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Fremde

An jenem Tag hatte sie Frühdienst
Sie war im 2. Ausbildungsjahr zur Hotelfachfrau
Mein Nachtdienst neigte sich dem Ende zu
Sie begrüßte mich wie immer, lächelnd, plaudernd
Sie nahm die Schlüssel für den Frühstücksraum
die Zeitungen, die Listen & ging in Richtung Umkleide

Nichts schien anders als sonst
Alle sagten das –
im Nachhinein

Am frühen Abend fand man ihr Auto
in einem abgelegenen Waldstück
Zusammen mit ihrem Freud saß sie darin
Ein Schlauch führte vom Auspuff ins Wageninnere
Der Motor lief noch
Er musste seit Stunden gelaufen sein

Es war diese verfluchte alte Shakespeare-Story
2 Elternpaare die sich nicht ausstehen konnten
die gegen die Beziehung ihrer Kinder waren
gegen die Liebe
Egoismus Dummheit Borniertheit
das volle Programm

Und nichts schien anders
an jenem Tag
Man ist sich fremd
Man sieht nichts
Man plaudert
Man lächelt

Kein Hilferuf
stattdessen funktioniert man

Man funktioniert
solange es geht

Man ist umgeben von

Fremden


Mein Herd

Jedes Mal, wenn ich vor meinem Herd stehe,
höre ich in meinem Schädel Charles Bronson
Mundharmonika spielen. Ich werde vors
Fertiggericht geladen, und das Urteil lautet:
Weiterleben! Charles hat mich noch nie
abgeknallt.
Mein Herd war Mitte der 70er Jahre schon
alt. Von BBC. Mir gefällt der Schriftzug,
weil er Assoziationen weckt, die nichts mit
Essen zu tun haben. Musik! Ungefähr 20 Jahre lang
funktionierten nur noch 2 Platten; erst neulich
habe ich eine 3. wieder zum Laufen gebracht.
Ich hätte Elektriker werden sollen. Was für ein
Luxus!
Warum zur Hölle wollen alle immer das Neueste
haben? Das Raffinierteste? Das Modernste?
Mein verdammter alter Herd hat Stil &
Seele; er hat eine Menge erlebt; musste einen
Haufen Dreck über sich ergehen lassen.
Ab & zu schwächelt er ein wenig, aber wer
tut das nicht? Er säuft Strom wie ich meinen
Gin saufe. Er sieht etwas ramponiert aus; wie
ich. Manchmal kommt er nicht richtig
auf Touren, wird nicht richtig heiss & hält
mich hin wie eine abgekühlte Geliebte. Dann
dauert das Vorspiel eben etwas länger. Was
soll’s!
Ich finde wir sind ein schönes Paar.


DU

Wärst Du ein Mann, würde ich Dir den Schwanz lutschen
Wärst Du ein Hund, würde ich mit Dir Gassi gehen
Wärst Du eine Katze, würde ich Dich ins Schnurren kraulen
Wärst Du ein Baum, würde ich Dich düngen mit meiner Kacke
Wärst Du eine Spinne, würde ich Dir ein Netz basteln &
Dich schaukeln, bis Du grinst

Aber

Du bist ein kleines verängstigtes Mädchen

Also
muss ich Dich in den Arm nehmen &
Dich streicheln
bis Du

vergisst


Cut up

Du hast mich zum Cut-Up-Text gemacht
hast mich zerschnitten mit der Schere Deines Herzens &
mich neu zusammengesetzt
aus Schnipseln
die ohne Dich keinen Sinn ergeben würden
Alles scheint so wirr
& doch
es fügt sich zusammen
NEU
so NEU !

Worte
Sätze
Absätze
Seiten
Bücher

Die vielleicht nur WIR
verstehen

Hackbraten
flackerndes LynchLicht
Pullover am Herd
Bananensafthose
Lesbenpornos
Tabak in der Kotze
Schwarze Perle
Klospülung
Gehirnsäure in Handgranaten
So finster die Nacht
Metallbett
pulsierende Steine
Auslaufmodell
Gespräche mit Katzen
Spinnenplage
Pornoschnulze
Matratzensaft
Kellertreppe
Züge & Winde & Sonnenbrillen
Nuttenstiefel in der Wand
Handgelenkshubbelkuss
16. Juni
oooohhhh gooottt oooohhh gooottt
1853 DM
Schaufensterpuppen
17stündige Sonntage
LachenLachenLachen
sterbende Trommelfelle
3 Meter lange Fußnägel
Der Koch der nach dem Kommen kam
Hey
Ziegenkäse
Plätschern & Spülen
die Kühltruhe im Keller
Absolut
MUT
geheime Fenster
Au Rebours
Regen
& Schnee mit weißen Katzen

Fick das Verständnis der Anderen !
Was nur wir verstehen, ist ein Stück
Allgemeingültigkeit !

Ich lese mich
NEU

VERDAMMT !

Ein unbekanntes Buch……..

Die Autorin

bist

DU !


Das Gedicht

Sie hatte mir ein Gedicht geschrieben
Sie schrieb es auf Papier
In einer dieser Nächte

Sie nahm das Blatt
& streichelte damit
ihren nackten Hintern

Sie steckte es in einen Umschlag
& schickte es mir

Ich zitterte
mit dem Brieföffner in der Hand


Griffe

Ich habe Dich begriffen
Ich begreife Dich
Ich werde Dich begreifen

& Du sollst stöhnen
unter meinen
Griffen


Schweigen

Gedichte für Dich
für Dich
für Dich

Jetzt:
SCHWEIGEN

Denn:
ich muss Dich
ATMEN hören


Gerüche

Das aufgeklappte Zippo
Nagellackentferner, der an die Kindheit erinnert
Gin, der an Nagellackentferner erinnert
Verwelkte Blumen, die an Friedhöfe erinnern
Worte, die riechen, wenn man in durchgequatschten
Nächten nebeneinander liegt,
Worte, die nach Knoblauch, Wein & Zigaretten riechen,
Worte, die nach Gemeinsamkeit riechen
Bettzeug, das nach diesen Nächten riecht
Finger, die nach der Haut des Anderen riechen

