Tagesarchiv: 30. Juli 2013

Der hässliche Mann & die Musik

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Das Türglöckchen erzitterte – 440 Hertz. Da er die Wahl hatte, setzte sich der Mann an den Tisch, an den er sich schon immer gesetzt hatte. Dass er die Wahl hatte, war der Grund für die bevorstehende Schließung des Cafés. Die endgültige Schließung. Auch heute war er der einzige Gast. Manchmal war er sich unsicher: Kam er hierher, weil er hier kaum auf Menschen traf, oder traf er hier kaum auf Menschen, weil er hierher kam? Er erinnerte sich kaum noch, wie es anfangs gewesen, er erinnerte sich nur daran, was ihm als erstes aufgefallen war – & was ihn bleiben ließ:
Es gab in diesem Café – keine Musik.
Runde Tische für jeweils 2 bis 3 Niemande. Kalte Beleuchtung. Trübe Fensterscheiben. Das Röcheln veralterter Kaffeemaschinen. Spuren von Nachlässigkeit auf dem Fußboden. Werbende Spiegel an den Wänden. Und keine Musik!
Er brauchte nichts zu bestellen; sobald er saß, brachte man ihm die erste Tasse. Die einzig verbliebene Bedienung – eine Frau, die immer müde aussah – war gleichgültig. Sie war ihm gleichgültig, er war ihr gleichgültig, ihr schien alles gleichgültig. Das gefiel ihm. Und sein Anblick löste nichts mehr aus. Kein Zucken, kein Zögern, kein betontes Wegschauen. Nichts.
Was den Mann so hässlich machte, war seine Haut. Ein Relief warzenähnlicher Erhebungen, die keine Warzen waren. Dicht an dicht. Wachsend. Und sie waren überall. Auf seinen Wangen, seinen Lippen, auf seinem kahlen Schädel, an jeder Stelle seines Körpers. Selbst auf seinen wimpernlosen Augenlidern, die immer schwerer wurden. Das ganze Ausmaß seiner Hässlichkeit konnten die Menschen nur erahnen. Die Menschen, die bloß sein Gesicht, seine Hände & – manchmal, im Sommer – seine Unterarme sahen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.
Er trank seinen Kaffee, betrachtete die Tischplatte – & dachte beinahe ….. nichts.
Tagtäglich verließ er zu exakt derselben Zeit seine Wohnung, um hierher zu kommen; als hätte er eine Arbeit zu verrichten. Als hätte man ihm eine Arbeit gegeben. Ausgerechnet ihm! Er war froh, keine zu haben, und das Verlassen der Wohnung war nur eine Flucht, eine kurze Ausflucht, ein Ausgang aus dem Verließ. Fort aus der geordneten Umgebung seiner ungeordneten Süchte & Sehnsüchte.
Passanten passierten wie unbedeutende Missgeschicke, wenn er – den Blick auf die Fugen zwischen den Gehwegplatten gerichtet – Distanzen in der Außenwelt zurücklegte.
Die Innenwelt war seine Wohnung. Die Wohnung war seine Innenwelt. Die Erweiterung seines Kopfes, die Nebenhöhle seiner Gedanken, die Herzkammer seiner Empfindungen. Und fast nie war sie musiklos. Allenfalls wenn er schlief. Unruhig schlief, wie immer. Im Chaos der gespeicherten Töne, der Melodien, der Harmonien; im Chaos verkratzter Schellackplatten, dem knisternden Vinyl seiner Jugend, kreisrunder Tonbänder & rechteckiger Cassetten, im Chaos der kaltsilbrigen CDs seiner Gegenwart – & der leise summenden Festplatten mit ihren ungezählten Discographien.
Dabei liebte er die Stille. Die Stille, die er nicht ertragen konnte. Und die Gefühllosigkeit, die ihn gelegentlich überkam, wenn keine Musik da war. Die Sehnsucht nach dieser Gefühllosigkeit war es, was ihn in das Café trieb. Immer wieder – obgleich er wusste, dass er sie nicht jedes Mal dort finden konnte. Denn wenn ab & an eine unbekannte Frau an einem der Tische saß, hörte er in sich eine Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Dann sah er sie wie in Töne gekleidet, und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit.
Symphonische Reizwäsche …… Kammermusikalische Dessous …… Jazzige Negligés …… Liederliche Korsagen …… Nocturnale Schleier …… – Doch am Ende bleibt: der Trauermarsch.
Er lachte. Oftmals. Über sich. Über sein Geschick, über sein Ungeschick. Über seinen Anblick, seinen Einblick, seinen Ausblick. Über seine Verzweiflung (die ihm oft zweifelhaft erschien). Über seine äußere Armut & seinen inneren Reichtum.
Seine Entstellung lebte im Jetzt. Alles was nicht entstellt werden konnte, lebte außerhalb der Zeit.

