Früher Morgen.
Der Junge saß am Schreibtisch seines
toten Vaters & las.
Er hatte die ganze Nacht dort
gesessen & gelesen.
Ferien.
Es war warm; die Sonne schien,
und die große gläserne Schiebetür zum Garten
war geöffnet.
Nur die Vögel waren zu hören.
Alles sonst schien zu schlafen.
Hin & wieder blickte der Junge von seinem
Buch auf, um die Augen zu entspannen.
Betrachtete eine Amsel, die auf der hohen Gartenmauer saß;
die verwaisten Gartenmöbel,
Löwenzahnsamen, der durch die Luft flog.
Er roch das Gras, das er am Vortag gemäht hatte.
Dann las er weiter.
An das Buch würde er sich später
nicht mehr erinnern können.
Irgendwann – ja,
irgendwann betrat die nackte Frau den Garten.
Sie kam durch eine Tür an der kürzeren Seite des Bungalows.
Der Bungalow war wie ein L geschnitten. So etwas erfindet man nicht.
Barfuß ging die Frau über den Rasen. Der Junge
sah sie von hinten; sah
wie sie sich, am Tisch angekommen, leicht
vorbeugte, um sich eine Zigarette
aus der Packung zu nehmen. Aus der Packung, die er
zwar bemerkt, aber für leer gehalten hatte.
Die Sonne schien hell. So hell.
Die Frau richtete sich wieder auf,
und als sie sich umdrehte, schaute der Junge
rasch in sein Buch, das auf dem Schreibtisch lag.
Ganz kurz nur. Dann
hob er es an; langsam
höher
höher.
Er blickte vorsichtig über das Buch, über seinen Rand hinweg –
nein,
sie hatte ihn nicht bemerkt.
Aber sie kam auf ihn zu. Näherte sich der
Schiebetür, genauer: sie näherte sich
der großen Öffnung, die dort war, wo sich
normalerweise die Tür befand.
Der Junge schaute.
Der Junge begriff
sie
mit seinem Blick.
Spiel der Bewegung
Spiel des Lichts
Leichtigkeit & Grazie
Swing.
Und jetzt? JETZT JETZT…. wenn sie…. falls sie….
sie SIE SIE…. kommt…. kommt näher…. was?
Er legte das Buch erneut auf den Tisch,
schaute erneut auf die Seiten,
und die Frau betrat das Zimmer.
Der Junge wartete auf ihren
Guten-Morgen-Gruß.
Herzschlägelang.
Der Gruß kam nicht, also
wagte er den Blick….
Sie hatte das Zimmer durchquert, leise, auf nackten
Füßen, so leise, so nackt – so neu, diese
Nacktheit…. Und sie öffnete
die Tür zum Flur.
Da sagte er:
»Guten Morgen.«
Ihr Erschrecken schien echt; sie
blickte sich um, blickte ihn über ihre Schulter hinweg an – &
begann
zu lachen.
»Oh«, sagte sie, »guten Morgen. Ich
hab dich gar nicht gesehen. Ich dachte,
es schlafen noch alle.«
Eine leichte Röte in ihrem Lächeln,
(vielleicht nur eine Spiegelung seiner eigenen?)
im Licht der schräg scheinenden Sonne…..
Schon im nächsten Moment war die Frau
aus dem Zimmer gegangen.
Als wäre nichts gewesen. Als wäre sie nicht gewesen.
Fort. Doch er hätte ohnehin nichts sagen können.
Die Freundin seines großen Bruders – wie weit
voraus & fern sie ihm doch erschien. Mit ihren
17 Jahren. So fern. Und doch
würde niemand ihm je so nahe kommen, je so nahe
gehen & sein in seinem künftigen Leben – wie sie.
Ihr Name begann mit einem L. So etwas erfindet man nicht.
Der Junge klappte das Buch zu,
ohne das Lesezeichen hineinzutun; und
ich fragte mich, ob sie mich
wirklich
nicht
bemerkt hatte.
Die Antwort war
unwichtig.
Später.
Als ich sie erfuhr.
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»Guten Morgen«
Nachahmung
Natürlich lernt man durch
Nachahmung.
Die Frage ist nur,
was?
Als Kind war ich fasziniert davon,
dass meine Großeltern beim Abendbrot,
wenn die belegten Scheiben vor ihnen
auf dem Brett lagen,
die Rinden des Brotes in kleinen Abständen
mit der Messerspitze einritzten. –
Ich hatte keine Ahnung, warum sie es taten;
aber ich tat es auch – eine Zeitlang.
Vor dem Spiegel spielte ich Fernsehserien nach,
die mit dem Leben nichts zu tun hatten.
Als Jugendlicher – wenn mich ein Buch
fasziniert hatte – setzte ich mich sofort hin &
schrieb irgend etwas & kopierte dabei
nahezu exakt den Stil des Autors.
Inhalt interessierte mich nicht.
All das war leicht
gewesen.
Schwierig wurde es erst, als ich
als Erwachsener
versuchen sollte, ein
normales Leben, einen
normalen Lebenslauf
nachzuahmen.
