Tagesarchiv: 26. November 2012

Die Telephonbücher meiner Kindheit

In einem verwitterten Regal
in meinem Keller
liegen sie noch –
die Telephonbücher meiner Kindheit
(aus einer Zeit, da kaum jemand
Telephon mit f schrieb).
Totenbücher, stumm bevölkert von
Verstorbenen. –
Nummern, die es nicht mehr gibt.
Nummern, ohne Anschluss.
Nummern, die niemand mehr wählt.
Abgerissene Kontakte.
Adressen, die noch existieren.
Adressen, wo Fremde wohnen.
Straßennamen, die zu Bildern werden.
Spielplätze der Phantasie.
Überlebende, die woanders leben.
Überlebende, die geblieben sind.
Und jeder Raum zwischen den Zeilen
ist ausgefüllt von unzähligen
Ungeborenen ……
Fremde auch sie.
Dein Name steht nicht darin;
er kann nicht darin stehen
nach menschlichem Ermessen.
Doch manchmal lese ich ihn
trotzdem –
ein unsichtbarer Schriftzug, den
nur
ich
entziffern kann.
Eine Nummer, die ich
wähle.
Die Bücher sind vergilbt.
Die Bücher sind verstaubt.
Sie riechen nach Keller.
Doch manchmal rieche ich
in ihnen
Dich.
Dann ist es
als ob
Du
in meinem Keller sitzt.
Oder
in meiner Kindheit.
Oder
in meinen Erinnerungen.


Menschengemenge

Was für eine Vergeudung von
Zeit – Muße – Ruhe – Gedanken -,
wenn man sich
in eine Menschenmenge begibt!
Und eine Menschenmenge beginnt
für mich
bei 3 bis 4 Personen.
Parties, Feiern, Vereine, Clubs, Versammlungen …..
Auf Parties trifft man nur Leute, die
auf Parties gehen.
Auf Feiern trifft man nur Leute, die
auf Feiern gehen.
In Vereinen trifft man nur Leute, die
in Vereine gehen.
In Clubs trifft man nur Leute, die
in Clubs gehen.
Auf Versammlungen trifft man nur Leute, die
auf Versammlungen gehen.
Wie traurig, wie langweilig.
Vor allem, weil man
mich
dort
nicht treffen kann.
Mich trifft man
nirgends.
Man mag das Arroganz nennen
oder Neurose
oder wie auch immer …..
Auf Geselligkeiten schaue ich
herab. So wie auf
gesellige Menschen.
Menschenmenge ….
Menschgemenge ….
Sich treiben lassen im
Seichten ….
Natürlich kenne ich solche geselligen
Menschen; mag einige sogar ….
Vor allem mag ich sie dafür, dass sie
es seit vielen Jahren aufgegeben haben,
mich einzuladen; dass sie
es seit vielen Jahren aufgegeben haben,
auch nur anzudeuten, mich
besuchen zu wollen.
Einige kenne ich seit Jahrzehnten, und sie
wissen nicht einmal,
wo ich wohne.
Es gibt einfach vieles, was
ich nicht verstehe.
Nicht verstehen will.
Was für eine Vergeudung von
Zeit – Muße – Ruhe – Gedanken!

Und wie grauenvoll wäre es erst,
sich in solch einen Menschen
zu verlieben!

Aber das ist
eine andere Geschichte …..