Erinnerungen.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war. Er hatte Freunde. Freunde, die irgendwo draußen spielten, während er drinnen vorm Plattenspieler saß. Stundenlang. In den kürzesten Stunden seines Lebens. Er setzte die Nadel an. Wie ein Süchtiger. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.
»Willst du nicht rausgehen?« fragte die Mutter. »Das Wetter ist so schön.«
Er verstand die Frage kaum. Und dass andere Menschen ein anderes Verständnis von Schönheit hatten, ahnte er schon damals. Was sie zum Beispiel ‚Schönes Wetter’ nannten, nannte er ‚Das Wetter der dunklen Brillen’.
»Nein«, sagte er. Obwohl er lieber geschwiegen hätte. Es war für ihn ein Verbrechen, in die Musik hineinzureden.
Manchmal dirigierte er. Mit einem Bleistift oder einer abgebrochenen Gardinenstange. Und bei Musikstücken, die ihm neu waren, glaubte er, die nächste Note immer schon zu kennen, bevor er sie hörte. Die Melodien schienen ihm natürlichen Gesetzen zu unterliegen, die transparent vor ihm lagen, während der Komponist sie vielleicht nur unbewusst befolgt hatte. So gewann er den Eindruck, dass er jede Tonfolge, die er jemals hörte, selber hätte komponieren können. Dieser Eindruck, der hauptsächlich eine Empfindung war, vermittelte ihm gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit & Macht; ein Gefühl, das ihn einerseits beglückte, andererseits jedoch maßlos verstörte, weil er außerhalb der Musik weder etwas Vergleichbares fand, noch empfinden konnte. Schon gar nicht dort draußen, wo die anderen spielten. Und wo er sich unsicher & machtlos fühlte. – Oder in der Schule, wo er ein Kind unter vielen war, ein Kind wie alle anderen zu sein schien; und wo Musik unterrichtet wurde – von Menschen, die nicht einmal ahnten, was er wusste. Oder zu wissen glaubte.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war.

Es dauerte nicht lange. Es hielt nicht lange an. Weil nichts lange dauert, und nichts lange anhält. Es sei denn – nach menschlichem Ermessen.
Die Nachmittage des Heranwachsens. Als seine Haut nicht mehr makellos war – & er gerade deshalb nicht hervorstach aus der Masse seiner pubertierenden Altersgenossen. Seine Akne glich der aller anderen. Dennoch sonderte er sich weiter ab von ihnen. Aus Gründen, die er nicht benennen konnte – damals nicht benennen konnte. Kontakte brachen ab – zu den Variablen seines Lebens: den Menschen. Die Konstante in seinem Leben blieb: die Musik. Ab einem ungewissen Zeitpunkt jedoch – einem Zeitpunkt der Ungewissheit – ahnte er nicht mehr, welche Note die nächste sein würde. Weil ihm klar wurde, dass keine bestimmte Note die nächste sein musste. Die Gesetze der Musik waren nicht natürlich; sie waren menschengemacht. Das Durchschauen eines Naturgesetzes – ja, das Naturgesetz selber war nur Illusion gewesen. Eine Illusion der Kindheit. Eine von vielen. Und ein Schauder durchfuhr ihn.
Doch dieser Schauder hatte auch sein Gutes. Es war nicht nur ein Schauder des Unheimlichen, Befremdlichen, sondern auch – & vielleicht vor allem – ein Schauder der Überraschung. Seine Erkenntnis überraschte ihn, und die Melodien & Harmonien überraschten ihn. Bei so manchem Tonartwechsel, der ihn früher nicht im Innersten hätte erschüttern können – da er der Überzeugung gewesen wäre, ihn vorausgesehen zu haben -, bekam er nun eine Gänsehaut. Die wohlige Gänsehaut des Unbekannten. Und er hätte es nicht mehr gewagt – zu dirigieren.

