotwein zur Pasta? Geschenkt. Mit Informationen darüber, welches Getränk zu welcher Speise gereicht werden sollte, werden wir überall zugeschüttet. Koch- & Saufshows allenthalben.
Aber welches Getränk passt eigentlich zu welchem Schriftsteller? Ich habe da mal was vorbereitet (basierend auf Werk &/oder Biografie). Beschnapste Überlegungen.

Arno Schmidt : Dujardin, Asbach
James Joyce : (schweizer) Weißwein, Guinness
Samuel Beckett : Guinness, Whisky
Homer : Wein
Jean Paul : Alles außer Wasser (vor allem Faßbier)
Nietzsche : Wasser
Balzac : Kaffee, Wein
Goethe : Wein
Verlaine : Absinth
Brecht : Cognac, Bier (Carlsberg)
Thomas Mann : Cinzano (mit Ei), Portwein, Sekt, Bier
Hemingway : jeglicher Alk
Joseph Roth : Hennessy, Pastis
E.T.A. Hoffmann : Punsch
Wolfgang Koeppen : jeglicher Alk außer Bier
Ernst Kreuder : Bier, Klarer
Hesse : Wein (Chianti), Kirschwasser
F. Scott Fitzgerald : Martini-Cocktail, Sekt … & was sich sonst noch findet
Blaise Cendrars : Pastis, Wein
Henry Miller : Wein
Charles Bukowski : Bier, Wein, Whisky
Sartre : Whisky, Wodka, Bier & manches andere
Proust : Tee, Bier
Poe : Wein
Lovecraft : Milch
Malcolm Lowry : Tequila, Mescal, Wein, Absinth, Rasierwasser etc.
Kästner : Sekt, Whisky
Baudelaire : Wein, Cognac
Rimbaud : Absinth
Lichtenberg : Danziger Goldwasser, Wein
W. S. Burroughs : Wodka
Peter Altenberg : Pilsner
Branden Behan : Guinness, Whisky
Faulkner : Bourbon
Schiller : Kaffee, Likör
Kerouac : Rotwein, Whiskey, Bier
Tschechow : Tee
Tolstoi : Tee
Dostojewski : Tee
Horst Janssen : Wein, Underberg, Cognac
Fallada : Klarer
Simenon : Picon, Bier, Weißwein, Whisky
Capote : Alk in jeglicher Form
Steinbeck : Whisky
Stephen King : Bier
Eugene O’Neill : Bourbon
Graham Greene : Alk in jeglicher Form
Umberto Eco : Martini-Cocktail, Wein
Chandler : Whiskey, Bacardi
Hammett : Whisky
Jack London : Martini-Cocktail, Wein, Bier
Alfred Döblin : Bier
de Sade : Wein
Chesterton : Bier
Villon : Wein
Grillparzer : Bier mit geriebener Muskatnuss

….to be continued….


Joshua betrat seine Wohnung

Joshua betrat seine Wohnung. Sein Mantel war klamm von verschwundenem Schnee. Leise flüsterte er:
„Mutter?“
Seine Mutter war vor einem dreiviertel Jahr gestorben. Die verwaiste Katze näherte sich ihm & strich ihre Einsamkeit an seinen Beinen ab. Er bückte sich, und die Katze streichelte mit ihrem Kopf seine Handfläche.
Mißtrauisch betrachtete Joshua den Heizkörper neben dem Kopfende seines Bettes. Hinter Staubgebilden wohnte eine Spinne, schwarz & dick & ohne Menschenscheu.
„Eines Tages wirst du sie kriegen“, sagte er zu der Katze. Nie sprach er die Katze mit ihrem Namen an, denn ihren Namen hatte sie von seiner Mutter bekommen. Fast schon hatte er den Namen vergessen.
Nie geschah etwas in seiner Wohnung, und nie langweilte er sich in ihr. Die Langeweile wohnte woanders – in anderen Wohnungen – in fremden Menschen…
… in Menschen überhaupt – nur in den Menschen, ob fremd oder nicht …
… auch in ihm wohnte sie – erkennbar aber nur für die anderen; für ihn war seine eigene Langeweile unsichtbar. Was für ein Segen!
Er behielt den Mantel an & ging zu dem Tisch mit den Flaschen. Er schaltete die rotbeschirmte Lampe ein & bewunderte das Licht in den Flüssigkeiten.


