Monatsarchiv: Juni 2011

Worte & Taten

Mit Worten kann ich tun
was ich mit Taten nicht kann
Deshalb liebe ich die Worte
& hasse die Taten


Geheimnisse

Lyrik (ein Wort, das mir peinlich ist)
sollte die Welt sein, wo Wahrheit
die Peinlichkeit überwindet –
Menschen sind peinlich
sich selbst
oft

Geheimnisse
wollen sie behalten
für sich

Aber die anderen
haben
die gleichen Geheimnisse

Geheimnisse
sind nicht
einsam


Endstadium

Ich bin das Endstadium
irgendeiner Krankheit
die ich erfunden habe

Man findet sie in keinem
Lehrbuch für Medizin

Die Heilung ist
ungewiss

Die ÜberlebensChance
minimal

Hoffnung
gibt es


Hinterlistige Träume

Träume können so hinterlistig sein
43 Mal hatte ich geträumt, dass ich
mir selber einen blasen kann

Irgendwann glaubte ich mir
im Traum selber nicht mehr

Dann träumte ich:
bisher war alles nur Traum gewesen……
Verdammt, jetzt ist es Realität
Wie geil!!!

Es klappt!
In der Wirklichkeit!
Ich bin wach!

Dann wachte ich auf
& es war wieder
nur ein Traum
gewesen

ohne Befriedigung


Ende & Anfang

Wo ihr aufhört
fange ich an

Euer Ende ist schön
mein Anfang
kann hässllich sein

Mein Ende
ist euer Anfang


Das alte Klavier

Wer auf mir spielt
bekommt Dissonanzen
Ich bin verstimmt

Man hat mich abgestellt
in Kälte
in Feuchtigkeit

Schimmel wuchert auf mir
Melodien klingen auf mir anders
als sie klingen sollten

Man braucht ein besonderes
Gehör
um sie schön zu finden


Der Fehler

Wenn alle rufen: Weiter!
höre ich auf

Wenn alle rufen: Hör auf!
gehe ich weiter

Immerhin: das bedeutet
: ich höre

Ein Fehler
den ich zu korrigieren gedenke


Der Plastikrabe

Mein Rabe ist aus Plastik
über Ebay gekauft
Er ist stumm
Kein Nevermore kommt
aus seinem Fabrikmund

Ich höre es dennoch
: Nimmermehr

Aus weiter Ferne betrachtet
sieht er fast echt aus

Aus weiter Ferne betrachtet
sieht mein Leben
fast echt aus

Der Rabe ist aus Plastik
geschaffen um Vögel zu vertreiben
Vögel die lebendig sind &
den Morgen ankündigen

Der Rabe ist stumm
doch wer Fantasie hat
hört Plastik sprechen


Humor

Manchmal
ganz selten
ist Sucht ein Lebensstil
eine Lust & eine Wahl
eine Entscheidung
die einem in die Wiege gelegt wurde
von Menschen die man
liebte & haßte

Sucht ist
dann
etwas
das man sich einredet
& das einem niemand ausreden
kann

Es gibt ein Lächeln in
dieser Sucht
das einen wärmt

Sie zerstört nicht den
Humor
man lacht
man tanzt
man fühlt sich gut

Manchmal
trennt man sich von ihr
für Wochen
für Monate

Man weiß
dass man sich
wieder finden wird

Und dann lacht man mit ihr
beim Wiedersehen &
man lacht mit den Verstehenden
& betrauert die
Anderen


Bahnen

Menschen, die auf Schienen durchs
Leben bewegt werden
Sie sitzen in Zügen
Sie sehen denjenigen, der den
Zug führt
nicht

Jeder Zug kann der letzte sein
Das vergessen sie
oder sie verdrängen es
oder sie haben es nie begriffen

Für sie zählen nur Fahrpläne &
Pünktlichkeit
Ihr Leben verläuft in Bahnen
die andere für sie gebaut haben

Sie wollen an ein Ziel gebracht werden
dass nicht das wirkliche ist
solche Ziele halten sie für wichtig