Momente, die man riechen kann
Momente der Vergangenheit & der Gegenwart &
– vielleicht – der Hoffnung auf die Zukunft
Rausch & Atem

Atem, den man
braucht, um nicht
tot zu sein


Der Stein

Ich wollte Dich nicht wecken
Ich wusste, dass Du schläfst

Ich hoffte es zumindest ….
für Dich
& – falls Du von mir träumtest –
hoffte ich es für
mich

Ich habe Dir den Stein
vor die Tür gelegt
ganz leise

Wie es Katzen tun
mit den Eingeweiden
schwächerer Tiere

Du kennst diesen Stein –
er ist größer als die Faust
die man ballt

weicher als die Vergangenheit
die hart war

Ich habe ihn
mit einer roten Schleife versehen

Mit der sprudelnden Schleife
meiner Pulsadern

 

(Inwendig vorgetragen:)


London

Wir saßen in Southwark vor einem Bistro & warteten aufs Essen. Holztische; harte Bänke. Früher Abend, blauer Himmel, Wärme. Um uns englische Konversation.
„Wie alt bist du nochmal?“ fragte sie.
„49.“
Sie war 23.
„Also, mein Vater hat mit 49 nicht so ausgesehen. Jetzt isser 65.“
„Dann hat er wahrscheinlich gesund gelebt“, sagte ich. „Es gab Zeiten, da hat man mich auch 15 Jahre jünger geschätzt als ich tatsächlich war.“
„Na, die Zeiten sind vorbei.“
Ich musste lachen.
„Ich finds ok, wenn man sich im Aussehen Keith Richards annähert“, sagte ich.
Sie hatte ein Album der Stones dabei, dass sie sich ein paar Stunden zuvor auf dem Camden-Market gekauft hatte. Sie trug schwarze Shorts & ein Cradle-of-Filth-T-shirt; Springerstiefel.
„Immerhin bin ich noch da“, sagte ich. „Mit 20 hat mir mal ein Arzt gesagt, dass ich keine 30 würde, wenn ich mein Leben nicht ändere. Und damals habe ich noch vergleichsweise gesund gelebt.“
Sie trank einen Schluck Bier. Stellte das Glas auf das dunkle Holz zurück.
„Du solltest es nicht übertreiben“, sagte sie.
„Das Wort gibt es in meinem Wortschatz überhaupt nicht.“
Sie drehte sich noch eine Zigarette. Ich beobachtete sie gerne dabei. Ich mag es, wenn Frauen sich Zigaretten drehen; ich sehe so gern, wenn sie am Papier lecken. Gerade als sie damit fertig war, kam ein junger Typ an unseren Tisch & fragte sie, ob er sich auch eine drehen dürfe. Er sprach Englisch mit französischem Akzent. Sie reichte ihm Tabak & Papier. Er machte das sehr geschickt, sehr schnell. Das Lecken fand ich bei ihm weniger interessant. Schließlich zündete er die Zigarette mit ihrem Feuerzeug an, bedankte sich vielmals & ging weiter. Er war ungefähr in ihrem Alter gewesen.
Ich sagte: „Der hat bestimmt gedacht: Die sieht ihrem Vater aber gar nicht ähnlich.“
„Du meinst Großvater.“
„Arschloch.“
Lächelaugen. Wunderschön. Die Abendsonne.
„Aber sonst geht’s dir gut?“ fragte sie. „Ich meine, gesundheitlich. Im Ernst jetzt.“
„Wie einem Gänseblümchen. Wenn man älter wird, werden die Körperöffnungen, aus denen man nicht blutet, halt immer weniger.“
„Danke für die Info.“
Das Essen kam. Sie hatte einen riesigen Burger bestellt, der ihr am nächsten Morgen einen wunderbaren Durchfall bescherte. Ich bekam einen Berg von Nudeln. Sie rauchte & aß parallel.
Ich esse ungern in Gesellschaft. Was Leute am Essengehen finden, habe ich nie begriffen. In Gesellschaft esse ich extrem langsam. Ich bin immer der Letzte. Und Essensgeräusche hasse ich sowieso.
„Was machen wir nachher?“ fragte sie.
„Wir könnten nach Soho, ist ne nette Gegend; da war ich vor ein paar Jahren schon mal.“
„Und was gibt’s da?“
„Nutten, Drogendealer, Waffenhändler, Clubs, Schlägereien, Betrüger.“
Sie nahm einen Bissen von ihrem Burger. Einen großen Bissen. Was das Essen anging, machte sie keine Gefangenen. Dann wieder einen Zug aus der Zigarette.
„Klingt gut“, sagte sie. Manche dürfen in meiner Gegenwart mit vollem Mund sprechen. Sie durfte.
„Ich liebe solche Gegenden“, sagte ich. „Und im Gegensatz zur Reeperbahn stehen da nicht irgendwelche alten Kerle vor den Clubs, die einen zum Reingehen animieren wollen, sondern hübsche Frauen in kurzen Röcken.“
Sie lächelte. Sie stand auch auf Frauen. Mochte sie einen Tick lieber als Männer.
„Einmal hat mich da ein Schwarzer angesprochen & mir alles Mögliche angeboten. Alles an Drogen, Waffen, Menschenmaterial; schließlich noch Hunde, die aufs Ficken abgerichtet sind. Seh ich so aus?“
Sie betrachtete mich abschätzend.
„Na ja“, sagte sie grinsend.
„Pass auf, was du sagst.“
„Und? Was hast du dem geantwortet?“
Not today, maybe tomorrow. Er hat sehr nett gelächelt & war sehr höflich. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, find ich’s seltsam, dass er keine Pferde im Angebot hatte. Oder Aale.“
„Der Abend ist gerettet“, sagte sie.
„Ich fürchte, deine Anwesenheit wird solche Straßenhändler abschrecken.“
„Wir werden sehen. Iss mal n bißchen schneller. Dein Teller wird ja immer voller, ich bin gleich fertig.“
Ich trank einen Schluck Rotwein & gab mir dann wieder mit dem Essen Mühe.
Ich hätte mir diese Reise selber nicht leisten können. Wir wohnten in einem 5-Sterne-Hotel. Ich hatte sie dafür bekommen, dass ich 20 Jahre lang einen Job durchgehalten hatte. Und sie war dort ein paar Jahre zuvor Azubi gewesen.
Es ging mir verdammt gut. Dies war ein perfekter Tag.
Und der späte Abend konnte sich auch sehen lassen.
Abgesehen vom Ende.
Aber das haben Enden so an sich.