…angetrunken tastatourennt

Der Griff ins Leere
… nach Halt
Der Schrei
…hallt nach
Das Fallen
…aus der Einsamkeit
in die Einsamkeit…
All, Tod

…alle die da fallen
Der Zufall, die Geburt
…der Fall in den Tod
aus der Einsamkeit
…der Schrei

verstummt


Der Spiegel im Keller – Ein Märchen

Einsam liegt das Haus am Hang.
Einsam lag sein Bewohner, Mitte 40, im Bett. Seit einer Stunde war sein Blick über die Zimmerdecke gewandert; jetzt erhob er sich mit leichtem Schwindelgefühl und stieg nackt in den Keller hinab.
In einem der Abstellräume lehnte, umgeben von einer großen Menge leerer Wein- & Schnapsflaschen, der Spiegel an der Wand. Es war der einzige Spiegel im ganzen Haus, ein messinggerahmtes Erbstück, knapp 2 Meter hoch – und auf Augenhöhe war das Glas spinnenförmig gesplittert. Der Mann trat, da er seine Brille auf dem Nachttisch gelassen hatte, nahe an den Spiegel heran und betrachtete die Bruchstücke seines Spiegelgesichtes. Er fühlte sich alt.
Schon in seiner Kindheit, als er in diesem Haus allein mit seiner Mutter lebte, hatte der Spiegel hier unten gestanden – damals noch intakt; damals noch nicht umgeben von Flaschen; damals noch nicht der einzige Spiegel im ganzen Hause. Als der Junge in die Pubertät kam, schlich er sich oftmals in diesen Raum, zog sich vor dem Spiegel aus und lebte in seiner aufgepeitschten Fantasie.
Als er 17 war, traf er auf einem Spaziergang ein Mädchen, das ein Jahr älter war als er. Er verliebte sich. Er nahm das Mädchen mit nach Hause und schließlich zog es bei ihnen ein. Auch das Mädchen verliebte sich.
Wenn seine Mutter zur Arbeit ging, begaben er und das Mädchen sich in den Keller. Sie zogen sich vor dem Spiegel aus und betrachteten sich darin. Dann spielten sie. Miteinander; aneinander; ineinander. Sie liebten sich.
Die Mutter aber wurde eifersüchtig. Sie begann das Mädchen zu hassen. Und mit der ganzen Finesse ihres neurotischen Egoismus verleidete sie dem Mädchen seine Anwesenheit in diesem Hause und damit auch alsbald die Liebe zu ihrem Sohn.
Eines Tages, die Mutter war abwesend, standen er und das Mädchen wieder nackt vor dem Spiegel. Sie sagte ihm, dass sie es nicht länger aushalte, dass sie gehen werde. Er flehte sie an zu bleiben, er sprach von ihrem Glück, von ihrer Liebe, von ihrer Zukunft. Er weinte. Da weinte auch sie; doch er konnte sie nicht umstimmen. Sie zog sich an, packte ihre Sachen zusammen und ging. Er wußte, dass sie stärker war als er. Er ging ihr nicht nach. Er lief, immer noch nackt, in den Keller. Sein Spiegelbild weinte, kaum konnte er es erkennen. Er schlug mit dem Kopf dagegen, die Glasfläche splitterte spinnenförmig; Blut lief aus einer Platzwunde.
Er wurde sehr still.
Er blieb still.
Oftmals ging er spazieren. Dort, wo er das Mädchen getroffen hatte. Er traf sie nicht wieder.
Als er einige Monate später von einem dieser Spaziergänge heimkehrte, bemerkte er aus einiger Entfernung vom Hause, dass dieses unscharf geworden war. Es war, als habe es sich von ihm zurückgezogen; Details, die er zuvor deutlich hatte erkennen können, verschwammen in seiner Wahrnehmung.
Dann bemerkte er, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf das Haus bezog. Alles wich von ihm zurück. Alles wurde unscharf. Damals bekam er seine erste Brille.
Und so wie sich die Welt vor ihm zurückgezogen hatte, zog er sich vor der Welt zurück. Er lebte weiterhin mit seiner Mutter in dem Haus. Er sprach am Tag keine 5 Worte mit ihr.
Jahre vergingen. Jahrzehnte vergingen. Die Mutter wurde alt, sie wurde krank. Parkinson. Er sorgte für sie, lustlos, genervt, oft aufbrausend. Er rächte sich, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Er hasste es, in die Stadt zu gehen, um einzukaufen, weil er dabei unter Menschen musste. An einem dieser Tage, es war ein grellsonniger Sommertag, stand er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung und hatte das Gefühl, dass irgend etwas anders war als sonst – irgend etwas stimmte nicht. Er konnte es sich zunächst nicht erklären. Er schaute sich die Bücher an, ging ein Stück weiter… Da begriff er.
Er spiegelte sich nicht in dem Schaufenster. Er sah die Spiegelungen der Passanten, die hinter ihm vorbeigingen – aber er konnte sich nicht sehen.
Sein Herz begann spürbar zu pochen. Er schaute sich um. Er ging weiter – zu anderen Schaufenstern. Dasselbe! – Hastig betrat er eine Kneipe; fragte nach der Toilette. Man wies ihm den Weg. Er ging hinein, blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Nichts. Er konnte sich nicht sehen. Hinter ihm rauschte eine Spülung. Im Spiegel sah er, wie ein alter Mann aus einer der Kabinen trat. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. Der alte Mann ließ keinerlei Überraschung erkennen; offenbar konnte dieser ihn im Spiegel sehen.