Das Ziel ist immer der Tod

Diese Menschen wollen mir Ratschläge geben
Sie winken & möchten, dass ich zusteige
an irgendeinem Bahnhof der Lächerlichkeit

Ich tanze neben den Zügen
schlage meine eigenen Räder &
pisse auf die stählernen Nägel
die alles befestigen

Menschen, die auf Schienen durchs
Leben bewegt werden
Sie ahnen nicht, dass
selbst wenn es mir dreckig geht
es mir besser geht als ihnen

Ich kenne den Zugführer
In durchzechten Nächten habe ich
mit ihm gelacht –
gelacht über die Massen
die seine Fahrgäste sind

Sie lauschen den Durchsagen
Sie glauben was sie hören
Sie werden beschwindelt

Mein Schwindel ist der bessere

Ich sehe den Zügen nach
Mein Ziel ist dasselbe
aber mein Weg ist ein
anderer


Bagger

Zuerst hatten sie die alte Frau gegenüber
in ein Heim gesteckt, dann stand
der Container mit ihren Möbeln auf der
Straße

Jetzt werde ich von Baggern wachgehalten
die ihren Garten ausheben
Bäume wurden gefällt
Sie hatte ihren Garten geliebt
Es sind ihre Kinder, habe ich mir sagen lassen

Gut, dass ich keine habe

Zu Feiertagen hatte sie mir
Karten in den Briefkasten geworfen
& Pralinen

Ab irgendeinem Zeitpunkt stand
jeden Morgen ein Wagen der Diakonie
vor ihrem Haus, ihr
wurden die Windeln gewechselt

Jetzt höre ich die Bagger
fluche, kann nicht schlafen
& habe keine Ahnung
ob sie noch lebt


Die Klapsmühle

Bevor sie mich entließen
sagten sie: »Du wirst wiederkommen – alle
kommen sie wieder.« Sie grinsten. Ich grinste.
Sogar der arme Schwachkopf grinste,
den sie jeden Morgen mitten im
Schlafsaal auf seinem Kackstuhl festbanden;
aber der grinste eigentlich meistens,
ohne irgend etwas zu verstehen, besonders
über seine eigenen Fürze grinste er,
breit – & leeren Blickes; er hatte eine Glatze
& hielt beim Scheißen seine
Perücke fest umklammert auf dem Schoß.
»Ich nicht«, sagte ich. »Ich werde eben
der erste sein, der nicht wiederkommt.«
»Wir werden sehen«, sagten sie. Die
Wärter & die anderen Insassen hatten
ihre Zweifel. Ich war mir auch nicht
sicher. Weil ich mir überhaupt nie
sicher bin.

Aber ich behielt recht.
Diese Klapsmühle existiert nicht mehr;
sie wurde geschlossen – wegen
menschenunwürdiger Verhältnisse; es
hatte irgendeine Reform gegeben.
Ich weiß nicht, wo sie alle hinkamen:
die Schwachsinnigen, die Drogenabhängigen,
die Alkoholiker, die Tobsüchtigen (zu denen
hatten sie mich gezählt), die Entmündigten,
die Straffälligen in Sicherheitsverwahrung, die Bettnässer
& all die Insekten, denen die Wärter ständig
mit ihren Sprühdosen hinterher jagten.

Egal, ich war draußen.
Keine Schreie mehr, keine Schlägereien mehr,
keine sabbernden Mäuler, vollgekackten Betten,
keine einarmigen Diabetiker mehr, die
mich um Essen anbettelten, wenn ich
Küchendienst hatte. Keine Ruhiggestellten
mehr, die mit ausdrucklosen Gesichtern
auf einen zuwankten, um einen zu umarmen …..
Keine nächtlichen Wichsgeräusche mehr,
keine versifften Klos mehr mit uralten Holzbrillen
(offen aufgereiht in einer 10er-Reihe).
Kein stumpfes Plastikbesteck mehr
(einer hatte eine Gabel zerbrochen & die Einzelteile
runtergeschluckt)…..
Keine Klugscheißerei mehr von
sogenannten Ärzten, die selber nichts
begriffen & dieses Nichtbegreifen in
Floskeln verpackten.
Keine vergitterten Fenster mehr.