Der schlechte Gastgeber

„Komischer Vogel“, sagte er. Er meinte mich.
Vogel ist gut“, sagte ich, „ich hab nicht mal was zu vögeln.“
Es war früh morgens. Draußen noch dunkel. Meine alten Lampen düsterten vor sich hin. Er war von der Nachtschicht her vorbei gekommen. Ich hatte frei. Wie meistens. Arbeit ist mein Ausnahmezustand.
„Daran wird sich auch nichts ändern, wenn du dich hier verbarrikadierst“, sagte er. „Es wird keine an der Haustür klingeln & drum betteln.“
„Und selbst wenn“, sagte ich, „meistens geh ich ja nicht hin, wenn’s klingelt.“
Er grinste. „Du solltest mal raus. Unter Menschen.“
„Danke. Ich verzichte.“
„Ich kenne niemanden, der so lange allein war wie du.“
„Ich auch nicht“, sagte ich. „Liegt aber vielleicht daran, dass ich überhaupt kaum jemanden kenne.“
Er saß auf dem Trockenen. Ich bin so ein schlechter Gastgeber. Biete nie etwas an. Er war daran gewöhnt, und sonst kam ja niemand (sobald jemand einmal andeutete, mich eventuell besuchen zu wollen, ließ ich mir etwas einfallen, um das abzubiegen). Ich hatte meinen x-ten Absinth vor mir. Trug einen Bademantel über den Klamotten, weil ich fror. Ich musste Heizöl sparen. Mehr Arbeit hätte mehr Wärme bedeutet, aber lieber zitterte ich. Auf meinem Beifahrersitz fuhr ich Teile des Auspuffs spazieren. Das Haus sah aus, als hätte Edgar Poe es sich ausgedacht. Morgens kann ich mich meist nicht mehr daran erinnern, wie ich mir nachts etwas zu essen gemacht habe, weil ich vor dem Kochen, auf nüchtern Magen, meine Martinis trinke. Zum Essen kommt dann der Rotwein. Und später der Absinth.
Er fing an, von der Arbeit zu reden. Er machte denselben Job wie ich, allerdings woanders; und Vollzeit. Ich spielte Interesse. Hörte irgendwie zu, antwortete irgend etwas. Seltsame Welten lagen zwischen uns. Wir kannten uns seit der Schulzeit, seit über 30 Jahren. Also gab ich mir Mühe, aber ich kann gewisse Dinge einfach nicht ernst nehmen. Ich nehme nicht einmal das Nichts ernst, auf das alles hinausläuft.
Schließlich war es vorbei, und er kam wieder auf das einzige Thema zu sprechen, das mich halbwegs interessierte: Mich.
„Ich frag mich manchmal, was bei dir schiefgelaufen ist. Alle – die Lehrer, die Schüler – alle dachten, du bist der einzige, aus dem mal wirklich etwas wird, also zumindest jemand Bekanntes, ein Schriftsteller, oder Musiker.“

Der Moment, als ich starb … Als alles endete … Zusammenbrach … Ich zusammenbrach … Weinend, bittend, winselnd … Sie weinte ebenfalls … bereute ihre Entscheidung … bereute sie zu spät … kein Zurück …

„So kann man sich eben irren. Ich laufe schief. Deshalb geh ich auch nie zu Klassentreffen. Ich würde nicht hinfinden.“
Ich lachte & nahm einen grünen Schluck. Ich war gut gelaunt. Es war etwas aus mir geworden. Irgend ein Etwas. Über alte Ambitionen konnte ich lachen … ein bißchen mitleidvoll, aber doch auch wohlwollend. Ungefähr so wie ich über die lachte, die es nie begriffen.
„Du & deine Witzchen“, sagte er.
„Andere pfeifen im Wald, ich mache Witzchen.“
Ich zündete mir eine Zigarre an; die Bücherwände rochen nach kaltem Rauch. Schnee begann durch Laternenlicht zu fallen.
Ich sagte: „Weißt du, wie lange es her ist, dass ich zuletzt gekotzt habe? – – 11 Jahre! Mein Magen ist mein bester Freund, er teilt meine Vorliebe für geistige Getränke.“
„Na super“, sagte er.
„Ja, ich werde nie einen ordinären Löffel abgeben. Es wird ein Absinth-Löffel sein.“
Er mußte grinsen. Trotz allem.
Alles lief auf das Nichts hinaus.
Irgendwann ging er. Er schüttelte den Kopf ….
& mir die Hand.


Narben

Deine Narbe hat dasselbe Muster
wie meine, sie
sieht aus wie der Weg auf einer
Landkarte

Ich kenne diesen Weg
ich weiß, wohin er führt

Ein Ziel
das wir beide
kennen.