Die Nachmittage des Erwachsenen. Einige wenige Narben; Erinnerungen an Eiterbeulen. Kleine Schlaglöcher in der ansonsten glatten Haut. Nachmittage, die nach & nach zu Nachmitnächten wurden. Verwandte waren verstorben, Freunde verzogen, Liebschaften vergangen. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, war allein. Blieb allein. Mit der Musik. Die Schule hatte er abgebrochen. Er arbeitete als Nachtwächter, mal hier mal dort. Er soff. Was der Musik – beziehungsweise seinem Empfinden & Durchdringen der Musik – neue Dimensionen hinzufügte. Mit der Ginflasche in der Hand begann er zu tanzen; es war eine andere Art der Konzentration; eine körperliche Art – die er bis dahin stets gemieden hatte. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.

Intermezzo – Er denkt:
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Aber wie? Kurz, knapp, unsymphonisch. Telegrammatisch. Und doch voller Wiederholungen. Zeit raffend. Weglassend. Weg lassend. Eine Oper in 5 Minuten. Fragmente Fragmente Fragmente. Nur für mich. In der Dritten Person. Die Dritte Person, die ich bin. Die Ich ist. Und alle früheren beinhaltet. Morsen. Im perkussiven Alphabet, das ein Blinder verstehen kann. Ein Blinder, haha, das ist gut – Form & Inhalt werden eins. Wie in meinem Fall. Sie sind so schwer, meine Lider. So schwer. Wie lange werde ich meine Augen noch offenhalten können? Ach, egal. Ich kann hören. Kann blind tippen. Mit meinen genoppten Fingerkuppen. Und es muss nicht einmal einen Sinn ergeben. Für irgend jemanden. Nicht einmal für mich, für die Dritte Person. Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ohne Musik im Hintergrund. Ohne

Sehnsucht. Der Flaschengeist. Der Gin. Die körperliche Konzentration.
Als ihm die Haare ausfielen, war es ihm beinahe egal. Einzig die Art wie sie ihm ausfielen interessierte ihn. Das erkennbare Muster der Lücken; der Lichtungen. Kreisrunde Blößen. Es war zu der Zeit als er noch zu Ärzten ging. Also ging er zu einem Arzt. Der betrachtete die Stellen & setzte ein altertümlich anmutendes Gerät an, das mit raschen, gezielten Nadelstichen die Haarwurzeln anregen sollte. Dann hielt er ihm einen kurzen Vortrag über Autoimmunkrankheiten, machte ihm wenig Hoffnung & verschrieb eine Teertinktur zur äußerlichen Anwendung. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, fand das ‚Prinzip Autoimmunkrankheit’ faszinierend. Sich selber abstoßen. Sich selber bekämpfen. Als wohnte ein Anderer in einem selbst. Oder als ob das Selbst sich selber nicht erkennen würde. Dass der Arzt ihm wenig Hoffnung machte, war ihm gleichgültig. Die hatte er ohnehin. Außerdem würde er einem Menschen, der ihm mehr Hoffnung gemacht hätte, nicht geglaubt haben.
Und in der Tat: Es wurde nicht besser. Die kahlen Stellen wurden größer & zahlreicher; deshalb rasierte er sich den Schädel. Und als es ihm mit der Körperbehaarung ebenso erging, rasierte er sich von Kopf bis Fuß. Wie ein Mensch, der Wert auf sein Äußeres legt. (Bei diesem Gedanken musste er lächeln.)
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Jener Abend….. Im Herbst…..
Stunden auf dem Sofa. Dem Sofa, das nach Staub riecht. Er ist betrunken. Der Kopfhörer pumpt Musik in seine Gehörgänge. Flutende Wellen aus Noten, Wein & Gin umwogen sein Gleichgewichtsorgan. Ein staubflirrender Abendsonnenstrahl fällt durch einen Spalt in der Jalousie; durchstreicht den Raum & das künstliche Licht der Lampen. Unschärfe liegt über allem. Der unfokussierte Blick des Mannes zittert über die Dinge, die ihn umgeben. Streift eine der Märchenplatten seiner Kindheit. Eine der wenigen, die ihm geblieben sind. Ihr Dasein erinnert ihn an den Verlust all der anderen. Eine kurze Trauer bricht auf. Trauer über die eigene Unachtsamkeit, die eigene Gleichgültigkeit & die Zufälle des Lebens. Die Zufälle mit ihrer Folgerichtigkeit. Rotkäppchen & der böse Wolf. Durchmesser: 17 – Upm: 33 ⅓. Eine Single mit der Geschwindigkeit einer LP. Ein Zwischending – nicht ganz das Eine, nicht ganz das Andere. Und er hört kaum mehr die Musik, die von außen kommt. Hört: die Musik in ihm; eine Erinnerung ….. Die einleitende Melodie des Märchens ….. Hört: den schaurigen Wandel von Dur zu Moll, den Wandel, der das Abweichen des Mädchens vom rechten Wege perfekt vertont. Das Kind auf verschlungenen Wegen – hin zum Tier – das es verschlingen wird. Und die Gänsehaut schlägt aus …. auf seinen Armen …. seinen Beinen …. seinem Oberkörper …. Ein Horror, den er glaubte vergessen zu haben, fließt wie ein geschwärzter Albtraum durch seine Blutgefäße …. Verlorenes, Niegehabtes & die Sehnsüchte danach …. Sehnsüchte, die nach den verbrannten Wunschzetteln eines Kindes riechen ….. Des Kindes, das er einst gewesen war …. Des Kindes, das die Herrschaft über die Musik besessen hatte ….
Und er schläft ein.

