Tagesarchiv: 6. August 2017

Bremsen!

 

»Bremsen!« sagte ich.
»Verdammt!« sagte sie.
Sie nahm ihren Strohhut ab, der mich immer
an Quixotes Rasierbecken erinnerte, und
schlug & wedelte damit
um ihren nackten Beine herum. Lust
Wandeln. Durch Licht & Farben. Ich hatte nichts
auf dem ergrauenden Haupt als lichter
werdendes Haar & prügelte
folglich mit flachen Händen auf mich ein.
Bestes Wetter, sofern
man Sonnenschein & Hitze gut findet. Dies
also war es: Bargfeld. Ein verwittertes
Ortsschild in wildem Gewucher. Eine
schmale Straße, die herführte; ein Weg
Weiser, so unscheinbar,
dass man ihn leicht übersah. In der Nähe
ein Moor: Postmoor. Ja,
einen Briefkasten hatte ich
auch schon gesehen. 1 Mal
pro Tag wurde geleert. Unsichtbare
Menschen (ich vermutete, dass es Menschen seien)
mähten & sägten. Stille
gibt es wohl nirgendwo, nicht
einmal hier. (Außer
unter einem Findling im Garten. Vielleicht.) Es gab
einen See, einen Steg mit einem Pärchen, das
4füßig im Wasser rührte; eine
Bushaltestelle mit Huhn (gemächlich
pickend, womöglich
kannte es den Fahrplan auswendig).
Es gab berühmte Baumgesellschaften. Natur
Gerüche. Überall
Libellen:  kleine sirrende Sportflugzeuge, nicht
wenige von ihnen hatten Sex
im Fluge ……
als würden sie sich in der
Luft betanken. Wir
schritten fürbaß & gestikulierten,
wie wenn wir alles
für bescheuert erklären wollten.
Ich fühlte mich so attraktiv –
ein wandelnder Scheißhaufen, den
die Insekten für bestechlich hielten.
Aua! Wie schön
es hier war! Schöner
als erwartet. Hier
konnte man angenehm leben
& sterben. Man hätte sogar
der Phantasie freien
Lauf lassen können. Aber
der Phantasie freien Lauf zu lassen,
ist ja keine
Kunst; nur
massentaugliches Unvermögen. »Autsch!«,
sagte sie. »Die«, sagte ich,
»kam bestimmt vom Grabe der Schmidts. Fühle dich
geehrt.« »Ha« Pause »Ha.«
Sie hatte eher untenrum zu leiden,
ich obenrum; Segen & Fluch
der Hosenlänge. Aber
Hot Pants hätten mir einfach nicht gestanden.
Glaube ich. Mir
steht – egal. Der Schriftsteller
& die jungen Frauen, 
Fantasiefrauen, dachte ich. Die Blondine
im roten Badeanzug auf seinem Schreibtisch. Franziska. Ein Ausschnitt. Aus
einem Katalog. (Nicht
dass wir das Innere des Hauses besichtigt hätten;
dafür wäre eine telefonische Anmeldung notwendig gewesen;
man hätte sozial interagieren, sich einer
FÜHRUNG anschließen müssen – als
Schmidt-Leser! Was
für eine hanebüchene Vorstellung! So
kannte ich nur Fotos
von der Wirklichkeit – auch
nichts Neues.) Die Sehnsucht,
dachte ich. Die Sehnsucht – dieses alte Fernrohr.
Sie hätte ihm gefallen (mut
maßte ich), er hätte sie beobachtet, (stellte
ich mir vor) von weitem, durchs Okular, 
sie, die, so nah, neben mir
durch die Realität geht, traum
wandelt & wedelt, um fremde Stacheln abzuwehren,
während Alice mit den Katzen spielt; die

Geliebte, die
mein Leben teilt, wie ich
das ihre, um es zu vermehren,

blond, ohne Badekappe & -anzug,
in kurzem Höschen & pinkem Top.
Kurios: ich war mehr
als doppelt so alt wie sie
gewesen, als wir uns kennen
lernten, nun
war ich exakt
doppelt so alt wie sie,
in Zukunft würde ich
immer weniger
doppelt so alt sein, als ließe
die Zeit sich überlisten. Ja –
die Zeit mochte
wirklich eine Fläche
sein. Land
schaft. See. Logik
der Zahlen
verhältnisse. Was ist
dann das Alter? Ich
war mir meines Glückes
(denn das war’S)
bewusst. Meistens. Nicht
immer. Es kam
spät. Doch nicht
zu spät. Ich machte es mir
noch bewusster. Falls
möglich. Wir waren
am Gartentor
vorübergegangen, dem selbst
entworfenen, das die Menschen fernhalten
sollte. Schwarze Kühe
lagen auf den Feldern & dösten
gar nicht traurig. Das Schwarz
stand ihnen. Fand ich. Und machte
die Fliegen unsichtbar.
Von weitem. Mochten sie sich
für unsterblich halten. Manche
waren es. So
konnte es weitergehen. Kann es
weitergehen. Wie
wir. Weiter
gehen. Nicht an
halten. Nicht enden. Nicht
bremsen. Verdammt.