Tagesarchiv: 28. März 2013

Das Loch im Boden

Ich hatte noch 22 € auf dem Konto;
die Schulden beliefen sich auf ca. 1200 €.
Ich wollte nicht frieren – das war alles.
Irgendeine gelangweilte, vom Volk gewählte
Verbrecherbande hatte sich
neue Bestimmungen einfallen lassen, um
die Steuereinnahmen in die Höhe zu treiben.
Alte Heizöl-Tankanlagen mussten durch neue
ersetzt werden.
Meine letzten Ersparnisse flossen
in die neuen Tanks;
kurbelten womöglich irgendeine Konjunktur an,
mit der ich nicht viel zu tun hatte.
Als die Handwerker die alten, stählernen Geldsärge zersägten,
setzten sie meinen Keller in Brand.
Funkenflug.
Schwarzer Rauch breitete sich aus,
waberte die Kellertreppe herauf,
drang durch Ritzen & Schlüssellöcher …..
Die Männer fluchten; die Männer husteten; die Männer spuckten.
Ein Feuerlöscher zischte.
Gestank,
Ruß
& dunkle Vorahnungen.

Schwarzer Staub auf Büchern; tote Spinnen in
weiß besprühten Netzen.
Der Rauch & der Gestank
verflüchtigten sich –
durch undichte Fenster, durch die im Winter
die künstliche Wärme verschwand.
Den Ruß, den Staub, die Leichen beseitigte ich.
Die Vorahnungen blieben.
Gefangen.
Stahl war durch Kunststoff ersetzt worden;
einmal mehr.
Für den Kampf mit der Versicherung fehlten mir
die Kraft & die Zuversicht;
für dergleichen bin ich
(wie für so Vieles)
untauglich.
Und es folgte ein langer, strenger Winter.
Ein Winter, der schließlich begann, den
Frühling wegzufressen.
So –
wie er das Heizöl weggesoffen hatte.
Ich hatte kein Geld, kein Geld, kein Geld mehr.

Da ist dieses Loch
im Boden meines Kellers.
Wenn man hineinblickt, sieht man
die obersten Stufen einer Wendeltreppe.

Ansonsten
sieht man
nichts
als
Dunkelheit.

Ich habe Jules Verne gelesen –
wenn man sich dem Mittelpunkt der Erde nähert,
wird es wärmer.
Vielleicht trifft man auf dem Weg abwärts
einige Monster der Urzeit.

Nun gut.
Damit könnte ich leben.

Ich will nur
nicht frieren –
das ist
alles.


Blue Velvet

Erkältet
waren wir beide.
Wir lagen im Bett –
nackt nur an den Stellen,
auf die es ankam.
Musik lief im Shuffle-Modus.
Die Flammen der Kerzen & Teelichte flackerten
im eisigen Wind, der durchs undichte Fenster herein wehte.
Die Frau musste aufs Klo;
kletterte aus dem Bett.
Ich liebe den flüchtigen Moment – bevor
das hochgerutschte Shirt, nach dem Aufstehen,
wieder über den nackten Arsch gleitet, um
ihn dann
nur knapp
zu bedecken.
Sie ging nach nebenan.
Johnny Mathis sang „Moon River“.
Ich hörte es plätschern.
Hörte sie Papier abreissen.
Klopapier, das nach Rosen duftete –
& das ich niemals benutzte.
(Sie hatte es selber als Gag mitgebracht,
nachdem ich mich über den
Klopapierverbrauch der Frauen lustig gemacht hatte.)
Johnny gab volles Vibrato, dann
rauschte die Spülung.
Und während die Frau in die Küche ging,
um sich noch ein Bier zu holen,
übernahm Bobby Vinton die
musikalische Leitung.
„Blue Velvet“.
Sie kam zurück, stellte die Flasche auf den Nachttisch
& kroch unter die Decke;
ihre Hände waren kalt, ihre Beine waren kalt.
Sie sagte: »Die Musik läuft doch auf Shuffle, oder?«
»Ja«, sagte ich.
»Wieviele Stücke sind in der Liste?«
»Keine Ahnung, aber sie läuft knapp 37 Stunden
ohne Wiederholung. Wieso?«
»Weil ich gerade, aufm Klo, dachte:
Ich würde gerne mal wieder „Blue Velvet“ hören
»Ich wusste es«, sagte ich, »Du bist
eine Hexe.«
Sie lachte.
»Ich kann Sachen«, sagte sie.
Was stimmte.
„Blue Velvet“ war unser Lieblingsfilm.
37 Stunden, die auf Zufall gestellt waren.
37 Stunden – so lange hatten wir uns noch nie
ohne Unterbrechung gesehen –
& würden es vielleicht auch
niemals.
Ihre Hände wurden warm.
Der Wind blieb eisig.
Und die Flammen der Kerzen & Teelichte flackerten
noch stärker.
Bewegt durch
den Wind &
unsere Leidenschaft.