Kurz nur. So kam es ihm vor. Und so war es wohl auch. Die auf Zufall geschaltete Endlosschleife schien wie verknotet. Verheddert zwischen Synapsen. Als er sich aufrichtete, schmerzte sein Rücken. Er setzte die Kopfhörer ab; legte die Musik neben sich auf das Sofa, das nach Staub roch. Schwindel kreiste. Und ein Frösteln, das nichts mit Kälte zu tun hatte, war in ihm. Auf ihm. Auf seiner Haut. Dieser Haut, die …. Mit der linken Hand strich er über seinen rechten Unterarm. Gänsehaut. Die sinnlose Gänsehaut des Haarlosen. Gänsehaut als Selbstzweck. Evolutionsmüll. Entfremdet. Er rieb den Unterarm, um ihn zu wärmen – zu glätten. Und man weiß nie, dachte er, ist es Kälte …. oder Gefühl. Oder beides. Von außen betrachtet jedenfalls. Dieses Außen, wo die Anderen sind. Und wo ich bin, für die Anderen. Er rieb. Weiter. Fester. Spürte in seiner glatten Handfläche das Aufgerauhte seines Armes.

Dies war der Beginn gewesen. Der Beginn der Gänsehaut, die nicht mehr verschwand. Der Gänsehaut, die stehengeblieben war in einem Augenblick erinnerter Musik. In einer Erinnerung an Kindheit, Wandel & Verlust.
Es war leicht gewesen, sie zu verbergen – am Anfang. Er war zu Ärzten gegangen; die Ärzte hatten ihre Ratlosigkeit eingestehen müssen – am Ende. Nichts hatte geholfen. Nichts half. Er hasste die Ärzte für seine Krankheit. Und eine Krankheit war es doch. Sicherlich. Obwohl …. Manchmal hatte er seine Zweifel. Niemand kannte dieses Phänomen. Manchmal nannte er es – in seinem Innersten – seine Gesundheit. Und er lachte.

