Tagesarchiv: 16. Mai 2014

Der nicht geträumte Traum vom erschossenen Hund

Da ist ein Garten auf der anderen Seite der Straße,
vor meinem Schlafzimmerfenster.
In dem Garten bellte ein Hund,
den die Menschen allein gelassen hatten.
Ich wollte den Tag verschlafen
& konnte es nicht. Der Hund
bellte den ganzen Tag hindurch.
Ich hätte ihn gerne erschossen
in einem Traum, den ich
nicht träumen konnte

seinetwegen
ihretwegen
meinetwegen.

Und so
musste er weiter bellen.

Wie
wir alle.


Ja, Entschuldigung!

Ja, Entschuldigung, das mag jetzt kitschig
klingen – einmal mehr -, aber ich sagte:
»Ich weiß schon jetzt, dass
du mir das Herz brechen wirst.«
Und sie sagte:
»Warum sollte ich das tun? Das
wird nicht passieren.«

Und, ja, Entschuldigung, das mag jetzt lustig
klingen – ein weiteres Mal -, aber ich glaube:

Sie hatte recht.

(Und außerdem
könnte es auch schon vorher kaputt gewesen sein.)


Marina Vlady

Bist Du’s?
Ist sie’s?
Wer spielt?

Als kleiner Junge war ich so verschwärmt
in Marina Vlady – wie in so viele
Andere. Nur anders. Weil es immer
anders ist. Und, wer weiß, vielleicht war sie es
am Anfang nicht einmal selbst, die
ich sah, so jung & verschwärmt wie ich war.
Sie hatte eine Schwester, 8 Jahre älter als sie &
ebenfalls Schauspielerin. In der richtigen
Beleuchtung waren sie wie Zwillinge.
Zumindest für meine naiven Kinderaugen.
Und eine Zeitlang wusste ich nichts
von dieser älteren Schwester, die sogar
einen anderen Nachnamen trug.
Welch seltsame Unsicherheit & Verwirrung
wenn ich einen Film mit dieser Anderen sah; mit
dieser Frau, von deren Existenz ich nichts ahnte.
Ich sah sie, glaubte zu wissen, wer sie war
– & zweifelte doch. Sie war der Schwarm,
mit dem etwas nicht stimmte. Weil
das Gefühl nicht passte.
Welchen Namen hatte ich im Vorspann
nicht gelesen? Konnte ich überhaupt lesen –
damals? Hätte ich lesen können?

Ja, es war seltsam. Solange es dauerte.
Und die Auflösung war so banal. Schade.
Und heute? –
Habe ich das alles jetzt erfunden? War es vielleicht
gar nicht so? Wer kann das wissen? Außer mir. Und
weiß ich es denn? Es war verwirrend, ist
verwirrend & bleibt verwirrend; wie
das Gefühl, das ich hatte – jedes Mal
wenn ich Odile sah. Bevor ich erfuhr, wie sich
alles verhielt.
Aber eigentlich geht es ja um etwas ganz anderes.
Du siehst eine Frau….. und…..
Ach, Marina!
Du wurdest nie
zu einer dieser Ikonen, die jeder kennt,
kein Kaffeetassenmotiv, kein
Gesicht auf einer Müslischale.
Und das ist schön.
Du spieltest nie in einem Meisterwerk –
& hättest doch einen besseren Text verdient
als diesen, der alles andere ist als
das. Und ich werde jetzt nicht
nachschauen, ob Du noch lebst
& Deine Schwester tot ist –
oder umgekehrt. Oder
ob Alles ganz anders ist.

 

 

Marina bw


Merkwürdig

Ich wachte also auf.
Wie immer.
Ich wache immer auf
irgendwann.
Eigentlich
ist das merkwürdig.
Nicht
merkwürdiger als vieles
Andere.
Aber ebenso
merkwürdig.
Wenn man darüber nachdenkt.
Nur: wer denkt schon
darüber nach?
Niemand.
Zumindest nicht viele.
(Keine Zeit für sowas! denken die wohl.)
Vermutlich erwachte ich
mit dem Ausdruck der Überraschung
in meinem Gesicht.
Doch es war niemand da,
ihn zu sehen.
Das war nicht überraschend.
Aber merkwürdig.