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Draußen

Ja. Natürlich. Selbstverständlich. Da muss doch einfach
Jeder vernünftige Mensch, Jeder gute Mensch, Jeder
Gutwillige zustimmen. Ja, also, wer DA sein Herzchen
nicht druntersetzt, sein Sternchen oder was auch immer,
vielleicht ein Smiley oder DaumenHoch – Dem
ist doch nicht mehr zu helfen. Der ist wohl dagegen,
Der steht vermutlich auf der falschen Seite, Der
ist schlecht, durch & durch schlecht. Politisch
völlig unakzeptabel.

Ich weiß: auch ich könnte mich beliebt machen,
auf jene Weise, die ebenso erfolgversprechend wie billig ist.
Ich verstehe die Mechanismen, verstehe,
wie simpel die Menschen geklöppelt sind,
wie leicht man die Herden mit ein bisschen Gebell dahin treiben kann,
wo man sie haben will – zum Liken, Favorisieren,
Retweeten, Rebloggen. Wuff! Wuff! Man muss
schreiben, wie SIE denken, muss ausdrücken,
was sie glauben, denken zu sollen, um als gut zu gelten.
Die Meinungen, die ich meine, SIND ja gut, ich habe sie
selber. Selbstverständlich. Nur:

Jede, einfach JEDE Art, Spielart, Unart von »Populismus«
ekelt mich zutiefst an. Sie ist mir fast schon konstitutionell widerwärtig.
Sie widersteht mir, ich widerstehe ihr.
Ich spüre es im Magen. Sofort –
das Maschenhafte, das Fabrikmäßige der Aussagen,
die Gemeinplätze, die einladen sollen
zum gemütlichen Schunkeln & Mitklatschen;
da werden die weißen Fahnen der Politischen Korrektheit geschwenkt,
während die Stars der Anständigkeit einen Schlager nach dem anderen
in die verschmalzten Ohren der Menge applizieren. Applaus, Applaus!
Ich KANN da nicht tun, was nahezu jeder Wohlgesinnte & Gutwillige
gerne & herzhaft tut – nämlich Liken, Favorisieren, Retweeten, Rebloggen.
Ich kann nicht mit-tun. Mein Kopf ist nicht herzhaft. Doch es ist, als
müsste ich nicht einmal wissen, bloß fühlen, dass
jede Masse die Tendenz zum Schlechten in sich trägt,
selbst wenn sie im Moment gut sein mag. Sie kann immer kippen,
umschwenken, sich drehen, gesteuert werden: die Masse.
Die träge, wabernde, dumpfe Masse. Aus Angst, aus Dummheit,
aus Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsgefühl, das
die Einsamkeit des Einzelnen mit der Kuscheldecke der simpelsten Parolen
verhüllen soll. Und es ist wie im alltäglichen Gespräch,
das auch immer platter wird, je mehr Menschen daran teilnehmen.

Nein.

Man lasse mich einfach stehen,
wo ich immer gestanden habe:
Draußen. Entfernt
vom Pulk.

Auf beruhigende Weise erfolglos.
Beobachtend. Und
hin & wieder den Kopf
mit ganzem Herzen schüttelnd.