Tagesarchiv: 13. November 2013

Das Albtraumhaus

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Versteckt
in einem verwilderten Garten;
umrankt von

Phantasien
Ängsten
& Faszination.

Meines lag am Ende der Straße,
das eigentlich kein Ende war – nur
eine Biegung, wo die Straße einen anderen Namen bekam.
Kaum sichtbar war es,
hinter Hecken, die hinter einem verfaulten Zaun wucherten,
hinter Bäumen, die so gigantisch waren, wie sie es nur
in der Kindheit sein können.

Wir Kinder wussten
nicht, wessen Adresse dies gewesen war.
Unsere Vorstellungen lebten darin.
In kahlen kalten Räumen voller Staub
& huschendem Getier; in der Geräuschkulisse
der raschelnden Blätter, die der Wind durch die zerbrochenen Fenster
des oberen Stockwerks ins Innere geweht hatte.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück.

Das Gartentor knarrte & quietschte wie ein antikes Klischee.
Wege waren Vergangenheit; Alles war
überwachsen.
Ein umgekippter Teich trübsalte stinkend unterm Algenteppich;
ich erzählte eine Geschichte von ruhelosen Toten, die
unter dem Garten wohnten, man müsse nur
in den Teich springen, um sie zu besuchen.
Die Anderen lachten
mit Gänsehäuten.

Einer Frau aus Stein fehlte das halbe Gesicht.
Alles wirkte wie erfunden.
Und war doch greifbar.

»Gehen wir rein?« fragte einer.
Er meinte das Haus.

Groß & grau & verwittert
schien es lebendiger
als die Natur ringsum.

Die unteren Fenster waren mit Brettern vernagelt.

»Es könnte einstürzen«, sagte ein anderer.

Eine ausladende Treppe führte einige Stufen aufwärts
zum Eingang. Niemand wollte ein Feigling sein. Das
Geländer war zerbrochen. Ein Trauerflor
aus schwarzem Schimmel hatte sich über die Ränder der Tür
gebreitet. Ein großes Netz reichte vom Türknauf aus Schmiedeeisen
bis zur Ecke des Rahmens links oben; gelb & schwarz gestreift
hing die Spinne in ihrer Vorratskammer.

»Das ist eklig«, sagte ichweißnichtwer. »Ich geh da nicht rein.«

Niemand wollte ein Feigling sein.
Und doch sagte niemand etwas
dagegen.

Und selbst wenn wir es gewollt hätten,
wären wir nicht hineingekommen –
redeten wir uns ein.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück

in der Wirklichkeit.

Wie oft
ich in meinen Träumen dort war,
kann ich nicht sagen.

Nachts blickte ich in die Innenräume,
denn nachts steckte immer ein Schlüssel im Schloss;
oder die Tür war angelehnt &
das Netz zerrissen.
Ich fühlte, die Spinne war da –
aber ich sah sie nicht.
Das Herz schlug
wie eine wahnsinnig gewordene Uhr,
und manchmal ahnte ich,
dass Bela Lugosi im Nebenzimmer auf mich wartete.

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Doch
nicht jeder weiß davon.

Nicht jeder träumt davon.

Niemals
wird das Haus, in dem ich heute lebe, so sein
wie dieses Haus meiner Kindheit.

So schön,
so verborgen,
so geheimnisvoll.

Aber es wohnen Menschen in meiner Nähe,
die es für verlassen halten.
Für unbewohnt.

Und das ist schön.

Vielleicht
träumt irgendwo
ein Kind
von meinem Haus;

träumt sich hinein
in meine Räume.

Vielleicht
ist es gerade
hier

irgendwo.

Und ich
bin die Gestalt
im Nebenzimmer.