Mein Leben war ein alter vergilbter Ärmel
Sie kam & krempelte ihn um
Sie besprengte ihn mit Pisse, Blut & Tränen
Plättete ihn mit ihrer Zunge
die so gewandt war in Worten & Taten
Die Schatten unter ihren Augen
warfen ein Licht
auf den Ärmel
das den Gilb
verschwinden ließ
Archiv des Autors: flederzombie
Der Ärmel
Fremde
An jenem Tag hatte sie Frühdienst
Sie war im 2. Ausbildungsjahr zur Hotelfachfrau
Mein Nachtdienst neigte sich dem Ende zu
Sie begrüßte mich wie immer, lächelnd, plaudernd
Sie nahm die Schlüssel für den Frühstücksraum
die Zeitungen, die Listen & ging in Richtung Umkleide
Nichts schien anders als sonst
Alle sagten das –
im Nachhinein
Am frühen Abend fand man ihr Auto
in einem abgelegenen Waldstück
Zusammen mit ihrem Freud saß sie darin
Ein Schlauch führte vom Auspuff ins Wageninnere
Der Motor lief noch
Er musste seit Stunden gelaufen sein
Es war diese verfluchte alte Shakespeare-Story
2 Elternpaare die sich nicht ausstehen konnten
die gegen die Beziehung ihrer Kinder waren
gegen die Liebe
Egoismus Dummheit Borniertheit
das volle Programm
Und nichts schien anders
an jenem Tag
Man ist sich fremd
Man sieht nichts
Man plaudert
Man lächelt
Kein Hilferuf
stattdessen funktioniert man
Man funktioniert
solange es geht
Man ist umgeben von
Fremden
Mein Herd
Jedes Mal, wenn ich vor meinem Herd stehe,
höre ich in meinem Schädel Charles Bronson
Mundharmonika spielen. Ich werde vors
Fertiggericht geladen, und das Urteil lautet:
Weiterleben! Charles hat mich noch nie
abgeknallt.
Mein Herd war Mitte der 70er Jahre schon
alt. Von BBC. Mir gefällt der Schriftzug,
weil er Assoziationen weckt, die nichts mit
Essen zu tun haben. Musik! Ungefähr 20 Jahre lang
funktionierten nur noch 2 Platten; erst neulich
habe ich eine 3. wieder zum Laufen gebracht.
Ich hätte Elektriker werden sollen. Was für ein
Luxus!
Warum zur Hölle wollen alle immer das Neueste
haben? Das Raffinierteste? Das Modernste?
Mein verdammter alter Herd hat Stil &
Seele; er hat eine Menge erlebt; musste einen
Haufen Dreck über sich ergehen lassen.
Ab & zu schwächelt er ein wenig, aber wer
tut das nicht? Er säuft Strom wie ich meinen
Gin saufe. Er sieht etwas ramponiert aus; wie
ich. Manchmal kommt er nicht richtig
auf Touren, wird nicht richtig heiss & hält
mich hin wie eine abgekühlte Geliebte. Dann
dauert das Vorspiel eben etwas länger. Was
soll’s!
Ich finde wir sind ein schönes Paar.
DU
Wärst Du ein Mann, würde ich Dir den Schwanz lutschen
Wärst Du ein Hund, würde ich mit Dir Gassi gehen
Wärst Du eine Katze, würde ich Dich ins Schnurren kraulen
Wärst Du ein Baum, würde ich Dich düngen mit meiner Kacke
Wärst Du eine Spinne, würde ich Dir ein Netz basteln &
Dich schaukeln, bis Du grinst
Aber
Du bist ein kleines verängstigtes Mädchen
Also
muss ich Dich in den Arm nehmen &
Dich streicheln
bis Du
vergisst
Reagenzien
Sie überschüttete mich mit ihrer Pisse
die ich trinken wollte
Dann überschüttete sie mich mit ihrer Liebe
Sie überschüttete mich mit Eiswasser
das mich schaudern machte
Dann überschüttete sie mich mit Salzsäure
Meine blöde Visage zerfloss
Ich mixte mir einen Cocktail
spießte einen meiner Augäpfel auf
rührte damit in den Reagenzien
Dieses Auge war nicht so traurig
wie ihre Augen es waren
Die Augen
in die ich mich verliebt hatte
Ich glaubte
ein Zwinkern zu sehen
Dieses Zwinkern bedeutete
TOD !
