Monatsarchiv: Juni 2014

Seltsam & schön

Seltsam & schön
wie die Gedichte über die Liebe
noch atmen

während Alles
wovon sie handeln
längst tot ist


Es hilft ja nichts

Nichts hilft.

Aber
Nichts
ist nicht
immer da.

Oft
kriegt man
einfach
zu viel.

Und dann
vergeht
einem
Alles.

Am Ende
geht Alles
von vorne
los.

Es hilft ja
Alles
Nichts.


Der alte Schornsteinfeger

 
Auf dem Edelstahlrohr im Schornstein waren Spuren
von Rost. Der Schornsteinfeger war alt geworden.
Älter als es das 1 Jahr erwarten ließ, das vergangen war,
seit wir uns zuletzt gesehen hatten.
Er kannte sich aus in meinem Keller. Er wusste,
wo’s langgeht.
»Und«, sagte ich, »gibt’s was Neues?«
Er fing mit den Messungen an: Ruß, Abgas, Wirkungsgrad…..
»Nein«, sagte er. »Nichts.«
Dann grinste er:
»Das Leben ist manchmal langweilig.«
Ich wollte etwas dagegen sagen. Aber
ich sagte nichts.
Alle Werte waren in Ordnung.
Nur der Rost auf dem Rohr hätte nicht sein dürfen –
eigentlich; denn es war erst vor einigen Jahren eingebaut worden.
»Wahrscheinlich haben die unsachgemäßes Werkzeug benutzt«,
sagte er.
»Und«, sagte ich, »ist das schlimm?«
»Wohl kaum. Ich denke, die nächsten 20 Jahre wird es noch überstehen.«
Ich rechnete kurz….. Die Aussage war beruhigend &
grauenerregend zugleich.
Der Schornsteinfeger füllte sein Formular aus; dann
nieste er.
Ich hasse es, Gesundheit zu sagen. Aber der Raum
war zu klein, um nichts zu sagen, also sagte ich:
»Gesundheit.«
»Danke«, sagte er. »Ach übrigens, es kann sein, dass
nächstes Jahr ein anderer kommt. Mich werden die wohl in Rente schicken.«
»Ach.«
»Nicht aus Altersgründen; so alt bin ich noch nicht – aber aus
gesundheitlichen.«
Ich überlegte, ob ich nachfragen sollte. Da sagte er:
»Aber wenn alles so läuft, wie ich’s mir erhoffe, werde ich
einfach bei dem, der das Ganze übernimmt, weiterarbeiten. Auf
450-Euro-Basis.
»Ah, ok.« – Ich war beruhigt. Er rechnete also mit seinem Überleben.
Aber ich konnte es kaum glauben, dass er noch nicht im Rentenalter war.
Er reichte mir das Formular. »Das ist für Sie.«
Mit einem Spiegel & einer Taschenlampe hatte er in das Rohr geschaut.
Es lag kein totes Tier darin. Es hatte noch nie ein totes Tier
darin gelegen. Aber überprüft werden musste es. Irgendwann einmal
hatte er mir erzählt, dass er bei einer alten Frau einen toten Igel gefunden hatte.
Auf dem Grund des Schornsteins. Und die Frau war der Meinung gewesen, der Schornsteinfeger selber hätte ihn dort hinein gelegt.
Um sie zu verwirren.
Beim Händeschütteln verbeugte er sich. Er verbeugte sich jedes Mal
so tief, dass man die Kopfhaut sehen konnte, die durch sein
weißes Haar schimmerte. Er erinnerte mich
an einen in die Jahre gekommenen Country-Sänger. Warum
auch immer.
»Also«, sagte ich, »dann hoffe ich mal, dass wir uns nächstes Jahr
doch noch wiedersehen. Ansonsten….. Alles Gute.«
»Ja, genau«, sagte er, »Alles Gute, und’n schönen Tag noch.«
Ich schloss die Tür hinter ihm ab.
Das Formular tat ich in den Ordner mit den anderen Formularen.
Das Leben ist manchmal langweilig, hatte er gesagt.
So ein Quatsch!


Schmetterlingsgleich

Wir hatten uns nie gesehen
Wir hatten uns nie gehört
Wir kannten uns nur
durchs geschriebene Wort

Und sie schrieb von ihrer Zunge
die mich berühren würde
schmetterlingsgleich
& überall

Das gefiel mir

Und als wir uns sahen
Und als wir uns hörten
war ihre Stimme anders
als ich sie mir vorgestellt hatte

Doch ihre Zunge war schmetterlingsgleich
Stumm in meinem Mund
Stumm an meinem Schwanz
Weich, flatternd & schweigend

sprach sie die Wahrheit

Und sie berührte mich
überall
über
all


Das Datum auf dem Vorsatzblatt

Auf dem Vorsatzblatt dieses Buches,
das von der Zeit an sich handelte,
hatte ich den Monat & das Jahr
der Lektüre notiert.

Als ich es nach Jahr & Tag
wieder einmal aufschlug,
las ich jenes Datum in meiner Handschrift –
& konnte es kaum glauben.

Das sagte mir mehr
über die Zeit an sich –
als der Inhalt des Buches
es je gekonnt hätte.