Ich war draußen,
ich musste nicht zurück. Ich hatte
meine Lektion in Verstellung gelernt,
und in der Einsamkeit kann niemand mit
dem Finger auf einen zeigen &
nach dem Krankenwagen rufen.
Letztlich war das egal, weil der
Unterschied zwischen drinnen & draußen
doch kleiner ist, als man denken möchte.
Und deshalb muss ich nicht
zurück. Vielleicht.

(siehe auch: Das Fingerschnippen)


Alles liegt

Ich liege im Bett
komme nicht hoch
Wochen voller Cocktails
liegen hinter mir
Der Fernseher läuft tonlos
meine Brille liegt in
einem anderen Zimmer
auf dem Boden
wenn ich mich recht
erinnere
dort wo ich stolperte
Schweiß friert auf mir
Die bewegten Bilder sind
mir zu schnell
Telefonnummern &
nackte Frauen
Ich sehe sie unscharf
Ich habe Hunger
ich muss ihn ignorieren
Ich nehme mir vor
heute nicht zu trinken
& würde lachen
wenn ich es könnte
Ich kaue ein Aspirin
trocken
Bücher liegen verstreut
neben dem Bett
Staub liegt auf den Büchern
Nicht lange &
es wird mir wieder gut gehen
Aber es ist mir egal wie
es mir geht
Und auch das muss
an irgend etwas
liegen


Gehirnerschütterung

Menschen bluten
Menschen scheißen & pissen
Menschen sind verzweifelt
Menschen lachen
Sie sind sich peinlich
Haare wachsen
wo sie nicht wachsen sollten
Menschen stinken
sie riechen sich selbst
Menschen versuchen sich
selbst zu befriedigen
Sie scheitern
Menschen behaupten
andere zu hassen
Es ist Verzweiflung
Es ist Einsamkeit
Das Wissen alleine zu sein
alleine zu sterben
Menschen laufen maskiert
durch ihre begrenzte Zeit
Sie wissen es &
sie geben es nicht zu
Menschen möchten schön sein
& glücklich
& geliebt
von denen die behaupten
andere zu hassen
Menschen zerstören sich selbst
Menschen sind erschüttert
ihre Gefühle sind erschüttert
ihr Gehirn ist
erschüttert


Schönheit

Würde Schönheit glücklich machen
wäre sie glücklich

Sie sitzt da
in der Nacht

allein

& sie ist unglücklich

Wer sie versteht
muss hässlich sein

Ich
bin hässlich

& finde das
schön


Sardellenpaste

Bei manchen Menschen nimmt das Schicksal
Vaseline, bevor es sie fickt –
Bei mir nimmt es
Sardellenpaste
Ich liebe Sardellenpaste
ich schmiere sie mir aufs Butterbrot
genieße den Geschmack
trinke Geistiges dazu
wackle mit dem Arsch
& shakere mit dem Pech