Betten

Du siehst durch Gitterstäbe
in die Welt
zauberhaftes Gefängnis
in dem Du träumst
Große Menschen beschützen
Dich

Gitterlos & schmal
Große Menschen kotzen Dich an
Du wichst 5 Mal am Tag oder
in der Nacht
Du träumst & träumst &
spritzt & spritzt

Weite Freiheit
voll von Gerüchen
4 Beine die auf 4 Beinen
sich winden
Flecken wie Landkarten
Feuchte Kontinente

Breite Gefangenschaft
Karussellene Langeweile
trottende Jahre
schweigend geteilte Einsamkeit
Argumente &
Ertragen

Schmale Vorbereitung auf
das Ende
weißes Metall
hochgeklappte Begrenzung
in fremder Umgebung voll von
Scheiße & Schmerz

Du siehst ins
Nichts
hölzernes Gefängnis
die letzte Enge
die ins Weite fließt
Ende & Vergessen


Der Mond & seine Unterhose

Wir saßen auf der Terrasse
Sonne vergangen, TagesEnde
unsere Beine verschachtelt
Es war warm, Baumsilhouetten
im Mondlicht
Der Mond war voll &
von einer Farbe, die warm war
Gartenduft mischte sich mit
dem Duft ihrer Haare
»Schön«, sagte sie leise,
»der Mond.«
»Ja«, sagte ich, »als hätte
er sich die vollgekackte
Unterhose über den Kopf
gezogen.«
Sie kicherte. Stupste mich
an. »Du bist sooo romantisch,
du Arsch.«
Der Druck ihrer Oberschenkel
Ihr Kicheratem in meinem
Gesicht
Sie hatte recht
Ich war so verschissen
romantisch!


Das Fotoalbum

Dieses Fotoalbum war typisch für
meinen Bruder. Ein auf den ersten
Blick normales Album mit Familien-
fotos, Urlaubsschnappschüssen,
Kinderbildern, Bildern vom Hund,
von den Katzen. Ein Album, in dem
Besucher blättern. Man blätterte,
mehr oder weniger gelangweilt.
Und dann gab es da diese kleinen
zufällig verteilten ÜberraschungsTupfer :
Fotos seiner Frau : zB Rückansicht
im langen Abendkleid

welches sie hinten hochhebt, über die
Schulter in die Kamera lächelnd;
ein nackter Hintern, eine
flirrende Oase in der Wüste des
EwigGleichen.
Ein Fotoalbum, das den Gesichts-
ausdruck des Blätternden verändern
konnte. Ihre Muschi zwischen den
Katzen. Sie saß, scheinbar gelassen,
daneben, sagte:
„Ihr kennt ihn doch.“ (Ich fühlte
das Blut, das in ihr Gesicht fließen
wollte; wie ich Alles in ihr fühlte.)
Ja, man kannte ihn.
Ich liebte dieses Album.
Wie oft hatte ich mir damit
einen runtergeholt. Sagte mir,
sie hätte bestimmt nichts dagegen.
Und dann brauchte ich irgendwann
das Album nicht mehr. Denn
ich hatte sie. Wir uns. Er hätte
das Album – rechtzeitig –
verbrannt, wenn er so weit hätte
denken können.


Gänsehaut

Wenn Du Deine Gänsehaut
auf meine legst
passen wir ineinander
wie Zahnräder


Fickende Hunde

Die Hündin spazierte durchs Dorf. Frei, allein, suchend. Eine wunderschöne Husky-Dame im Sonnenlicht. Man kannte sie, man wußte, wo sie wohnte. Bewundernde Blicke folgten ihr. Die Kinder liebten sie.
Wir lagen angezogen auf dem Bett. Oben im Schlafzimmer, quer auf dem Ehebett, die Füße auf dem Boden, frontal zur Tür. Es war Tinas Bett. Ich war nur zu Besuch. Das Fenster weit offen, Wärme kam herein, Helligkeit überall. Meine Hand war im Schatten. Unter ihrem Kleid. Ihre Hand spielte mit meinem Schwanz, ich spürte die Zähne vom Reißverschluß.
„Keine Sorge“, wiederholte sie (warmer Atem, auf meine Nase gehaucht), „er kann unmöglich vor 3 zurück sein.“
Das waren noch 2 Stunden. Aber eine gewisse Unsicherheit blieb immer. Er konnte sich seinen Job selber einteilen; es war immer möglich, dass er plötzlich wieder zu Hause auftauchte. Aber diesmal hatte Tina den Termin überprüft. Sie war sich sicher. Ich hatte kein Verlangen nach Eile, nach albernen Szenen, nach Slapstick. Ich hatte mir schon einmal ein bißchen Haut im Reißverschluß eingeklemmt. Der Charlie Chaplin der Ehebrecher. Darauf konnte ich gut verzichten.
An der kleinen Brücke, die über das Bächlein führte, kam der Promenadenmischling auf sie zu. Schnüffeln vorne, Schnüffeln hinten. Allzu lange wurde nicht gefackelt. Er sprang auf. Jaulende Fickerei.
Das Bett roch nach Ehe. Zumindest roch es nicht nach Tina allein. Und dadurch roch es auch irgendwie nach meiner Freiheit. Meiner Unabhängigkeit. Ich schob ihr Kleid ein kleines Stück höher. Ihre Hand hatte mich fest im Griff.
„Schön hart“, flüsterte sie, „wie wär’s mit Ausziehen?“
Jemand stand im Zimmer. Wir hatten nichts gehört. Tina ließ meinen Schwanz los, nun kriegte er wieder Sonne. Meine Hand blieb im Schatten.
Es war ein Mädchen aus der Nachbarschaft, 10 oder 11 Jahre alt. Ich war so überrascht, dass ich mich nicht bewegte. Tina richtete sich etwas auf.
„Ich wollte nur sagen, dass Ihr Hund draußen rumläuft, und ein anderer Hund ist grad auf ihm drauf. Bei der Brücke.“
Das Mädchen drehte sich um & war so schnell verschwunden, wie es gekommen war.
„Danke“, rief Tina ihm nach.
„Verdammt“, sagte sie dann, „wir hätten die Terrassentür zumachen sollen.“
„Tja, jetzt isses eh zu spät“, sagte ich.
„Du hättest ruhig mal deinen Schwanz bedecken können.“ Sie grinste.
„Du hättest ihn ja nicht loslassen müssen. Tatsächlich hab ich vor Schreck an gar nichts mehr gedacht.“
Sie ließ sich wieder zurücksinken.
„Sollen wir sie reinholen“, fragte ich.
„Wie du schon gesagt hast: Jetzt ist es eh zu spät. Sie kommt ja immer zurück. Wo waren wir gerade?“
„Für den Fall, dass noch jemand kommt, könntest du ihn sicherheitshalber schon mal in deinem Mund verstecken..“
„Erst ausziehen“, sagte sie.
Kleiderstaub tanzte in der Sonne. Wärme, Gerüche, Geräusche.
Stille, als sie mir mit den Oberschenkeln die Ohren zuhielt.