Der Job
Ein Mann stand in einer der Telefonkabinen
& redete. Ich stand hinter der Rezeption &
zählte die Kasse. Die Bar war bereits
geschlossen. Die Drehtür setzte sich in
Bewegung & eine Frau betrat die Halle.
Mitte 30, schlank, rote Haare.
Sie kam zu mir.
„Ich hätte gern ein Zimmer“, sagte sie,
„ich bin hier am Bahnhof gestrandet &
komme nicht weiter.“
Ich nannte ihr die Preise.
Sie sagte: „Das Problem ist, ich habe
kein Geld mehr.“
„Das ist schlecht“, sagte ich.
Der Mann beendete sein Gespräch &
setzte sich in die Halle, blätterte in
Unterlagen. Die Frau senkte die Stimme
ein wenig … nur ein wenig.
„Manchmal bezahle ich auch mit Sex“,
sagte sie. „Vor allem mit Blowjobs.“
Ich sah sie mir genauer an. Ich fand sie
nicht besonders attraktiv. Andererseits
hatte ich schon seit geraumer Zeit keinen
Sex mehr gehabt. Dann begann ich zu
rechnen. Würde ich ihr das Zimmer einfach
so geben, und die Sache flog auf, wäre
ich den Job los. Und wenn ich das Zimmer
selber bezahlen würde …. dafür hätte ich
mir woanders diverse Blowjobs von
attraktiveren Frauen kaufen können.
Tja, irgendwie stimmte hier das Preis-
Leistungsverhältnis nicht. Außerdem
bin ich zu geizig für sowas.
„Sorry“, sagte ich, „daraus wird nichts.“
Sie blickte mir tief in die Augen. Ganz
kurz. Dann sagte sie: „Okay. Verstehe.“
Sie machte kehrt & war so schnell
wieder verschwunden, wie sie gekommen
war.
Der Mann legte seine Unterlagen beiseite
& kam rüber zu mir. Er grinste.
„Was war das denn“, sagte er.
„Haben Sie doch gehört“, sagte ich.
„Passiert sowas öfter?“
„Nicht sehr oft.“
„Scheint ein interessanter Job zu sein,
den Sie da haben.“
„Manchmal finde ich ihn auch ganz
unterhaltsam“, sagte ich.
Cut up
Du hast mich zum Cut-Up-Text gemacht
hast mich zerschnitten mit der Schere Deines Herzens &
mich neu zusammengesetzt
aus Schnipseln
die ohne Dich keinen Sinn ergeben würden
Alles scheint so wirr
& doch
es fügt sich zusammen
NEU
so NEU !
Worte
Sätze
Absätze
Seiten
Bücher
Die vielleicht nur WIR
verstehen
Hackbraten
flackerndes LynchLicht
Pullover am Herd
Bananensafthose
Lesbenpornos
Tabak in der Kotze
Schwarze Perle
Klospülung
Gehirnsäure in Handgranaten
So finster die Nacht
Metallbett
pulsierende Steine
Auslaufmodell
Gespräche mit Katzen
Spinnenplage
Pornoschnulze
Matratzensaft
Kellertreppe
Züge & Winde & Sonnenbrillen
Nuttenstiefel in der Wand
Handgelenkshubbelkuss
16. Juni
oooohhhh gooottt oooohhh gooottt
1853 DM
Schaufensterpuppen
17stündige Sonntage
LachenLachenLachen
sterbende Trommelfelle
3 Meter lange Fußnägel
Der Koch der nach dem Kommen kam
Hey
Ziegenkäse
Plätschern & Spülen
die Kühltruhe im Keller
Absolut
MUT
geheime Fenster
Au Rebours
Regen
& Schnee mit weißen Katzen
Fick das Verständnis der Anderen !
Was nur wir verstehen, ist ein Stück
Allgemeingültigkeit !
Ich lese mich
NEU
VERDAMMT !
Ein unbekanntes Buch……..
Die Autorin
bist
DU !