Der schlechte Gastgeber

„Komischer Vogel“, sagte er. Er meinte mich.
Vogel ist gut“, sagte ich, „ich hab nicht mal was zu vögeln.“
Es war früh morgens. Draußen noch dunkel. Meine alten Lampen düsterten vor sich hin. Er war von der Nachtschicht her vorbei gekommen. Ich hatte frei. Wie meistens. Arbeit ist mein Ausnahmezustand.
„Daran wird sich auch nichts ändern, wenn du dich hier verbarrikadierst“, sagte er. „Es wird keine an der Haustür klingeln & drum betteln.“
„Und selbst wenn“, sagte ich, „meistens geh ich ja nicht hin, wenn’s klingelt.“
Er grinste. „Du solltest mal raus. Unter Menschen.“
„Danke. Ich verzichte.“
„Ich kenne niemanden, der so lange allein war wie du.“
„Ich auch nicht“, sagte ich. „Liegt aber vielleicht daran, dass ich überhaupt kaum jemanden kenne.“
Er saß auf dem Trockenen. Ich bin so ein schlechter Gastgeber. Biete nie etwas an. Er war daran gewöhnt, und sonst kam ja niemand (sobald jemand einmal andeutete, mich eventuell besuchen zu wollen, ließ ich mir etwas einfallen, um das abzubiegen). Ich hatte meinen x-ten Absinth vor mir. Trug einen Bademantel über den Klamotten, weil ich fror. Ich musste Heizöl sparen. Mehr Arbeit hätte mehr Wärme bedeutet, aber lieber zitterte ich. Auf meinem Beifahrersitz fuhr ich Teile des Auspuffs spazieren. Das Haus sah aus, als hätte Edgar Poe es sich ausgedacht. Morgens kann ich mich meist nicht mehr daran erinnern, wie ich mir nachts etwas zu essen gemacht habe, weil ich vor dem Kochen, auf nüchtern Magen, meine Martinis trinke. Zum Essen kommt dann der Rotwein. Und später der Absinth.
Er fing an, von der Arbeit zu reden. Er machte denselben Job wie ich, allerdings woanders; und Vollzeit. Ich spielte Interesse. Hörte irgendwie zu, antwortete irgend etwas. Seltsame Welten lagen zwischen uns. Wir kannten uns seit der Schulzeit, seit über 30 Jahren. Also gab ich mir Mühe, aber ich kann gewisse Dinge einfach nicht ernst nehmen. Ich nehme nicht einmal das Nichts ernst, auf das alles hinausläuft.
Schließlich war es vorbei, und er kam wieder auf das einzige Thema zu sprechen, das mich halbwegs interessierte: Mich.
„Ich frag mich manchmal, was bei dir schiefgelaufen ist. Alle – die Lehrer, die Schüler – alle dachten, du bist der einzige, aus dem mal wirklich etwas wird, also zumindest jemand Bekanntes, ein Schriftsteller, oder Musiker.“

Der Moment, als ich starb … Als alles endete … Zusammenbrach … Ich zusammenbrach … Weinend, bittend, winselnd … Sie weinte ebenfalls … bereute ihre Entscheidung … bereute sie zu spät … kein Zurück …

„So kann man sich eben irren. Ich laufe schief. Deshalb geh ich auch nie zu Klassentreffen. Ich würde nicht hinfinden.“
Ich lachte & nahm einen grünen Schluck. Ich war gut gelaunt. Es war etwas aus mir geworden. Irgend ein Etwas. Über alte Ambitionen konnte ich lachen … ein bißchen mitleidvoll, aber doch auch wohlwollend. Ungefähr so wie ich über die lachte, die es nie begriffen.
„Du & deine Witzchen“, sagte er.
„Andere pfeifen im Wald, ich mache Witzchen.“
Ich zündete mir eine Zigarre an; die Bücherwände rochen nach kaltem Rauch. Schnee begann durch Laternenlicht zu fallen.
Ich sagte: „Weißt du, wie lange es her ist, dass ich zuletzt gekotzt habe? – – 11 Jahre! Mein Magen ist mein bester Freund, er teilt meine Vorliebe für geistige Getränke.“
„Na super“, sagte er.
„Ja, ich werde nie einen ordinären Löffel abgeben. Es wird ein Absinth-Löffel sein.“
Er mußte grinsen. Trotz allem.
Alles lief auf das Nichts hinaus.
Irgendwann ging er. Er schüttelte den Kopf ….
& mir die Hand.