„Ein halbes Stündchen haben wir noch“, sagte sie. „Dann müssen wir das Bett beziehen.“
Wir rauchten, lagen nackt auf der Bettdecke, die Beine ineinander verschränkt.
Ich sagte: „Gut, dass ihr keinen näheren Kontakt zu den Nachbarn habt. Oder meinst du, dass er’s auf diesem Wege doch erfährt?“
„Glaub ich kaum.“
Der Zigarettenqualm leuchtete. Wir küssten uns. Und wieder kam jemand ins Zimmer.
„Na, du kleine Schlampe“, sagte ich.
Sie wedelte. Kam ans Bett.
„Wie redest du mit meinem Schatz“, sagte Tina.
Wir streichelten sie beide.
Ich fragte: „War’s wenigstens schön für dich?“
Tina sagte: „Das sieht man doch. Dieser zufriedene Gesichtsausdruck.“

Die Welpen sahen zum Teil nach Boxer aus, zum Teil nach Schäferhund. Von Husky sah man nichts.


Die Seife

Die Sonne scheint auf das Waschbecken
Der Abfluss ist verstopft
Wasser steht im Waschbecken
Die Sonne scheint darauf
Ein Stück Seife schwimmt im Wasser
Das Wasser wird getrübt
Die Seife löst sich auf
kaum merklich schwindet sie
Sie schwindet in das Wasser
Die Sonne scheint darauf

Der Mann steht vor dem Waschbecken
Die Frau im Sonnenlicht
Sie schreien
Sie brüllen
Sie kreischen sich an
Die Sonne scheint auf Schläge
Die Sonne sinkt herab
kaum merklich schwindet sie
Sie schwindet in die Nacht

Die Seife löst sich auf
Sie ändert ihre Form
Weich wird das Stück Seife
zwecklos
unbrauchbar
Die Seife trübt das Wasser
in der Dämmerung

Das Waschbecken ist
ohne Sonne
Der Grund –
nicht mehr zu sehen


Die Sicherung

Mein Herz : ein Kühlschrank
Die Vergangenheit : der Strom

Dein erster Blick –
die Sicherung springt raus.


Liebesbeweis

Die Katze legt mir Liebesbeweise
auf den Teppich. Die
Eingeweide einer Maus.
Wäre ich so einfallsreich gewesen,
wärst Du dann noch hier?


Der beste Moment

Der große Bruder fuhr mit seinem neuen Moped davon.
Ich schaute ihm nach. Mein Vater sah mich an. Ich
war 11. „Beneidest du ihn?“ fragte er.
„Ja“, sagte ich, „schon, irgendwie.“
„Das musst du nicht. In seinem Alter hat man
viel mehr Sorgen. Du bist in einem
tollen Alter. Freu dich darüber.“ Er lächelte.
Ich verstand so ungefähr, was er mir sagen wollte;
aber das Moped war trotzdem sehr schön.
Ein Jahr später war mein Vater tot.
Als ich dann in dem Alter war,
in dem ich ein Moped hätte fahren dürfen,
landete ich in der Klapsmühle,
verzweifelt, selbstmordgefährdet, tobsüchtig.
Ich weiß nicht mehr, wann die Erinnerung
an diesen Moment mit meinem Vater wieder
auftauchte. Jetzt bin ich älter
als Er geworden ist. Mein Gedächtnis ist
manchmal ungerecht. Aber dieser Moment
ist noch da.
Und das ist gerecht.


Papier

Heißes schreibe ich auf Backpapier
Glänzendes auf Stanniolpapier
Düsteres schreibe ich auf Kohlepapier
Beschissenes auf Klopapier
Zeitliches schreibe ich auf Zeitungspapier
Wertvolles aufs Wertpapier
Schmieriges schreibe ich auf Butterbrotpapier
Wechselvolles auf Lackmuspapier
Kleines schreibe ich auf Millimeterpapier
Bildliches auf Fotopapier
Gestohlenes schreibe ich auf Kopierpapier
Vielfältiges auf Krepppapier
Faßbares schreibe ich auf Büttenpapier
Schlagkräftiges auf Durchschlagpapier
Atemloses schreibe ich auf Zigarettenpapier
Erinnerungen auf Elefantenhautpapier
Ich schreibe ich auf Altpapier

Gedichte schreibe ich
Dir
auf Geschenkpapier.


21

Die Zahl.
21.
Jagte ihm Angst ein.
21 Jahre
ohne Kuss.
Ohne Zärtlichkeit.
21 Jahre
Einsamkeit.
21 Jahre
Tod
& Sehnsucht.
Die Angst,
21 Jahre
lang.
21 Jahre
Ende & Zusammenbruch.
21 Jahre
Traum & Erinnerung.
21 Jahre
Leben ohne Leben.
21 Jahre
Dunkelheit.
21 Jahre.
Wie war
SIE
die EINZIGE
doch
schön
gewesen,
mit
21 Jahren.


Mond in Cointreau

Statt Aspirin +C trinke ich
Cointreau, in dem sich der Vollmond spiegelt
Sitze auf den Stufen vor der Haustür
Selbst der fremde Hund, der mich tagsüber immer wieder
weckt, ist still & schläft

Dann : Absätze.
Es ist nicht der Igel, der vor mir durch das Gras raschelt &
mir so ähnlich sieht.
Eine junge Frau durchquert den Laternenschein.
Ich schaue ihr hinterher. Sie ist
in dem Alter, das ich nicht vergessen kann.
In dem Alter, das mich vergessen hat.
Ich trinke stumm. Brennendsüßes Licht.
Sie entfernt sich. Sie ist ein Metronom.
Musik, die nur noch in meinem Kopf klingt.
So alt. Tick.
Älter als ich. Tack.
Eine Melodie, die ich
…Tick…
nicht vergessen kann.
Sie ist Damals. Tack. Sie ist –
Du.


real ?