Tütensuppen
Vielleicht sollte ich endlich anfangen
mich für Dinge zu interessieren
für die sich fast alle interessieren
Karriere Autos Fernsehserien
Klamotten Geselligkeit Bestseller
Hochzeiten fremder Menschen
Gartenarbeit Rostbeseitigung
Schuheputzen moderne Möbel
die neueste Technik
Vielleicht findet man durch das
Interesse für all das die nötige
Abstumpfung
um das unkomplizierte Leben
einer Tütensuppe führen zu können
Vielleicht bringt all das tatsächlich
Ablenkung
Nur – wo würde es mich hinlenken?
Wahrscheinlich in den großen lauwarmen
Kochtopf
in dem so viele andere bereits schwimmen
umgerührt … verrührt … ein einziges
nicht wieder zu trennendes Etwas
fad im Geschmack
von geringem Nährwert
versetzt mit Langeweile
Vielleicht …. nein, lieber nicht darüber
nachdenken
Man hat keine Wahl
Lieber die eigene Pisse im Kochtopf
als dieses leere Meer von
Tütensuppen
Das Furunkel am Arsch des Nachbarn
Die Haustürklingel ist abgeschaltet
fast immer
Das DingDong ist eines der widerlichsten
Geräusche
die ich kenne
Welt begehrt Einlass
Die Welt kann mir gestohlen bleiben
Nein, sie wurde mir nicht gestohlen
Ich habe sie fortgeworfen
Die Haustürklingel ist abgeschaltet
Päckchen & Pakete werden bei den
Nachbarn abgegeben – meist bei einem alten Ehepaar
Die Frau ist besorgt um das alte, einsam lebende
Arschloch auf der andern Straßenseite
„Immer so alleine“, lautet ihr Refrain, „das
ist doch nichts…..“
Ich quäle mich rüber, um meine Pakete
mit Alkohol & Büchern abzuholen
Immer noch besser als dafür in die Stadt zu fahren
Ich klingle & warte auf den Refrain
Er kommt …. unweigerlich …. er kommt immer
eingebettet in immer neuen Variationen
Sie senkt die Stimme:
„Wissen Sie, mein Mann hat da gerade so ein
Furunkel am Hintern. Sehr schmerzhaft.
Das muss jeden Tag mit einer Tinktur betupft
werden. Und jeden Tag muss ein neues Pflaster
drauf. Und da dachte ich mir neulich:’ mein
Gott, wenn er jetzt allein wäre…. wer würde
das machen?…. Da käme er selber doch gar
nicht dran….’ … Ja, also, alleinsein, das ist
doch nichts, wenn man so gar niemanden hat.
Ich grinse sie blöde an
sage irgend etwas
wie immer
Ich sage nicht, was ich gerne sagen würde:
Wenn ich mal ein Furunkel am Arsch habe
werde ich zu Ihnen kommen, und sie können
damit machen, was Sie wollen…….
Sie ist nett …. sie ist besorgt …. sie ist Welt
Die Welt soll bleiben
wo ich sie hingeworfen habe
Meine Haustürklingel bleibt abgeschaltet
Fäulnis
Anhand meiner Zähne müssten sie mich identifizieren
Ich wäre unkenntlich, ein verrottetes Schlammgebilde
………………..ohne Geschlecht……………………
Den Gestank der Fäulnis würden sie kaum ertragen
Für Fliegen & Maden hätte ich einen Sinn
Fast schon wäre ich ein Teil der Erde
Endlich … endlich … endlich !
Nicht vermisst & doch gefunden
So wäre es schon vor langer Zeit gekommen
Wenn da nicht die Worte wären …
Die Wörter die man auskotzen kann
Zeichen … die hässlich & schön zugleich sein können
Waffen mit denen man ziellos & blindwütig auf Alles
………………..schießen kann…………………..
Dieses Geratter der Tasten ….. in hilfloser Wut
….. in unerträglichem Schmerz ….
….. in Verzweiflung………..
Sollen die Worte doch stinken
nach Fäulnis …. nach Tod …. nach Auswurf ….
Sollen sich doch alle abwenden von ihnen
…….. voller Ekel & Verstörung …..
…………. Es ist gleichgültig !
Vielleicht setzt sich eine Schmeissfliege auf eines meiner Worte
……….Es wäre mir eine Ehre ……….
Ich würde ihr zuprosten ……. mit dem von mir erfundenen Cocktail
…………….. Denn der hilft auch ………
Nacht
Und wieder fängt eine an
…………eine Nacht……….
