Tagesarchiv: 6. April 2012

»Guten Morgen«

Früher Morgen.
Der Junge saß am Schreibtisch seines
toten Vaters & las.
Er hatte die ganze Nacht dort
gesessen & gelesen.
Ferien.
Es war warm; die Sonne schien,
und die große gläserne Schiebetür zum Garten
war geöffnet.
Nur die Vögel waren zu hören.
Alles sonst schien zu schlafen.
Hin & wieder blickte der Junge von seinem
Buch auf, um die Augen zu entspannen.
Betrachtete eine Amsel, die auf der hohen Gartenmauer saß;
die verwaisten Gartenmöbel,
Löwenzahnsamen, der durch die Luft flog.
Er roch das Gras, das er am Vortag gemäht hatte.
Dann las er weiter.
An das Buch würde er sich später
nicht mehr erinnern können.
Irgendwann – ja,
irgendwann betrat die nackte Frau den Garten.
Sie kam durch eine Tür an der kürzeren Seite des Bungalows.
Der Bungalow war wie ein L geschnitten. So etwas erfindet man nicht.
Barfuß ging die Frau über den Rasen. Der Junge
sah sie von hinten; sah
wie sie sich, am Tisch angekommen, leicht
vorbeugte, um sich eine Zigarette
aus der Packung zu nehmen. Aus der Packung, die er
zwar bemerkt, aber für leer gehalten hatte.
Die Sonne schien hell. So hell.
Die Frau richtete sich wieder auf,
und als sie sich umdrehte, schaute der Junge
rasch in sein Buch, das auf dem Schreibtisch lag.
Ganz kurz nur. Dann
hob er es an; langsam
höher
höher.
Er blickte vorsichtig über das Buch, über seinen Rand hinweg –
nein,
sie hatte ihn nicht bemerkt.
Aber sie kam auf ihn zu. Näherte sich der
Schiebetür, genauer: sie näherte sich
der großen Öffnung, die dort war, wo sich
normalerweise die Tür befand.
Der Junge schaute.
Der Junge begriff
sie
mit seinem Blick.
Spiel der Bewegung
Spiel des Lichts
Leichtigkeit & Grazie
Swing.
Und jetzt? JETZT JETZT…. wenn sie…. falls sie….
sie SIE SIE…. kommt…. kommt näher…. was?

Er legte das Buch erneut auf den Tisch,
schaute erneut auf die Seiten,
und die Frau betrat das Zimmer.
Der Junge wartete auf ihren
Guten-Morgen-Gruß.
Herzschlägelang.
Der Gruß kam nicht, also
wagte er den Blick….
Sie hatte das Zimmer durchquert, leise, auf nackten
Füßen, so leise, so nackt – so neu, diese
Nacktheit…. Und sie öffnete
die Tür zum Flur.
Da sagte er:
»Guten Morgen.«
Ihr Erschrecken schien echt; sie
blickte sich um, blickte ihn über ihre Schulter hinweg an – &
begann
zu lachen.
»Oh«, sagte sie, »guten Morgen. Ich
hab dich gar nicht gesehen. Ich dachte,
es schlafen noch alle.«
Eine leichte Röte in ihrem Lächeln,
(vielleicht nur eine Spiegelung seiner eigenen?)
im Licht der schräg scheinenden Sonne…..
Schon im nächsten Moment war die Frau
aus dem Zimmer gegangen.
Als wäre nichts gewesen. Als wäre sie nicht gewesen.
Fort. Doch er hätte ohnehin nichts sagen können.
Die Freundin seines großen Bruders – wie weit
voraus & fern sie ihm doch erschien. Mit ihren
17 Jahren. So fern. Und doch
würde niemand ihm je so nahe kommen, je so nahe
gehen & sein in seinem künftigen Leben – wie sie.
Ihr Name begann mit einem L. So etwas erfindet man nicht.
Der Junge klappte das Buch zu,
ohne das Lesezeichen hineinzutun; und
ich fragte mich, ob sie mich
wirklich
nicht
bemerkt hatte.
Die Antwort war
unwichtig.
Später.
Als ich sie erfuhr.