Fahrpläne

Sie verbrannten meine Fahrpläne
Die Zeiten, ich hatte sie nicht im Kopf
Die Ziele, ich hatte sie vergessen
Ich wußte nicht, wohin
Ich wärmte mich an dem Feuer
& ich fühlte mich frei
Sie hatten mir keinen Gefallen tun wollen
Aber es war einer


too much information

Manchmal kommt alles zusammen.
Unterwegs zur Nachtschicht, kurz nach 22 Uhr. Die Strecke: 45 Kilometer. Hin & wieder hielt ich an, öffnete die Tür & kotzte auf die Straße. Dann fuhr ich weiter. Eiskalter Schweiß auf Stirn & Kopfhaut. Jede Bewegung des Lenkrades zerrte an meinen Innereien. Die Magensäureproduktion lief auf Hochtouren. Ich hatte die Nacht über bis zum frühen Nachmittag getrunken, um den Gedanken, am kommenden Abend zur Arbeit zu müssen, irgendwie ertragen zu können. Es war nur ein Teilzeitjob, 2 Tage pro Woche; für mich die Grenze des Möglichen. 5 Tage wären mein Untergang gewesen, die endgültige & absolute Abstumpfung. Ich hatte es einmal versucht & es ungefähr 1 ½ Jahre durchgehalten. Das war kein Leben, es war insektenhafter Stumpfsinn. Lieber schränkte ich mich ein, billiges Essen, billige Getränke, keine Reisen, kein Luxus – so konnte ich mit 2 Tagen Arbeit über die Runden kommen. Sein statt Tun. Gegen den Job war eigentlich nichts einzuwenden, er passte noch am ehesten zu mir. NACHTPORTIER. Da ist man die meiste Zeit allein; die Leute, die ihren Job ernst nehmen, bekommt man kaum zu sehen; die bleiben tagsüber untereinander & gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Und die Welt, oder das, was sich dafür hält, rauscht auf engstem Raum an einem vorbei. Keine Sorte Mensch, die einem nicht begegnet. Die Drehtür schaufelt sie herein: Selbstmörder, Schlagersänger, Geschäftsleute, Arbeiter, Nutten, Minister, Betrüger, Komiker, Obdachlose, Schriftsteller, Diebe, Schauspieler, Hausfrauen, TV-Moderatoren, Versicherungsvertreter, Musiker. Manchmal auch die Helden der eigenen Kindheit. Die nur manchmal Helden bleiben. Man hört sie ficken, man sieht sie tot, man sieht sie kotzen, lachen, bluten & trinken. Also wirklich, nicht der übelste Job.
Als ich das Hotel betrat, sagte die Kollegin von der Spätschicht:
„Wie siehst du denn aus?“
„Wie eine Leiche vermutlich.“
Ich ging sofort ins Backoffice, setzte mich, verschränkte die Hände hinterm Kopf & versuchte, tief & gleichmäßig zu atmen. Stimmen & Gläserklirren aus der Hotelbar, gleich neben der Rezeption. Die Kollegin folgte mir.
„Was ist los?“
„Kreislauf“, sagte ich leise.
„Willst du dich nicht erstmal hinlegen? Nimm dir ein Zimmer.“
„Werd ich wohl müssen“, sagte ich. „Tut mir leid.“
Sie lächelte. „Kein Thema. Hau dich hin.“
Sie gab mir einen Schlüssel, und ich fuhr mit dem Aufzug nach oben. Der Aufzug war heute auch nicht der Freund meiner Eingeweide. Ich schaffte es bis ins Zimmer, bis ins Bad. Da war schon wieder neue Magensäure. Ich versuchte, die Kloschüssel zu treffen. Dann legte ich mich vorsichtig hin & wurde bewußtlos.
Nach 2 bis 3 Stunden kam ich wieder zu mir. Es ging mir kaum besser. Ich stand langsam auf, wankte ins Bad, wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser & spülte den Mund.
Anschließen fuhr ich wieder nach unten. Die Bar war dunkel, alles still, die Kollegin allein.
„Na, wie geht’s?“ sagte sie.
Ich versuchte zu lächeln. „Nicht besonders. Aber geht schon.“
„Wirklich?“
