Tagesarchiv: 12. April 2011

Ich bin so alt

Ich bin so alt, dass ich mich erinnern kann, wo mein Vater bei der ersten Mondlandung war. Er war bei einer seiner Freundinnen, während meine Mutter außer sich war. Damals wohnten wir noch in einer Gegend, wo es keine Brücke in der Nähe gab. Später lief meine Mutter bei solchen Gelegenheiten immer zur nahegelegenen Autobahnbrücke (natürlich erst, wenn mein Vater wieder zurück war), und einer meiner großen Brüder mußte ihr nachlaufen, um sie zurückzuholen. Er fand das irgendwann langweilig.
Später auch brachte mein Vater seine Liebste mit nach Hause. Sie schlief dann – nach angemessenem Theater – mit meinen Eltern im Ehebett. Ich mochte sie. Sie war jung & hübsch (& wußte es – hin & wieder saß ich neben ihr in ihrem Käfer, und hin & wieder schaute sie in den Innenspiegel & sang „Was bin ich doch hübsch“ oder so ähnlich – darüber machten wir Brüder uns hin & wieder lustig). Manchmal, wenn ich in meinen Kinderbüchern blätterte, legte sie sich zu mir aufs Bett & las mit. Sie roch gut. So nah. Meine Brüder waren in einem Alter, wo sie sie als Mutterersatz geil gefunden hätten – ich war noch nicht so weit. (Meine Mutter erzählte mir irgendwann, mein Vater habe Schloss Gripsholm von Tucholsky besonders wegen der entsprechenden Stelle so geliebt.)
Nach dem Tod meines Vaters (ausgerechnet Prostatakrebs, mit 48), besuchte seine liebste Freundin meine Mutter. Von der Küche aus belauschte ich ihr Gespräch im Wohnzimmer. Sie sprachen wie Verbündete. Auszug:
F: „…und dabei hat er doch immer gesagt, dass er noch mit 70 so potent sein würde.“
M: „…ja.“
(Er hatte die Operation verweigert. „Die wollen mich hier kastrieren“, sagte er zu einem Kollegen, der ihn im Krankenhaus besuchte. Ich saß im Stuhl neben Papas Bett.)
Um zu der Mondlandung zurückzukommen: die Nacht war wunderbar. Ich durfte aufbleiben. Heinrich Schiemann erklärte. Zwischendurch gab es Unterhaltung. ZB Eisenbahndetektiv Matt Clark mit Jim Davis, der später den Jock Ewing in Dallas spielte. – An was man sich doch alles erinnert.

[Dass die Frau des erwähnten Bruders die Große (zerstörende) Liebe meines Lebens wurde, ist ein Roman, der wohl nie geschrieben werden wird.]