Wie ein unüberschaubares Grauen
das nicht enden wird
Die Leere
die übrig bleibt
wenn die Hoffnung zerstört wurde
Der Schmerz
Sinnlos
sich einen runterzuholen
Sinnlos
zu träumen
Nur die Betäubung hilft
vorübergehend
solange bis der Dreck
der Wirklichkeit einen wieder
aufweckt
Ich möchte nicht mehr
aufwachen
Nicht in dieser Welt der
Distanz
dieser Welt der
Sehnsucht
nicht in dieser stimmlosen Welt der
Einsamkeit
Und wenn Hunderte
auf mich einreden würden
wenn sie mich nicht alleine ließen –
die Welt bliebe stimmlos
Weil nur eine Stimme
wirklich zu mir durchdringt
Die Stimme
die nicht da ist
Die Nacht
geht weiter
Die Betäubung
setzt ein
Aber
das Grauen
wird nicht
enden
Die Landkarte
Das 3. Aspirin war wie Glenn Miller
in meinem Schädel
heruntergespült mit Bacardi
Vor mir lag die Landkarte
Mit dem Finger tippte ich auf
den Ort wo mein Leben
vielleicht
wohnte
Ich sah den Meilenstein
mit 3 Buchstaben
Ich drehte die Musik lauter
der Alkohol machte sie leiser
Der Qualm der Zigarillos brannte
in meinen Augen
Sie tränten
Die Karte erinnerte mich an
meine alte Visage
Baustellen überall
Flickwerk
Aber ich tippte weiter
auf diesen Ort
im Takt der Musik
die niemals
laut genug sein konnte
Das Gedicht
Sie hatte mir ein Gedicht geschrieben
Sie schrieb es auf Papier
In einer dieser Nächte
Sie nahm das Blatt
& streichelte damit
ihren nackten Hintern
Sie steckte es in einen Umschlag
& schickte es mir
Ich zitterte
mit dem Brieföffner in der Hand
Hässlichkeit
Ich will hässlicher werden
noch viel hässlicher
& noch hässlicher
Ich saufe mich hässlich
Ich rauche mich hässlich
Ich saufe & rauche mich alt
Ich will nur noch Menschen treffen
die sehen
was hinter all dieser Hässlichkeit
verborgen ist
Menschen
die in der Lage sind
zu
erkennen
Der Käfer
Ich saß auf dem Klo
Beim Scheissen blättere ich in alten
Pornomagazinen – keine Ahnung
warum die für meine Peristaltik gut sind
Aber sie sind es
Manchmal boxe ich mir in den Bauch
Auch das hilft
Ein Käfer lief auf mich zu
ganz langsam
näherte er sich
Ich legte das Magazin beiseite
beobachtete ihn
Ich pustete in seine Richtung
Verdutzt blieb er stehen
„Sorry, Kleiner“, sagte ich, „ich
hatte gestern viel Knoblauch.“
Dann marschierte er weiter
ganz langsam
Ich pustete ihn wieder an
Er blieb wieder stehen
Ich konnte ihn denken hören:
What the Fuck !
Er wechselte die Richtung
Ich war zuviel für ihn
Als ich mit allem fertig war
nahm ich Klopapier &
ließ ihn darauf spazieren
Dann entließ ich ihn
in den Garten
Ich hörte ihn denken:
Endlich frische Luft !
Und ich hörte ihn
aufatmen…..
Einzig Art
Sie flüsterte: ohgottohgott ohgottohgott
Sie flüsterte: fuck
Sie flüsterte: verrückt
Diese Worte……
Nie zuvor hatte ich sie so
gehört
Sie waren mir völlig
neu
Ich musste lächeln
bekam das Grinsen kaum noch
aus meiner Fresse
Nuancen der Aussprache
Nuancen der Betonung
zu denen sonst niemand
fähig war
Einzigartigkeit
Man braucht mehr als
Ohren
um sie zu wahrzunehmen
Ihr verrückt
liebte ich am meisten
Aber das ist ja auch kein
Wunder !