„Ja.“ Ich setzte mich. Hauptsache sitzen; nicht bewegen.
„Hast du das öfters?“
„Nur wenn Jim Beam sehr nett zu mir war.“
„Dachte ich mir. Du solltest besser auf dich aufpassen.“
„Ab morgen“, sagte ich.
„Ich versuch’s mal zu glauben. – Also? Kann ich dich allein lassen?“
„Sicher.“
„Du mußt auch nix mehr machen“, sagte sie. „Es ist alles erledigt, Abrechnungen, Kasse, Tagesabschluss, Rundgänge. Und ich habe Tessa angerufen, sie kommt eine Stunde eher zum Frühdienst.“
„Ich wußte ja immer, dass du ein Engel bist“, sagte ich.
„Quatsch. Ich hatte eh nichts Besseres vor.“
Scheiße, alle waren immer so nett zu mir.
„Das werde ich dir heimzahlen“, sagte ich & krampfte ein Grinsen in mein blutloses Gesicht.
„Werd erstmal wieder fit.“
Als sie weg war, ging ich in die Bar & legte mich auf eine der Bänke. Ich schloß die Augen & hoffte, dass heute Nacht niemand hereinkommen würde. Oder zumindest, dass niemand mich mit irgendwelchen Bitten behelligen würde. Ich schlief nicht, aber wach war ich auch nicht. Ab & zu hörte ich die Drehtür & den Aufzug, aber niemand rief nach mir. Gegenüber am Hauptbahnhof grölten die Besoffenen.
Nach ein paar weiteren Stunden merkte ich, dass es allmählich besser wurde. Ich blieb noch liegen. Mit offenen Augen. All diese Flaschen, diese Gläser, im Licht der Straße. Schön & beruhigend.
Schließlich hörte ich erneut die Drehtür.
„Hallo? Hallo?“ Eine aufgeregte Männerstimme.
Ich richtete mich auf, so schnell ich konnte; der Schwindel war nicht allzu schlimm. Dann hatte ich meinen Auftritt als wandelnde Leiche, die aus der dunklen Hotelbar kam.
Es war einer der Obdachlosen, die in der Bahnhofsgegend unterwegs waren. Er deutete nur auf seinen Mund.
„Ich brauche Wasser. Bitte. Unbedingt. Leitungswasser, mir ist sowas Schreckliches passiert. Oh, mein Gott, wie ekelhaft.“
„Sekunde“, sagte ich.
Ich ging zurück in die Bar, nahm ein Glas, ließ das kalte Wasser ein paar Sekunden laufen, füllte das Glas randvoll & brachte es ihm.
Er trank hastig. Große, laute Schlucke. Stellte schließlich das leere Glas KLACK! auf die Rezeption.
„Verdammt verdammt verdammt“, sagte er, „wissen Sie, was mir passiert ist.“
„Was?“
„Ich hatte so einen Scheißhunger … hatte wirklich lange nichts gegessen … da hab ich ein paar Mülltonnen durchsucht … hinterm Bahnhof … mach ich sonst nicht … aber dieser Scheißhunger … und in einer war tatsächlich ein Sandwich … noch halb eingewickelt … vom Subway gegenüber … das hab ich rausgeholt & gegessen … schmeckte irgendwie komisch, aber ich hatte so’n Scheißhunger … Hinterher war ich immer noch nicht satt … wollte gucken, ob da noch mehr ist & hab die Tonne ein bißchen ins Licht gerückt … & dann hab ich gesehen, dass da Hundescheiße drin war … genau da, wo auch das Sandwich gelegen hatte. Eine Menge Hundescheiße.“
„Müssen Sie mir das erzählen?“ sagte ich.
„Das war so ekelhaft“, sagte er. „Oh Gott, war das ekelhaft. Dieser Geschmack!“
Ich wandte mich ab, ging in die Bar zurück & kotzte in die Spüle.
„Ey, tut mir leid“, rief er mir hinterher.
Ich ließ das Wasser laufen.
Ging zurück.
„Schon okay“, sagte ich.
Er grinste. „Ja, das war wirklich ekelhaft. Können Sie mir glauben.“
„Glaube ich.“
„Na, ich geh dann mal“, sagte er. „Danke für das Wasser.“
Draußen spuckte er ein paar mal auf den Gehweg. Räusperte sich laut. Und spuckte nochmal.
Mir ging es besser.