Tagesarchiv: 4. Mai 2011

Einsamkeit

Die Einsamkeit steht neben meinem Bett &
singt, während ich schlafen will; sie
schwingt die Hüften in ihrem kurzen Rock &
sie legt mir den Schraubstock an. Kalt
ist das Metall an meinen Schläfen; sie
dreht das Gewinde, sie dreht &
singt & schwingt ihre Hüften, ich
drehe mich, drehe mich hin, drehe mich her,
sie dreht das Gewinde, es schwingt der
Rock, es singt in mir, die Einsamkeit singt,
sie steht an meinem Bett, der
Schraubstock ist kalt, er schmerzt &
singt, das Gewinde singt, die Einsamkeit
lächelt, ich drehe mich, der
Schraubstock ist schwer, er
drückt meinen Kopf in das Kissen, die
Einsamkeit tanzt & lächelt & singt &
sie beugt sich vor & sie gibt mir
einen Kuss & –
ich bleibe wach


Tierleben

Gestern
war ich so besoffen, dass
weiße Mäuse ChaCha tanzten
Heute
werden schwarze Ratten Tango tanzen
(per Aspirin ad astra)
89 %iger Absinth, ich
swinge durch den Flur zur
Fledermaus-Overtüre, ich weiß,
morgen wird in meinem Schädel ein
Kater leben, der schwindeln kann.
Ich werde ihn streicheln, mein
kleines Kartäuser-Baby, und
er wird schnurren
wie ein kleiner Motor, der
mich durchs Leben bewegt.


Die Philosophie der Wiederholung

Ich habe einen falschen Ton gespielt
Sofort wiederhole ich ihn
Und ich denke: alle werden denken:
Was für eine coole Sau, diese
Dissonanz ist
großartig!


Liebesbeweis

Die Katze legt mir Liebesbeweise
auf den Teppich. Die
Eingeweide einer Maus.
Wäre ich so einfallsreich gewesen,
wärst Du dann noch hier?


Der beste Moment

Der große Bruder fuhr mit seinem neuen Moped davon.
Ich schaute ihm nach. Mein Vater sah mich an. Ich
war 11. „Beneidest du ihn?“ fragte er.
„Ja“, sagte ich, „schon, irgendwie.“
„Das musst du nicht. In seinem Alter hat man
viel mehr Sorgen. Du bist in einem
tollen Alter. Freu dich darüber.“ Er lächelte.
Ich verstand so ungefähr, was er mir sagen wollte;
aber das Moped war trotzdem sehr schön.
Ein Jahr später war mein Vater tot.
Als ich dann in dem Alter war,
in dem ich ein Moped hätte fahren dürfen,
landete ich in der Klapsmühle,
verzweifelt, selbstmordgefährdet, tobsüchtig.
Ich weiß nicht mehr, wann die Erinnerung
an diesen Moment mit meinem Vater wieder
auftauchte. Jetzt bin ich älter
als Er geworden ist. Mein Gedächtnis ist
manchmal ungerecht. Aber dieser Moment
ist noch da.
Und das ist gerecht.


Widerspruch

Ständig widerspreche ich mir.
Und jedesmal habe ich recht.
Das ist beängstigend.
Oder auch nicht.