Der Verlauf war schleichend. Über viele Jahre hinweg. Die Gänsehaut wuchs; zunächst in die Höhe. Sie wuchs unter dem Einfluss der Musik. Unter dem Einfluss der Musik, von der er nicht lassen konnte. Er versuchte es immer wieder. Schaffte es vielleicht einige Tage ab & an; unter den Qualen der Stille. Der vermeintlichen Stille, die er liebte – & die er doch nicht ertragen konnte. Sie war vermeintlich, weil sie nicht in ihm war – vermeintlich, weil die Erinnerung an bestimmte Melodien & Harmonien ihn nie zur Ruhe kommen ließ – & die Erinnerung an die Musik den gleichen Klang & oft denselben Wert hatte wie die Musik selber.
Schließlich breitete die Gänsehaut sich aus. Bewucherte nach & nach seinen ganzen Körper. Bis hin zur Schädeldecke. Gesicht, Augenlider, Lippen, Genitalien – nichts blieb unentstellt. Partien, die im Normalfall nicht betroffen werden, wurden betroffen. Die Brauen fielen ihm aus; dann verlor er die Wimpern. Sein Bartwuchs, der immer schon spärlich gewesen war, hörte auf zu existieren.
Und da es möglich war, noch zurückgezogener zu leben als er es bereits getan hatte, lebte der Mann noch zurückgezogener. Der Alkohol, beziehungsweise der Zustand, in den dieser ihn versetzte, begann ihn zu langweilen; also beendete er die Sauferei von einem Tag auf den anderen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Sein Platz, den er – im Stillen – ‚mein Platz’ genannt haben würde, wenn er in solchen Begriffen gedacht hätte, war nicht frei. Eine Frau saß dort. Eine Unbekannte. Eine Fremde. Sie trug eine dunkle Brille. Ein Buch lag geschlossen neben ihrer Kaffeetasse; in einem neutralen Schutzumschlag, der wie von einem Kind gebastelt aussah. Der hässliche Mann setzte sich zwei Tische weiter auf einen Stuhl, von dem aus er die Frau hätte beobachten können. Sie waren die einzigen Gäste. Die gleichgültige Bedienung bediente ihn unaufgefordert. Er schüttete seine übliche Überdosis Zucker in den Kaffee & rührte um. Kreisende Bewegung …. Das KlingKling! des Löffels …. Und der Mann: in Gedanken.
So sieht das also aus, wenn jemand dort sitzt, wo ich sonst sitze. Von woanders aus betrachtet. Nur nicht so hässlich, haha. Seltsam, kann mich gar nicht erinnern, dass dort jemals jemand gesessen hätte…. Eine Frau. Nicht glotzen, bloß nicht. Gut, dass meine Lider so schwer sind. Wann hatte ich zuletzt? Nicht drüber nachdenken. Ja, klar, wenn man denkt ‚nicht drüber nachdenken’, ist es schon zu spät. Schon passiert. Aber es sind ja nur Zahlen …. Jahreszahlen …. Ziffern, in denen man Zeiträume mißt. Räume durchmessen …. durchschreiten …. Zeiträume, in denen man so einsam ist, dass man nur das Geräusch der eigenen Absätze hört. Musik, Takt – & ein Echo, das es ohne Mauern nicht geben würde. Bitter. Mehr Zucker. Die könnten die Maschine auch mal wieder reinigen. Na gut, lohnt sich vielleicht nicht mehr. Leise rühren. Sie trinkt auch nur Kaffee. Einfachen Kaffee, keinen modischen Schnickschnack. Scheint hübsch zu sein …. aber wie soll man sicher sein, wenn man die Augen nicht …. Wetter der dunklen Brillen …. Nein, nun wirklich nicht, weder hier noch draußen. Wolkenbezug im Himmelbett. Beziehungsweise Niederschlag. Das Blau ihres Rockes erinnert mich…. ich weiß nicht, woran. Der Saum – ein Traum. Fließend. Wie ein Übergang. Ein. Über. Gang. Wohin?
Waren dies die Gedanken des Mannes? Wahrscheinlich. Diese – oder ähnliche – oder ganz andere.