Es gelang mir nicht.
Es gelingt mir nicht.
Und genau genommen, bin ich
froh darüber.
Schließlich habe ich irgendwann begriffen,
dass meine Großeltern
Dritte Zähne hatten &
nur deshalb die Brotrinden
einritzten.
Ich hatte & habe keine
Zahnprothese,
also was soll der Scheiß?
Stil ist mir immer noch
das Wichtigste, aber
ich hoffe, dass es mittlerweile
mein eigener ist, in dem ich
schreibe.
Und den Tod kriege ich auch hin,
ohne ihn nachzuahmen.
Lebensgestolper statt Lebenslauf
Karriere –
bekanntlich bedeutet dieses Wort auch: Galopp.
Meine Schulkarriere bewegte sich eher wie ein
Gaul, der beim Militaryreiten ernsthaft verletzt worden ist.
Nach den Grundschulen (2 Stück) kam das
Neusprachliche Gymnasium. Ein paar Jahre, und man
hielt es für besser, mich da wieder runterzunehmen
(„In Anbetracht der Umstände, Tod des Vaters etc., wären
wir bereit, die Fünfen in Vieren umzuwandeln, sofern
er die Schule verlässt.“)
Ok. Es folgte die Realschule. Und ungefähr 200
Fehlstunden. Ich schlief meist tagsüber, schon damals.
Die Erziehungsversuche meiner Mutter liefen ins Nichts.
Nach einem Jahr kam der gloriose Abgang wegen
eines weiteren Umzugs – mit dem schlechtesten Zeugnis,
das es an dieser Schule je gegeben hatte (2 Sechsen, 4
Fünfen & ein paar Vieren). Und bei Sport stand grundsätzlich
in allen Zeugnissen:
Nicht erteilt.
Nach dem Umzug hatte ich gar keine Lust mehr. Ich
unterlag aber noch 1 Jahr lang der Schulpflicht. Was tun?
Ich ging einmal pro Woche zur Berufsschule – ohne Lehre,
ohne Berufswunsch. Die übrige Zeit lag ich im Bett &
las. Oder machte Musik. Keine Ahnung, was für Ausbildungen
die anderen machten.
Ich war ohne Abschluss.
Nächster Umzug. Jobs drohten. ‚Dann doch lieber Schule’,
dachte ich.
Also, ab auf die Hauptschulen (2 Stück). Mit einer kleinen
Pause zwischen den beiden, versteht sich. Oder auch nicht so
klein; immerhin standen eines Tages, als ich von einem
nächtlichen Spaziergang zurückkam, Direktor & Hausmeister
der neuen Schule vor der Wohnungstür, um mich herzlich ein-
zuladen, am Unterricht teilzunehmen. „Und übrigens“, sagte
der Direktor zum Schluss, „Rauchen ist auf dem Schulgelände
nicht erlaubt.“ Ich nahm noch einen Zug. Er grinste.
Diesmal gab es keine Fünfen oder Sechsen. Aber es gab ja auch
nach wie vor keinen Sport (da ich den Direktor, der mich
irgendwie mochte, davon überzeugen konnte, dass das nichts für mich sei).
Unmittelbar vor dem 4. Umzug innerhalb eines Jahres hatte ich nun
also den Hauptschulabschluss. Einen mittelprächtigen. Und noch
immer keine Lust auf einen Job. Eine weitere Schule musste her,
für den nächsten Abschluss.
Handelsschule. – Die einzige Schule, auf der ich etwas lernte, das
wirklich nützlich war: nämlich mit 10 Fingern zu tippen.
Niemals meldete ich mich, und fast niemals machte ich Haus-
aufgaben; es wurde toleriert, weil meine schriftlichen Leistungen
gut genug waren. Nebenher schrieb ich schmutzige Spottgedichte
auf die Lehrerschaft, die bei den Mitschülern sehr beliebt waren.
Schließlich hatte ich einen Abschluss. Einen Abschluss, der
dem Realschulabschluss entsprach, den ich vor Jahren ….
na egal, Schwamm drüber.
Der Direktor überreichte mir ein Buch mit persönlicher Widmung,
da ich der Jahrgangsbeste war. Sogar in Mathematik. Guter Witz.
Punkt. Absatz.
Ich liebe die Bequemlichkeit. Und das Bequemste war,
einfach weiterzumachen. Das bedeutete:
Wirtschaftsgymnasium.
Das Thema interessierte mich nicht, aber dies Gymnasium befand
sich im selben Gebäude wie die Handelsschule. Und ich liebe ja –
aber das sagte ich schon. Außerdem hielt sich die Zahl der neuen
Gesichter in Grenzen, da die Lehrer größtenteils dieselben waren.
Das bedeutete, ich musste kaum weitere Spottgedichte schreiben.
Die Zeit dümpelte so dahin.
Am Ende stand das Abi. Nicht das beste, aber ich hatte ohnehin
nichts damit vor.
Ich war 21 Jahre alt.
Danach –
kam erstmal eine Pause.
Aber das ist
ein anderes Thema.
Ich stolperte weiter.
Das Fingerschnippen
Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.