Der Staubsauger
Ich hatte seit 24 Stunden nichts gegessen
hatte noch immer keinen Hunger
saß da, kippte Gin in mich rein
starrte vor mich hin
starrte auf den Staubsauger, der
mitten im Zimmer lag
Staub war überall
Mein ganzes verficktes Leben war
Staub
Ich hatte es nur
lange nicht mehr gespürt
Eine Fremde hatte kommen müssen
um es mich spüren zu lassen
Eine Fremde, die keine war
weil ich mich in ihr wiedererkannte
Sie zeigte es mir
& verschwand wieder
Noch mehr Staub
als hätte man die Urne mit
meiner Asche
ausgeschüttet
Ich starrte auf den Staubsauger
Starrte auf den Schlauch, den man
abmontieren kann, um ihn
an einen Auspuff anzuschließen
Es wäre so einfach
Ein bisschen Husten
& dann
Ohnmacht
War ich nicht längst ohnmächtig?
Ich kippte Gin in mich rein
& starrte auf den Staubsauger
Alles wiederholte sich
Ein Tod nach dem andern
Wieviele Tode noch?
Wann hat man es endgültig
überstanden?
Irgendwann stirbt die Hoffnung
nicht mehr zuletzt
Sie stirbt zuerst
Der ganze Dreck
Der ganze Staub
Die ganze Asche
Einfach alles vernichten
Ein sauberer Schnitt
Ein letzter
glänzender
Tod
Der Gin ist alle
Ich sitze da &
starre auf den Staubsauger
Alles dreht sich
ich kann nicht aufstehen
Wann werde ich wieder
aufstehen können, um
dem Staub
ein Ende zu bereiten?
Spiegel
All diese Spiegel in dem düsteren Haus
in dem ich existiere
Was sie zeigen
interessiert mich nicht
Es fehlt das richtige Bild in ihnen
Was sie zeigen ist
Leere
Sie hatte mir ein Bild geschickt
aufgenommen in einem Moment
als sie sich schön fühlte
nach all dem Selbsthass
all der Verzweiflung
all der Verstörung
Sie war umgeben von Krankheit
die sie für ihre eigene hielt
Ein Irrtum
Den Anblick ihrer Augen
konnte ich kaum ertragen
Sie blendeten mich
Ich sah meine Worte in ihnen
Ich sah dass sie mir glaubte
dass sie mir vertraute
Ihre Augen sind die Spiegel
die mir fehlen
Spiegel die mir etwas anderes zeigen als
Leere
Sie fragte: „Sehe ich immer noch traurig aus?“
„Ja“, sagte ich, „irgendwo, ganz weit im Hintergrund.
Und das wird immer da sein, ich weiß es, denn
ich kenne es.“
Sie kann die Spiegel zertrümmern
Sie kann mir mit den Splittern die
Pulsadern aufschneiden
Mein Puls ist nutzlos
da mein Herz woanders ist
In ihren Augen soll sich die Farbe
meines Blutes spiegeln
Ich brauche es nicht mehr
Ich hatte immer zuviel davon
Ihr Vertrauen in mich
warf sie aus der Bahn
Sie war erschrocken
Sie war verstört
wieder verstört
Sie weiß nicht
wozu sie fähig ist
Sie ahnt es nicht einmal
Ich weiß es &
vielleicht hört sie mir irgendwann
wieder zu
Ihr Schweigen wiegt mehr
als meine Worte
Vielleicht
vertraut sie mir wieder
irgendwann
& wenn sie mir wieder glaubt
wer weiß
Vielleicht
glaubt sie dann auch
an SICH
Griffe
Ich habe Dich begriffen
Ich begreife Dich
Ich werde Dich begreifen
& Du sollst stöhnen
unter meinen
Griffen
Das Herz
„Ich reiss Dir das Herz raus &
stecke es in Deine Fotze!“
„Ja“, stöhnte sie, „bitte,
BITTE.“
Die Nacht
nur noch die Nacht
Nichts ist wie es war
Nichts bleibt wie es war
Kein Stein bleibt auf dem anderen
Nichts sonst zählt mehr
nur noch
dieses Herz
Zukunft vs. Gegenwart
Dieses große dunkle Monster Zukunft
es existiert nicht
& doch wirft es seinen
mächtigen Schatten
auf Alles
Die Gegenwart verfinstert sich
Wir vergessen zu leben
zu erleben
Zukunftsängste
Verlustängste
Existenzängste
Dieses große dunkle Monster
Wir sehen
was gar nicht da ist
Tiere kennen dieses Monster nicht
Sie leben
leben leben leben leben
in der Gegenwart
MACH MICH ZUM TIER !