Und wieder verliebe ich mich in die
Unbekannte –
nie gesehen, nie gehört – nur
gelesen – – –
hoffe, dass sie Kinskis Bücher auf dem
Nachttisch hat – & den Faust im Herzen trägt

komponiere Lieder für sie,
werfe Reime auf den Müll, weil
Kunst ihr nicht gerecht wird –
zeichne sie dennoch –
mit Blut

& sage mir :
das ist die Einsamkeit –
das ist nicht die
Realität – – –


Ich bin so alt

Ich bin so alt, dass ich mich erinnern kann, wo mein Vater bei der ersten Mondlandung war. Er war bei einer seiner Freundinnen, während meine Mutter außer sich war. Damals wohnten wir noch in einer Gegend, wo es keine Brücke in der Nähe gab. Später lief meine Mutter bei solchen Gelegenheiten immer zur nahegelegenen Autobahnbrücke (natürlich erst, wenn mein Vater wieder zurück war), und einer meiner großen Brüder mußte ihr nachlaufen, um sie zurückzuholen. Er fand das irgendwann langweilig.
Später auch brachte mein Vater seine Liebste mit nach Hause. Sie schlief dann – nach angemessenem Theater – mit meinen Eltern im Ehebett. Ich mochte sie. Sie war jung & hübsch (& wußte es – hin & wieder saß ich neben ihr in ihrem Käfer, und hin & wieder schaute sie in den Innenspiegel & sang „Was bin ich doch hübsch“ oder so ähnlich – darüber machten wir Brüder uns hin & wieder lustig). Manchmal, wenn ich in meinen Kinderbüchern blätterte, legte sie sich zu mir aufs Bett & las mit. Sie roch gut. So nah. Meine Brüder waren in einem Alter, wo sie sie als Mutterersatz geil gefunden hätten – ich war noch nicht so weit. (Meine Mutter erzählte mir irgendwann, mein Vater habe Schloss Gripsholm von Tucholsky besonders wegen der entsprechenden Stelle so geliebt.)
Nach dem Tod meines Vaters (ausgerechnet Prostatakrebs, mit 48), besuchte seine liebste Freundin meine Mutter. Von der Küche aus belauschte ich ihr Gespräch im Wohnzimmer. Sie sprachen wie Verbündete. Auszug:
F: „…und dabei hat er doch immer gesagt, dass er noch mit 70 so potent sein würde.“
M: „…ja.“
(Er hatte die Operation verweigert. „Die wollen mich hier kastrieren“, sagte er zu einem Kollegen, der ihn im Krankenhaus besuchte. Ich saß im Stuhl neben Papas Bett.)
Um zu der Mondlandung zurückzukommen: die Nacht war wunderbar. Ich durfte aufbleiben. Heinrich Schiemann erklärte. Zwischendurch gab es Unterhaltung. ZB Eisenbahndetektiv Matt Clark mit Jim Davis, der später den Jock Ewing in Dallas spielte. – An was man sich doch alles erinnert.

[Dass die Frau des erwähnten Bruders die Große (zerstörende) Liebe meines Lebens wurde, ist ein Roman, der wohl nie geschrieben werden wird.]


Gigi, oder die Maus auf dem Rennrad

Wäre der Sarg nicht vom Sockel gerutscht, Thomas hätte niemals die Maus auf Katjas Slip gesehen. Er hätte Katja nicht bemerkt und nie erfahren, in welche Gegend es sie mittlerweile verschlagen hatte. Sie wäre eine seiner Erinnerungen geblieben.
Es war heiß, die Tür zum Geschäft stand offen. Er hatte den Eingang gerade passiert, da krachte, da schepperte es im Innern, und eine Frauenstimme rief „Aua!“, rief „Scheiße!, rief „Verdammt!“
Sonnenlicht verspiegelte das Schaufenster, so dass er nicht hindurchsehen konnte. Er sah nur sich selber mit einem Kruzifix im Gesicht. Über seinem Kopf der Namenszug des Beerdigungsinstituts. Passanten im Hintergrund. Er ging die paar Schritte zurück. Drinnen flitterte Staub in der Luft. Die Frau saß, mit dem Rücken zum Eingang, auf dem Boden und schob gerade den Sargdeckel von ihrem linken Fuß herunter. Ihr kurzes Sommerkleid war etwas verrutscht. Thomas sah das graue Mäuschen auf ihrer rechten Pobacke; es saß auf einem Rennrad. Ganz kurz nur sah er das Bild; schon die nächste Bewegung der Schenkel ließ es wieder hinterm Blümchenmuster verschwinden.
„Ist der Knöchel noch ganz?“, fragte er, als er in die stickige Hitze des Ausstellungsraumes trat.
An der Schnelligkeit, mit der sie sich umwandte, erkannte er, dass er sie erschreckt hatte.
Er sagte: „Jetzt sind wir quitt, jeder ist durch den andern an den Rand des Herstillstands gebracht worden.“
Sie lächelte. „Peinlich, peinlich. Wird aber nur blaue Flecken geben.“
Sie hielt den Saum ihres Kleides fest und stand auf.
„Ist doch wirklich zu blöde“, sagte sie. „Ich muss beim Staubwischen über irgendwas gestolpert sein. – Nur dass es hier gar nichts gibt, worüber man stolpern kann.“ Sie sah ihm in die Augen, Selbstironie bewegte ihre linke Braue aufwärts. „Ein Geist muss mir ein Bein gestellt haben.“
„Ist der richtige Ort dafür“, sagte Thomas.
Sie lächelte. „Bitte nichts verraten – in diesem Aufzug habe ich im Verkaufsraum eigentlich nichts zu suchen.“
„Alles klar.“ (Warum war sie dann alleine…. hier….?)
Er beobachtete sie genau, während sie die Lackierung auf Kratzer untersuchte. Sie hockte sich hin (Lichtreflexe auf ihren Beinen), sie stand auf, sie ging um den Deckel herum, ging um den Sarg herum (Lichtreflexe auf ihren Armen, ihren Schultern); sie wischte mit einer Fingerspitze, die sie zuvor mit der Zunge befeuchtet hatte, über die ein oder andere kritische Stelle –  – er beobachtete sie genau. Der Staublappen lag auf dem Boden.
Gemeinsam brachten sie den Deckel wieder an seinen Platz. Sie sagte: „Sie sind doch hoffentlich kein Kunde?“
„Im Moment noch nicht. Mich hat nur der Paukenschlag hergeführt.“
Ihre Augen funkelten. „Muss das bescheuert ausgesehen haben.“
„Ich hab’s leider nicht gesehen“, sagte er.
Sie lachte leise, kicherte. Keine Kratzer am Sarg.
Die funkelnden Augen … das Lachen … die makabre Umgebung … nicht lange, und sie schlossen sich in Thomas´ Vorstellung wie die Einzelteile eines Stromkreises zusammen …
Er zögerte.
Erst dachte er: Katie?
Dann sagte er es.