Er eilte nach Hause. Er eilte ins Bad. Er blickte in den Spiegel über dem Waschbecken.
Er konnte sich nicht sehen.
Er ging in den Keller, ging in den Abstellraum. Er blickte in den spinnenförmig gesplitterten Spiegel…
Er sah sich. Nichts war anders als sonst. Sein Herz klopfte immer noch heftig. Aber er konnte sich sehen.
Irgendwann hatte er sich daran gewöhnt. Es blieb so. Der Spiegel im Keller war der einzige, in dem er sich sehen konnte. Er sagte niemandem etwas davon, er erzählte es nicht seiner Mutter. Seine Mutter siechte dahin. Es hatte keinen Sinn ihr etwas zu sagen. Sie bemerkte nicht, dass er zum Rasieren in den Keller ging. Sie bemerkte nicht, dass er heftig zu trinken begann.
Er öffnete die Schnapsflaschen als erwarte er, Gesellschaft darin zu finden; eine herausschießende Rauchsäule, die zu einem weiblichen Dschinn würde – ein Dschinn mit dem Gesicht des Mädchens. Flasche um Flasche öffnete er so; und die leeren Flaschen sammelte er im Spiegelzimmer.
Dann starb seine Mutter.
Er trauerte – kurz & aufrichtig.
Es ging ihm besser.
Er erbte das Haus und etwas Geld. Er erbte den Spiegel.
Alle anderen Spiegel entfernte er aus dem Haus; all diese Spiegel, die alles zeigten, nur ihn nicht.
Endlich war er allein in dem Haus. Das Rollen der Gehhilfe; der trippelnde, schlurfende Gang; das Poltern der Stürze; das Scheppern fallender Gegenstände; die Hilferufe – all das war verstummt. Endlich.
Er fühlte sich befreit. Er konnte im Bett liegen bleiben, er konnte trinken, er brauchte sich nicht anzuziehen; er entfernte sämtliche Zimmertüren aus dem Haus. Nachts ging er nackt im Haus spazieren, von einem Raum zum andern; wenn er zufällig in der Küche war und pissen musste, tat er es dort – er pisste in die Spüle, ob sich Geschirr darin befand oder nicht; nichts kümmerte ihn.
Das Grab seiner Mutter besuchte er niemals.
Oft ging er in den Keller und betrachtete sich im Spiegel; die Splitterspinne in seinem Gesicht. Die leeren Flaschen erfüllten den Raum mit ihrem Glanz; wenn sie staubig & stumpf wurden, polierte er sie. Er hatte Zeit.
Er genoß das Alleinsein. Doch wenn er eine neue Flasche öffnete, dachte er an den Dschinn, der nicht kam. Der Dschinn mit dem Gesicht des Mädchens. Und er spritzte sein Sperma auf den Spiegel.
Manchmal öffnete er die Haustür, wenn jemand klingelte; meistens aber blieb er liegen und wurde wütend auf den Unsichtbaren, der es wagte, ihn derart zu belästigen. Es waren nur Fremde, die Unwichtiges wollten; Besuch bekam er nicht.
Etwas Lebendiges neben sich selbst konnte er nicht mehr ertragen. Jede Spinne, jede Maus, jede Fliege löste sogleich eine Panik in ihm aus und wurde getötet.
Eines Morgens, als er die Haustür öffnete – hatte es geklingelt?, er wußte es nicht -, stand das Mädchen vor ihm, das kein Mädchen mehr war. Er war betrunken. Er erkannte es sofort. Das Mädchen, das kein Mädchen mehr war, reichte ihm die Hand. Er drückte sie leicht.
Das Mädchen … die Frau war stark gealtert. So wie er. Sie hatte Krebs gehabt. Hatte ihn wohl überstanden. Er wollte nichts davon hören.
Irgendwann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in den Keller hinab. Er wollte nicht mit ihr in den Keller, aber er war zu gleichgültig, um Widerstand zu leisten. Sie führte ihn ins Spiegelzimmer. Zu den Flaschen, aus denen nichts als Rausch gekommen war. Aber nun war sie ja da. Er nahm seine Brille ab; die Frau wurde dem Mädchen ähnlicher.
Als sie vor den Spiegel traten, konnte er sie nicht sehen. Es überraschte ihn kaum.
Sie zog ihn aus. Sie zog sich aus. Ihre Brüste waren so schlaff wie sein Bauch. Irgendwo dort zwischen ihren Beinen war der Krebs gewesen. Sie war nicht mehr dieselbe. Er blickte in den Spiegel, in die Splitterspinne – er war nicht mehr derselbe. Und es war ihm egal. Er legte sich auf den Boden, zwischen die Flaschen. Die Flaschen glänzten.
Die Frau ging zum Spiegel, und ohne sich darin zu spiegeln, löste sie einen der größeren Splitter aus der Glasfläche.
Es war angenehm, auf dem Boden zu liegen und ihr zuzuschauen. Nackt und lächelnd kam sie auf ihn zu, und sie kniete sich neben ihn mit dem Splitter in der Hand. Er konnte seine kurzsichtigen Augen darin erkennen.
Sie lächelte ihn an.
Einsam liegt das Haus.

* * *


(Geschrieben 2007)