Der leere Bahnhof
Der Bahnhof leer
in der Nacht
Der letzte Zug
abgefahren
Zu spät
sich auf die Gleise zu legen
Wind
irgendwie scheint auf Bahnsteigen
immer Wind zu wehen
Man könnte in den Wind schreien
die leere Flasche
auf die Schwellen schmeissen
Vielleicht kommt dann jemand
& schlägt einen zusammen
tritt einem den Schädel zu Brei
Vielleicht würde Irgend Etwas
passieren – – –
Aber nein
es passiert nichts
Starren auf die Uhr
Warten auf den nächsten Zug
der im Morgengrauen kommt
Man könnte zusteigen
einfach fort fort fort
Es könnte jemand aussteigen
auf den man wartete
ohne es zu wissen
Man könnte
springen – –
Aber wahrscheinlich
geht man einfach wieder nach Hause –
zurück zu seiner
Sehnsucht
So Simpel
Wie einfach es doch ist :
Alles endet mit dem Tod
Jede Story endet mit dem Tod
Das Happy End ist eine verfrühte
Ausblendung
So simpel – ein
Gemeinplatz
Etwas, das jeder weiß
Etwas, das schon Unzählige gesagt haben
Etwas, das verdrängt werden kann
Verdrängt von fast allen
in den Meisten Momenten ihres Lebens
Sie rennen allem hinterher
Allem, was ihnen helfen könnte
bei der Verdrängung
Karriere…Liebe…Bücher…Musik…
Unterhaltung…Rosenkohl…Filme…Vorbilder…
Fortpflanzung…Alkohol…Drogen…
Bloß nicht nachdenken
Bewußtsein ist die Hölle
Eine Hölle, in der die meisten
die meiste Zeit über nicht leben
Sie leben in Regionen
wo man die Zeit totschlägt
wo man sich langweilt
wenn nichts passiert
wo man sich langweilt
weil man blind ist für die kleinsten
Veränderungen
Variationen, die den Sehenden
faszinieren –
Verdrängt ruhig! Tut Alles, was
Euch das Leben erträglicher macht!
Manchmal sehe ich
Doch meistens bin auch ich blind
will ich blind sein
wie fast alle
Ich wohne in der Hölle
verbinde mir die Augen
& doch vergesse ich nie
dass meine Hölle mit mir stirbt
& eigentlich ist es schade um jede
einzelne Hölle
die einmal für irgend jemanden
ein Zuhause war
Gerüche
Das aufgeklappte Zippo
Nagellackentferner, der an die Kindheit erinnert
Gin, der an Nagellackentferner erinnert
Verwelkte Blumen, die an Friedhöfe erinnern
Worte, die riechen, wenn man in durchgequatschten
Nächten nebeneinander liegt,
Worte, die nach Knoblauch, Wein & Zigaretten riechen,
Worte, die nach Gemeinsamkeit riechen
Bettzeug, das nach diesen Nächten riecht
Finger, die nach der Haut des Anderen riechen
Momente, die man riechen kann
Momente der Vergangenheit & der Gegenwart &
– vielleicht – der Hoffnung auf die Zukunft
Rausch & Atem
Atem, den man
braucht, um nicht
tot zu sein
Der Steckbrief
Ein Steckbrief an einem abgestorbenen Baum:
Gesucht: Tot oder lebendig: SCHMERZ !