Auch Katjas Onkel hatte ein Beerdigungsinstitut gehabt. Vor einigen Jahren war er, wie Thomas jetzt erfuhr, sein eigener Kunde geworden. Das mochte am vielen Rotwein gelegen haben. Onkel Krause liebte große leere Rotweinflaschen, je größer, desto lieber. Er kaufte sie (solange sie noch voll waren), dann leerte er sie (in seine Kehle) und fügte sie seiner gewaltigen Sammlung hinzu, die sich in einem Schuppen hinter dem Haus befand; den Schuppen, der für nichts anderes mehr Platz bot, nannte er augenzwinkernd „mein Gehirn“. Er behauptete immer, die Flaschen mehr zu lieben als den Wein, und die Kinder, die oft rot wurden, wenn sie logen, waren sich nicht sicher, ob der Onkel log, denn dessen Gesicht war stets dunkelrot. Sonntags war er meist vollends benebelt. Da hatte er auch nichts dagegen, wenn die Kinder die beiden Ausstellungsräume mit den Särgen in ihr Spiel miteinbezogen. Tom bekam deshalb manchmal Albträume. In der Anfangszeit hätte er Katie niemals davon erzählt, aber irgendwann war ihre Freundschaft soweit, dass er es ihr gegenüber zugeben konnte, und ihre Freundschaft war soweit, dass Katie sich nicht über ihn lustig machte. Sie lachten nur miteinander.
Einmal aber wollte Tom sie vom Lachen abhalten. Sie spielten mit einigen anderen Kindern zusammen Verstecken, und obwohl es natürlich weder neu, noch besonders originell war, denn hier würde jeder doch zuerst suchen, hatten die beiden sich gemeinsam in einen Sarg gelegt. Es handelte sich um einen Sarg mit zweiteiligem Klappdeckel, so ließ er sich nicht allzu schwer öffnen und schließen. Sie liegen nebeneinander. Es ist derart eng darin, dass sie sich einfach umarmen müssen. sie atmen sich gegenseitig an, sie riechen sich gegenseitig (dem penetranten Geruch des neuen Sarges zum Trotz), und sie lauschen. Tom spürt, wie sein linker Arm einzuschlafen beginnt; er versucht ihn zu bewegen.
„Hey, was machst du?“ flüstert Katie. Er kann die Worte auf seiner Haut, auf seinem Gesicht spüren, warm und feucht.
„Mein Arm … der kribbelt.“
„Psst.“
Die andern kommen.
„Wetten, die sind hier“, sagt einer.
„Quatsch, so blöd sind die nicht“, meint ein anderer; er betont das wie ein schlechter Schauspieler.
Katie kichert, ganz leise. Aber Tom kommt es so laut vor, dass er ihr am liebsten die Hand auf den Mund legen würde. Den linken Arm kann er schon nicht mehr richtig bewegen, die rechte Hand ruht auf Katies Bauch, und dort will er sie auch lassen. Das Kichern dauert an. Sie hören, dass die da draußen sich an einem der anderen Särge zu schaffen machen.
„Still mal“, sagt der, der als erster gesprochen hat, „ich glaub, ich hab was gehört.“
Tom bewegt seinen Kopf nur ein bisschen vorwärts, stups!, ihre Nasen stoßen zusammen, dadurch scheint das Kichern noch lauter zu werden. Ihre Nasen sind klein und weich; etwas mehr Druck, und schon treffen sich ihre Lippen. Das Kichern bleibt.
Und dann wird es hell.

