Dr. Siech

Er nannte sich Dr. Siech
zumindest schrieb er dies auf den
Meldezettel, den ich ihm
gereicht hatte.
Ein alter Mann
mit zitternden Händen,
langen langen Fingernägeln,
viel Dreck darunter &
mit einem weißen, verfilzten Vollbart.
Er trug eine alte, zerschlissene
Reisetasche bei sich.
»Computerzeitalter«, sagte er,
»den Zug, den ich nehmen wollte,
gibt’s gar nicht. Jetzt hänge ich hier
fest. Bin auf dem Weg nach Berlin,
muss zur Charité, hab da ne
Operation. Die warten auf mich.
Hab dem Taxifahrer gesagt, er soll mich
durchfahren, die Charité übernimmt
die Kosten, aber er meinte, sein Chef
würde das nicht erlauben. Sie könnten mir mal
den ersten ICE raussuchen.«
»Welcher Bahnhof?« fragte ich.
»Spandau.«
Ich nannte ihm die Daten.
»Soll ich’s ihnen ausdrucken, oder können
sie sich’s merken.«
»Das merk ich mir«, sagte er. Dann:
»Ich habe solchen Durst. Haben Sie ein Glas
Leitungswasser für mich?«
»Klar«, sagte ich.
Ging in die Bar, nahm ein Cola-Glas, ließ
das kalte Wasser kurz laufen, füllte
das Glas, ging zurück &
reichte es ihm.
»Bitte.«
»Danke.«
Ein
großes
Schlucken
&
das Glas
war
leer.
»Zahlen Sie das Zimmer bar oder mit Karte?« sagte ich.
»Ich zahle in bar. Morgen früh.«
»Das müssen wir leider gleich erledigen.«
»Hmm, gibt’s hier einen Geldautomaten in der Nähe?«
»Wenn Sie eine Karte haben, können Sie auch hier
zahlen.«
»Äh, nein, ich möchte lieber Bargeld abheben«, sagte er.
»Nebenan ist ne Volksbank. Gleich das nächste
Gebäude. Rechts.«
»Na, das passt doch. Ich hab ne EC-Karte von der
Volksbank
Er zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche.
Kramte darin.
Zog eine Karte heraus
Zeigte sie mir.
Ich las: Volksbank.
»Na dann«, sagte ich.
»Auf 10 Minuten kommt’s ja jetzt auch nicht mehr an«,
sagte er.
Er schob die Karte zurück ins Portemonnaie,
steckte das Portemonnaie wieder in die Hosentasche.
»Natürlich nicht«, sagte ich. Dabei war ich
mit dem Tagesabschluss längst
in Verzug.
Er nahm seine alte, zerschlissene Reisetasche,
sagte:
»Leben ist Kampf.«
& ging zum Hotelausgang.
Die automatische Drehtür
schaufelte ihn
nach draußen.
Ich musste warten.
Denn weil er in bar bezahlen wollte,
hätte ich ansonsten die Kasse neu zählen müssen.
Ich wartete.
Eine halbe Minute.
Dann ging ich durch die Seitentür
nach draußen.
Schaute
nach rechts.
Er hatte seine Reisetasche abgestellt.
Zog sich eine dicke Jacke über.
Aber er war noch
vor
der Volksbank.
Ich ging wieder rein.
Schaltete die nervigen Ventilatoren in den
Aufzügen aus.
Stille.
Dann ging ich wieder raus ……
Sah ihn,
wie er
an der Volksbank
vorbei
ging.
Ich sah ihm nach.
So lange
bis er
verschwunden
war.
Und ich dachte:
Es wäre
bestimmt
spaßig,
sich
von
dem
operieren
zu lassen.


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