Der Aal in der Zeitung

Ich kaufte mir einen Aal. Der Aal war tot. Das passte gut, denn ich wollte ihn essen. Eine spontane Entscheidung. Der Tag war dunkel. Der Tequila der Nacht saß mir noch in den Knochen, und da war diese rollende Fischbude an diesem Ort, wo sie noch nie gewesen war. Ich ging vorüber, und der Geruch erinnerte mich an andere Zeiten. Also kehrte ich um.
Der Fischhändler hatte etwas Seltsames an sich. Von einem Fischhändler erwartet man, dass er leutselig sei, laut, verbindlich & lustig; dieser war wortkarg, leise & grimmig. Ein dunkler Blick unter dicken schwarzen Augenbrauen. Eine tiefe Stimme, die aus einem verfilzten Vollbart kam. Auch der Aal hatte einen Blick; er war klar. Eine Stimme hatte er nicht. Der Händler teilte den Fisch in 2 Hälften & wickelte sie in Zeitungspapier. Ich wollte nicht wissen, wie es im Innern der Bude aussah, war froh, dass mir der Fußboden verborgen blieb.
Ich sah einen Spiegel, der mir sinnlos erschien. Ich zahlte; der Fisch siffte durch die Zeitung. Aber nur ein wenig. Er hinterließ keine Spur, der man hätte folgen können (falls jemand mir – oder dem Fisch – hätte folgen wollen).
Zuhause angekommen, legte ich ihn in der Küche auf ein Holzbrett. Machte Licht, weil der Tag so dunkel war. Nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank; 3 Grad Celsius. Trank aus der Flasche. Ich war so frei. Ich hatte frei. Freute mich auf den fettigen Fisch. Erinnerte mich an den Tequila & streute mir etwas Salz auf die Zunge; kippte das Bier hinterher.
Musik: Ich startete eine Wiedergabeliste, die ich ‚Kater’ genannt hatte. Versoffene Stimmen & Cool Jazz.

Der Vater sitzt am Eßtisch. Vor einer Bücherwand. Auf dem Teller die Zeitung. Auf der Zeitung der Aal. Der Vater schneidet den Aal in Stücke. Ich schaue zu. Rieche. Mag den Geruch.
„Na, möchtest du ein Stück?“ sagt der Vater. Er kennt meine Antwort.
„Nee“, sage ich.
Angst vor Gräten. In der engen Kinderkehle.
Der Vater lächelt. Ißt genüsslich. Fett tropft. Dazu grobes Brot. Er fischt Gräten aus seinem Mund. Ich finde das eklig. Aber ich mag es, wie er genießen kann.
Die Mutter bringt ein Bier. Blickt auf die Zeitung. Die Mutter mag keinen Aal.
„Na, wie wär’s?“ sagt der Vater.
Die Mutter grinst. „Hau bloß ab mit deinem Aal.“
Ekel vor dem Aal in der Kehle.
Die Mutter geht & schaut fern.
Ich werfe einen Blick ins Aquarium, wo der Wels schwimmt.

Die Musik war laut. Ich nahm mir noch ein Bier. Atmete den Fischgeruch. Blickte auf die Zeitung. Erkannte sie. Erkannte den Artikel. Wusste, was auf der Innenseite stand. Dem Fisch ganz nah. Die Zeitung war knapp eine Woche alt.

Tanja sitzt neben mir am Frühstückstisch. Sie trägt eins meiner Hemden & Sonne; sonst nichts. Der schwarze Kater liegt zu ihren nackten Füßen; er heißt Poe. Sie ist frisch geduscht. Ich nicht. Sie beißt in ihr Marmeladenbrötchen, ich mag das Geräusch.
Die Mutter (gerade zu Besuch) ist in der Küche, um sich noch einen Kaffee zu holen.
Tanja kaut. Ich halte ihr die Finger meiner rechten Hand unter die Nase…… Sie zuckt zurück.
Grinst mich an. Flüstert durch das Marmeladenbrötchen, dicht an meinem Ohr:
„Du Sau.“
Ich grinse zurück; flüstere zurück: „Wieso? Riecht doch gut, mmmh….Man muss Spaß auch im nachhinein noch riechen können.“
„Fisch zu Marmeladenbrötchen?“
Ich küsse ihr einen Krümel weg. Sie kichert.
Die Mutter kommt mit der Tasse zurück.
„Na, macht ihr wieder Unsinn?“
„Dein Sohn“, sagt Tanja, „wie üblich.“
Ich trinke den ersten Schluck Tee (der Geschmack ihres Saftes schwindet). Die Mutter ißt Toast, ich mag ihre Eßgeräusche nicht.
Ich stelle die Tasse ab.
„Ich mache niemals Unsinn“, sage ich. Schaue hinab auf den Kater, der mich ansieht. „Stimmt’s?“ frage ich ihn.
Er blinzelt.
„Ha ha“, sagt die Mutter – ironisch, mit vollem Mund. Ich hasse es, wenn sie mit vollem Mund spricht.
Ich beuge mich zu
Poe hinunter. Er schnuppert an meinen Fingern, seine Nase folgt ihnen – bis ich ihn zwischen den Ohren kraule. Er schnurrt.
Bevor ich mich wieder aufrichte, streichle ich Tanjas Kniekehle. Sie zuckt leicht zusammen.
Die Mutter registriert es. Schweigend. Kauend. – Seit 15 Jahren lebt sie allein. Keine Männer. Nicht
1mal ist sie am Grab meines Vaters gewesen. Weil sie es nicht ertragen könnte, wie sie sagt.
„Warum ißt du nichts?“ fragt sie.
„Keine Lust“, sage ich. – Dabei habe ich einen gewaltigen Hunger; nach all den Rammel- & Spielereien des frühen Morgens. (Tanja hat versucht, leise zu sein …. in Grenzen …. (& sie lässt sich nicht küssen, wenn sie den Geschmack von Sperma im Mund hat…))
Der Kater leckt an Tanjas Zehen.
Sie kichert.

(Eines Tages war der Kater nicht mehr nach Hause gekommen. Man fand keine Spur von ihm. Später gab es in der Zeitung einen Artikel: Viele Katzen waren verschwunden; man vermutete, dass sie für ein Versuchslabor eingefangen worden waren. Das war viele Jahre her.)
Ich stellte das Bier ab & wickelte den Aal aus. Der Aal war stumm. Und zweigeteilt. Die Musik: laut & melancholisch. Im Fischauge: der klare Blick des frischen Todes. War da Druckerschwärze auf der Haut des Fisches? Ich stellte es mir zumindest so vor. Schwarze Spiegelschrift. Ich würde ihn nicht waschen. Würde ihn essen, wie er war. Würde ihn genießen. Die verkehrten Buchstaben fressen. Würde mir die Gräten aus dem Maul fischen & sie auf den Teller legen. Keine Angst um meine Kehle. Und galten Augen nicht als Delikatesse? Irgendwo …..
Die Zeitung war aufgeweicht vom Fett. Die Todesanzeige kaum mehr leserlich. Der Tag dunkel.
Alle waren weg. Auf die eine oder andere Weise. – Ich: war noch da. War hier.
Ich besuchte keine Gräber mehr.
Lud keinen Besuch mehr ein.
Und vermisste den Kater.

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