Der Traum

In einer Stadt, die ich nicht kannte,
in einem Haus, das mir fremd war,
lag ich nackt in einem Bett, das mir nicht gehörte,
neben einer Frau, die mich liebte.
Ich weiß nicht, wer sie war – ihr Gesicht
changierte.
Nackt las sie in einem Manuskript.
Unsere Beine waren ineinander verschränkt.
»Das ist gut«, sagte sie. »Warum schickst Du
es nicht an einen Verlag?«
»Nein«, sagte ich.
»Hast Du nie davon geträumt?«
»Als Kind vielleicht. Und vielleicht als
Jugendlicher noch – aber schon nicht mehr
so richtig.«
»Schade«, sagte sie & reichte mir einen
Umschlag.
Ich saß an einem Tisch, zitternd trotz
dicker Winterkleidung, und schob das Manuskript
in den Umschlag. Ich verschloss ihn mit meiner
Spucke & schrieb eine Adresse darauf, die ich
auswendig zu kennen schien. Ich war allein.
Allein in einer kopfsteingepflasterten Gasse.
Abenddämmerung.
Vor einem geschlossenen Geschäft hing der
Briefkasten. Als ich den Umschlag einwarf, sah ich
hinter einem der Fenster das Gesicht einer
alten Frau; es kam mir bekannt vor. Hinter ihr
war Dunkelheit. In die sie verschwand.
Das Haus, in dem die Gedanken kamen, war ein
anderes als das Haus, das mir fremd war. Und
das Bett war leer.
Ich habe den Begleitbrief vergessen! Verdammt! -
Obwohl …. Nein, vielleicht ist das gut …. So
wissen sie nicht, ob es ein unaufgefordert eingesandtes
Manuskript ist …. Vielleicht lesen sie es dann
wirklich ….

Längst hatte ich vergessen, um welchen Text es sich
handelte. (Hatte ich es je gewusst?)
Mir fiel auf, dass dieses Haus keine Fenster hatte.
Zumindest nicht in dem Moment, als es mir auffiel.
Und dann
: DER ABSENDER!
Habe ich den Absender auf den Umschlag…..?
Oben links. Links oben. Habe ich?- – – Ja …. Nein ….
Nein … Ja …

Mal sah ich meinen Namen & meine Adresse, mal sah ich
sie nicht – & dann wieder wußte ich nicht, wie meine Adresse
lautete ….
Je länger der Zweifel nagte, desto mehr Buchstaben
bekam die Anwort.
Was wollte ich eigentlich?
In diesem Traum …..
Der nicht aus meiner Kindheit stammte
& nicht aus meiner Jugend.
Dass ich den Absender geschrieben hatte?
Oder dass ich vergessen hatte, ihn zu schreiben?
Oder dass es ein fremder Absender war?
– – Über all diesen Fragen & Zweifeln
wachte ich auf ….
Nackt in dem Bett, das mir gehörte,
neben der Leere, die mich liebte, mit ihrem
unveränderlichen Gesicht;
unsere Beine waren ineinander verschränkt,
in dem Haus, das mir vertraut war,
in der Stadt, die ich
kannte.

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