Ihm gefiel Katjas Wohnung. Auf einem Kaminsims ohne Kamin stand eine große leere Rotweinflasche.
„Die letzte Überlebende aus der berühmten Sammlung“, sagte Katja.
Gleich daneben ein abscheulicher Porzellanengel.
Thomas sagte: „Und Kitsch gehört dazu.“ – Das war einer von Krauses Standardsätzen gewesen: Kitsch gehört dazu, ohne Kitsch wär der Tod nur halb so schön – und das Leben erst recht.
Katja lachte. „Den hat er mir zum Geburtstag geschenkt, ich glaub, gleich nachdem ihr weggezogen wart.“
Das war kurz nach dem Versteckspiel gewesen.
Sie setzten sich einander gegenüber.
„Sieht man ihm gar nicht an. Das Alter, mein ich.“
„Klaus … mein Freund … sagt immer: Häßlichkeit ist zeitlos.“
Es kam Thomas lächerlich vor, dass die Worte mein Freund ihm einen kleinen Stich versetzten. Er grinste, denn sie hatte ja etwas Lustiges gesagt. Oder war es vielleicht gar nicht lustig? Egal. Sie schlug die Beine übereinander.
Hinter ihr stand die Tür zum Balkon offen. Selbst am Abend kühlte es sich kaum ab. Die Dämmerung lag rötlich über den Dächern. Thomas und Katja tranken Weißwein und erinnerten sich. Thomas erinnerte sich, dass er kurze Hosen getragen hatte, damals im Sarg, und sie hatte, wie heute, ein Sommerkleid angehabt. Und er dachte an ihre dünnen Beinchen, stets voller Kratzer und Schrammen. Und sie sprachen auch über andere Freunde aus jener Zeit; über die, die sie ebenfalls zufällig wiedergetroffen hatten im Laufe der vergangenen Jahre.
„Seltsam“, sagte Katja, „- aus den interessantesten Kindern werden oft die uninteressantesten Erwachsenen.“
„Na, ich weiß nicht – – kann sein.“
Katjas Augen funkelten. Es waren Katies Augen.
Sie hatte ihn nicht ganz so schnell wiedererkannt. Und sie waren sich auch nicht in die Arme gefallen. Sie hatten sich die Händ gereicht und über den Zufall gesprochen.
Sie nippte an ihrem Weißwein. Dann sagte sie:
„Pass auf, gleich sitzen wir hier wie zwei alte Leute: Oh, weißt du noch….“
„Ja klar, und ich mach auf Maurice Chevalier: Oh yes, I remember it well.
Und ein bisschen war es so. Sie wußten es noch. Beide. Alles. Fast alles.
Und irgendwann fragte sich Thomas, ob die Erinnerung an ein Gefühl selbst schon so etwas wie ein Gefühl ist.
Oder war es Katja, die sich diese Frage stellte?
Wie auch immer, es gab keine eindeutige Antwort.
Es gab den Freund, der Häßlichkeit für zeitlos erklärt hatte. Thomas hoffte, dass er ihn nicht würde kennenlernen müssen, denn er mochte die Vorstellung nicht, dass ihm der Bursche (so nannte er ihn in Gedanken) hätte sympathisch sein können. Das lag wohl daran, dass er schon seit geraumer Zeit alleine war. Aus diesem Grunde auch war ihm die Vergangenheit wichtiger geworden als die Gegenwart, und so schlug er die Zeit tot mit dem Ausgraben lebendig verscharrter Erinnerungen.
Und irgendwann saßen Katja und Thomas nebeneinander auf der Couch. sie wurden entspannter. Prost, Onkel Krause!
„… da hätt ich mir fast in die … ich meine, dass hat mir ganz schön angst gemacht“, sagte sie. „… das Gebiss … und die Augen, die nicht richtig zugehen wollten, das war schon ganz schön gruselig, kann ich dir sagen, und ich dachte immer, gleich kommtse und holt mich, weil sie mich damals eben doch gesehen hat, in ihrem Garten, obwohl ich ja gar nichts davon gehabt habe, weil die Birnen ja doch alle hingefallen sind, und das Knie hab ich mir auch noch gestoßen, und damit hab ich immer versucht mich zu beruhigen, ich hab mir immer gesagt, das war doch Strafe genug, da brauchtse doch nicht mehr aufzustehen, um mich zu holen, da kannse doch ruhig tot bleiben …“
„Welches Knie war’s denn?“ fragte er.
„Das hier.“
„Mmh, ja, das war seltsam.“ (Sein Blick blieb auf ihren Knien.) „Aber mir ist auch was Seltsames passiert.“
„Ach ja?“ Sie zündete einige Kerzen an, die auf dem Tisch standen; der Weißwein begann zu leuchten.
„Ja. du wirst es nicht glauben. Ich mein, ich glaub’s ja selber kaum. Aber – ich hab mal ne Maus aufm Fahrrad gesehen.“
Funkel, funkel. Sie lehnte sich wieder zurück. Blicke stupsten aneinander.
„Hey, die kenn ich. Man könnte sogar sagen, dass wir alte Freunde sind.“
„Mensch, die Welt ist klein.“ Er trank einen Schluck. „Leider hab ich sie nur ganz kurz gesehen. wir sind uns ja auch nicht offiziell vorgestellt worden.“
„Tja, das ist Pech. So ist das halt. Wenn ich sie mal wieder sehe, werd ich sie von dir grüßen.“
Die erste Mücke war übern Balkon gekommen, Candlelight-Dinner auf schimmerndem Oberschenkel – denkste, Katja schnippte sie rechtzeitig weg.
„Ich mach lieber die Tür zu“, sagte sie. Die Flämmchen zuckten, als sie aufstand.
Vielleicht wär’s besser gewesen, wenn ich weitergegangen wäre. – Thomas dachte so, ich bin sicher.
Er beneidete mich.
Aber ich – – ich beneidete ihn. Denn in Wirklichkeit hatte ich gesagt:
Kitsch ist zeitlos.
Doch das hat Katja schon immer verwechselt.

* * * * *

(Geschrieben 1996)


Speicherung

 

 

Jemand fragt mich etwas, ich antworte:
„Siehe oben“ –
Jemand erzählt mir etwas, ich sage:
„Das hast du mir schon erzählt“ –

 
Ich erinnere mich, wie ich laufen lernte –
Ich erinnere mich an einen Albtraum im Babybett –

 
Ich erinnere mich

 
Ich werde von meinem Gedächtnis erschlagen…..

 
Sie & ich, wir haben eine gemeinsame Vergangenheit,
aber die Gemeinsamkeit vergeht –

 
„Weißt du noch?“
Nein, sie weiß nicht mehr.
Und manchmal glaubt sie mir nicht.
Dann erzähle ich ihr von unserem Leben,
zitiere einen Nebensatz aus einer Unterhaltung, die
wir vor 24 Jahren führten.

 
Manchmal weiß ich nicht, ob ich
mir selbst noch glauben kann.

 
Ich bade mein Gedächtnis in Schnaps.
Jemand fragt mich etwas.

 
Siehe oben.