Tagesarchiv: 9. August 2020

Die vertauschten Köpfe

Also, ich habe ja diese zweibändige Ausgabe
mit Werken Eduard von Keyserlings.
Auf den Umschlägen der Bücher
& des Schubers ist aber ein ganz anderer
Keyserling abgebildet.

Ich gebe zu,
der Eduard war extrem hässlich
(seine Freunde nannten ihn Todchen).
Der Mann auf den Umschlägen
sieht gut aus. Zumindest besser.

Immerhin: ein Philosoph.
Es hätte schlimmer kommen können.
Aber alles hat seine Grenzen.
Vor allem das Verlagswesen.
Zensur der Gesichter.


Unbegreiflich

Immer leichter fühle ich mich,
und irgendwann werde ich abheben,
wenn keine Erinnerungen mich mehr am Boden halten.
Die letzten Bilder, Worte, Filme
in den Köpfen derer, die mich kannten,
werden verschwunden sein.

Das ist doch Unsinn.
Sie können nicht Alle überleben,
die Sie kannten. ICH kenne Sie,
und Sie sind so viel älter als ich.

Niemand lebt mehr,
der mich als Kind gesehen hat.
Also muss ich mir selber glauben,
dass ich ein Kind gewesen bin;
niemand kann es bezeugen.

Das können Sie nicht wissen.
Und außerdem: gibt es keine Fotos?

Ach Gott, wollen wir uns auf dieses Niveau begeben?
Fotos! – Hatten Sie nie diese Gedanken?:
Es gibt eine Zeit, da ist man überall.
Gespiegelt, erinnert, gesehen, gehört,
vervielfältigt. All das
vergeht. Stirbt. Am Ende
existiert man nur noch
in sich selbst.
Ohne Verbindungen.

Ich wusste nicht,
dass Ihnen DIE ANDEREN so wichtig sind.

Ich rede doch nur von mir.

Das ist mir auch schon aufgefallen.

Ich bin eine Geistererscheinung
in den Anderen. Wenn die Anderen sterben,
bleibt nur das Greifbare – und das Greifbare
ist so gut, ist so schlecht wie Nichts.

Sind Sie lieber eine Erscheinung als Sie selbst?

Hören Sie auf Fragen zu stellen, sonst
muss ich alles bezweifeln, was ich sage.

Sie denken nur an diejenigen,
die Sie auch kennen oder kannten, an diejenigen,
die Sie selber wahrgenommen haben.
Vielleicht sind Sie einmal an einem Genie vorbeigegangen,
dem sich Ihr Bild eingebrannt hat. Vielleicht auch
gibt es Sie in einem Buch, und Sie wissen es nicht.

Sie wollen mich trösten. Als wäre ich
nicht ganz bei Trost. Das ist nett,
aber sinnlos.

Der Postbote kennt Ihren Namen.

Ist das mein Name?
Er wurde mir gegeben.
Vielleicht gehörte er jemand anderem.

Es geht Uns Allen gleich.

Von außen betrachtet,
aber da bin ich nicht.

Vielleicht werden Sie irgendwann da sein.

Ich bliebe lieber hier.

Aber

Bitte lassen Sie mich

hier

bleiben!

Gefällt es Ihnen denn so gut hier?
Das wusste ich nicht.

Nein.

 

 

 

Was denken Sie?

Nichts Nichts Nichts.
Ich betrachte nur
die Parallelen auf dem Fußboden.

Das sind bloß Schatten.

Meinen Sie,
das wüsste ich nicht?
Die sind das Schönste
an der Abendsonne.

Möchten Sie spazierengehen?

Nicht in dieser Welt.
Lassen Sie mich
schlafen.