Ich hatte diesen Schmerz gesehen
Ich wußte, wo er wohnte
Die Belohnung reizte
Ich hätte ihn anzeigen können
auf ihn deuten
mit dem Zeigefinger der Herzlosigkeit
Aber ich nahm den Steckbrief
mit nach Hause
um mir damit
den Arsch abzuwischen
DIN
Du musst die DIN-Norm erfüllen
wenn Du bestehen willst in der
genormten Welt
Willst Du Dich irgendwo vorstellen
musst Du in den Roboterschädel passen
der Dir gegenüber sitzt
Tu so, als interessierte es Dich
was er zu sagen hat
Tu so, als könntest Du ernst nehmen
was gefordert wird
Setz Deine Maske auf
die dümmste, die leerste, die Du
finden kannst
Vielleicht hast Du Glück damit
falls es Glück ist, einen Platz zu bekommen
in der genormten Welt …
Sollte er Dich durchschauen
erkennen, was Du wirklich denkst
wird er es nicht fassen können
nicht erfassen mit seinem Roboterschädel
Er wird Dich nach Hause schicken
Vielleicht hast Du nichts mehr zu fressen
zu Hause, aber Du hast Dir
Etwas bewahrt, das viele Namen haben kann:
Stolz … Stil … Selbstachtung …
dieses eine Mal wenigstens
hast Du es Dir bewahrt –
Und dieses Etwas solltest Du feiern
auch wenn Dir der Magen oder sonstwas
knurrt – feiere! Wenigstens heute …
Wenn nötig, mit Leitungswasser!
Die Zeitmaschine
Sie packten mich & zerrten mich
zu der Zeitmaschine
die in einem dunklen Wald stand
………………..Nachts
Die Maschine leuchtete & blinkte
& verängstigte die Tiere
die flüchteten
Sie stießen mich hinein &
banden mich fest &
grinsten
Es gab einen Rückspiegel
in den ich blicken konnte
Aber nur mich konnte ich darin sehen
Sie setzten die Maschine in Gang &
traten zurück
Die Richtung hieß
Vergangenheit
Der Lärm war ohrenbetäubend
Die Farben blendend
Es roch als würde die Zeit verbrannt
Erinnerungen an die Gegenwart
wurden ausgelöscht
die Zukunft wurde weiter –
beängstigend
Als die Maschine stoppte
zitterte ich
Der Wald hatte sich
kaum verändert
Ich schaute in den Rückspiegel –
Ich war nicht mehr Ich
Ich war Sie
& ich verliebte mich in
Mich
Aber ich blieb
gefesselt
& es kam niemand
der mich
befreite
Traumwandel
Der Traum ist ein Künstler
Aus dem Hämmern des Nachbarn machte er
das Klack Klack Klack von High Heels
Wahrscheinlich nagelte der Typ nebenan
gerade seine Alte ans Kreuz, um sie
besser ausweiden zu können
Aber ich spazierte im Traum hinter dieser
jungen Frau im kurzen Sommerkleid &
betrachtete ihre
Beine Beine Beine Beine Beine
Schließlich fing der Nachbar an
zu sägen – damit
konnte mein Traum nichts anfangen
Ich wachte auf
Der Traum ist ein Künstler
Aber er hat
– wie Alles –
seine Grenzen
Der Stein
Ich wollte Dich nicht wecken
Ich wusste, dass Du schläfst
Ich hoffte es zumindest ….
für Dich
& – falls Du von mir träumtest –
hoffte ich es für
mich
Ich habe Dir den Stein
vor die Tür gelegt
ganz leise
Wie es Katzen tun
mit den Eingeweiden
schwächerer Tiere
Du kennst diesen Stein –
er ist größer als die Faust
die man ballt
weicher als die Vergangenheit
die hart war
Ich habe ihn
mit einer roten Schleife versehen
Mit der sprudelnden Schleife
meiner Pulsadern
(Inwendig vorgetragen:)
Widmungen
Jedes Mal, wenn der alte Mann
das Hotel betrat – & er kam
regelmäßig –, hatte er ein weiteres
Buch dabei.
In jedes Buch hatte er geschrieben:
Für die netten, reizenden Damen an
der Rezeption! (Darunter seine Unterschrift)
Er überreichte es feierlich,
quatschte ein bisschen mit ihnen
& setzte sich dann in die Bar,
immer an denselben Tisch,
um Kaffee zu trinken.
Es dauerte nie lange, und er fing an,
laut zu reden. Er schimpfte vor sich hin.
Saßen noch andere Gäste in der Bar,
machte er abfällige Bemerkungen über sie,
über ihr Äußeres, über ihre Gesprächsthemen.
Die Gäste beschwerten sich selten.
Meist belächelten sie ihn.
Er war – für sie -: Ein alter, verwirrter Mann.
Trotzdem wurde er vom Personal gebeten,
seine Äußerungen zu unterlassen.
Dann setzte er sich stumm in die Halle.