Der Regen klang nach rohen Erbsen in einem Sieb. Einem Sieb, das ein Unbekannter schüttelte. Sie saßen nur da & tranken ihren Kaffee. Der hässliche Mann & die Frau. Die ihr Buch nicht berührte. Er wartete auf die Melodie in seinem Kopf; die Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Doch sie blieb aus. Wie in Stille gekleidet saß sie da; und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit. Einmal mehr. Und mehr als je zuvor.
Zeit verging. Wer würde zuerst gehen? Der Mann hätte sie gerne gehen gesehen. Gesehen, wie sie sich bewegte, wenn sie aufstand & ging. Den Fall ihres Rockes, die Bewegung ihrer Beine, den Schwung ihrer Waden. Den Sound ihrer Schuhe hätte er gerne gehört….. Und doch – er wollte nach Hause. Sofern er zuerst das Café verließe, wäre es ihm möglich, sich vorstellen, dass sie noch immer dort sein würde, wenn er zurückkäme. Am nächsten Tag – oder irgendwann. Er würde es nicht glauben, aber träumen. Das genügte. Ihm.
Also ging er.
Um wiederzukommen. Am nächsten Nachmittag. Über feuchte Gehwege hinweg, den Blick auf die glänzenden Fugen zwischen den Platten gerichtet. Es war ein weiterer Nachmittag, da sie an der Stelle saß, die er am Vortag eingenommen hatte. Am Vortag war es ebenso gewesen, obgleich es sich doch um unterschiedliche Plätze handelte. Dies dachte der Mann. Und lächelte, während er sich hinsetzte, wo sie gesessen hatte – auf seinen alteingesessenen Platz. Zwei weitere Gäste an anderen Tischen; Stammgäste wie er. Wieder lag ein geschlossenes Buch neben der Kaffeetasse der Frau; vielleicht dasselbe Buch, vielleicht ein anderes im selben Schutzumschlag. Derselbe Rock; dieselbe dunkle Brille. Dieselbe Sehnsucht, sie gehen zu sehen. Und der Wunsch, sie würde bleiben bis er wiederkäme.
Tag für Tag.
Nur Einsamkeit kann so an Fremden hängen.
Und nachts pumpten die Kopfhörer Musik in seine Gänsehaut. Und die Gänsehaut warf gezackte Schatten im künstlichen Licht – auf die Rauhfasertapete, deren Muster er auswendig zu kennen glaubte, da es unveränderlich war. Wieviele Nächte hatte er die Wände angestarrt….. Die Wände im papierenen Kostüm. Weiße Projektionsfläche seiner Phantasien. Innere Bilder auf immergleichem Muster. Und das Muster prägte sich ein; prägte sein Unterbewusstsein. Rauhe Oberflächen hinterlassen den tiefsten Eindruck – bei Berührung.
Welche Musik mag die Tapete gehört haben, bevor ich sie kaufte? Er lachte. Leise in sich hinein. Ich lache leise in mich hinein…. In wen auch sonst? Er dachte. An die Frau. Die Unbekannte. Die Fremde. Spielte mit ihr. In Gedanken. Stellte sie sich vor. Stellte sich ihr vor. In seiner Vorstellung. Fantasierte sich eine Realität zusammen, in der sie gemeinsam die sichtbare Welt belächelten.
Am folgenden Tag war sie nicht da. Und für ihn war ihre Abwesenheit bereits ein Fehlen. Er sagte nichts, fragte nichts, saß allein, rührte um, trank & kam sich albern vor. Seine Empfindungen, seine Gedanken kamen ihm albern vor.
Vielleicht hat sie sich nur verspätet. Vielleicht kommt sie noch. Und überhaupt – was heißt ‚verspätet’? Wer Termine hat, kann sich verspäten; wer feste Zeiten hat, kann sich verspäten – ich würde mich verspäten, wenn ich nicht Punkt 16 Uhr das Türglöckchen zum Bimmeln brächte…. Aber sie…. ist vielleicht frei. Kann kommen & gehen, wie es ihr beliebt….. Ich könnte das auch. Aber ich kann es eben nicht. Ich bin nicht frei. Ich folge Gesetzmäßigkeiten. Gesetzmäßigkeiten, die ich nicht durchschaue. Ein Sklave. Ein hässlicher Sklave, haha. Ja, vielleicht kommt sie noch. Und dann brauche ich nicht zu warten, bis sie geht, um zu sehen, wie sie geht. Bewegung, Schwung, Sound, der Swing des blauen Rocks……
Doch sie kam nicht. Und er ging. Bevor die Dunkelheit, die nun in ihm war, sich über die Straßen senkte.