Schmuddelkomödie mit gewaschenen Gardinen

Es erinnerte mich
beinahe an eine dieser Schmuddelkomödien
– vom Anfang der 70er Jahre, dabei war es bereits das Ende
dieses Jahrzehnts. Da stand sie also
barfuß auf der Leiter – & hängte die frisch gewaschenen
Gardinen auf. Das grüne Kleid mit dem gelben Blümchenmuster war
eines ihrer kürzesten. Kurz & knapp. Ich saß auf dem Sofa
& schaute zu; ihr Mann (neben der Leiter) hielt
die Stores in beiden Händen; und sie streckte sich
& schob ein Plastikröllchen nach dem andern in die Schiene
an der Decke. Draußen vor dem Fenster
verblasste eine Landschaft in der Sonne. Ich
erinnere mich nicht an sie. Nicht an die Landschaft
& kaum an die Sonne. An die Sonne erinnere ich mich nur
als Lichtspiel auf nackter Schenkelhaut. Als Gegenlicht &
Reflex. Gelbgrün rutschte der Saum übers Pogebäck, und
natürlich trug die junge Frau nichts unter diesem Kleid. Es war
die Zeit, es war Klischee, und es war
diese seltsame Schwäche des Mannes; seltsam &
gewöhnlich zugleich. Das Begehren der Anderen erhöht den Wert
des Begehrten. Und nicht zuletzt den Wert dessen, der sich
als ‚Besitzer’ des Begehrten fühlt. Ein kleiner, billiger Kick.
Nicht ohne Gefahr. Ich saß also da, lauschte dem Geräusch
der Röllchen, dem belanglosen Geplauder zwischendurch –
& war nichts als Auge & Erektion –
& Besuch, ich schlief im Gästezimmer, ich hörte
das Gestöhne bei Nacht. Und machmal auch bei Tag. Über
die Konstellation der Komödianten gibt es nicht viel zu sagen.
1 Ehepaar & 1 Vereinzelter. Und die wunderbare Verblendung
der Hormone. Die grandiose Dummheit der Wollust.
Es war – als hätte der Mann nie darüber nachgedacht, weshalb es
der Frau nichts ausmachte, sich dem Besuch so zu zeigen. Dabei hatte
es oft genug Streit gegeben, weil die Frau sich den Bekleidungswünschen des Mannes
widersetzte. Es war ein Spiel, ein Hin & Her, es war Schwäche gegen Stärke,
Widerspiel & Kräftemessen, Spiel mit Feuern jeglicher Art, dem Feuer
der Leidenschaften, dem eigenen Feuer, dem Feuer der Anderen &
brennenden Sehnsüchten.
Die Gardinen waren noch feucht. Ich konnte sie riechen. Der Mann grinste;
der Arsch grinste, und ich grinste wohl auch – ab & an. Eine Komödie eben.
Die Wohnung war groß; 2geschossig, die Schlafzimmer oben. Und irgendwann
waren wir oben, die Frau oben, ich oben, die Frau oben auf mir, und unten
wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt. Wir hörten es beide. Da wir
es gewohnt waren, aufmerksam zu bleiben. Man wusste nie sicher, wann
er nach Hause kommen würde. Also sprang sie runter
von mir & ich aus dem Bett. Sie griff sich das Kleid vom Boden &
rannte ins Bad. Wo blieb denn nur die Musik
vom Hammerklavier? Warum waren wir nicht schwarzweiß?
Ach nee, es waren ja die 70er. Und nicht die 20er. Obwohl……
Irgendwie gelangte ich in die Beine meiner Hose – & ritsch!:
ein Stück Haut verklemmte den Reißverschluss. Das war das Ende
der Erektion. Es blieb keine Zeit, Schmerz zu empfinden. Also:
ratsch!: wieder runter mit dem Reißverschluss….. Und es blutete
nur ein wenig. Ich schnappte mir ein Buch, setzte mich aufs Bett &
sah, über den Flur hinweg, wie sie aus dem Bad kam. In Grün & Gelb
& ohne Schuhe. Sie barfüßelte treppab, und wir flogen
nicht auf. Dieses Mal.
Herzblut, Penisblut, Ende gut, Alles gut.
Nun ja – so gut war das Ende nun auch wieder nicht.
Aber egal. Die Menschliche Komödie
halt. Kurz & knapp.
Es wurde nicht viel gelernt daraus.
Dieselben Fehler wurden weiterhin gemacht.
Und – ja: der Geruch frisch gewaschener Gardinen
macht mich geil.


Ego Zen Trick

Der ganze Trick ist doch:
Zentriertes Ich
Sein.

Beobachtung
von der Mitte
aus

die
man selber
ist.

Aus den selbstbezogenen Worten
des Egozentrikers
erfährt man mehr

über den Menschen
über das Mensch
Sein an sich

als aus

Allen
Universalen Kunst
Werken

der großen Menschen
kenner.

Das ist meine Meinung.
Und, wie Jeder weiß, zählt
nur diese

Allein.


Mysteriöse Titel

In den Textprogrammen der Hotels
in denen ich nachts arbeite
stehen sie noch –

die Titel der letzten Gedichte
die ich dort schrieb
während ich Geld verdiente

Und wenn man sie anklickt
gibt es eine Fehlermeldung
Sonst nichts

Das gefällt mir
Der Speicherort der Texte ist
unbekannt

Ob sich irgendjemand fragt
was sie zu bedeuten haben?
Diese Worte ohne Ziel

die ich schrieb
ohne damit
Geld zu verdienen

Rechts neben diesem Text
stehen die letzten beiden Titel –
Durchschaubar & Bedeutungslos

Und wenn ich gleich das Programm schließe
wird an oberster Stelle stehen:
Mysteriöse Titel


Durchschaubar

Sieh
durch mich
hindurch

Ich
werde transparent
in Deiner Nähe

Wie
meine Gedanken
an Dich

Du
siehst Uns
dennoch

Als wärest Du
eine Tarnkappe
mit deren Hilfe ich

mein Innerstes
nicht
verbergen kann