Und irgendwann ging es wieder los:
„Wie kann man nur so ein verschissen
hässliches Kleid tragen? Vor allem, wenn
man solche Dellen in den Beinen hat!“
Er wurde höflich hinauskomplimentiert.
Das Personal mochte ihn. Er sorgte für
Stimmung. Und sie hatten Mitleid.
Ich kannte ihn nur vom Hörensagen.
Er kam ausschließlich vormittags ins Hotel, wenn
meine Nachtschicht längst vorbei war.
Ich sah nur, dass immer mehr Bücher in dem
Regal im Backoffice standen.
Niemand las sie. Niemand schaute hinein.
…………… Außer mir.
Allerdings kannte ich die meisten schon,
Klassiker aus allen Epochen.
Die Bücher waren voller Anmerkungen;
Die Anmerkungen waren hochintelligent, hochgebildet.
Unter die Widmung hatte er jeweils
geschrieben, was ihn mit dem Buch oder
dem Autor verband.
Manche der modernen Autoren hatte er persönlich
gekannt. Er war mit einem Bundespräsidenten
zusammen auf der Uni gewesen. Er
hatte mehrere Doktortitel der Geisteswissenschaften.
Es stimmte alles.
Ich habe es recherchiert.
Ich stelle mir gerne vor, wie ich
eines Tages irgendwo sitze &
die Menschen beschimpfe.
Und sie belächeln mich milde.
Schließlich kamen keine neuen Bücher mehr hinzu.
Ich nahm einige mit nach Hause.
Ich behielt sie. Es hatte ohnehin sonst niemand
Interesse daran. Ab & zu las ich die
Anmerkungen nochmals.
Aber eigentlich waren mir
die Anmerkungen die liebsten,
die ich nur vom Hörensagen kannte. Irgendwie
waren auch sie Widmungen. Und er widmete sie
den richtigen Leuten. Und sie waren klar.
Für mich
war er nicht
verwirrt.
Schwimmflügel
Oft saß ich an diesem Bach
in der Morgendämmerung
Baumleichen umgaben mich
Ein paar Sträucher lebten noch
Insekten lebten noch
Für mich war es der Bach
den alles runterging
Mein Leben, meine Erinnerungen,
die Zeit
Wenn die Morgensonne sich
wie blendende Splitter auf seine
Oberfläche streute
war ich geblendet &
schaute in eine andere Richtung
Ab & zu
pisste ich in diesen Bach
setzte mich wieder &
beobachtete die Ameisen
die anders lebten als ich
Eines Morgens
als ich von den Ameisen aufblickte
stand am gegenüberliegenden Ufer
eine Frau
Sie war nackt
bis auf die Schwimmflügel
an ihren Oberarmen
Sie schaute zu mir herüber
ich sah ihren Körper
ihre langen dunklen Haare
Ihr Gesicht sah ich nur
verschwommen
Langsam
ging sie in meine Richtung
stieg sie das flache Ufer hinab
Als sie bis zum Hals
im Wasser war
begann sie zu schwimmen
Mit ihren Schwimmflügeln
Ich stand auf &
ging ans Ufer
sah wie ihr langes Haar
auf dem Wasser schwamm
Die grelle Farbe ihrer
Schwimmflügel
Ich glaubte das Wasser zu riechen
& hörte die Vögel
die ich hasste
Ich ging in das Wasser
das kalt war
Meine Schuhe
meine Hosen
alles sog sich voll
Allmählich erkannte ich
die Augen
der Schwimmerin
& zitterte vor Kälte
Bis zum Hals
stand ich im Wasser
& ging
weiter
& weiter
& weiter
Ich konnte nicht schwimmen
Niemals hatte es mich gereizt
es zu lernen
Ich wollte es nicht können
Sie konnte es auch
nicht
aber sie hatte die
Flügel
Sie blickte mich an
Sie konzentrierte sich aufs
Schwimmen
spuckte hin & wieder etwas
Wasser aus
Die Oberfläche des Bachs
den alles runterging
dicht an ihren Lippen
Das Letzte
was ich sah
im Gesplitter der Sonne
war
wie
irgend etwas
Winziges
das aus dem Nichts
zu kommen schien
ihre Schwimmflügel
zerfetzte
Eiskalt lief das Wasser
in meine Kehle



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