Nächte, Nachmittage, Rituale, Fugen, Löcher, Tonarme, Geräusche, Klang, Melodien, Harmonie, Leere, Sehnsucht, Fremdheit, Schmerz, Humor, Gelächtertränen, Einsamkeit & Träume…..
Und die dritte Person, die in meiner Wohnung sitzt & lauscht, bin ich.
Morgen…..
Morgen wird sie wieder da sein.

Allein – das Einzige, das am folgenden Tag dort war – war ihre Abwesenheit. Und die Gefahr, dass er sich daran gewöhnen würde.
Jetzt hing ein Zettel an einer der trüben Fensterscheiben. Darauf ein Datum. Das Datum der Schließung. Es blieben ihm noch 2 Wochen. Die letzten Wochen eines alten Rituals. Er würde sich umschauen müssen nach einem anderen Café, das seinen Bedürfnissen entsprach. Er hasste den Gedanken daran; und er wusste, dass er es nicht tun würde, bevor ihm die Tür mit jener Klinke, die sich im Laufe der Jahre auf wundersame Weise seiner Hand angepasst zu haben schien, endgültig verschlossen blieb. Und beinahe ebenso sehr hasste er den Gedanken, sich von der Bedienung – der gleichgültigen Frau, die immer müde aussah – verabschieden zu sollen; ein peinlicher Moment, der ihm bevorstand, so wie es ihm meist peinlich war, wenn er sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten glaubte beugen zu müssen.
Zwei Tage später saß sie wieder auf seinem Stammplatz. In einem roten Rock, der etwas kürzer war als der blaue. Das Glöckchen zitterte nach – 440 Hertz. Das Röcheln der veralteten Maschinen erinnerte mehr denn je an letzte Atemzüge. Ein staubflirrender Sonnenstrahl leuchtete auf einer weißen Bluse. Und die dunkle Brille schien endlich einen Sinn zu haben. Es war dieselbe Brille wie immer. (Wie immer! Das klingt, als wären Jahre vergangen. Als wären wir Alte Bekannte. Zumindest Alte Bekannte vom Sehen. Nun – wer weiß…. Ich habe die Zeit nie begriffen. Als existierte ich außerhalb ihrer Räume….) Ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Neben der Kaffeetasse. Die Frau las darin. Ihre Fingerkuppen eilten über die Zeilen. Weiß & erhaben waren diese Zeilen, und die Haut der Frau erspürte deren Inhalt.
Der hässliche Mann setzte sich dorthin, wo er noch nie gesessen hatte, nur einen Tisch von der Frau entfernt. Er hatte sich vorgenommen, noch kurz vor dem Ende des Cafés alle Plätze darin auszuprobieren; eine Idee, die ihm bis dahin nie gekommen war. Er beobachtete die Frau – & war nicht überrascht. Natürlich nicht. Er war beinahe so wenig überrascht, wie er damals – in seiner Kindheit – von Melodien & Harmonien überrascht gewesen war. Damals – als er geglaubt hatte, Gesetzmäßigkeiten durchschauen zu können, die es gar nicht gab. – Er beobachtete die Frau nicht anders als zuvor. Ebenso zurückhaltend, ebenso unaufdringlich. Als hätte sie ihn sehen können.
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Und sie könnte es lesen. Mit ihren Fingerspitzen. Spüren – mit ihrer Haut, die so glatt erscheint….. So glatt, wie Haut nur erscheinen kann, wenn man sie mit bloßem Auge betrachtet. Sie würde zwischen den Zeilen lesen, zwischen den Zeichen, würde die Räume zwischen den Erhabenheiten ertasten – die Zwischenräume, die ihr das Lesen erst ermöglichen. Wie schwer meine Lider sind! Ja, ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ein Happy End könnte ich erfinden. Ein Ende, welches das Schreiben unnötig machte; und das Papier überflüssig. Sie würde – meine Haut lesen. Mein Innerstes im Äußeren. Mein Leben lesen. Meine Krankheit. Meine Gänsehaut – die Blindenschrift der Musik. Das Buch meiner Erinnerungen. Das Buch mit dem erfundenen Happy End – ich finde sie, sie findet mich, wir finden uns – erfinden uns – neu…… Und man müsste es glauben. Wie ein Kind. Dieses Ende. Dieses glückliche Ende…..

Dieses Ende, das ich
nicht
schreiben
kann.